Das Wisperthal

Das Wisperthal aus Hoods Briefroman schien mir zunächst ein fiktives, von kauzigen Briten den sentimentalen Deutschen hinterrücks zugeschriebenes, elfenbewohntes, doch es existiert bis heute (allerdings enth-ht als Wispertal) nicht nur in alten Sagen, wie sie Aloys Schreiber 1828 in Heidelberg veröffentlichte, wie Hood sie gekannt haben mochte, und worin zu lesen steht: „Hinter Lorch liegt ein wildes, einsames Thal, mit einigen armen Hütten. Lange war es unbewohnt, denn Viele, die es betreten hatten, wurden auf mancherley Weise geneckt und geängstigt, und einige kamen auch gar nicht wieder zum Vorschein.“ Es geht dann um eine Geschichte, die heuer unter Fantasy firmieren würde und ihrer Grausigkeit vor allem deswegen enthoben ist, weil sie in eine unbestimmte Zeit „vor mehrern Jahrhunderten“ verlegt den aufgeklärten Menschen sozusagen beweislos mit einer kruden Welt konfrontiert, die das Fernsehen heute in aller Offenheit und notfalls aufs vorzüglichste frisiert in alle Wohnzimmer ausbreitet. Es geht dabei um kerzenbeleuchtete Spiegelsäle in Felsschloßtiefen, rapide alternde Jungfrauen, gerissene Greise, getäuschte Jünglinge und sprechende Vögel, jede einzelne Zutat für sich genommen durchaus heute noch vorstellbar, aber eher als Bild/Oberfläche, denn es fehlt unsern heutigen Wäldern an der nötigen Tiefe, als daß man so weit hineingeraten könnte, um noch ungestört auf extensive Trugbilder zu treffen. Die Erfindung des Motors hat noch vor der Erfindung des Fernsehens die Wirksamkeit der Sagen beendet. Heute besitzt das Wispertal zwar eine geheimnisvolle Website (www.wispertal.com), die eine Tradition des Wenig-Preisgebens inspiriert haben mag, aber entscheidende Informationen über Motorradstrecken, Forellenzuchten und sanften Tourismus entlang der Wisper finden sich ohne weiteres im Medium Internet. Weil es aber so schön identitätsstiftend ist, also rückvermichelnd, und gleichzeitig, als Metafer, sicherlich weiterhin gültig für alle demnächst erstmal anstehenden Zeiten, noch ein schönes Sagenzitat, auf das mehrerlei Antworten denkbar sind: „Ohngefähr eine Viertelstunde von der Felsenburg fanden sie die drey Vögel neben einander auf dem Ast einer abgestorbenen Eiche sitzen. Staarmatz, sag` uns Dein Räthsel, rief einer der Gesellen. Der Staar flog herab, ihm auf die Schulter, und sagte: Sprich, was sitzt Dir im Gesicht, und Du siehst`s im Spiegel nicht?“

Aloys Schreiber: Sagen aus den Gegenden des Rheins und des Schwarzwalds, Heidelberg 1828