Den Überlebenden der Maggikalypse

oder auch des Armaggiddon, wie Michael Schönen in einem berühmten sozialen Medium schrieb, ist die maggikalyptische Geschichte des gestrigen Tages von den herkömmlichen Medien inzwischen ausführlich und zureichend erklärt worden: gegen 14 Uhr war am Dienstag von Seiten der Kölner Feuerwehr Entwarnung gekommen. Beim Aromenhersteller Silesia in Neuss-Allerheiligen seien bei einem Destillierprozeß in der Nacht zuvor vier Kilogramm Sotolon, ein künstlicher Aromastoff, entwichen und mit dem Nordwind Richtung Köln gezogen. Als im Laufe des Vormittags der Wind drehte, wanderte der Geschmacksstoff ein wenig links und rechts des Rheins entlang und schließlich an seinen Herkunftsort zurück. Sotolon riecht in hoher Konzentration nach Liebstöckel, dem sogenannten Maggikraut. Gesundheitsschädlich sei Sotolon nicht, verlautbarten Experten. Mit dieser Feststellung dürften auch die Spötter über die Besorgten gesiegt haben. Denn während eine Hälfte Kölns die Leitungen von Feuerwehr und Katastrofenschutz heiß laufen ließ, ergingen sich abgebrühtere Bürger in Kreativität. Ob sie sich dabei von den Protesten am Istanbuler Taksim-Platz inspirieren ließen, blieb zunächst ungewiß. In Istanbul, das u.a. mit dem Slogan „Taksim ist überall!“ in den vergangenen Tagen weltweit zum Synonym für einen kreativen Aufstand mit Galgenhumor geworden ist, kursieren zahlreiche Sprüche und Lieder zum maßlosen Tränengaseinsatz der Exekutive, der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan hat von seinen geliebten çapulcu-Bürgern den neuen Kosenamen „Gasvater“ erhalten. In Köln bewiesen die Medien wie sich eine funktionierende Demokratie nicht zuletzt auch in der Berichterstattung bewährt. Wo die türkischen Mainstream-Medien sich bis auf die Knochen blamierten, schaltete der Stadt-Anzeiger umgehend einen Katastrofen-Liveticker, der zum WDR gehörige Radiosender 1 Live beließ es nicht bei der Berichterstattung, sondern übernahm sogar die Rolle des Sponti-Protestlers und entwarf im Eilverfahren ein höchst anschauliches Domposter mit zwei Maggiflaschentürmen:
maggikalypse

Und ein via Twitter kursierender T-Shirt-Entwurf für den noch zu überlebenden Tag kündete bereits mitten im Maggidunst profetisch-optimistisch vom Verwinden des Weltuntergangs:
maggikalypse überlebt

Gorrh (19)

Gorrh in Gohr. Da ist nicht viel. Ein Spielmannszug mit Tsching und Ding marschiert im Hirn von Ohr zu Ohr. Im Nachbardorf gibts Schützenfest. Gorrh peilt den Adler (soviele von denen einst verspeist) pazifistisch an mit seiner großen runden Abflußrohrpupille. Durch die es regnet. Tschingeldingelding. Es regnet am Niederrhein, Gorrhs Kopf füllt sich mit Wasser, Weite, Freiheit. Und Gras. Dort hinten im geblümten Gras nächst den pferdeschweren Erdbeerfeldern sitzt ein Hippie, ganz naß. Ein fürchterlich breiter Hippie mit karmensinroten Klüsen sitzt da wie ein behaartes landwirtschaftliches Nutzgerät und saugt die Gegend ein. Die Landschaft dreht sich unter psychedelischen Aspekten in den Hippie hinein. Der spricht langsam: „Kü-he fres-sen Gras!“ Eine wunderschön essentielle Erleuchtung schraubt sich durch den Hippie hindurch gen Himmel und bohrt die Wolken an. Der Regen wird stärker. Gorrh siebt sich durch die Tropfenfälle, seiht sich, setzt sich neben den Hippie, umarmt ihn, singt den Smashhit des Niederrheins: „die Rübe und der Kohl, die Rübe und der Kohl, die Rübe und der Kohl, aha!“, rechnet zugleich: „Dormagen durch Remagen gleich Dorre gleich Mifasolati, wattemal, gleich Dortmund?“, Gesprächsangebote an den Hippie. Der denkt nichts weniger als die gesamte Landschaft als Schützenfest: krachbummdaneben! Gorrh packt ein Packerl toter Worte aus, welche er nachts den Aalen abnahm, Gutachten über das Hier und Jetzt und seine Flucht in die Wände aus Himmel, Wiese, Feldern, nichts ist echt und das Leben total easy mit geschlossenen Augen. „Es ist nicht so einfach“, ermuntert Gorrh den Hippie, „jemand zu werden, aber es wird schon. Du bist mir eh egal.“ Doch es muß nun sein. Gorrh transformiert sich in ein Flann O`Brien`sches Fahrrad aus geronnenem Stahl, das er zugleich befährt: treppelt wie ein ehemaliger Schützenkönig. Gorrh muß los heißt Gorrh ist los. Alles ist gorrhlos und grappig im geregneten Tag aus Matschwasser an den Feldrainen Klatschmohn Klatschmohn. (Gorrh erteilt sich Zwischenapplaus.) Muß los. Nach Holzheim zu Onno. Onno wird 50 mitten in der Nacht, mitten im Garten, das muß Gorrh sehen mit seiner riesigen Kreissägenpupille. Gorrh pflückt ein Bündel Rübengrün als Gabe an Onno, den Dichter, den Dochter, den Dokter, den Docktooor. Regenbeperltes Rübengrün, mit schwarzem Edding beschriftet „Oh! oh! oh!“, dreimal gegen die Tür geschlagen unter Oh-Rufen entfaltet das Kraut erst seine Wirkung, entläßt aus wulstigen Adern den magischen Dunkelsirup, in dem der Niederrheiner schwimmt wie Siegfried einst im Drachenblute. Onnos Ruhm rührt von seinen rhythmischen Beschreibungen des Niederrheins als Heimat mitten im Weltall, das lockt selbst die Hauptstadtdichter in Scharen über hunderte Kilometer in die Funklöcher zwischen Allerheiligen, Hoisten und Speck. Pieksende Tiere hocken dort im Gras, textende Insekten, und freuen sich über Berliner Blut. Die Grille krabbelt zirpend auf Splatterkurs, die Gäste machen Sport (Biergläserumhaun mit Ochsenkeulen), die Bratwurst tanzt sich opm Jrill dat Fleisch ausn Poren. Die Dichter aus Berlin heißen Tom, Tim, Timo und Tommi, oder auch Björn oder Bjarne. Sie helfen sich gegenseitig in der Fremde, indem sie für Biernachschub sorgen und dichten mit Vorliebe über Wurst, aber so, daß es bewußtseinserweiternd wirkt. Aus Wurst wird schließlich Botox gewonnen, eine hippe Modedroge in der coolen Hauptstadt, nebst Bageling, wofür man sich die Stirn aufpumpen und mit dem Daumen vom Thumbmaster ein recht schön mittiges Loch hineindrücken lassen muß. Gorrh schnappt sich den dichtergefüllten Garten und trägt ihn im Maul bis etwa zweihundert Meter über Normalnull. Dort oben stieben die Sterne als Kohlefunken vom Grill von frechen Mädchen erschossen. Die Nacht faltet sich in Klappfächer verschiedenartiger Dunkelheit und klappert und schwirrt. Es sind die Rufe der Orientierungslosen aus dem Dorfzentrum. Als endlich sehr heftiger Regen einsetzt rennen die Dichter nach draußen, um ihr Bier in Strömen zu trinken. Sie kippen vom Garten in den Garten, umarmen sich, streicheln Blumen, hören in einer Sommernachtsfantasie den ganzen Wavekram aus den Achtzigern „eh mama Joydivischen“. Oho, da ist er doch wohl überlebt, der frühe Tod! Gorrh prustet, pustet etwas kühlen Wind in den Laumannsommer. Schnaubt. Wiehert. Gackert ein wenig. Gräbt sich ein in die Felder. Schläft wurzelnnuckelnd den Schlaf von tausend Engerlingen und wächst in Traumhaft als Weizenhalme für mindestens einige Hektoliter gesunden Schaumbiers über sich hinaus.