Die Schweiz am Meer

Auch das Berner Oberland ist die Heimat des Rheins. Ein großer Teil der Schweiz ist es. Die Aare kommt in den Oberrhein nicht weniger mit ungebrochener glänzender Flut als dieser; sie ist sein Geschwister, doch das nachgereihte. Welches Welterlebnis hat bis zu diesem Zusammenfluß der weit ausgreifende und verloren gewesene Rhein schon hinter sich! Die Aare faßt in einem Fächer wie ein Leuchter mit vielen Armen die Flammen lichtglänzender Seen, die von Schattenwänden umstellten Landmeere zusammen, sie flicht in ihre Wellen, was die Wannen vor Thun und Brienz, vor Biel, vor den Vierwaldstätten und vor Zürich an fließenden Wassern, an entgleitenden, wippenden Flüßchen abgeben. Schon bei Aarau, ehe sie Reuß und Limmat in sich aufgenommen, ist sie ein starkes, eilendes und grünlichfarbenes Gewässer. Köstlich, zwischen den festungsähnlichen, weißen Quader-Toren des Brückenanfanges von der Kettenbrücke, die von Reitern, locker marschierenden Soldaten, langsam rollenden Fuhrwerken bebt, auf die enggefügten Schindeln des Flusses hinabzuschauen, der ohne Geräusch in dunkelgrünen hohen Ufern zu Tal reist. Hier ist die ländliche Allee mit sommertiefen Schatten, der eingeschlafene Arbeiter mit offenem Brustlatz auf der Ruhebank; aus der Verborgenheit eines Bergtals knattert es verschwenderisch von den Schießständen. Drüben baut sich die Stadt empor, warm besonnt, mit staubfarbenen Bürgerhäusern, schwarzbraunen Dächern, grünen Fensterläden, darin der breite alte Kirchturm übereck mit dem indigoblauen Zifferblatt und dem hohen goldstrahlenden Knauf. Diese Stadt in ihrer untersetzten Bauart, mit ihren herabgezogenen Giebelhauben, mit ihren starkfarbigen und heraldisch derben Bürgerwappen an den Wänden der Gassen, mit manchem modernen Gebäude, das die großen Aufgaben der Post und der Kantonsverwaltung, den gefestigten Reichtum der Großbanken, den welterfahrenen Geschmack villenbewohnender Herrschaften erkennen läßt, bewahrt an ihrer breitesten Straße unter schwärzlich schattenden Bäumen neben dem Standbild des vergessenen Zschokke einen Steinfindling, groß und glatt wie ein Seehundsrücken, namenlos und ohne Inschrift, nichts als ein Denkmal für die Arbeit des Wassers in den aufgerissenen Tälern der Vorschweiz. Die Brücke wirft ihr Rautenmuster als ein kurzes Gitter von Schatten auf den Fluß; ein wenig abwärts in der offenen buschigen Landschaft ist eine Kribbe wie ein Stab quer in den Fluß gelegt. An ihrer Spitze, fast in Wassersmitte, steht eine Gruppe Knaben mit nackten Beinen und weißen Aermeln, mit der ausgestreckten Angel. Der Himmel ist weit und vom hellsten Blau. Der Fluß rinnt, unendlich sanft anschwellender Schimmer, der sich gleichmäßig und unaufhaltsam einer unbekannten Ferne hingibt. Lebendiges Geschenk, an wen? An alle, die auf tausend Meilen abwärts auf dem Festland wohnen. Bis Germersheim ist der Rhein fast nichts anderes als das Seenwasser der Schweiz, dann erst beginnen die Zuströme von den deutschen Gebirgen ihn zu mischen. Und im Sommer reicht die Schweiz mit dem Wasser ihrer Schneewände fast unvermischt bis an das Meer. Von den hundert Millionen Raummeter Wasser, die täglich im riesigen Behälter an Köln vorüberströmen, kommt aus der Schweiz noch fast die Hälfte, wenn der Strom nicht übermäßig hoch und nicht niedrig ist.

(Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Für Paquet galt Heinrich Zschokke als vergessener Autor; für rheinsein ist er das natürlich nicht: im großen Elektromosaik, das rheinsein vorstellt, findet sich auch ein Zschokke-Baustein, eine Beschreibung des Kantons Graubünden aus dem Roman Die Rose von Disentis. Unterdessen dürfte Paquet, auf den wir über die Spezialistinnen des Arbeitskreises zur Erforschung der Moderne im Rheinland stießen, weitgehend als vergessener Autor gelten.

Freiburg in Freiburg

In den rheinkieselgepflasterten Straßen der Freiburger Innenstadt

“Auch in Freiburg gibt es noch diese schmalen Durchfahrten und die geharnischten Denkmäler, die Martinskirche, freudig ausgemalt und gold geschmückt, das Münster mit seinem mürben Steingeäst und den dämmernden Altären, die von alter Blutbeziehung zu Basel Kunde geben. In den Sockel des Domes sind die Ellenlängen, Laibgrößen, Hohlmaße, Werkzeichnungen und Jahrestage für die Wiederkehr der Märkte eingeritzt, kleine Maßbestimmungen des Alltags, die doch nicht weniger als die kunstvoll gefaßte Größe des Turmgebäudes im gleichen gnomischen Anfang wurzeln. Es gibt dort zwischen den banalen und entstellten Straßenfronten noch ein paar der altgeschickten Häuser mit den poetischen Namen, aber reichlicher stehen sie in dem sauberen Basel und an den wohligen Gassen von Schaffhausen (…)”

(Aus Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Rotterdam (6)

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Pyramidalpeilung: die zentrale Rotterdamansicht ist von den Boompjes, der Straße, die den alten Hafen von der Nieuwe Maas trennt, aufgenommen worden. Im linken Bildmittelgrund Bäume und Häuser der Maasinsel Noordereiland, dahinter ragt der 2013 fertiggestellte Hochhauscluster De Rotterdam von Rem Koolhaas empor. Rechts die Erasmusbrücke und dahinter der brachial-moderne, auf verfallenen Hafenflächen angelegte Stadtteil Kop van Zuid. Bild: Lucas Hüsgen.

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Die belebten, nebeneinander liegenden Brücken von Rotterdam und die stolzen Häusertürme dieser Stadt sind die Torbogen des Rheines vor seinem Ende. Bis an den großen letzten Haken, den der Strom hier schlägt, schimmert die Merwede in dem weit auseinanderklaffenden Tiefland. Schönster Sport in Europa, auf dem dröhnenden Eis dieser klaren, freien Fläche hinzusausen, einen strengen Wind im Rücken, der das Segel des Schlittens wie einen Riß durch die Luft in zwanzig Minuten bis Dordrecht treibt. Auf den Deichen des majestätischen Stromstückes stehen saubere alte Städtchen, Häuser, deren Giebel umgestülpten Kähnen ähnlich sind, Ziegeleien, die chinesischen Dörfern gleichen. Kleine Wasserflächen strahlen als Fabrikhöfe in das Land, in der Ferne kriechen die Raupen windgekrümmter Alleen. Ländliche Kähne, mit Rüben beladen, liegen vor den Aeckern; hohe Schiffsrümpfe, mennigrot, ragen mit ihren schirmartig ausgespannten Gerüsten, im Rappeln der elektrischen Hämmer, hoch über das Baumgebüsch. Gewölbte Scheunen, untersetzte Windmühlen, deren Kreuze leer wie Gräten in die Luft starren, leicht wogende Binsenwälder, Arbeiterkolonien mit leuchtend roten Dächern, mit Alteisen und halbfertigen Schiffen gefüllte Werften, begonnene Uferbauten mit Kippwagenzügen und seichten Wasserflächen hinter dem Weidendickicht. Kleine schwarze Marktdampfer mit ländlichen Reisenden eilen dem von Masten und Türmen starrenden Horizonte zu. Mathematisch gebaute Fabriken, gläserne Dächer, sägenartig abgesetzte Profile neuer Arbeitshallen reihen sich enger, dann ordnen sich die Schlote und das Takelwerk der Seeschiffe zu Bündeln. Die Fensterreihen am Stromufer von Rotterdam schauen zu den Docks hinüber, sie beobachten das Anlegen und Wegfahren der Flußdampfer und der zugedeckten Kähne. Unablässiger Verkehr der Eisenbahnzüge, der Fußgängerscharen und der Lastwagen auf den Brücken und der quer gelenkten Fähren, von denen jede eine Versammlung von Seeleuten, Werftarbeitern, Angestellten, Drehorgelspielern und Hausiererkarren zum Ufer der Docks hinüberträgt. Die verwitterten Rheinboote im Hafen tragen am Heck ihre Heimatorte, die Namen von Heilbronn und Basel, von Antwerpen, Mülheim-Ruhr, Waspik, Homberg, Okriftel, Tiel, Straßburg, Mannheim, Oberwesel. Die Hütten der Holländerkähne sind grün und weiß lackiert wie Hochzeitstruhen oder glänzen dunkelgelb wie neue Möbel. Hundert offene Schiffsgefäße liegen unter den Seilen der Ladebäume vor haushohen, salzüberzogenen Dampferwänden. Aus den steifen Schläuchen, die über die Reling lehnen und in die tiefen Räume der Südamerikadampfer hinunterreichen, strömt das Getreide. Und die geschlossenen Schachteln der Kähne, die der kleine Dampfer stromauf schleppt, bringen den Margarinefabriken des Niederrheins die Palmkerne afrikanischer Wälder, den Schokoladefabriken von Köln und von Bern die mit Kakaobohnen gefüllten Säcke, sie führen Farbholz, Tabak, Kautschuk, Erze, Pflanzenfasern in den unermeßlichen Verbrauch. Aus den Fenstern des hohen Eckhauses am Stromufer schaut der Besucher über den Hafen. Hier oben in den stillen Sälen sind die alten Stadtpläne von Rotterdam mit den spitzen Bastionen an allen Ecken, die Modelle der Kauffahrteischiffe und der Kriegsfregatten, der javanischen Hausboote, der vergoldeten Staatsbarken, der modernen Schleusen, Bagger und Schiffsmaschinen. In diesem Museum sind die heroischen Marinen, die Gallionsfiguren, die Wimpel, alle die beiseitegestellten Dinge, in denen sich die ältere Beziehung Hollands zur See ausdrückt. Und drüben, jenseits des Wassers, hinter den aus Beton gebauten, mit Nummern bemalten Kolonnaden der Dockhöfe und der geschlossenen Speicher erheben sich die nüchtern hohen, ziegelroten Häuserblocks der Arbeiterviertel. Aus der griechischen Herberge “Peiraios”, aus dem Eiscreamgeschäft mit dem amerikanisch bemalten Schaufenster schallt Grammophongesang. Neben der Wirtschaft “Germania” sind die Läden von Hop Jee, Wong Sin und Kow Yun mit verstaubten Fischkonservendosen, mit chinesischen Zigaretten, Oel- und Saucenfläschchen in der Auslage und den gelben, insekthaft beschriebenen Speisezetteln an der Tür. Proletarisch gekleidete Chinesen stehen um das Billard im Kaffeehaus und hinter der Theke des Grünkramhändlers an der Ecke; ein paar rote Blusen und hochblonde Frisuren in der verschwiegenen Opiumluft eines Hausgangs verraten das übrige. Welche Stadt, bedrängt von allen Kräften der Gegenwart, genötigt, dem Problem der großen Verkehrsabwicklungen mit den weitesten Plänen zu begegnen. An den verworrenen, von Lärm erfüllten und altgewordenen Bau ihres Innern schließen sich die Massenquartiere des Randes. Das Wachstum dieser Stadt drängt sich unbestimmbaren Zielen der Weltwirtschaft entgegen, es ist ständig in Gefahr, in ein Chaos zu entgleiten. Der Gegensatz dieser motorischen Stadt zum übrigen Holland verlangt nach Ausgleich. Wie wird sie in zwanzig Jahren aussehen? In jenen Seestädten, die um das europäische Festland den Ring bilden, ist Rotterdam zwischen Hamburg und Antwerpen eine der kräftigsten. Das ganze Rheinland ist hinter ihr. Jede dieser Städte, am Ausgang ihres Hinterlandes gelegen, alle durch die Girlande der Schiffslinien miteinander verbunden, öffnet einem Ausschnitt des europäischen Raumes das Meer. Diese Seestädte strahlen ihre gewölbten Routen zu den Häfen des Erdballes über See. Das Salzwasser trägt alle Lasten leichter, Schiffe machen die Völker auch für andere Dinge bereit, deren Träger die Meerflut ist. Alle diese Städte, Empfänger und Sender in einem, stehen als die vordersten im Zeichen jenes Sehertums, das hinter dem Wettstreit der Volkswirtschaften die Einheit kommen sieht.

(aus Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Der niederländische Rhein

Der schweizerische Rhein spaltet wie ein Blitz das Felsgebirge. Der deutsche Rhein durchfährt den Leib des Landes magnetisch wie ein sammelndes Gefühl. Dem niederländischen Rhein gaben schon die Alten den Namen Rhenus bicornis, des Zweihörnigen. Denn ihn teilt sogleich die größte seiner Inseln, die fast ein Land für sich ist. Auf einem jener Weltbilder, mit denen Beatus, ein Mönchsgeograph des siebten Jahrhunderts, die Erde in der Form eines Eies darstellte, von der Schale des Meeres umgeben, in der die Fische und die Inseln in der gleichen körnigen Weise eingezeichnet sind, empfing der nördliche Rhein einen anderen Strom von jeder Seite, ehe er als ein doppelter Fluß durch das Land der Friesen in das Meer sank. Man kann an Maas und Lippe denken. In der Tat, die heutige Forschung liest in den Schichten von Ton und Schlammsand, die unter der Sichtbarkeit der jetzigen Rheinteilung liegen, eine verwischte ältere Schrift der Erde, deren Deutung das Bild des römischen Geographen bestätigt. Der Strom in Holland ist nun der klargeschnittene Rhein nicht mehr. Er trifft, schon ehe er das Meer berührt, die Nullhöhe; seine Auflösung, die beginnen muß, wird zu Teilen und Strecken des Wasserstaates, er durchfließt ein verwirrendes Netz von Gewässern. Von äußeren Linien her ist das amphibische Land von Wasserbändern durchflochten, zwischen den grünen und den blauen Flächen liegen die weithin gedehnten Kurven der Deiche. Kanäle, von der Seite einfallend wie der schmale Arm der Maas, der nicht tief genug ist, um auch nur den normalen Kähnen der Rheinschiffahrt einen Zutritt ins flandrische und französische Flußnetz zu geben, vergrößern den Strom, andere entziehen ihm das Wasser. Meeresarme, in das Land ausgestreckt, fügen ihn unversehens in das kosmische Gesetz der Flut und der Ebbe, die eigenkräftige Nähe des Meeres entführt ihn seitwärts in verwirrende Inselwelten. Wie durch ein Uhrwerk die Zeit rinnt, so rinnt der wasserreiche Strom durch das gewaltige und sorgsam angepaßte Uhrwerk, das geschaffen ist, das Nasse vom Trocknen auszuschließen. Ihn beherrschen die doppelten und dreifachen Deiche, die Pumpen und die Schleusen. Ein unablässiges Eintauchen der Meßinstrumente, ein ewiges und überlistendes Studium der Bewegungen von Wasser und Schlammerde, ein hartnäckiges Werk des Pfahlbaues und des Deichgrabens vollzieht sich und setzt das Arbeitserbe der Jahrhunderte ständig fort. Am oberen Rhein beschränkt sich der Strombau darauf, die Serpentinen wegzuschneiden, das Krumme zu strecken und zu kürzen; fast zu sehr beeilten sich dort die Ingenieure, den Abfluß des Wassers zu erleichtern. In den Niederlanden schufen die Baumeister seit Jahrhunderten die Molen und die langgezogenen Dämme, die den Hauptstrom erst nach Osten, dann westwärts richteten und ihn aufhalten. Mit der Waffe des Flusses führten die Holländer in der Vergangenheit gegen Römer und spanische Eroberer ihren Kampf. Kanäle wurden gegraben, um den Kriegsflotten bis ins Herz des Landes Zutritt zu geben, die Handelsflotten folgten nach. Ueberschwemmungen glänzten auf wie große Seen, Dörfer und Städte ertranken, aus einer Lache wurde der Lekstrom, dessen Breite ohne Tiefgang vor Rotterdam in den Rhein zurückfließt, und aus dem großen Bett des Stromes, der einmal zur Zuidersee hinfloß, tauchten Grasländer. Von dem Wasser, das durch den Kanal von Pannerden beiseite fließt, um sich in gekrümmten, kleinen und versickernden Rheinen bis an die See zu verlieren, bleibt der Waalstrom übrig. Zwischen flachen Ufern schaukeln gemächlich die rundlich gebauten Boote auf der milchkaffeefarbenen Flut. Die Schleppzüge, deren Kähne groß und aufgetaucht mit asphaltglänzenden, aus Eimern begossenen und mit Schrubbern bearbeiteten Rücken vorübergleiten, begegnen dem grün, weiß und rosa bemalten Raddampfer der Niederländischen Dampfschiffahrt. Durch Wolken schwarzen Rauches flattern Möwenscharen im salzigfeuchten Nordwestwind. Eine blanke Wasserfläche, von rauhen Schäumen überzogen, umgibt dann das von Kanälen und Brücken durchflochtene, von braunen Segeln besuchte Dordrecht. Vor dem breiten und dunklen Kirchturm ragt das Gehölz der Masten; bei den Seedampfern liegen die Flöße des Schwarzwaldes, die auseinandergenommen und auf die Werften, die Bauplätze und Sägemühlen des Landes verteilt werden. Eine Bucht, ein Wasserdurchbruch glänzt zur Schelde hin; die Schiffer auf der Fahrt nach Antwerpen reisen an den Inseln von Seeland vorüber, die Ebbe entblößt die ungeheueren, mit Muschelkolonien bedeckten Schlamm- und Tonbänke der Scheldemündungen, die braunsilbernen Schilfwiesen, die mit Algen bewachsenen Deiche des Archipels. Die steigende Flut hebt das Fahrzeug hoch und zeigt dem Schiffer über die Deiche hinweg die roten Dächer der Inseln, die grünen Weiden, das bunte Vieh, die bis zum Rand gefüllten Kanäle. Vor Dordrecht stellen die englischen Matrosen ihre dunkeln Segel, um über das Aermelmeer zu kreuzen. Regelmäßig nehmen die alten wohlbekannten Lastboote, die ihre Seile vom Ufer in Remagen lösten, die “Maggie” und die “Consul” mit einigen hunderttausend Apollinarisflaschen im plombierten Laderaum diesen Kurs. Die Ingenieure wollen dem alten Dordrecht eine neue kurze und offene Verbindung mit dem Meere geben. Draußen am Rand der Inseln richtet das altberühmte Vlissingen seinen Außenhafen zum Treffpunkt des großen Ozeanverkehrs mit den Schnellzügen des Festlandes, und es bietet dem atlantischen Luftweg nach den Alpen seine Ebene mit dem Flugzeugschuppen zur Landung.

(aus Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Die Zukunft des Bodensees vor 100 Jahren

Wir leben in der Anfangszeit eines neuen Rheines. Sein Bild wird allmählich in tausend Einzelstrichen auf den Blättern der Fachzeitschriften und in weitreichenden Erörterungen lebendig. Die Möglichkeiten des Rheines, mit vielfältig verzweigten Energien immer tiefer in das Leben der Menschen hineinzuwirken, immer tiefer eine Wasserstraße in das Land zu werden und schließlich den Bodensee zum größten Binnenhafen Europas zu machen, gelten besonders für den Teil des Rheines, der fast noch dem Hochgebirge angehört, sie rufen Erwartungen auf, je mehr sich die Lage Europas unter dem Stachel von Versailles verschlimmert und je mehr die wirtschaftlichen, industriellen, verkehrstechnischen, topographischen und gesetzgeberischen Vorarbeiten fortschreiten. Wie ein gotischer Dom in seinem Emporwachsen die Stämme und Lichter des Waldes und das Felsgetüm des Berges wiederholt, aber das Vergängliche beiseite läßt, so plant eine kollektive und faustische Phantasie die ingenieurmäßige Gestaltung des Flusses, die Entfesselung und Zähmung in einem ist.
Der Oberrhein besteht aus zwei Flügeln, und sein Angelpunkt ist Basel. Der eine Flügel endet im Bodensee, der andere in jener Breite des Stromes, die schon zum Vorhof des Weltmeeres wird. Beide Flügel bieten schwierige und verlockende Aufgaben für eine staatenbauliche Kunst, die bereit ist, Verantwortung für das Schicksal von Millionen künftiger Menschen zu tragen. Natürlich ist dies hier nur eines der Probleme, die überall in der Welt vorhanden sind, wo man aufgehört hat, das Werden von Massenstädten und Industriegebieten dem Zufall zu überlassen. Es besteht die Absicht, den Bodensee durch eine Höherlegung seines Spiegels zum Speicher gewaltiger Wassermassen zu machen, deren Abfluß dann gleichmäßiger sein wird als bisher. Die Wasserkräfte des Oberrheins entsprechen der Brennkraft, die in den Vorräten eines unerschöpflich großen Kohlenbergwerkes schlummert. Man will sie in vierzehn Kraftwerken gewinnen, die mit den Wasserkräften des Schwarzwalds zusammen die Möglichkeiten einer neuen Industrielandschaft bieten, die ganz Baden, Schwaben, das Elsaß und die Nordschweiz umfassen könnte. Niemand zweifelt, daß die Aufgabe lösbar sei, aber die Lösung ist durchaus nicht sicher. Sie kann eine schlechte und kleinliche werden. Dann wird dieser Teil Europas vor anderen Ländern zurückbleiben, vielleicht für immer. Wenn aber die Lösung glückt und eine große Hand verrät, so werden künftige Geschlechter sie bewundern. Das Gemüt der Planenden müßte wohl ein wenig dem Gehäuse ähnlich sein, in dem einst Dürer den heiligen Hieronymus darstellte, mit dem Hund und dem Löwen schlafend zu seinen Füßen, in stillster Unbefangenheit den menschlichen Leidenschaften gegenüber, die so rasch erwachen, um sich über irgendeinen Brocken zu zerfleischen.

(Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Tomasee

Es ist dünne Luft hier oben. Das breitoffene Tal des Hochgebirges liegt in eine Unendlichkeit von Licht gebettet, Bergspitzen säumen den Horizont scharf und nackt wie Beile aus der Steinzeit, sandfarbene und verwitterte Häupter, weiß herüberglänzende Berggebilde, deren Rücken sich heben und senken wie Diagramme einer unumstößlichen Tatsachensprache. Unten aber sind die bewaldeten und samtbraunen Kuppen in weitem Wurfe abwärts gekrümmt. Den Gipfel, auf dem unser Fuß jetzt steht, sahen wir in der Morgenfrühe noch in der äußersten Ferne, wir fuhren im offenen gelben Postwagen der Alpenstraße auf ihn zu; er ist der am hellsten strahlende Winkel in der Schneewelt des Gotthard-Körpers, sein Name ist der Baduus. Nun liegt seine steile Wand im Schatten unter uns, Granitgestein in mürbem Schnee vergraben, buntes und mit Flechten überzogenes Felsgestein, aus dessen Löchern die Murmeltiere pfeifen, feuchtes Geröll, dessen Rinnsale in ein sumpfig rotes Gelände niederfließen. Wir sahen diese alabasterne Höhe, deren Lautlosigkeit vollkommen ist, im Gedräng der schattigeren Kämme und ahnten schon aus der Form dieses Gipfels, der wie ein Becher ist, den kleinen, kristallenen See. Die höchste Spitze des Berges lag fast durchsichtig im Mittagslicht, mit zwei brennend weißen Stellen, die funkelnden Augen glichen. Nun liegt ganz weit hinter allen sanften Biegungen des Tales das alte große Kloster mit dem Dorf zu seinen Füßen, die Kirche von Disentis, hochgewölbt mit goldüberladenen Altären, mit ihren kühlen, steinernen Treppengängen und dem sonnigen Obstgarten, aus dem uns ein Mönch, auf der Leiter stehend, eine Handvoll bernsteinroter Pflaumen vor die Füße warf. Wende ich den Kopf hier oben, so sehe ich vor dem weiß und schwarz gefleckten Abhang den See. Seine vier flachen, kleinen Buchten geben ihm einen regelmäßigen und länglichen Umriß. Sein Spiegel ist vollkommen klar, seine Tiefe scheint unergründlich. Feierliches und belebendes Gefühl, daß dieser geheimnisvolle Spiegel der Quell eines großen Stromes, der Urbeginn des Rheines ist, und dieses Gestein die kristallene Schale, in die aus Schneegefild und Wolken die meerentstiegenen Wasser niedertriefen. Könnte doch Europa sein Antlitz über diesen Spiegel neigen, seine zerrissenen Züge würden sich glätten, es würde gütigeren und reineren Herzens, mit den kleinen Blumen dieses Berges geschmückt, in seine Täler niedersteigen! Die Höhlen des Abhanges hier in der Nähe würden fromme Griechen einst dem Pan, dem Asklepios geweiht haben; vielleicht hätten sie zu Füßen dieses Berges, wo die Paßstraße in Schlangenwindungen zur Seite steigt und ein preisgegebenes Bahngeleise die Einöde der Hirten durchschneidet, ein gewaltiges Delphi errichtet mit tönenden Hallen und schimmernden Weihegaben.
Mir scheint, daß selten ein menschlicher Fuß den steilen, nur von blassen Enzianblümchen geschmückten Abhang hier oben betritt. Wir schöpfen Wasser, um eine Schale Tee zu kochen, ein Stück Brot und ein Apfel ist unser Mahl, die Sonne röstet unsere mit Schnee geriebene Haut. Wir steigen nochmals zum See hinab und gehen am Ufer entlang zwischen Felsentrümmern, die Sarkophagen, urweltlichen Thronen und Säulenstümpfen gleichen. Die Sonne vollendet jetzt ihren abendlichen Bogen; sie berührt die Bergspitze, das Wasser kräuselt sich unendlich leise von dem ersten kühlen Fallwind. Noch ruht warmes Licht auf unserem Abhang, aber das Kristall des Wassers färbt sich unendlich zart opalisch, es gibt stärker die grünliche und orangene Farbe des Himmels wieder, der Umriß des Berges, finster im Goldgrund des Himmels, wiederholt sich im See mit körperloser Dunkelheit. Und plötzlich, da die Sonne verschwindet, ist Winter hier oben, der ferne Bach, der durch ein Felsenmeer herabstürzt, rauscht fremd und eisig. Der See ist flaschengrün, von Schuppen überzogen, die anfangen, Wellen zu werden.

(Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Hirnrinde

Von einer himmlischen Höhe gesehen, müßte diese Alpenwelt mit ihren Tälern und ihren keulenförmigen steinernen Lappen wie die Rinde einer Hirnmasse erscheinen. Was würde dann noch zu erkennen sein von den Hecken, Landstraßen und Viehweiden in dem gleichförmigen Bewuchs ihrer Tiefe? Man würde aber an diesem Punkte hier, wo die beiden kleinen Flüsse kampflustig aufeinanderprallen, das Ende zweier langgestreckter Furchen erkennen, die von weither einander zustreben, um sich nun in einer einzigen größeren Talbreite fortzusetzen. Auf den Treppen der Bergwände stehen die Tannen, die kurzgefaßten Wiesen, auf einem samtgrünen Hügel der unscheinbare Obelisk des Kirchturms, der in entfernte Schluchten hinüberblickt. Dem Wanderer sind die Horizonte verkürzt. Die spitzen Glockentürme und die Reste hochgelegener Burgen sind in diesen Tälern wie Periskope, die das ewige Recht des Auges wahren.
Eine Landstraße rankt sich vom Bahnhof über die eiserne Brücke des Tales zu den breiten Höfen des Fleckens Reichenau hinüber, sie führt auf einer zweiten schräg gestellten Brücke über den kiesbelegten Abgrund und verzweigt sich durch Felder und waldnahe Reviere den halbversteckten Ortschaften zu. Und von der Bastei des wohlgepflegten Gartens auf dem Felsenvorsprung, auf dessen Wipfelgewölb das Dachtürmchen eines weißen Schlosses nach allen Seiten um sich blickt, sieht der Wanderer die beiden Wasserflüsse, kalkgefärbt, sonneglänzend, von einem sanften grünlichen Pastellgrau an den beschatteten Stellen. Ihr helles Rauschen, wie auf Dur gestimmt, hebt sich aus jenem kurzen, brausenden Wirbel, dessen Schollen geglättet weiterjagen. Das ist der Rhein, der hier aus seinen beiden fernen Quellen zusammenfließt, aus Gletscherwassern, von kalten Schneefeldern herabgeschmolzen, in funkelnden Wasserstürzen geläutert und im Anprall ausgehöhlter Felsenwände mit Sand, Geröll und Steinpulver gesättigt. Er flutet schwer und gläsern gegen den Fels, von dem der zierliche Pavillon aus den benetzten Gebüschen herabsieht; sein gegenüberliegendes Ufer ist eine kleine, vom Flugsand gebildete Dünenlandschaft, von strömungsloser, glasreiner Flut gestreichelt. Schon haben alle die Gewässer, die aus versteckten Tälern kamen, um dies stolze Rinnsal anzufüllen, den Namen des Rheins getragen. Rhein, Rhone und Reuß, die wie ein Stern von langen Silberadern dem gewaltigen Felsenleib des Gotthard entstrahlen, mit ihren Wurzeln zusammengebunden, doch nach drei Weltseiten entfliehend, tragen das Urwort ihres Namens durch alle Sprachen Europas und bewahren wie im romanischen und germanischen Klang so auch im halbvergessenen keltischen und griechischen den geheimnisvollen Sinn. Auf dem Felsenvorsprung hier, den der erste und schönste Garten des Rheintales mit seinen Rosenbeeten, seinen Felsenspalieren, seinen Papyruswäldchen, seinen Blutbuchen, bläulichen Kiefern und uralten Waldresten deckt, stand in der Vorzeit ein römisches Steinbild. Es war von den Fremden errichtet, die dem größeren Strom in Köln die Münze mit der Inschrift Deus Rhenus schlugen. Das weitgereiste und überschauende Volk der Römer sah den Rhein neben Nil und Tiber als einen der drei großen Naturkräfte, die zu Stützen seiner Machtbereiche geworden waren, und stellte die liegende Gestalt des Flußgottes mit dem umgestürzten Krug auf dem Kapitol zur Schau.
Im Hofe des bürgerlichen Schlosses ist der Knecht beschäftigt, einen Reitsattel zu putzen; in dem stattlichen Wirtshaus zum Adler an der Seite des Schloßgartens sitzen Bauern beim Wein; vor dem Dorfe begegnet mir ein Heuwagen mit falben Rindern, von schwarzhaarigen Männern von römischem Aussehen geführt; ein paar Kinder grüßen den Fremdling mit gelassener Freundlichkeit; im abendlichen Schatten der Bäume gehen zwei Engländerinnen. Das kleine Blockhaus des Bahnhofs steht ein wenig über der Landstraße, auf der jahrhundertelang die Karawanen mit Kaufmannsgütern, Schriftstücken und Waffen beladen von Italien nach Deutschland, von Deutschland nach Italien zogen; die beiden Täler des Rheins waren hoch und drohend, beide verdienten es, Via Mala zu heißen. In ihrer schmalen Tiefe eilen jetzt die Züge mit der Gabel am Draht, schwere Maschinenwagen, lackglänzend. Das Blockhaus, in der beginnenden Nacht, ist mit gelber Lichtfarbe angefüllt, an den Wänden die Fahrplantafeln und die Plakatbilder schwedischer Schneegebirge und Wasserfälle. Das kleine Haus ist heute nichts weiter als einer der Stützpunkte in der nüchternen und exakten Gastlichkeit der modernen Touristik. Aber diese Landschaft umfaßt in ihrer ungeheuren steilen Gedrängtheit den Süden wie den Norden, wie sie von jeher die Menschen von Süden und Norden an sich zog. Im uralten Wechsel von Tag und Nacht ist jetzt die kurze, schweigende Dämmerstunde. Noch weilt am Himmel die klare Tagesbläue, die Talwände versinken im Schwarz. Plötzlich erhebt sich das Geläute einer Dorfkirche irgendwo mit gleichmäßig tönendem Hämmern, um einsam und zögernd zu verstummen. Aus einer schwarzen Talkulisse schießt der Zug in das aufstrahlende Geleise, dessen Wegzeichen glühenden Pfeilspitzen ähnlich sind. Der Zug eilt durch die frische Heuluft einer nebelhaften Ebene der alten Stadt entgegen. Wie ein Sternbild elektrischer Lichtpunkte zeichnet die Stadt Chur in die Dunkelheit der Bergwände den Umriß der alten Schuttmoräne, auf die sie hingebaut ist.

(Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Rheinzitat (4)

Europas Jordan ist der Rhein
Man kann ein Weltkind und gläubig sein

(aus: Alfons Paquet – Kurze Biographie)