Rheinisches Silvester

Mit Wilden am Rhein entlang wie Humboldt einst am Orinoco: dafür garantiert die Deutsche Bahn. Die Silvesterstrecke Köln-Düsseldorf übernommen von weißgewandeten Partyjüngern aus den umliegenden Dörfern. Die pärchenweise, mit Billigsektresten bewehrt, ab auf die Bordtoilette. (Bei dem Pulver, das die innehatten, hamsese wahrscheinlich sauber geleckt.) Was man halt so tut, im Zug, wenn er in Form und Inhalt einer Sardinenbüchse nacheifert. Ddorf selbst grüßt mit leichtem Schneegestöber und den alten Kumpanen, in gemischter Erinnerung ans ewige Leben kommt fetziger Fasan mit Proseccokraut im Punkrock aufs Eßbrett, beim Bleigießen ergeben sich nur komische Keulen, da spart man sich lieber die Feininterpretation. Parallelgeschaltet läuft Karaoke nur mit den besten Slime-Krachern, todsichere Anwendung, um ein verwehendes Jahr endgültig in die Tonne zu kloppen. Am Friedensplätzchen dann sinnigerweise Raketenwerfer und Böllerinferno, Doses Raketen verzischen in der Erdumlaufbahn, überhaupt böse abgeschossen der ganze Himmel, als könnt ausgerechnet er was dafür, daß es immer weitergehen muß. Gemeinschaftliches Vernichten des Edelgins, dazwischen paßt ein durchaus champagnerartigen Glanz abstrahlender Schaumwein, die Nacht wird blasenförmiger und verteilt sich vorbildlich um in ihre einzelnen Aspekte, was ham wir nicht wieder alles geredet, ja, was eigentlich? Draußen wird es ruhiger, die Stadt gönnt der Nacht wie letztes Jahr genau jene Zeit, die sie braucht, um alles so zusammenzusetzen, daß es am andern Morgen wiedererkennbar wirkt. (Hat sie denn auch blendend hingekriegt.) Der Neujahrsschnee kommt wie bestellt, der Rheinturm bietet weiterhin die Möglichkeit zur Simulation freien Falls mit seinen wahnsinnsauslösenden Aussichtsfensterschrägen, direkt hinterm Stadttor schwillt der schwere graue Rhein hervor, zieht mächtig gen Holland, scheint etwas verkatert, spricht jedenfalls kein einziges freundliches Wort. Die fantastische Promenade entlang, gegen die sich die Linke damals so gewehrt hat, am allerschönsten sind ihre noch unvertwitterten Stellen, “Und wir schunkeln!” steht am Haus des Karnevals, ein Motto, das den geneigten Anwender sicher problemlos durch 2010 tragen wird, nicht nur in Düsseldorf. Bolkern über die Bolker, Referenzerweisen am Heinehaus, eine frierende Bettlerin, von Schickeria umgeben, das Bild hält lange vor, weil es kein Bild ist, sondern beschissene rheinische Realität. Der Hauptbahnhof wartet im Glitzerhemd, die Züge sind teurer geworden, dafür kommen sie gleich erheblich verspätet. Schneelandschaft im Halbdämmer. (In den Alpen vergißt man so leicht, daß es Städte wie Leverkusen überhaupt gibt.)

Unkeler Basalte

„Der Unkeler Steinbruch gehört unstreitig zu den grössten mineralogischen Merkwürdigkeiten unsers deutschen Vaterlandes. Häufig angestaunt und bewundert, selten aufmerksam untersucht, kann er jedem Naturforscher noch reichen Stoff zu neuen Beobachtungen darreichen. Zwar gab Herr Collini eine weitläuftige Beschreibung davon in seinem vortreflichen Journal d’un voyage mineralogique. Aber die Lage der Basalte hat sich, seit jener Reise, merklich verändert. Herr de Luc, dessen philosophischer Geist ungern lange bei den Wirkungen verweilte, sondern immer nach den Ursachen spähte, betrachtete die Unkeler Basalte nur flüchtig. Er wollte den Anfang jenes mächtigen Lavastroms sehen und wurde durch die Entdeckung eines – handbreiten Craters für seine mühsamen Nachforschungen elend belohnt. Ich bin nicht eitel genug, um die Lücke ausfüllen zu wollen, welche zwei so berühmte Mineralogen gelassen haben. Ich liefere hier nur einzelne Beiträge zur genauern Kenntniss der Rheinischen Gebirge. Zu einer Zeit, in welcher der Streit über die porösen Steinarten so lebhaft geführt wird, kann dieser kleine Versuch vielleicht nicht ganz ohne Interesse erscheinen. Ich habe mich bemüht, bei der Beschreibung der Linzer und Unkeler Basalte überall Rücksicht zu nehmen: auf die Gebirgsart, welche sie durchbrechen, auf die Gestalt der Säulen, auf ihre Lage gegen den Horizont, auf ihr Streichen nach dieser oder jenen Weltgegend u. s. f. Die Angaben der äussern Kennzeichen sind nach den meisterhaften Vorschriften des Herrn Werners entworfen. Vielleicht würde man es, wenn man diese Vorschriften allgemeiner befolgte, ohne Vernachlässigung der chemischen Analysen (welche immer den Vorzug behalten) es in der Oryktognosie endlich so weit, als in der Botanik bringen, und, nach vollständigen Definitionen, eben so über ungesehene Mineralien, als über ungesehene Pflanzen urtheilen können. Dass ich die Kräuter, Moose und Flechten überall mit anführe, welche ich auf den Basalten fand, werden Viele für sehr überflüssig halten. Ich glaube mich aber durch die Gründe, welche ich in der Abhandlung selbst dafür anführe, und noch mehr durch das Beispiel grosser Naturhistoriker von diesem Vorwurfe befreien zu können (…)“ heißt es vorangeschickt und wenig zerstreut in Alexander von Humboldts Vorrede zu „Mineralogische Beobachtungen über einige Basalte am Rhein – Mit vorangeschickten, zerstreuten Bemerkungen über den Basalt der ältern und neuern Schriftsteller. Braunschweig, In der Schulbuchhandlung 1790“, in welchen der rheinische Stein und die ihn bevölkernde rheinische Pflanze aufs ursächlichste unter die Lupe genommen werden. Immer wieder erstaunlich, auf die Ausformungen des Erdkörpers verwiesen zu werden, das Enstehen und Vergehen von Landschaften, ganzer Gebirge und die Akribie des Menschen, solche Eindrücke einzufangen und festzuhalten, die zugleich in unfaßbarem Maße über ihn hinwegrollen: das Rauschen der Jahrmillionen, das Knacken der Jahrmilliarden, die unsägliche Hitze und das lächerlich kulissenhaft Formale brodelnder Unendlichkeit.

Spin am Rhein (2)

Peeter Müürsepp beschreibt in seiner Schrift „Über die Bildung der Flußbetten. Das Baer-Babinetsche Gesetz“ die Beziehung zwischen Erdrotation, Flußverläufen und Uferbildung. Sowohl Baer, der „Humboldt des Nordens“, als auch Babinet, Mitglied der Pariser Akademie der Wissenschaften, vertieften die Beobachtungen von Gaspard Gustave de Coriolis, der 1835 erstmals die Schein- bzw Trägheitskräfte, die auf jeden Körper wirken, der sich in einem rotierenden Bezugssystem bewegt (so z.B. auf Flüße wie den Rhein), mathematisch herleitete. In den Astrachaner Gouvernements–Nachrichten vom Oktober 1856 verkündete Baer: „Die Erde dreht sich bekanntlich um ihre eigene Achse von West nach Ost. Also muß sich jeder Ort der Erdoberfläche um so schneller drehen, je näher er am Äquator liegt. Jeder Ort am Äquator hat täglich einen Weg von 5400 Meilen zurückzulegen. Ein Ort auf dem 60. Breitengrad dreht sich halb so schnell, und ein Ort in der Nähe des Pols bewegt sich fast gar nicht. Demnach hat jeder Körper auf der Erde dieselbe Geschwindigkeit wie der Ort, an dem er sich befindet. Dies ist eine in der Physik seit langem bekannte Tatsache, die also nicht weiter bewiesen zu werden braucht. Ich weise lediglich darauf hin, daß wir alle an die nächste westliche Wand gedrückt werden müßten wenn wir uns nicht mit der Erde mitdrehten und sie sich allein nach Osten bewegte. (…) Auf unserer nördlichen Hemisphäre (…) muß also (das Wasser) bei allen Flüßen, die nicht parallel zur Erdumdrehung fließen, nach dem rechten Ufer drängen. (…) Es kann kein Zufall sein, daß alle großen Flüße Rußlands, die nach Süden fließen, ein steiles Westufer, und alle, die nach Norden fließen, ein steiles Ostufer haben. (…)“ Vor Baer präzisierte Babinet (in: „Influence du mouvement de rotation de la terre sur le cours des riviéres“), nach Baer präzisierte Einstein (in: „Die Ursache der Mäanderbildung der Flußläufe und des sogenannten Baerschen Gesetzes“) diese Umstände, Müürsepp faßt dankenswerterweise zusammen. Wer nun fleißig den Rhein auf und ab läuft, um obgenannte Thesen zu prüfen, wird, weil der Strom derzeit zu weiten Abschnitten gebändigt und befestigt ist, nur gelegentlich Beweise antreffen – und im Internet, der großen Simulation, die sich letztlich, wie eigentlich alles Bekannte, auch in einem rotierenden Bezugssystem bewegt, wird unterdessen fleißig darüber diskutiert, ob die Corioliskraft nun als reale Scheinkraft oder vielmehr als Ammenmärchen zu verstehen sei.

Rolandsbogen

Alexander von Humboldt soll geäußert haben, daß der Rolandsbogen am Hang des Rodderbergs einen der sieben schönsten Blicke der Welt biete. Die anderen sechs würden mich ziemlich interessieren. Natürlich muß sich der Wanderer einen solch hochrangigen Blick erst erkämpfen. Bei Küchen Lauth in Rolandswerth führt eine Straße auf den dicht bewaldeten Berg, der abenteuerlustige Forscher aber nimmt den bei Regen als Flußbett dienenden Kopfsteinpflasteraufstieg, wobei er durch eine kleine Reihe in ihrer Imposanz sich stufenweise vergrößernder (somit fern ans Babuschkapuppenprinzip erinnernder) Bögen schlüpft, um schließlich nach manchen Mühen am einzig wahren Rolandsbogen zu landen. In der Botanik rechts und links des Pfades lauern zähneknirschende Kleinlinge, liegen zerfressene Kadaver seltsamer Reh-Fuchs-Mischwesen (Rechse, Fouchéen), die aufgrund ihrer je zwei Reh- und Fuchsläufe starker Gefährdung ausgesetzt häufig die bösen bleichen Leichenfliegen locken, die diesen Regenwald, sowieso schon eine Hölle aus Schlamm und Gestank, aus dem überflüssigerweise an einigen Stellen heißer Drachenatem aufsteigt, vollends in ein Gebiet verwandeln, das nur Verrückte und Dichter freiwillig betreten. Die Einheimischen im Kiosk von Rolandseck immerhin hatten mich vorgewarnt: Steile Wege, selten betreten, Suchtrupps keine vorhanden, „Sie schaffen das schon!“ Ohne Zeichen besonderer Unruhe rauchten sie ihre Zigaretten weiter, kniffen ein Auge zu zum Abschied. Ich tat es ihnen gleich. Auf halber Höhe das Freiligrathdenkmal, eine Art mißlungenes Amfitheater, mit einem zivilisierten Rhododendron dabei. Freiligrath, der Dichter des Rolandsbogens! Noch ein paar Meter, dann ist es soweit. Rückseits des Restaurants am Rolandsbogen werden Abfälle per Aufzug aus dessen Eingeweiden transportiert. Dann tritt das ewig dröhnende Rheintal aus den Baumkronen. Durch den Rolandsbogen selbst bietet sich ein perfekter Ausblick auf den Drachenfels, der stark an den Blick vom Drachenfels auf den Rolandsbogen erinnert. Neben dem Bogen steht ein noch von Humboldt dort installiertes Euroskop, mit dem man gegen Münzeinwurf auf das mystisch in Drachendunst gehüllte Circasiebzehngebirge und das anschließende Polen schauen kann. Unten im Rhein streckt sich die unzugängliche Insel Nonnenwerth mit ihrem Kloster und den für die (oder von den?) Nonnen kunstvoll angelegten Beachvolleyball- und Fußballfeldern. Es ist wahrlich ein schöner Blick. Hier oben also stand der Ritter Roland und sann im efeuumrankten Fensterbogen täglich seiner verlorenen Liebe nach, die unten im Kloster Ballspiele betrieb und nicht wieder hinausdurfte, weil Gelübde noch etwas galten zum einen, zum andern auch nicht hinauswollte, weil sie ihren Roland gefallen dachte. Roland also stand hier und sann und mag bisweilen auch mit Kanonen auf Drachen geschossen haben – der Drachenfels lag und liegt in Sicht- bis Schußweite. Hier läßt sich aushalten, der Nieselregen spielt überhaupt keine Rolle mehr, bei diesem geschichtsgetränkten Rheinpanorama. Der Abstieg stimmte denn auch melancholisch, ich hatte noch ein wunderschönes Apollinairegedicht gelesen und die Rutschgefahr war immens.

rolandsbogen2b_roland-bergere_mai09

(Der Autor beim ca siebtschönsten Blick der Welt. Foto: Roland Bergère)