Der Jodler zu Flingern

Es geht die Sage von einem Jodler in Flingern, einem Stadtteil von Düsseldorf, um. Es fehlen ihm die Berge hier und deshalb muss er jodeln.
Es heißt, dass er wohl Hermann heiße, doch so genau weiß das wohl keiner. Manchen hier ist sein Treiben gar zu bunt und es gibt einige, die finden das eher peinlich.
So wird er der Jodler von Flingern genannt. Ein jeder, der ihn gehört und gesehen hat, der weiß wohl, wer gemeint ist.
Sein Jodeln habe ich lange nicht mehr vernommen, wahrscheinlich hat er in den Alpen seine neue Heimat gefunden.
Denn dort ist das Jodeln keine Seltenheit und dort nennt man ihn nur Hermann und er ist unter Freunden.
So jodelt er nun mit anderen Jodlern in den Tag hinein und das ist dort ein feiner und angesehner Beruf, so macht es die Runde.

(Ein Gastbeitrag von Costa “Quanta” Costa, der unter Grund Stücke in Anlehnung an Marcel Prousts A la recherche du temps perdu einerseits und an HipHop-Rhythmen andererseits im Netz einen von zahlreichen Skurrilitäten illustrierten Fortsetzungsroman über das Leben von Hartz IV-Empfängern betreibt.
Die harmlose, aber bezeichnende Sage vom kulturell entwurzelten Jodler zu Flingern wiederum, gehen Gerüchte, beruht auf realen Ereignissen, die noch nicht genauer erforscht sind. Aus Düsseldorf hörten wir Stimmen, die behaupten, es habe in Flingern einst nicht nur einen Jodler gegeben, der seiner Leidenschaft auf der Straße nachging, sondern vielmehr, mit der Zeit, eine ganze Jodelgang, die sich um die sagenhafte Gestalt des Hermann gruppierte. Demnach handelte es sich bei den Jodlern um Erwerbslose, welche ihrer Freizeit einen Sinn geben und wohl auch auf für Flinger Verhältnisse ungewöhnliche Weise auf sich aufmerksam machen wollten. rheinsein bittet insbesondere die Flinger Leserschaft um weitere Hintergründe, zumal erst kürzlich wieder Gejodel in der Fortunastraße vernommen worden sein soll.)

Wie freudig blutet` hier der Edelknecht

Der Rhein.

O Sohn der Alpen, in krystallnen Wiegen
Genährt von Gletscherbrüsten, heil`ger Rhein,
Wenn du dem blauen Schweizersee entstiegen
Dich jauchzend warfst vom schroffen Felsgestein,
Und glorreich nun, ein Held nach frühen Siegen,
Das Thal durchwallst im laub`gen Kranz von Wein,
Zur Lust den Völkern und der Flur zum Segen:
Wie schlägt dir hoch das deutsche Herz entgegen!

Und traun, mit Fug. Denn deutschen Lebens Bild
Und Zeuge bist du, seit von süßen Zähren
Auf deinen Höh`n der Rebstock feurig schwillt:
All um dich her erwuchsen unsre Ehren;
Du sahst zuerst erhöht des Reiches Schild,
Des Reichs, nach dem wir fromm noch heut begehren,
Wir Waisen, nun im eignen Vaterlande
Ruhmlos zertheilt wie du zuletzt im Sande.

Den Kaisern warst du werth; die Starken zog
Der Starke, daß, was gleich, zusammenwohne;
Hier stand der Stuhl des großen Karl, hier bog
Konrad das Haupt vor Konrad, eine Krone
Mit Lächeln missend; hier im Festgewog
Schied der im rothen Bart vom ehrnen Sohne;
Siegestrunken mocht` er deinen Wirbeln lauschen,
Nicht ahnend, daß sein Tod bald solches Rauschen,

Auf deinen Burgen horstet` ein Geschlecht
Frei, wild und mild; es wohnt` in seinem Sinne
Von deiner Traub` ein Anflug, zum Gefecht
Befeuernd wie zu Harfenschlag und Minne.
Wie freudig blutet` hier der Edelknecht,
Wenn aus der Herrin Blick von hoher Zinne
Ein Gruß als erster, ach, und letzter Dank
Auf sein verströmend Leben niedersank!

Und Städte sahn voll Trotz in deine Welle,
Wo unterm Krummstab Bürgerfreiheit sproß
Und Füll` und Kunst, und wo dann morgenhelle
Die neue Zeit ihr Kinderaug` erschloß.
Denn war`s zu Mainz nicht, wo in stiller Zelle
Ein andrer Dädalus die Flügel goß,
Die stark das Wort in alle Winde tragen?
Ward nicht zu Worms die Geisterschlacht geschlagen?

Und heut! Welch reich Gewühl umbraust noch heut
Die Rebenufer, wo vom breiten Riffe,
Die Veste droht, und weit im Thal zerstreut
Die Essen rastlos sprühn! Mit grellem Pfiffe
Durchkeucht das Dampfgespann des Doms Geläut,
Und durch die Fluten wandeln Feuerschiffe,
Wie schwarze Riesenschwäne; Flaggen winken,
Und Winzerjubel schallt und Römer blinken.

Gebrochen sind die Burgen. Ihre Zeit
Ging aus. Doch sitzt an ihrer Thürme Scharten
Die Sage harfend noch, die Wundermaid,
Und lallt im Traum von Chriemhilds Rosengarten,
Vom Drachenstein und von der Nonne Leid.
Und stießt das Mondlicht um die Felsenwarten:
Da singt die Loreley und aus dem Dunkel
Der grünen Wasser glimmt des Horts Gefunkel.

Gruß dir mein Rhein! Wie leicht bei dir einst flossen
Die Lieder mir, die jedes Tags Gewinn!
Mein Sternbild stand im Aufgang; noch im Sprossen
Wie Laub um Pfingsten grünte frisch mein Sinn,
Gruß euch, die ihr mir damals wart Genossen
In Leben und Gesang! – Wo seid ihr hin?
Ach, auseinander weit seit jenen Tagen,
Zu weit hat uns der Kampf der Zeit verschlagen.–

(Emanuel Geibel)

Der Rhein des Herrn Predigers Bodenburg (2)

(…) Viel der Najaden bewohnen des Gotthards wolkige Scheitel.
Dort auch sind die verborgenen Hallen des Siebengeschwisters,
Weitgepriesen und herrlich vor allen Najaden des Alplands.
Jede gebahr einen mächtigen Strom; es wallet der eine
Unter Hesperiens Myrthen dahin; nach Gallien wandte
Rhodan den Lauf, und Rhenus, der stärk`re, zum Land der Germanen.
Nymphe des Rheines, du liebtest das Land des kühneren Mannes;
Zu ihm leitest du nieder dein lauteres Felsengewässer,
Dass er stähle den nervigten Arm im Bad deiner Wellen.
O, dess` preise dich teutscher Gesang! — Erhabne, vernimm mich
Von der entlegenen Flur, und tönet auch schwach nur die Harfe,
Wie der Bach meines Thals in der Stille des feiernden Haines.

Auf meine heimische Flur sank einst der Abend hernieder,
Und die Stille bezog des Haines umdämmerte Lauben;
Friedlich tönte des Baches Gemurmel, (die still`re Najade
Windet ihn sanft durch die Moose und Blumen und zitternde Schilfe.)
Hocherglühtes Gewölk entschwebte allmälig dem Meere;
Hinter dem goldenen Schleier entschlüpfte die Göttin des Tages,
Und dann thürmte das Wolkengebirge mit flammendem Saume
Kühn seine Nebelgebilde empor zu dem schimmernden Aether,

O, da fühlt` ich den Busen umfangen von glühender Sehnsucht,
Und gezogen zum Lande, wo Tellus zum Himmel hinaufstrebt,
Und ihr strahlenbekränztes Haupt tief badet im Lichtmeer.
Zwiefach fühlt ich ihn da, den Schmerz der gebundenen Psyche.
Plözlich vernahm ich des Genius Wink — und Schlummer umfing mich,
Und er gab mir die Schwingen des Traumes; — da sah ich des Alplands
Purpurglühende Höhen und dich, gewaltiger Gotthard.
Aber ich forschte vor allem nach dir, o verborgene Nymphe,
Dir Erhabnen, ein Opfer zu bringen, nicht ohne Begeist`rung —
Und es ward mir gewähret, des Rhenus Najade zu schauen,
Wie sie gelehnt an den schattenden Felsen, mit sinnendem Antliz,
Doch voll göttlicher Milde, bükt auf der Wellen Gesprudel.
Perlen bethauen den Kranz an der Stirn und die zarten Gewände.
In der kristallenen Grotte entwallt der gefülleten Urne
Lieblich tönend die silberne Fluth, des himmlischen Thaues
Zarte geläuterte Tropfen. Es streuet dann goldene Perlen
In das Gewässer die Hand der Najade und bindet des Aethers
Flüchtige Stoffe, dem Strome verleihend belebende Kräfte.

Ach, es fielen auch Thränen der Nymphe hinab in die Wellen;
Denn sie gedachte des nahmlosen Jammers und wilder Verwüstung
Unter der furchtbaren Hand der Erinnen in friedlichen Thälern.
Weithin sah sie Verheerung am Strome, die schönen Gestade
All` ihres Schmuckes beraubt und bedekt mit unendlicher Trümmer.
Aräs durchflog die Gefilde mit wildem Gespanne, die Lanze
Tief getaucht in das Blut der Erschlagnen; es stampfen die Rosse
Sprühende Lohe zum Himmel empor auf schreklicher Brandstätt.
Durch Helvetia`s Thäler schleichet der siechende Hunger,
Und es stöhnet des Jammers Gewinsel herauf aus den Thälern.
Trauer erfüllte die Brust der milden Najade, die sorgsam
Fluren zu segnen sich mühet, indess` die verheerende Zwietracht
Weithin schleudert die Fackel des Krieges, und Menschen bethöret,
Dass sie verblendet die Werke wohlthätiger Götter zerstören.
Zürnend verhüllte die Nymphe das Haupt, sich wendend zur Grotte.
Und ich erwachte vom Schlummer, geschreckt von verhassten Gestalten.
Friedlich rollte der Bach seine Wellen im Schimmer des Spätroths,
Doch bald werden auch ihn Orkane empören, es rollen
Schwere Wetter dumpftobend herauf, und stürmender Hagel
Wird seine Fläche zerschlagen, den Spiegel der stillen Seläne.

Ja hienieden ist ewiger Kampf! Es binden und lösen
Sich im ewigen Wechsel die ringenden Stoffe, es gehen
Neue Gestalten hervor; dem Tode entkeimet das Leben,
Rastlos wirkt die Natur, doch ewig nach weisem Gesezze;
Formend zerrüttet sie immer — sie regelt und ordnet auch wieder,
Zieret ihr Wundergebäude mit unvergänglicher Schöne,
Und der Ernährerin Hand ist immer geöfnet zum Geben.
Tausend bei tausend Begehrenden reicht sie aus ewiger Fülle.

Dem sie so vieles gewähret, — nur ihn ersättigt sie nimmer,
Ihn, dem wilde Begierden verderblich den Busen entzünden.
Wo sie bauet und ordnet, und segnet mit gütigen Händen,
Da zerstöret der Wilde, getrieben vom Fluch der Erinnen,
Und entblättert ihn selber den lieblichsten Kranz seiner Freuden;
Denn er trägt sie nicht lange, des Friedens beglückende Ruhe.

Rhenus, es zeuge dein Ufer! — Ich stimme die Harfe zur Wehmut,
Wende den traurenden Blick hinweg vom entstellten Gestade!
Fluch der verwegenen Hand, die so deines Schmucks dich beraubte!
Zehnmal trat nun der Frühling, der Blumenumkränzte, vergebens
Hin zu deinem Gestade; den Teppich der Flora zerstampfen
Donnernde Hufe der stöhnenden Rosse im Schlachten-Gewühle.
Ceres, Autumnus, Pomona, und Fülleverleihende Götter —
Zehnmal traten sie nun vergebens mit reichen Geschenken
Auf die rheinische Flur, — sie scheuchte des Krieges Getümmel
Und die vertilgenden Donner der Schlachten hinweg von dem Blutfeld.

Eilest du zürnend hinab, o Rhenus, zum heiligen Weltmeer,
Fliehend die Greuel des Krieges, dich dort in der Tiefe zu bergen?
Dort auch wirst du ihn finden den streitbegehrenden Menschen;
Auch des Ozeanus weite Behausung hat Aräs beflecket.
Stolze Geschwader belasten die wallende Fläche und schleudern
Kühnbeflügelt die Flammen des Krieges von Ufer zu Ufer.

Nenne Gesang die Heroen, auf welche die Völker nun hoffen.
Unter dem Schirm der Aegide durchwandelt der Eine das Schlachtfeld,
Und es grünt in der Rechten dem Andern ein friedlicher Oelzweig.

Furchtbar wüthete Aräs, im Männervertilgenden Kampfe,
Da entführten ihn eilends die Götter dem blutigen Schlachtfeld,
Dass er die Welt nicht veröde, der unersättliche Krieger;
Und sie gaben des Gottes Gespann einem menschlichen Helden.
Bonaparte, du führest seitdem die Lanze des Aräs,
Zügelst sein wildes Gespann, doch unter dem Erz der Aegide
Schlägt dir ein menschliches Herz. — O, könnte mein Lied dich erreichen!
Du aus der Vorwelt Wundertagen erstandener Heros,
Bist du des Hannibal Geist? — Des Grösten von allen Achäern?
Franke, dir weichen sie alle! — Du unbezwungener Krieger
Bist an dem Busen der Kühnheit gesäugt, dir gaben die Götter
Weisheit, und sicher wägenden Blick zu schneller Entscheidung,
Und den besonnenen Geist, den ruhigen unter Gefahren,
Roma`s Genius selbst und des heldenberühmten Achaja
Haben dich heimlich erzogen und selber gerüstet zu Thaten.
Glorreich hast du vollendet; — der Sieger entsaget dem Kampfe!

Neben dir ragt er hervor, der glücklichen Brennen Beherrscher.
Grösse mit Waffen errungen, wie leicht entnimmt sie das Schicksal!
Friedrich Wilhelm die deine ward nicht mit dem Blut der Gefallnen,
Nicht mit Thränen erkauft, sie kündet kein Donner der Feldschlacht;
Dir ist das glückliche Land der weite Tempel des Ruhmes.
Du mit dem zügelnden Ernst, du Ordner nach weisem Gesezze,
Wandelst so prunklos und einfach, mir hold der lauteren Warheit,
Festen Schrittes voll Spartischem Geist, und schaffest mit Weisheit;
Und es reifen viel Früchte des emsigen Fleisses dem Lande
In Saturnischen Tagen. — Ihm Heil, dem Herrscher der Brennen!
Ihm erblühe der Kranz seines Ruhmes auf glücklichen Fluren!

Tretet ihr Göttergeliebte voran, zwei Boten des Friedens,
Dass Irene dem Himmel entschwebe, und senke den Oelzweig
In des Schlachtfelds graunvolle Oede, damit sie der Nachwelt
Alle die Trümmer verdecke, aus Tagen entarteter Menschen,
Wo wildtobende Völker das Recht und die Warheit verschmähten,
Und die Freien sich dünkten durch jeglicher Tugend Entsagung.

Heimathlos durchirren nun viele die Wüste des Lebens,
Und ein unendlicher Schmerz hat tief das Leben verwundet!-
Viel sind der Edlen gefallen — auch viel der verworfenen Menschen!
Tobende Völker, wie habt ihr gewüthet — Du himmlischer Friede
Wecke nun mildres Gefühl in dem Busen und heile vom Wahne.

Bald so nahet die lezte der Horen des stolzen Jahrhundert! —
O, wie wähnte der Mensch, er habe den Gipfel erstiegen,
Wo er entbunden und frey, und kühn die Wahrheit umfasse!
Aber den Stolzen verliess die zürnende Göttin der Weisheit;
Von Phantomen getäuscht, entsank er der schwindelnden Höhe,
Und nun steht er voll Wunden und blutet, der sterbliche Halbgott.

Du, der Menschheit Genius, bist du zürnend entwichen?
Neige dich hin zu dem armen Geschlecht, und heb` den Gefallnen.
Gieb ihn nicht ewig der Thorheit zum Sklaven, entbind` ihn vom Irthum,
Reife doch endlich den Geist, und stärke des Schwankenden Tritte,
Dass er regle die irrenden Wünsche, im Kampf der Begierde.
Und Eunomia herrsche hinfort und Themis und Dike,
Dass ein glüklich Geschlecht bewohne den heiligen Erdkreis.

Nymphe des Rheines, ermüde du nimmer die Fluren zu segnen,
Lass sie der Urne entströmen, die lebenernährenden Wasser.
Zürne du Göttliche nicht, wenn Undank lohnt deine Milde.
Leichter entartet der Mensch, je reicher die Fülle ihm zuströmt!
Harre der besseren Tage, wo einst in friedlicher Ruhe
Menschen voll Warheit und Treue dein liebliches Ufer umwohnen.

(aus: Der Rhein, Fragment aus einem Gedicht: Die Ströme, vom Herrn Prediger Bodenburg. Womit zu dem mit den abgehenden Primanern des Johanneums, Heinr. Schmeichel, Ernst Carl Dav. Behm und Eduard Loder, am 22sten März von 9 bis 1 Uhr anzustellenden Maturitäts-Examen ehrerbietigst einladet J. Gurlitt, Professor am Gymnasium, Director und erster Professor des Johanneums. Hamburg 1804)

Der Rhein des Herrn Predigers Bodenburg

Der Rhein.

Rhenus, gepriesener Strom, ich trage zu deinem Gestade,
Zu dem Hall deiner Wogen, zuerst die Harfe, und horche
Auf der Wellen melodisches Spiel an dem klingenden Felsen,
Dass mich hebe dein stürmender Gang zu kühnerem Fluge.

Felsgebohrner, dich hat die Najade zum Schuzze gebettet
An die Schwelle des Landes, und längs Germania`s Fluren
Streckest du hin den Riesenarm, mit donnerndem Fusstritt
Niederstürmend ins Thal von dem bebenden Felsengebirge.
Hoch in der Wolken Umschattung gebahr dich die mächtige Nymphe,
In der entlegenen Grotte nicht lange den Liebling verbergend.
Segnend sandte sie dich hinab zu dem heiligen Weltmeer.

Eh` du die Bahn dir geebnet, da tobte die Kraft der Vulkane,
Wo nun Trauben sich sonnen, und stämmte Gebirg` an Gebirge;
Aber almälig erloschen die quellenden Gluthen; dann sprengtest
Du mit eilendem Fusse die Pforten der hemmenden Felsen

Also sprach, da einst dich gebahr die milde Najade:
„Auf, und belebe die schweigende Oede des Thales! — Entschlüpfe
„Muthig der Grott` und dem Hochgebirge von Klippe zu Klippe.
„Wenn du zur Ebne gekommen, dann läutre von neuem die Welle
„Dort in dem ruhigen See, und tritt mit dem silbernen Fusse
„Auf der Germanier Flur; dann wandle du Starker vom Alpland
„Unter melodischem Rauschen zum strömeversammelnden Meere.
„Hemmen dich Felsen im Lauf und dränget die Schlucht deine Seiten,
„Dann bestürme du kühn und unablässig die Klippe;
„Du bezwingest almälig den Fels mit der nagenden Woge.
„Wenn du Ozeanus nahest, wird banges Erstaunen ihn fassen,
„Hört er den stürmenden Drang deiner Wogen, — und fürchtend, du mögtest
„Ihm die Behausung erschüttern, erhebt er das Haupt aus den Wellen;
„Rufend den Nereiden, gebietet dann also der Meergott:”‘

„Seht, dort braust mit verheerender Stärke der Rhenus vom Hochland!
„Ihn erzogen die Nymphen der Berge, — der kühne erschüttert
„Fels und Land mit unendlicher Kraft, und eilet zum Meere,
„Gleich als wollt` er mich selber versuchen, und meine Behausung
„In der Tiefe zertrümmern und wild mir die Wogen empören.
„Hemmt ihn im stürmenden Lauf, und zähmt mir den kühnsten der Ströme,
„Dass er Ozeanus Herrschaft erkenne, und alle die Ströme
„Ferner sich scheuen mit wildem Getös` meine Wogen zu drängen.”

„Hemmen wird er dich dann, der stärkre, im fröhlichen Tanze;
„Flaches Vorland breitet er hin, da wirst du mit Mühe,
„Mit ermattetem Fusse die sandigen Pfade durchschleichen,
„Und des Ozeanus weite Behausung still wandelnd betreten,

„Doch dies kümmre dich nicht, — die Kraft von jeglichem Strome
„Löset Ozeanus auf — sprach weiter die milde Najade;
„Wirst du doch glorreich vollenden, und Fluren und Völker erfreuen,
„In dem Schmuck der Gestade, vor jeglichem Strome verherrlicht.

„Ferne Wanderer kommen und staunen dem Sturz deiner Wasser,
„Weit erschallet der Ruhm des lieblich umuferten Rheines.
„Ceres, Pomona, Dryaden und Flora und freundliche Nymphen,
„Werden zu deinem Gestade sich wenden; dort dringen die Halme
„Schlanker empor, der Flora Teppich ist reicher, Pomona
„Sammelt da schönere Früchte, es heben weitschattende Eichen
„Kühner zum Himmel das Haupt, wo du die Fluren bewässerst.

„Zahlreich werden die Völker dein reicheres Ufer umlagern,
„Mit vielschaffendem Fleiss die lachenden Fluren zu bauen.
„Wildniss hauset nicht lang an dem Bett` der belebenden Ströme!
„Die in den Wellen des Rhenus sich spiegeln, die zahllosen Städte —
„Wer vermögte sie alle zu nennen? — Der Nachen Gewimmel
„Gleitet hinab und hinauf, und decket die wogende Strombahn.

„Steig` hinab vom Gebirge, du König der Ströme, und herrsche
„Ueber des Thales Gewässer, und bringe den darbenden Fluren
„Der Najaden Geschenke, die sorgsam aus Wolken wir sammeln.,,

So die unsterbliche Nymphe, und du entschlüpftest der Urne.
Rhenus, erfüllt ist der Mutter Verheissung — dein Tempel vollendet!

Erst umruhte dich einsame Still` an dem wilden Gestade
Unter den Trümmern zerspaltener Klippen von Dornen umwuchert.
Nur das Toben der Stürme, Geheul raubspähender Thiere
Und der Fittig des Adlers durchtönte die nachtvolle Waldung.
Heerden wandelten nicht vom Hügel, am Strome zu trinken.
Nirgend ein Rebengewinde, wo wild nur rankte der Epheu.

Aber es trat der Germane bald näher zum lockenden Ufer;
Nieder legt er den Speer, entsagend den mühvollen Jagden
Tritt er in schwankende Nachen und zehrt von den Gaben des Stromes.
Bald so reihen sich Hütten an Hütten auf freierem Ufer;
Goldene Halme durchwogen die Niedrung, an grünenden Höhen
Wandeln und ruhen gesättigte Heerden im Schatten der Buche;
An dem sonnigen Hügel, von glühenden Trauben umhangen
Weilet Liäus, der fröhliche Gott, den Winzer belehrend.
Völker drängen sich dichter zusammen im lieblichen Rheinthal.
Welch` ein bethürmtes Gestade zur Rechten und Linken! Es ragen
Kühne Vesten gen Himmel; es hallet der zahllosen Städte
Reges Gewühl von Ufer zu Ufer; es furchet die Fichte
Reichbeladen und rastlos die Wogen, nicht scheuend die Brandung.
Wenn dann Luna den Felsen erklimmt, entsteigen der Tiefe,
Die dein Gewässer bewohnen, und spielen auf silberner Fläche,
Und es lauschen Dryaden und Nymphen vom waldigen Ufer
Hin nach dem Tanze der stillen Seläne auf wallender Strombahn.

Reicht mir den duftenden Becher, den Nectar der rheinischen Traube,
Dass in die heiligen Fluthen ich träufl` ein Opfer der Nymphe!
Die du thronst unter goldenem Saum des bestrahlten Gewölkes,
Und in des Gotthards Klüften kristallene Hallen bewohnest,
Rinnende Perlen mit fleissiger Hand in die Urne dir sammelst, —
O, wohlthätige Nymphe, dich preisen die Töne des Liedes,
Beben sie schwach nur hinauf zu dir von dankenden Lippen!

Doch, wer zeigt mir die Bahn zu dem Wolkensiz der Najade?
Mich gelüstet die Hehre zu schauen, damit ich sie singe!
Komm, o Genius, leite den Sänger zum hohen Gebirgspfad!
Wo die Kette der stolzen Graniten im Gaue der Urner
Näher dem Himmel sich thürmet, von Donnergewölken umgürtet,
Ewigen Kampf mit den Stürmen besteht und den spaltenden Blitzen,
Ruhet des Gotthards weitgespreitetes Riesengebäude,
Schwerbelastet vom nimmerzerrinnenden, wachsenden Eismeer,
Stets umdampft von den streifenden Nebeln des hohen Gewölkes.
Eine der Seiten strekt er Hesperiens Frühling entgegen,
Rauherem Norden die andere. Klippe streichet an Klippe
Tiefgespalten zum Abgrund nieder, voll grausigem Dunkel.
Furchtbar donnern die Ströme hinunter von bebenden Felsen,
Und es dampfen in Nebel empor die stiebenden Fluthen. (…)

(aus: Der Rhein, Fragment aus einem Gedicht: Die Ströme, vom Herrn Prediger Bodenburg. Womit zu dem mit den abgehenden Primanern des Johanneums, Heinr. Schmeichel, Ernst Carl Dav. Behm und Eduard Loder, am 22sten März von 9 bis 1 Uhr anzustellenden Maturitäts-Examen ehrerbietigst einladet J. Gurlitt, Professor am Gymnasium, Director und erster Professor des Johanneums. Hamburg 1804)

Der Rhein bei Quarks & Co

Intensiv mit dem Rhein beschäftigte sich das Wissenschaftsmagazin Quarks und Co des Westdeutschen Rundfunks vom 18. Mai 2010 und förderte dabei einige wissenswerte und vor allem: gut im Netz aufbereitete Informationen zutage. So erfahren wir von rheinischen Tierarten, die anderswo ohne Namensnennung (im Hinterkopf wohl unter: Gekreuch) zusammengefaßt werden. Die Sumpfdeckelschnecke ist in der Lage, ihr Gehäuse mit einem am Fuß verwachsenen Deckel zu verschließen. Der Lachs kann sein Heimatwasser am Geruch erkennen. Die Wollhandkrabbe kneift Angelfäden durch, um sich die Köder zu verschaffen. Es existieren Süßwasserschwämme im Rhein! Die militärische Lage im Krebsreich läßt sich etwa wie folgt zusammenfassen: aus dem Donauischen zugewanderte Schlickkrebse vs Wandermuschel (welche den Krebsschlick nicht verträgt), Höckerflohkrebs vs alle anderen Kleinkrebse, bartelnde Barben vs alle Krebsarten, während der aus den USA eingedrungene Kamberkrebs die Krebspest verbreitet, gegen die er selber immun ist. Ebenfalls aus dem Donauischen stammende Schwebgarnelen dringen via Bodensee allmählich nach Nordwesten vor. Der aktuelle Zählstand bewegt sich bei rund 360 Tierarten „im Rhein“. Eintagsfliegenlarven weiden erstmal ein Jahr lang unter Wasser Algen von Rheinkieseln, bevor sie sich in ihr kurzlebiges Fliegenstadium begeben. Bachneunaugen fressen nur als Querder (ihrem eigenartigen Larvenstadium), nicht mehr als ausgewachsene Tiere. Sowieso herrscht auch unter den Larven Krieg. Jene der Prachtlibelle ist auf die der Köcherfliege aus etc, etc – die Sendung liefert prima Bilder und laienverständliche Erklärungen: ein Highlight unter den kursierenden Rheindokus. Sonst noch zu erfahren: eine weitere Entstehungstheorie, die bis Pangäa und die Entstehung des Mitteleuropäischen Rifts zurückreicht und besagt, daß nach Bildung der Alpen zunächst drei voneinander getrennte Teilrheine (Mittelrhein, Oberrhein, Alpenrhein) bestanden, die, nach komplexeren Schritten über hundert Millionen Jahre hinweg, schließlich vor 30.000 Jahren zum aktuellen Lauf fusionierten. Desweitern: Buhnen dienen der Strömungsregulierung und erzeugen schwimmerfeindliche Strudel, Ertrinkende im Rhein: pro Jahr im Schnitt rund 30. Klappschuten transportieren Oberrheinkies als Geschiebezugabe an den Niederrhein und ein Tauchglockenschiff namens Carl Straat ermöglicht Trocken-Spaziergänge auf dem Rheingrund. Tullas Rheinregulierung wird am Oberrhein mittels Poldern wieder in Richtung Naturzustand nachreguliert. (Eine veritable Tierwoche auf rheinsein, das Sommerloch öffnet auch hier sein Maul.)

Mme de Staël über den Rhein

Mit dem deutschen Wald greift Gorrh ein deutsches Urthema auf, das von Tacitus an zu den Beschreibungsriten unserer heimatlichen Landstriche gehört. Zu Zeiten Mme de Staëls waren die deutschen Urwälder bereits beträchtlich dezimiert, weshalb sie in ihren Ausführungen “De l`Allemagne” auch schnell zu den Flüssen übergeht:

“(…) L`Allemagne offre encore quelques traces d`une nature non habitée. Depuis les Alpes jusqu`à la mer, entre le Rhin et le Danube, vous voyez un pays couvert de chênes et de sapins, traversé par des fleuves d`une imposante beauté, et coupé par des montagnes dont l`aspect est très pittoresque; mais de vastes bruyères, des sables, des routes souvent négligées, un climat sévère, remplissent d`abord l`âme de tristesse; et ce n`est qu`à la longue qu`on découvre ce qui peut attacher à ce séjour. (…)
Néanmoins, quand on a surmonté ces sensations irréfléchies, le pays et les habitants offrent à l`observation quelque chose d`intéressant et de poétique: vous sentez que des âmes et des imaginations douces ont embelli ces campagnes. Les grands chemins sont plantés d`arbres fruitiers, placés là pour rafraîchir le voyageur. Les paysages dont le Rhin est entouré sont superbes presque partout; on dirait que ce fleuve est le génie tutélaire de l`Allemagne; ses flots sont purs, rapides, et majestueux comme la vie d`un ancien héros: le Danube se divise en plusieurs branches; les ondes de l`Elbe et de la Sprée se troublent facilement par l`orage; le Rhin seul est presque inaltérable. Les contrées qu`il traverse paraissent tout à la fois si sérieuses et si variées, si fertiles et si solitaires, qu`on serait tenté de croire que c`est lui-même qui les a cultivées, et que les hommes d`à présent n`y sont pour rien. Ce fleuve raconte, en passant, les hauts faits des temps jadis, et l`ombre d`Arminius semble errer encore sur ces rivages escarpés. (…)”

(aus: Oeuvres complètes de Mme de  Staël: De l`Allemagne. Première partie. De l`Allemagne et des moeurs des Allemands. Chapitre premier. De l`aspect de l`Allemagne.)

Schiffshebewerk

Bei unseren rheinischen Fußwanderungen durchs Elsaß sahen wir einst, direkt hinter der Brücke von Breisach, eine recht massive, nicht zu unterschätzende Betonwand wie es schien: im Boden versinken. Die sinkende Mauer entpuppte sich bei näherem Besehen als Teil einer ansehnlichen Schleuse, mithilfe derer ganze Containerschiffe bei den oberrheinischen Staustufen auf die verschiedenen Flußniveaus gehievt bzw niedergelassen werden. Die Schleusentechnik ist uns eigentlich seit Kindheit vertraut, dennoch kam das plötzliche Verschwinden einer Wand wie von Geisterhand zunächst mit dem Effekt einiger Überraschung. Was jüngst bei der Lektüre eines Artikels über die Schiffskanalpläne für die Alpen unsere allseitige Überraschung betreffs des Höhenunterschiedebewältigens von Lastschiffen gar noch stärkte: daß es nebst herkömmlicher Schleusen auch sogenannte Schiffshebewerke gibt; ein leibhaftiges davon im lothringischen Arzviller (Wikipedia gibt nähere Auskunft), in dem Schiffe am Rhein-Marne-Kanal, in einer Art Badewanne bergauf und bergab transportiert werden.

Vom Fliegen der Murmeltiere oder: Neue Schifffahrtswege über die Alpen

Über einen in mehrerlei Hinsicht kolossal erscheinenden, vor 100 Jahren in Italien ernsthaft diskutierten Plan des Bündner Ingenieurs Pietro Caminada berichtet Till Hein für die Zeitschrift mare in ihrer aktuellen Ausgabe (Nr. 84): eine Schifffahrtstrasse über die Alpen! Zu Beginn des längeren Artikels konstatiert der Autor, daß es zwar Naturgesetze gäbe, die besagten, daß etwa Murmeltiere nicht fliegen könnten, begeistert sich im Verlaufe des Artikels nichtsdestotrotz für einen Plan, der am Aufheben von Naturgesetzen kratzen dürfte:

„(…) Caminada (…) will Lastschiffe in einem Kanal über die Alpen schwimmen lassen, über den 2113 Meter hohen Splügenpass in Graubünden. Caminada schwebt ein durchgängiger Wasserweg von der Nordsee bis zum Mittelmeer vor – eine viele hundert Kilometer lange Wasserstraße, die von der Hafenstadt Genua über Alessandria, Mailand, Como, Chiavenna, den Splügenpass, den Bodensee bis nach Basel führt und von dort über den Rhein bis in die Nordsee.“

1907, als Caminada an die Öffentlichkeit ging, wird über Umweltbelange wohl kaum diskutiert worden sein. Denn die natürliche Umwelt gilt noch eher als feindlich und bezwingens-, anstatt erhaltenswert. Wenige Jahrzehnte zuvor wurde die große Rheinbegradigung vollzogen, vermutlich galt der, immerhin nicht selten bedichtete, Rheinfall, für ein Handelswegprojekt als wenn schon nicht sprengens-, dann doch sicherlich umbuddelnswert. Den Hinterrhein, der bis heute trotz diverser Eingriffe Naturschönheiten (Rofla, Via Mala, Domleschg) aufweist, wollte Caminada mit einem Röhrensystem beehren, das, mithilfe von Wasserkraft und Spezialschleusen, 50 Meter langen Schiffen mit einer Lastenkapazität von 500 Tonnen das Überwinden der örtlichen Steigung von fast einem Kilometer ermöglichen sollte.

Auch wenn Murmeltiere nicht aus eigener Kraft fliegen können, ist es (nicht erst) mit heutigen technischen Gerätschaften unzweifelhaft möglich, sie fliegen zu lassen. Es wird ihnen als eingefleischten Troglodyten nur nicht sonderlich bekommen. In den Alpen fließt das Wasser seit Menschengedenken aus Fels und Gletscher zu Tal. Wer jemals sah, wie die, teilweise gebändigten, Rheine sich zu Tal bewegen, kann sich Schifffahrt an Vorder- oder Hinterrhein nur unter erheblichen Schmerzen vorstellen. Ohnehin schon durchbohrte Berge indes könnten statt Eisenbahntrassen natürlich auch druckregulierte Wasserleitungen für die Schifffahrt führen. Solche müßten einfach nur noch länger, größer, breiter gebohrt werden. Befürworter der Alpenflußfahrt jedenfalls finden sich bis heute: der Südtiroler Albert Mairhofer, „ein Wasserkraftaktivist und pensionierter Staatsbeamter, hat sich von Caminadas Projekt inspirieren lassen. Die Entwürfe des Pioniers seien “sehr beeindruckend”, schwärmt er, “aber etwas zu kompliziert”. Sein eigener Vorschlag kommt denn auch ohne raffinierte Doppelkammerschleusen oder hydraulische Schiffshebewerke aus: Statt über die Alpen will er mittendurch.“

Fiebrig durch Konstanz (2)

Von brennenden Ghettos schreibt Jochen Kelter in seinem Konstanz-Gedicht „Ruderer“ von 1982 und von acht Mann, die sich auf dem Seerhein ranlegen, als wollten sie übers schilpende Wasser bis Stein oder Rotterdam, während überm Ried der Mond mit der Republik seine Schärpe tauscht. Kräftige Bilder, an deren Entschlüsselung wir noch arbeiten. Das Konstanzer Ghetto ist auf unseren fiebrigen Erkundungsgängen nicht zu entdecken, wahrscheinlich ist es mittlerweile überbaut oder versteckt sich im Internet. Tatsächlich hat ein User auf Youtube einen Konstanzer Ghettorap eingestellt, in dem es unter anderem heißt: „Konstanz, diese Psychostadt ist krank / vor ihr hat sogar der Teufel Angst (…) Aufgewachsen bin ich in dunklen Gassen / wo Freunde dich verraten und eigentlich hassen (…) Abschaum City (…)“ Der relativierende Refrain: „Diese eine Stadt, in der ich aufgewachsen bin / diese eine Stadt, in der ich immer bleiben will / Das ist nicht nur Ghetto, sondern auch ein guter Shop“ Lyrische Zeilen über Konstanz, mutmaßen wir, sowohl von uns auf andere schließend, als auch aufgrund solcher Fremdzeilen, unterliegen offenbar, solang sie in der Gegend selbst entstanden sind, unmittelbar den Ausdünstungen des Seewassers. Deren Schwingungen versetzen nicht nur den Körper in erhöhte Temperatur, sondern auch den Geist in matschbirnigen Frohmut: „Durch die Gitter meiner Zelle / grüßt der See mich jeden Tag. / Lächelt mir mit jeder Welle, / und vergessen ist die Plag`“ schreibt Hans Arnold 1885 einen „Gruß aus dem Konstanzer Amtsgefängnis“. Der See wirkt also schon länger. Und die von ihm ausgelösten Fieberwellen bewirken, daß wir uns vorstellen müssen, wie es früher, als alles noch viel größer war, der See das Rheintal bis weit in die Alpen hinauf füllte, zugegangen sein mochte: welche Sorte Saurier wohl an seinen Ufern sich tränkten und fraßen, welche Urfelchen ihre Traumräume vom Landgang, vom Fortflug gar, verwoben, welche Außerirdischen die Gegend damals besuchten, um Bodenproben zu entnehmen und schicke abenteuerliche Postkartenmotive ausfindig zu machen, welche Grundschulkinder – jedoch nur in hirngewebeähnlicher Spontanmanifestation eines letztlich materielosen kugelblitzförmigen Welt/Geistes – in aus damaliger Sicht ferner Zukunft die brennenden Ghettos von Konstanz in Wasserfarben zu bannen hätten. Wir wollen uns solche Szenen nicht vorstellen, wir müssen es. Das Seefieber zwingt uns dazu. Die Wasseroberfläche säuselt – oder surrt wie eine Stechmücke, ganz nah am Ohr. Vielleicht meint Jochen Kelter mit seinen acht Ruderern heroische Kämpfer, die sisyfotisch versuchen, die Wasseroberfläche zu erschlagen. Vielleicht angelehnt bei den Sieben Schwaben, die ursprünglich einmal neun gewesen sein sollen. Und von denen einer Seehas geheißen haben soll. Wie man heuer die Konstanzer nenne oder diese sich selbst oder die Friedrichshafener sich oder andere am See. Weil der Hase ja (bei den Sieben Schwaben) ein Ungeheuer und als Seehas in Fisch-Hasen-Mischform… Es gibt eine Pille gegen das Seefieber. Wer die einwirft, hat für 24 Stunden davor Ruhe. Und vor allem anderen auch. Der dämmert weg in wohlige Welten, während am Horizont das leise Geknister und die Rauchzeichen brennender Vorstädte mit der Unerheblichkeit ausgestorbener, noch dazu niemals bekannter Randvölker und ihrer Dialekte vor sich hinwerkeln und nuscheln: aus Weltraumsicht, elf hoch fümmunzwanzig Galaxien weit entfernt von der Erde.

Am Konstanzer Pegel

Konstanz, du bisch an Rettich! (anonym)

als seien sie in geliehenen Smokings auf einer
verpflichtenden Soirée bereits am frühen Nach-
mittag: sinnlos die Positionen tauschend: die
Bläßhühner. einzelne tauchen kurzfristig ab

hinterlassen etwas Geblubber. it`s cold for those
ducks, kommentieren dick eingepackte Touristen
zum Geklimper der unbeflaggten Fahnenstangen
die ganze metallic-Farbpalette von blaugrün über

grün zu grau, fast zu schwarz: hingeschüttet und
verlaufen über die heftig gekrümmte Oberfläche
des Sees: der attackiert, der schwemmt die weg-

gedunsteten Alpen! („meine Gespräche mit den
Möwen verliefen einseitig und wenig zufrieden-
stellend. der Ausblick machte das locker wett“*)

* Zitat aus: Jan Hus – Hörten die Vögel Bruder Franziskus tatsächlich zu? Selbsttests mit Spatzen, Tauben, Möwen, Ratten und Gekreuch, Kap. IX „Die Tiere ändern ihr Verhalten während des Konzils“, Immendingen 1621/2008