Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (7)

” (…) – ”Ah, da haben die Kerle sich was ganz feines, einmal etwas wirklich richtig Originelles ausgedacht: einen hochwertigen Foto-Abzug der List-Fabrik (21) (den höchstwahrscheinlich der Neffe Bènes mit seinem Computer frisiert hat).

fabrikList-Fabrik im Farbenspiel

Sicher ist Ihnen das Gebäude aufgefallen? Von der Rue de Boofzheim ist es nicht zu verfehlen. Die Fabrik wurde im Bauhaus-Stil gebaut, wissen Sie? Eine schöne Abwechslung jedenfalls gegenüber der üblichen ”Mariensäule am Rhein”-Trophäe, von denen ich schon vier Stück habe…“

Grians und Emmele standen plötzlich auf. „Gleicht fängt das Spiel an“, sagte er.
- Das Spiel? Wer spielt?
- Der FCR, 2, natürlich…
- Gegen wen?
- Das weiß ich nicht. Gegen die erste Mannschaft vielleicht? Das kommt schon vor…

Frau Grians ihrerseits kündigte an, sie müsse „auf Streife zum Friedhof gehen“. Auf meine Frage, ob die dort Liegenden bedroht wären, antwortete sie: „Nicht die Toten! Wir sind bedroht!“ Tigermücken würden nämlich gerne ihre Eier auf Friedhöfen ablegen. „Nicht am Rhein?“ – „Von wegen! Das verfaulte, stinkende Wasser in den Blumentöpfen ist für ihre Brutstätten viel geeigneter. Verstehen Sie? Also nein, die Toten haben wirklich nichts zu befürchten, oder jedenfalls mehr von den Lebenden als von diesem Denguefieber (22)!”. Emmele ging also sozusagen auf Mückensafari… Und auch ich machte mich auf den Weg. Links vorm Eingangsportal des Friedhofs stand ein Schild “Parcours de Santé” (23), dessen verheißungsvoller Richtung ich nun folgte. Er führte zuerst den Friedhof, dann an Bäumen, Gräsern, Häusern entlang, immer geradeaus bis zum Rhein, der irgendwo hinter Gehölzen und Gebüsch versteckt, also unsichtbar, dahinfloß.

Nun, liebes Rheinsein, hier endet mein Bericht.
In Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,
Ihr Marcel Crépon.”

(21) “Mit einem anderen wichtigen Bau kommt auch das während des Dritten Reichs aus der repräsentativen Architektur verbannte Lager der modernen Architekten ins Spiel. Vollständig erhalten ist ein Fabrikgebäude in Rheinau (Rhinau) bei Straßburg, das ab 1941 für ein Werk der Berliner Firma “Heinrich List” für die Produktion von elektrotechnischen Ausrüstung für
Flugzeuge errichtet wurde. Entwurf und Ausführung lagen bei Ernst Neufert, dem einstigen Bauhaus-Schuler und früheren Bürochef von Walter Gropius in Dessau. Neufert galt seit der ersten Auflage der 1936 zuerst publizierten, heute weltweit verbreiteten Bauentwurfslehre als der führende Fachmann für alle Frage der Normung in der Architektur. So ist es kein Zufall, dass Neufert den Bau in Rheinau als Muster eines umfassenden Normungssystems konzipierte, das von ihm zur gleichen Zeit mit ausdrücklicher Rückendeckung von Hitler und Speer vorangetrieben wurde. Dessen Grundlage war der sogenannte Oktameter, eine Maßordnung auf der Basis einer Teilung des Meters nicht durch zehn sondern durch acht, die bestimmte Vorteile für die Baupraxis hatte, besonders für die Vorfertigung und für den sparsamen Umgang mit Baumaterial, was während des Krieges von
großer Bedeutung war. Im Grundrissraster und in sämtlichen Details der dreigeschossigen Fabrik in Rheinau ist dieser Oktameter wieder zu finden. In Neuferts wichtigstem theoretischen Werk, der Bauordnungslehre von 1943, ist die Fabrik anonym beschrieben und abgebildet, als Beispiel, wie der künftige Industriebau zu entwickeln war. Die Neufert’schen Maße sind dann
in zwei Stufen 1942 und 1950 DIN-Norm geworden, und damit ist Rheinau immerhin nichts weniger als der Prototyp für die “Maßordnung im Hochbau”, die den westdeutschen Wiederaufbau begleitete (DIN 4171 und 4172)“ (Wolfgang Voigt, Von der Hitlerskizze zur “Neuordnung” und zum ersten Wiederaufbau. Deutsche Planungen und Bauten im annektierten Elsass 1940-1944. In: Tilman Harlander, Wolfgang Pyta (Hrsg.) NS-Architektur: Macht und Symbolpolitik, Kultur und Technik Band 19 (Berlin, 2010))
(22) Emmele prononzierte „dingue“: „bekloppt“
(23) Trimmpfad

Presserückschau (Januar 2015)

1
Tödlicher Sturz: Die Presse meldet jährlich etwa 25 Rheintote – damit dürften jedoch nicht alle Fälle erfaßt sein, in denen der Rhein ein Schicksal besiegelt. Einzelne Todesfälle erhalten besondere mediale Aufmerksamkeit, so der Unglücksfall einer jungen Frau, die in der Silvesternacht in Köln über Bord eines Schiffes ging: “Ein Gast, der in der Nacht zum Donnerstag mit Freunden auf dem Partyboot war, (…) erhebt schwere Vorwürfe: „Nach 0.30 Uhr ging es an Bord richtig rund. Neben mir haben sechs Typen auf einen eingetreten, der am Boden lag“, so der Kölner. Der tödliche Sturz ereignete sich um kurz vor 1 Uhr in der Nacht auf Höhe der Kölner Altstadt. An Bord gab es offenbar nicht nur eine Schlägerei: „Überall prügelten Typen aufeinander ein“, so der Augenzeuge. (…) Auch Drogen hätten an Bord eine Rolle gespielt: „Da wurde gekifft ohne Ende“” (Focus)

2
Waghalsiger Sprung: “Ein angeschossenes Wildschwein hat am Wochenende die Innenstadt von Oberwesel unsicher gemacht. Es wurde am Bahnhof und auf dem Marktplatz gesehen. Viele Passanten hatten nach Polizeiangaben den Notruf gewählt. Grund für die Flucht des Keilers könnte eine in der Nähe stattgefundene Treibjagd gewesen sein. Die Jäger waren dem Tier auf den Fersen bis es sich zu einem waghalsigen Sprung in den Rhein entschloss und ihn durchschwamm. Nach Polizeiangaben konnte das Tier den Jägern entkommen.” (SWR)

3
Russisch-orthodoxes Ritual: “Es ist eine Tradition in der russisch-orthodoxen Kirche: Zum Epiphania-Fest segnen Geistliche die Gewässer in ihrer Umgebung. In Bonn ist das natürlich der Rhein. Erstmals nahm Erzpriester Sokratis Ntallis von der orthodoxen Gemeinde in Limperich diese Segnung (…) auf der “Rheinnixe” vor. (…) Zuvor (…) hatte Ntallis die Göttliche Liturgie zelebriert. Dann wurde nahe des Beueler Fähranlegers, wo sich viele Gemeindemitglieder und Zuschauer eingefunden hatten, eine Segensfeier nach orthodoxer Tradition auf dem Oberdeck zelebriert. Am Ende warf (…) der Erzpriester (…) ein an einem Seil befestigtes Kreuz in den Rhein, das er anschließend wieder aus dem Wasser zog. Dieses Ritual erinnert an die Taufe Jesu im Jordan und an die Bedeutung von Flüssen als Teil der lebendigen Schöpfung. (…) “Den Fluss zu segnen, bedeutet, alle zu segnen, die auf ihm unterwegs sind, aus welchen Gründen auch immer.”" (General-Anzeiger)

4
Massenkentern: Bei Wiesbaden findet im Januar eine traditionelle Rudersternfahrt statt. Bei stürmischem Wetter kenterten dieses Jahr sechs Boote mit jeweils fünf Insassen, die im Rhein zu verschwinden drohten. Der Hessische Rundfunk berichtet: “Auf dem Rückweg des gemütlichen Treffens mit gemeinsamem Eieressen bei Glühwein und Kinderpunsch im Mainzer Stadtteil Weisenau kenterten am Nachmittag bei Wiesbaden mehrere Boote. (…) Im Vereinsheim der Biebricher Rudersportler kümmerten sich Ärzte und Sanitäter um die frierenden Geretteten. Nach Angaben der Einsatzkräfte wurden sieben Insassen der gekenterten Boote verletzt, zwei müssen demnach wegen Unterkühlung im Krankenhaus behandelt werden. (…) Als die Ruderer sich in Weisenau auf den Rückweg machten, sei es zwar windig, aber nicht bedenklich gewesen. (…) Die äußerst heftigen Böen und hohen Wellen, die später die Boote zum Kippen brachten, seien völlig überraschend gekommen. (…) Es sei auch nicht übermäßig viel Glühwein getrunken worden. Laut den Statuten gilt beim Rudern genauso wie beim Autofahren eine Grenze von 0,5 Promille Alkohol.”

5
Kalkars Flutmulde: “Gerade ist noch ein Schiff in die Flutmulden-Baustelle eingefahren, um ein paar schwere Steine abzuladen, mit denen der Bereich befestigt werden soll. Jetzt ist allerdings erst einmal Pause auf der Riesen-Baustelle am Rhein. Wegen des Hochwassers kann auf Reeserschanz erst einmal nicht mehr gearbeitet werden. (…) Wie berichtet, wird direkt gegenüber der Reeser Promenade ein riesiger Bypass für den Rhein angelegt. Dieser kilometerlange Kanal hat allerdings im oberen Teil nur bei einem gewissen Wasserstand eine direkte Verbindung zum Rhein. Ziel ist nämlich, dass bei Hochwasser die Schwelle zur Flutmulde überspült wird, so dass es einen Parallel-Kanal zum Strom gibt. Dadurch wird der Druck auf den Rheinboden und die Stadtmauer Rees gemindert. Aktuell ist die Schwelle um 2,50 Meter überflutet: Die Flutmulde ist also “angesprungen”", berichtet die Rheinische Post. Das schöne Wort “Flutmulde” war uns bis dato gänzlich unbekannt. Der erwähnte “Bypass” soll eine Länge von rund drei Kilometern bei 130 bis 180 Metern Breite erreichen.

6
Holzbrücke für Köln: “Sie könnte eine Top-Attraktion für die Stadt sein: Eine rund 430 Meter lange Holzbrücke verbindet den Rheinauhafen mit dem rechten Rheinufer. Hoch über dem Fluss schwingt sich elegant und schlank eine Holzkonstruktion mit rekordverdächtiger Länge. Was für viele schwer vorstellbar ist, ist technisch möglich, wie die 24-jährige Kölnerin Stefanie Gorgels bewiesen hat. Für ihre Abschlussarbeit als Ingenieurin an der Fachhochschule hat sie eine „Spannbandbrücke“ für Fußgänger und Radfahrer entworfen und berechnet. Geschätzte Baukosten: 3,4 bis 4 Millionen Euro.” (Kölner Stadt-Anzeiger) Die Brückenplanung greift eine Idee aus Albert Speers städtebaulichem Masterplan für Kölns auf, den Rhein mit zwei weiteren Brücken zum absoluten Zentrum der Stadt aufzuwerten. Ob der Plan jemals umgesetzt wird, bleibt allerdings fraglich.