Schweiz ohne Schweiz

„Schweiz ohne Schweiz“ lautet der für manchen wohl leicht provokante, wir würden sagen: lustige Titel einer Kunstausstellung, die derzeit und noch bis zum 26. September 2010 im Schaffhauser Museum zu Allerheiligen läuft, und sich, wie der Beititel „Alpenlose Landschaften“ nahelegt, jener wenig bekannten Schweiz diesseits bzw jenseits der Alpen widmet, wie sie sich ua in unmittelbarer Rheinnähe zwischen Basel und Bodensee findet. Kuratiert hat die Ausstellung Markus Stegmann, bis vor Kurzem eine virtuelle Bekanntschaft aus gemeinsamen Zeiten im Forum der 13, der für den Ausstellungskatalog, welcher neben Abbildungen ausgewählter Exponate einige literarische, insbesondere lyrische Texte versammelt, auch bei Rheinsein fündig wurde: Rheinfallgedichte von Mörike und lafleur, eine freundliche Gegenüberstellung schwäbisch-euforischen Scheinbiedermeiers und badisch-bodenständigen Hochleistungstrashs, von genau den wuchtigen Wasserstürzen, deren Sinn und Kraft zur jeweils herrschenden Zeit die Gedichte in Worte zu fassen suchen, umbildert. Ansichten vom Rheinfall markieren denn auch den ersten und thematisch kompaktesten Schwerpunkt der Ausstellung, von klassischer Landschaftsmalerei bis hin zu Michael Lios spektakulärem, an ein Youtube-Still erinnernden Foto eines Känzeligumpers, der sich kopfüber in die schäumenden Wasser stürzt. Desweiteren zu sehen: entidyllisierte Idyllen, Agglomerationscharme, alleinerziehende Natur, himbeerfarbene Wälder, ein verwirrendes Servelatpicknick und ein ziemlich überraschender Otto Dix.

Miss Tschingels Bekannter

W. A. B. Coolidge, eine Neffe der Alpinismus-Pionierin Margret Claudia Brevoort und in jungen Jahren guter Bekannter ihres Beagles Miss Tschingel, welcher beide auf zahlreichen Bergtouren begleitete und dafür die Ehrenmitgliedschaft im britischen Alpine Club zuerkannt bekam, was seinem Frauchen (o tempora, o mores) zeitlebens verwehrt blieb, dieser Coolidge verfaßte, herangereift und aus der Erfahrung seiner tantenbehüteten Gratwanderungen gespeist „The Alps in Nature and History“, darin beschrieben u.a. das sprachlich wie religiös hoch Verwirrende an den Lagen der Dörfer in den Rheinursprungstälern, und, so trocken als irgend möglich, auch die Via Mala, nämlich garnicht sie selbst, sondern die Geschichte ihrer Umgehung: „The San Bernardino (6769 ft.) route, like that of the Splügen, follows the course of the main or Hinter Rhine nearly to its sources, and then turns S. to cross the Alps. Throughout the entire Middle Ages it bore the name of „mons avium,“ „Vogelberg,“ or „Monte Uccello“ (i.e. „the pass of the birds,“ in three languages), and to this day there rises some way to its W. a peak called the Vogelberg, while on the E. the pass is overhung by another point, named the Pizzo Uccello. But some time in the second half of the fifteenth century, this name gave way to the present one, given in honour of San Bernardino of Siena, who had wandered through the N. parts of Lombardy as a missionary preacher and was canonised in 1450 – six years after his death. A chapel on the S. slope of the pass was dedicated to him. It is possible that the left wing of the Frankish army crossed this pass in 590 on its way to attack the Lombards. More certain is that in the winter 941 Willa (wife of Berengar, Marquess of Ivrea), though far advanced in pregnancy, fled across it, to escape from Hugh, king of Italy. Much later, in the winter of 1799, Lecourbe, with a French army, traversed the pass. But no doubt, it, like the Splügen, was kept for long in the background through the difficulties of getting through or round the Via Mala gorge, above Thusis. Probably it served only the traffic between the german-speaking colony at the sources of the Rhine with the Italian bailiwicks held by the Swiss, especially after, in 1496, the Val Mesocco (on its S. slope), came into the hands of the Raetians, who thus had direct access to the St. Gotthard route. In 1818-23 the present fine carriage road was built over the pass, and, like that of the St. Gotthard, lies for its whole length within Swiss territory. Most of the expenses were borne by the king of Sardinia, who wished to secure for himself a road across the Alps, which should not be in the hands of the Habsburgers.“

Mein unsichtbares Auge empfiehlt: Rheinfänomen

Wie die Römer vor zeiten so hart vnd lang wider das Teütsch land gestritten haben. (2)

Die ander oder vnder Germania / ist gewesen von Cöln abhin biß an das möre / vnd hat sich gegen vndergang gestreckt biß zu der Mas / vnd waren jre fürnempste stett / Agrippina Vbiorum / das ist Cöln / vn Tungri / do nachmals ein bisthum auffgericht ward / aber jetzunt zu Lüttich ist. Des gleichen hetten die Römer auff der Tonaw auch jre prouintzen / nemlich Rhetia / Norico vnd Pannonia. Sie vnderschieden Rhetiam in zwo prouintzen / die erst Rhetia begreifft in jr den Bodensee / vnd waren diß die fürnempsten stett darin / Bregentz / Arben / vnd was den Rhein hinauff biß ghen Chur zu gelegen ist / vnd item das Lintzgöw vn Allgöw biß an den Lech. Das ander Rhetia ist gangen von dem Lech biß an den Yn / vnd hat in jm begriffen Augustam Vindelicam / das ist Augspurg / do sich gehalten hat der schatzbehalter der selbige prouintz. Darnach seind zwo andern prouintzen komen / die haben geheissen prouintie Noricorii / die haben sich gestreckt über Oestereich biß in Ungerland / das laß ich hie anston / vnd kom widerumb auff vnsern Rheinstrom. Do Julius der erst keyser lag in Sequania bey Bisantz / kam gegen jm gezogen Ariouistus der hohen Teütschen künig / mit eine grossen hore das er über Rhein gefürt hat / aber er ward von dem keyser in die flucht geschlagen / vnd kamen wenig mit jrem leben daruon / die über den Rhein schwumen / oder sunst mit kleinen schifflin daruber kamen / vnd dem fyend entrunen. Dise schlacht sol geschehen sein ein meil wegs fern von Basel an dem ort das jetz heißt Apollinaris. Darnach legt sich diser Julius mit seine kriegßuolck auff de Rhein vnd schwam offt mit jnen darüber / vnd strit wider die Teütschen. Jm Niderland bey den Vbijs vnd Menapijs / das ist bey Cöln / vnd im Gellerlad / macht er zwo brucken von holtz über den Rhein / domit er mit gewalt möcht an die Schwaben setzen / die dozumal herschere biß an die Elb / vnd den überrheinische vil trangs anthete. Aber wan er sie ergriff / ertrunen sie jm vnd verlieffen sich vnd verborge sich in dem Hartzwald oder in den lachen / vnnd hülen / das er jnen nichts oder gar wenig mocht abgewinnen. Aber was über dem Rhein gegen Franckreich / vnd über der Tonaw gegen dem Alpgebirg ligt / bracht er vnd sein nachkommen Augustus alles vnder der Römer gewalt. Zum aller ersten überkamen sie das ober theil an dem Bodensee / darnach das Sunggöw vmb Bisantz / darnach den Straßburger strich vnnd das ober Germaniam / mit der reuier vmb Metz vnd Trier / darnach das ander Germania / vnd dar zwischen brachten sie auch vnder jren gewalt beide Rhetiam vnd Noricum vn Pannoniam / das ist das Allgöw / Lechgöw / Baierland / Oestereich / Steiermarck biß in Ungern / aber von dem rechten Teütschen land / zwischen dem Rhein vnd der Tonaw begriffen / hetten sie nichts. Sie strebte aber lange zeit mit allem vermögen darnach / vnd hetten es gerings vmb an disen wässern vmblägert mit kriegern vnd hauptleüten / vnder wölche der keyser Julius der erst was der sie anfieng zu kriegen. (Aus Sebastian Münsters Cosmographia)

Von den fliessenden wässern Teütsches lands.

ES ist kein land in dem gantzen Europa / darin man so vil vnd so gros wässer findt als in Germania oder Teütschland. Under denen ist das erst vn das gröst die Tonaw / die im Schwabeland oder im Schwartzwald im dorff Doneschingen entspringt / vnnd laufft gegen Orient in das Pontisch möre / vnd schöpfft in sich sechtzig andere große vn schiffreiche wässer / ehe sie in das mör lanfft. Die alten nennen den berg darauß sie entspringt Abnobam / wie wol mer dan auff ein halbe meyl kein berg bey jrem vrsprug ist / sunder sie quelt mit einem grossen fluß auß einem bühel / der über zwo oder drey closster hoch nit ist / wie jch das eigentliche vnd wol besehen hab / vnd ein besunder tafel darüber gemacht. Es ist bey den alten gelerten männern ein gros begird gewesen den vrsprung dises wassers zu sehen / darumb auch ettlich von Rom härauß zogen / domit sie gesehen möchten seinen vrsprüngliche brunnen. Wir lesen auch von Tiberio / do er ein mal komme was zu dem Bodensee / nam er für sich ein tagreiß zu besichtigen den anfang der Tonaw.
Das ander groß wasser ist der Rhein / vnnd der entspringt hinder Chur im höchsten Schweytzer gebirg / Strabo nent den selbigen berg Adulam / vnd hat der Rhein daselbst zwen vrsprüng / vnd werden auch beide der Rhein genant / lauffen zusammen ein Teütsch meil ob Chur. Einer heißt der vorder vn der ander der hinder Rhein. Von vrsprung des vordern Rheins ist es ongeferlich drei stund fußgangs biß an vrsprung des Rhodans rechter distantz vnd nit weiter / wo es vor den obersten bergspitzen der richte nach zu wandlen möglich were. Do entzwischen in gerader lini ligt der berg Gotthart / vor zeite Sume Alpes / das ist das höchst Alp gebirg genant / darin entspringt Ticinus / laufft gegen mittag in Italiam. An der gegen seite die Rüß / laufft durch Vry in Lucerner see / vnd darauß gegen mitternacht in Rhein. Aber der obgenant Rhodan laufft anfangs gegen vndergag / vnd der vorder Rhein von seinem vrsprug biß ghen Chur gegen auffgang. Vnd also geben dies flüß alle vier bey jrem vrsprung auß fliessende / ein creütz / deß halb nit onbillich die höhe des gebirgs doselbst / Summe alpes genant werden. Der Rhein laufft anfangs biß ghen Chur / demnach wendt er sich gegen mitnacht / vn macht zwen grosse seen / der erst heißt der Brigantzer oder Costentzer oder Bodensee. Etlich meinen das er vorzeite Lemannus hab geheissen / aber mögen das nit gnügsam probieren. Diser see geüßt wider auß jm bey der statt Costentz den Rhein / vn nit fern von der statt theilt sich der Rhein in ein andern see / den die alten haben genent lacum Venetum / aber ietzundt nent man jn den Undersee oder den Cellersee / vnd do krümpt sich der Rhein gegen vndergang / vnd behalt auch den lauff biß ghen Basel / do kert er sich gegen mitnacht / etc. Das dritt wasser ist der Necker vn des vrsprung ist nit über drey oder vier stund fußgangs von dem anfang der Tonaw. Er wirt auch zimlich gros / ehe er in den Rhein kompt / durch andere vil wässer / die allenthalben von dem Schwartzwald daryn rinen / vnder wölchen die fürnempste seind die Entzg / die von Pfortzen härab kompt / der Cochar vnd die Jagt / die von Elbangen durch Schwaben vnd durch den Otenwald fliessen / vnd bey Wimpffen in Necker fallen. Das vierd schiffreich wasser ist der Mayn / der hinder Bamberg in Voitland entspringt / vnd darnach mit grossen krümmen durch das Francken land dem Rhein zu laufft. Das fünfft ist Amasus die Emß / die druch Frießland laufft / die Weser / die aus Hessen läd durch Brunschweigerland dem mör zu laufft. Das siebend ist Albis die Elb / von die kompt auß Behmer land und laufft durch Meyßen und Sachsen dem mör zu. Das acht Suenus / die Spre. Das neündt Viadus / die Oder. Das zehend Vistula die Wixel. Vnd über dem Rhein Obrinca / das ist die Mosel. On dise schiffreiche wässer / seind sunst onzelich andere wässer im Teütsch land / die jre beywonern nit zu kleinem nutz dienen / als die Nahe bey Creütznach / die Brüsch vnd Jll zu Sraßburg / die Murg in der Marggraueschafft / die Kintzig zu Offenburg / die Ar / die Limmat / vnd Rüsch im Schweytzerland / der Lech bey Augspurg / der vor zeiten die Baiern hat gescheiden von den Alemannern / die Vindelici hiessen. Die Jser bey München vnd Landshut / der Jn von Jnspruck gegen Passaw / item Anisus der Ens / der vor zeiten die Hunen hat gescheide von den Baiern. Gang jch über die Thonaw in das Mortgöw zu dem Fichtelberg / so find ich ein gantzen hauffen wasser die daraus fliessen vn do sein vrsprung nemen / als nemlich die Nab / die Sal / der Eger / vnd die Pegnitz.

(Soweit Sebastian Münster in seiner Cosmographia, hier zitiert nach der Ausgabe von 1550. Die Cosmographia liegt nun digitalisiert vor, in zwei deutschen (davon der hier zitierten, recht lesefreundlichen, der Uni Köln) und einer lateinischen Version.)

Rhein, Düssel, Wahn und Tod: die Persilfrau?

Äußerst rheinbasiert geht es zu in Bernhard Mollers „Historicvm Pro Illvstrissimi Principis“ (Ac Domini, D. Ioannis Guilhelmi Iuliae, Cliuiae Montiumq. Ducis, Marchiae et Rauensburgi Comitis, Domini in Rauenstein, etc. nec non Illvstrissimae Principis Ac Dominae, D. Iacobae Marchionissae Badensis, Comitissae Spanheimen: etc. Ad XVI. mensis Iunii Anno 1585. celebratis nuptiis), seinerzeit verlegt zu Dußeldorpiij – das von der Bayerischen Staatsbiliothek lobenswerterweise digitalisiert und für wissenschaftliche Zwecke zum pdf-Download bereitgestellt wurde. Eine Übertragung ins Deutsche konnte ich bisher nicht finden, der Text deutet, soweit überflogen, auf ein bisher weitgehend übersehenes Zeugnis der Rheinliteratur mit folgendem Beginn:

Rhene Gothardino descendens vertice prodi:
En iterum nostro placidus succure labori.
Tu quoq. Cambyses, Tragico iam carmine plenus,
Nec tamen ad finem laetus ponare seorsim:
Post paucos repetende dies. Non praelia dicam,
Quae contra Dominos populosa rebellio mouit,
Vel Dominos inter disceßio legibus vrsit.
Secretae ferro redeant ad foedera gentes.
Pax animos religet: pax arma releget ad Indos,
Ad Turcas, dederant nondum qui nomina Christo.
(…)

Ein literarischer Kavalierstart in prämotorisierten Zeiten, möchte ich meinen. Nun ja. Räume und Zeiten durchwirken sich, und nehmen sich somit auch vorweg. Götter haben mit ihren Zehennägeln Flußrinnen in die, auf ihren langen Reisen durchs Universum als Jausenstation vorgefundene, Erde geritzt, dann nachlässig ihre Spuren verwischt, ohnehin diesen genuinen Geruch von Göttlichkeit hinterlassen, der sich eben nicht so schnell verzieht. Genauso, wie sie sich vorwegnehmen, schleichen Betrachtensweisen, Methoden und Maßnahmen aber auch sich selbst hinterher, jeder Gewinn an Geschwindigkeit etwa fordert einen Ausgleichsverlust an Wahrnehmungskapazität. Moller langt mit seinem frühgewonnenem, jugendlich frisch durch Geografie und Weltgeschichte katapultierenden Alpenschwung bereits auf Seite 3 bei des Rheines Vermählung mit der Düssel an und somit in der Gegend seines bewidmeten Fürstenpaares (Jahre bevor Jakobe im Düsseldorfer Schloßturm mysteriös ums Leben kam und Jahrhunderte später womöglich als Vorbild für die weiße Persilfrau diente):

(…) subito Rheni subit arua volatu
Pone Diana subit paucis comitata puellis:
Venatu ripas Rheni vestigat vtrasq.
Foecundas Lucina faceis, ceu pronuba gestat
Quid? solito citius se dedunt flumina Rheno?
Miror, qua gelidus se Rheno Dussela nubit,
Dat nitidum castro nomen quoq. Principis vrbi,
Siue latus Rheni dextrum, seu specto sinistrum:
Mista venit Sigenis Agro: venit Eruetis orbe
Nata peregrino: iunctis venit edita syluis
Duna: venit reliquis neq. Dussela tardior vndis.
Omnia concurrunt glomerato flumina nexu;
Nexu circumeunt venerabilis oscula Rheni.
(…)

Der Rhein bei Strabon

Bei Strabon finden sich mehrere Stellen über den Rhein, der „parallel zu den Pyrenäen“ verläuft, eine weiträumige Denkweise aus der Zeit um die  christlichen Nullerjahre. Unter der Überschrift „Lugdunum et les peuples du Rhin“, finden sich, für Rheinsein von Roland Bergère aufgespürt, u.a. folgende Zeilen:

“… pour le Rhin, il forme également dans son cours, et de vastes marais, et un grand lac qui marque la limite extrême des possessions des Rhoetiens et des Vindoliciens, peuples établis en partie dans les Alpes, en partie au-dessus des Alpes. Asinius affirme que la longueur du cours du Rhin est de 6000 stades; cependant il n’en est rien. Mettons en effet que ce fleuve puisse avoir en ligne droite un peu plus de la moitié de cette longueur; assurément ce sera assez d’ajouter mille stades pour les sinuosités qu’il décrit. On sait quelle est sa rapidité, bien qu’il coule dès sa sortie des montagnes dans des plaines presque sans pente, et combien il est difficile à cause de cette rapidité même d’y établir des ponts; or, je le demande, se pourrait-il qu’il conservât cette rapidité et cette force de courant, si, avec le peu de pente qu’il a, nous lui faisions décrire encore une infinité de longs détours? Asinius veut aussi que le Rhin n’ait que deux bouches, et il taxe d’ignorance ceux qui lui en prêtent davantage. Comme le Rhin, le Sequanas embrasse une certaine étendue de pays dans ses sinuosités, mais il s’en faut bien aussi que ces sinuosités aient le développement qu’on a dit. Les deux fleuves coulent du sud au nord et débouchent l’un et l’autre en face de la Bretagne, le Rhin assez près pour que de son embouchure on aperçoive distinctement le cap Cantium, extrémité orientale de l’île, le Sequanas un peu moins près : aussi est-ce dans le voisinage de l’embouchure du Rhin que le divin César établit le rendez-vous de sa flotte, quand il fut pour passer en Bretagne.“

Eine frühe Rheinlängendebatte also, bei der Strabons Kontrahent Asinius der Wahrheit näher gekommen sein dürfte. Dazu die üblichen historisch-geografischen Verschiebungen, welche bekannt wie unbekannt erscheinende Landschaften, Flüsse und Völker vollziehen, sobald ihnen nur genügend Zeit dafür gegeben.

Rheinsein an der Donau (2)

Von der Donau in Wien nur den Donaukanal gesehen. Beim versehentlichen Streifen durch die Außenbezirke blitzten ständig diese Momente auf, daß es schien, als würde der junge Hitler (aus dem Männerwohnheim) an den Hausmauern entlangschnuren, die Wahrnehmung zerfloß, es bildete sich so eine Stimmung vieler vergangener, durcheinandergeschobener, aber harmonierender Epochen, k.u.k., nachkolorierte Schwarzweißfotos, die simplen Inschriften an gekonnt verranzten Gebäuden: „Fleisch“, oder woanders, spezifischer: „Geflügel“ (dahinter: hinter verstaubten Scheiben: garnix oder wenn doch: sehr krudes Inventar). Momente kafkahaften Verfolgungswahns: unter den Passanten fände sich schon ein Wahnsinniger, der einem, weil man sie halbvoll entsorgt habe, die Flasche eines fürchterlichen Modegetränks tage- und wochenlang mit unerbittlicher, wienerisch schwadronierender Penetranz nachtrüge. Auch Adolf Kottans Kollegium ist, zivil getarnt, auf den Straßen unterwegs, die Farben jetzt: späte 70er. Die Aufnahmen für Literatur als Radiokunst dauerten drei Tage. Knapp bemessen, dennoch gelang es, klanglich da und dort ein Stück weit in die Tiefe zu gehen. Das ORF-Funkhaus in der Argentinierstraße besitzt Charme, vor der Tür gehen Preßlufthämmer, das gelbbraune Licht auf den Fluren, die ganzen Apparate der Radiofrühzeit in Vitrinen ausgestellt: abenteuerliche Empfänger, Bakelit-Mikrofone, die Kantine mit ihren krummen Getränkepreisen hat etwas von einer Kneipe. Viel zu viel Text hatte ich letztlich mitgebracht (und eingesprochen), zuviele Ideen auch, die alle auszuprobieren die Zeit nicht reichte. Der Schnitt mußte gegen Ende mitten in die Schachtelsätze, um Zeitvorgabe und inhaltliche Anschlüsse zu wahren. Auf diese Art ist einiges verlorengegangen, das ich noch gern im Stück gehabt hätte. Doch der Rest läßt sich weiterhin hören. Martin Leitner, der virtuose Tonmeister, kam immer wieder mit großartigen Einfällen, und so können wir stolz sein auf den vielleicht ersten maschinellen Jodler der Radiogeschichte. Mit Pseudoromanisch und Pseudobadisch werden Sprachen anklingen, die es auch noch selten öffentlich zu bestaunen gab. Und natürlich rauschen die Alpen, überklungen vom Schrei des Murdlers. Die Sendung läßt sich auch per Livestream im Internet verfolgen, den passenden Link gebe ich noch zeitnah bekannt.

Tiere, Heidiland

kuehe_heidiland

Schnappschuß vom Speedboat aus: nur wenige Tiere (deren Fluchtinstinkt dann auch sofort griff) ließen sich an diesem Morgen auf den Rheinuferfettwiesen digigrafieren, durchaus nicht unüblich, wie unser Alpenrheinbootssafariführer ehrlich anmerkte, was freilich in den Touristenbroschüren vertuscht wird, in denen es von Ablichtungen diverser friedlich grasender Alpentierherden nur so wimmelt.

Walensee

Der Walensee ist ein erquickliches Naturschauspiel und Erholungsgebiet (mit Bade- und Panoramablickmöglichkeiten): das Schweizer Militär hat den Schweizern aus Dankbarkeit für die gute Zusammenarbeit mehrere ausgewählt sanfte Strandabschnitte zur Freizeitgestaltung zur Verfügung gestellt. Es gibt einige imposante Wasserfälle (schmale, sehr hohe: auch diese Wasser sollen, dem Wortstamm nach, zumeist Rheine heißen), die Zugstrecke zwischen Ziegelbrücke und Walenstadt lohnt den Ticketpreis: der ständige Blick auf den im Norden an die steilen Felswände der Appenzeller Alpen ufernden See, das plötzliche Dörflein Quinten, in einer, wies vom Zug her aussieht, hangartigen Bucht gelegen, die nur übers Wasser erreichbar scheint. (Zur Beachtung: die Schweizer Züge fahren pünktlich los und kommen pünktlich an, ohne zwischenzeitliche Verspätungen, sogar bei Schnee – in Deutschland seit der Mehdorn-Ära nahezu undenkbar.) Walenstadt macht dann natürlich mit einem Wal Werbung und den Anschein eines Kurorts, an dem man sich trotz des verjüngenden Effekts eines kühlen Gebirgswasserbades aufgrund des Stadtbilds gleich dermaßen alt fühlt, daß die stattfindende Verjüngung einen bestenfalls auf sein wahres Alter zurückwirft. Insofern wäre nicht viel gewonnen, aber es gibt noch den Blick Richtung Sargans und dort tut sich ein hohlwegartiges, vorbildliches Tal auf, von dem sich leicht vorstellen läßt, wie der Rhein, einmal in diese Richtung losgelassen, es durchschwemmte, in biblischen oder sogar prähistorischen Dimensionen, volle Spülung auf einen zu, von den Appenzeller an die Glarner Alpenwände klatschend und zurück, die ganzen Heidiland-Schilder entwurzelnd, ein Alpentsunami (japanische Touristen, angeführt von Bokushi Suzuki, dem tiefschneeerfahrenen, ersten aller japanischen Alpentouristen, sitzen auf sicheren Föhrenholzpodesten um wenige Franken Benutzungsgebühr und zeichnen die Wellen, ersinnen und kalligrafieren zum Schauspiel passende Haikus), sogar die Tagesschau berichtet, der Rhein findet sein neues Bett und von Speedbooten aus lassen sich jetzt Touren in die natürlich umgestaltete Region unternehmen, bei denen man mit etwas Glück regionaltypische hornlose Kühe auf regionaltypischen Fettwiesen fotografieren kann.