Karlsruhe und Umgebung

Allenthalben weiße und rote Blütendolden der Roßkastanie, im Wind schwingend, fühlernd, aus der eigenen Fülle tropfend. Ergänzt um die Violetttöne von Flieder und Glyzinien. Dazwischen fahren Rentner ihre eingekorbten Katzen an Lenkstangen und auf Gepäckträgern durchn Frühling spazieren. Die Leute hocken in Biergärten und auf Straßenterrassen, trinken Kaffee, schlotzen Viertele, heben kannenweise Pils, bevorzugt unfiltriertes. Gemächlichkeit. Die Münder bewegen sich langsam beim Reden, Schmallippigkeit, heraus kommt eine gedrängte, an den Enden weich abgerundete Sprache mit einer harmonischen Amplitude. Die Lage ist ernst, das Leben muß genossen werden. Vor dem Schloß gibt es einen Platz der Grundrechte, blocksatzbeschriftete Tafeln geben Bürgerstimmen zur Verfassung wider, vor dem Verfassungsgericht patrouilliert ein einsamer Polizist im Kreuzfeuer der Sonnenstrahlen. In der Südstadt existiert ein Platz der Grundbedürfnisse, freie Vaganten geben hier ihrem Sing-, Trink- und Spieltrieb nach, gerahmt von allerlei Lädchen, Café- und Brauhausterrassen, bürgerliche und alternative Kultur strömen auf diesem Flecken ein wenig nebeneinander her, ohne sich ernsthaft zu berühren. Nach Norden geht es vornehmlich durch den Hardtwald über schnurgerade Alleenschneisen, die wirken, als wären sie mithilfe von Mittelstreckenraketen freigelegt worden. Bei Eggenstein-Leopoldshafen geht es dem Rhein zu, eine Binnendüne am Hochgestadeabfall ist als „flächenhaftes Naturdenkmal“ ausgewiesen (das fehlende Meeresrauschen ersetzt die Landstraße mit ihren vielfältigen Motorenklängen) und beherbergt eine Flora mit klingenden Namen: Silbergras, Todblume, Zahntrost, Berg-Sandrapunzel, Zierliche Kammschmiele, Hornkraut, Hirnkraut, Harnkraut, sowie eine Fauna mit bemerkenswerten, gefährdeten Schrecken, darunter der Verkannte Grashüpfer, die Kinder-, die Keulen- oder die Blauflügelige Ödlandschrecke. An der Landstraße trägt jedes zweite Gebäude das Attribut „d`Badisch“ als Inschrift, leicht zungenbrecherische Identifikation mit der eigenen Herkunft. In denselben Zusammenhang paßt ein typisch badischer Gruß: „Ah der anner!“ (Ah, der Andere), kontradiktives Unterscheiden des anonymisiert-manifesten Anderen vom (teils mombertsch-diafanen) Ichselbst.