Karlsruhe (4)

Bei der Anfahrt mit dem Zug aus Richtung Norden bildet sich die Idee Karlsruhes bereits mit dem Verlassen Mannheims: die landschaftlichen Linien, der badische Dialekt, dessen Karlsruher Ausformung, das Brigandedeutsch kurz darauf in der residenzstädtischen Bahnhofshalle unmißverständlich die Ankunft besiegelt. Der Dialekt bewirkt eine Verniedlichung seiner Sprecher und der Umgebung, als spiele sich mit Betreten Karlsruhes kein wirkliches, ernsthaft zu bewältigendes Leben ab, als sei alles nur Theater, bzw eine virtuelle Welt (wie in der TV-Serie Westworld) für den hochdeutsch sprechenden Provinzbesucher, in der tausende Laienschauspieler die vielgerühmte Gemütlichkeit der Region in gedehnten Frasen unter reichhaltigem Einsatz weicher Endlaute und mit auf ungefähr halbes deutsches Tempo gepolten Handlungen zelebrieren: numme ned huddle! Der erste Gang führt entlang des Zoos, dessen Haupteingang der Bahnhofshalle direkt gegenüberliegt. Nirgends sonst findet sich in deutschen Innenstädten eine solch reiche Kombination exotischer Tiere, eines japanischen Gartens und von unsichtbarer Kraft dahingleitender Gondelboote, die von kapitalen Karpfen mit weit aufgerissenen Schlünden verfolgt werden. Ein beinahe magisches Idyll, haftete nicht dem gesamten Zentrum Gemachtheit, Reißbretthaftigkeit, Künstlichkeit, Verwaltungswille an wie einem Ravensburger Brettspiel. Von der das Zoogelände gleich einem Gürtel überfassenden Fußgängerbrücke lassen sich Elefanten betrachten. Einst galten die Tiere als hospitalisiert, heute wirken sie halbwegs therapiert. Pfauen schreien, Kinder und Mütter tun es ihnen gleich. Karlsruher Gezeter besitzt eine dialektale Eindringlichkeit, die an normalltägliche Sprechweisen der schwäbischen Nachbarn erinnert. Das Tier, insonderheit das exotische, spielt in der wunderbaren Vielfalt seiner Ausformungen, die bis ins Fantastische reichen, eine große, jedoch so gut wie überhaupt nicht stilisierte, vielmehr zufällig wirkende Rolle in Karlsruhe. Der badische Greif, ein Adler-Löwe-Hybrid wacht in Stein über den Rondellplatz, im Max-Planck-Gymnasium stand zu unserer Schulzeit ein original Wolpertinger aus den umgebenden Wäldern ausgestopft in einer Vitrine zur lehrreichen Ansicht, das Naturkundemuseum wird flankiert von Flugsauriern und beherbergt eine imposante Japanische Riesenkrabbe, der erstaunlicherweise noch kein eigenes Horrorgenre huldigt. Wo zu unserer Schulzeit fast ausschließlich Urbadener die Straßen bevölkerten, hat der migrantische Anteil stark zugenommen und damit auch die Varianten des Dialekts, den viele Zuwanderer anstelle von Hochdeutsch erlernen. Diese eritreeischen, italienischen, syrischen oder türkischen Einflüsse auf das Brigandedeutsch sind bisher kaum erforscht. Am Werderplatz gruppieren sich um das Indianerdenkmal, das auf einen Besuch Buffalo Bills (sic!) zurückgehen soll, Alkoholiker und Drogenabhängige, die von den Anwohnern, obgleich sie einen großen ausgefransten Pulk bilden, mithilfe genauer Beobachtung in Kategorien geschieden werden. Aus dem Pulk vernehmen wir intellektuelle Sprechweisen auf Hochdeutsch, Russisch und Laute, die dem auf das Allernötigste reduzierten (bzw. oft sich selbst aufs Rudimentäre reduzierenden) Brigandedeutsch entstammen, Laute, die dem Fremden tierhaft erscheinen müssen, dem Einheimischen hingegen als Höflichkeitsflosklen erkennbar sind, die der Badener, je nach Zustand, gern auch mit einer Mischung aus Respekt und Ekel vor ihrer Notwendigkeit zu behaften vermag. Für den Auswärtigen hören sich diese grob nach “idde”, “angge” oder “ao” klingenden, Konsonanten möglichst zugunsten finaler Diftonge verschluckenden Äußerungen an, als seien irgendwo in der Nähe resonanzkräftige Gegenstände aneinandergestoßen, weswegen er die wahren Lautquellen erst nach einiger Gewöhnung entdeckt. Das Wetter ist schwül, auf der Straße verdampfen luzide Schweißlachen. Der Weg führt uns nach Rüppurr, einem der am seltsamsten geschriebenen Vororte Deutschlands, bestärkt durch die Tatsache, daß es sich beim heutigen Namen um eine Abwandlung von Rietberg (=Anhöhe im Schilf) handelt, die weit abseits dialektaler Entwicklungen zu stehen scheint, denn der Dialektname Rüppurrs lautet heute Rieberg. Dadaistische Verwaltungseinflüsse sind bei dieser Namensgebung nicht auszuschließen, auch wenn historisch bisher kein Karlsruher Dadaist nachgewiesen wurde. An der Alb erklingt der hochtönende Ruf des Eisvogels, gefolgt von seinem glitzernden, ins Ufergebüsch einschlagenden Blitz. Bei unserem letzten Besuch erzählte ein Anwohner von einer unmäßig langen Schlange, deren Fotos er Experten des Naturkundemuseums zur Auswertung übermittelt habe, diesmal erfahren wir von den besten Stellen zur Glühwürmchensichtung: das Tierleben drängt in den Outskirts genauso zur Oberfläche wie in der Innenstadt.

Karlsruher Stadtgeburtstag

Lichtspiele

Fassasdenprojektion

Bunte Schlossfassade

Die Bilder vom illuminierten Karlsruher Schloß stammen von Kirsten Bohlig. Als Fotografin dokumentiert sie Gesichter, Orte und Veranstaltungen der badischen Metropole, zuletzt u.a. die innerstädtischen Baustellen und Aktivitäten zum Stadtgeburtstag. Hier geht es zu ihrer Website.

Vor 300 Jahren infolge eines fürstlichen Traums gegründet zählt Karlsruhe zu den jüngeren Städten am Rhein. In den 47 Jahren seit wir dort zur Welt kamen, ist Karlsruhe stets gewachsen, von damals rund 250.000 auf heute rund 300.000 Einwohner, womit Mannheim als einwohnerstärkste Stadt Badens abgelöst wurde. Wo das Wachstum enden soll, mögen wir uns lieber nicht vorstellen. Denn mit ihrem urbanen Adoleszieren schien die alte Heimat von Besuch zu Besuch häßlicher zu werden. Neue Viertel stärkten den Betonanteil, Malls nach amerikanischem Vorbild erhöhten die Klotzigkeit des von zahlreichen Blumenarealen und Wasserspielen gelockerten Stadtbilds, seit Jahren prägen Großbaustellen das Gesicht der Innenstadt. Dem entgegen steht die Günther-Klotz-Anlage aus den 80ern – eben nicht für Klotzigkeit, sondern für innerstädtisches Grün entlang der Alb, eines aus dem Schwarzwald hinab sich schlängelnden, Karlsruhe verschönernden und schließlich den Rhein speisenden Flüßchens. Dem entgegen stehen weiterhin einige Vororte, deren Geschichte deutlich älter ist als die Stadt, in der sie aufgingen und die teilweise noch dörfliche Strukturen aufweisen.

Zum 300-jährigen Gründungsjubiläum nun hat Karlsruhe einen langen Kultursommer auf die Beine gestellt. Neue Kunstwerke bevölkern die Innenstadt, überregional durch die Medien ging die Geschichte einer falsch parkenden Skulptur in Marktplatznähe. Das Karlsruher Schloß wird noch bis Ende September allabendlich von diversen Lichtkünstlern illuminiert. Bei unserem Besuch vor sieben Wochen wurden unter anderem moderierte Livechats auf die Fassade projiziert, später zersplitterte das Gebäude in Lichtfetzen. Das sehenswerte Spektakel läßt sich bei freiem Eintritt auf den Wiesen vor dem Gebäude beobachten.

Mit dem Motorwagen an den Rhein


Das Bild hängt im Fahrzeugmuseum Marxzell. Mit Karl Drais, dem Erfinder der Holzdraisine (einem Laufrad und Vorgängermodell des Fahrrads) sowie Carl Benz (in der Bildmitte mit kapitalem Schnäuzer), der 1886 seinen ersten Motorwagen patentieren ließ, stammen zwei Pioniere der modernen Fortbewegung aus Karlsruhe. Das Museum in Marxzell, unweit Karlsruhes im Albtal gelegen, ist das kurioseste unserer Kindheit: bis unter die Decke vollgestopft mit gerümpelartig geordneten Exponaten (Lauf-, Fahr-, Hoch- und Motorräder, Motorfahrzeug-Raritäten aller Art, Musikautomaten, Schaufensterpuppen und ausgestopfte Tiere, darunter ein siamesisches Kalb, auf einem Autodach plaziert u.v.m.) versorgt sich das schon seit Jahrzehnten angestaubt wirkende Museum selbst mit Strom aus dem Maisenbach. Während der Besuchszeiten (geöffnet ist jeden (!) Tag von 14 bis ungefähr 17 Uhr) erklingen Walzenharmonien, bisweilen lassen sich Besucher beobachten, die wie Mechaniker unter die Oldtimer kriechen, um einen Blick auf versteckte Bauteile zu erhaschen, und ein kleines Kino zeigt in Dauerschleife Kurzfilme zur Automobilgeschichte. Bei unserem Besuch vor einigen Tagen sahen wir einen zehnminütigen Actionstreifen, einen Autostunt vermutlich aus den 30ern, der die berühmte Verfolgungsjagd in Bullitt bei weitem in den Schatten stellt. Der genaue Aufnahmeort des Benz’schen Familienausflugs ließ sich nicht feststellen. (Hinweise sind willkommen.)

Alb (2)

Ettlingen stellt sich als Portal und “Pforte zum Lebensraum Albgau” dar. Die Alb ist deutlich präsenter als im benachbarten Karlsruhe, sie berührt und prägt das historische Zentrum, Hochwassermarkierungen an Gebäuden sprechen von Überflutungen vom 16. Jahrhundert bis heute, und der Albtäler, ein Wind, der auf den Seufzer eines Riesen zurückgeführt wird, weht hartnäckig das Flüßchen entlang durch die Stadt. Als Schutzpatron der Rathausbrücke, der wohl am häufigsten frequentierten unter den Ettlinger Albbrücken, wirkt, wie an zahlreichen Stellen des Rheins und seiner Nebenflüsse, der heilige Nepomuk.

Am “alten romantischen Albwehr” mit dem der Fluß einst für den Kanal der Zwingelmühle gestaut wurde, steht, hinter der rückwärtigen Fassade eines Großkaufhauses versteckt und splitternackt, “Der Fischerjunge” auf einer Art Surfbrett und hält seinen Fang, einen nicht näher definierten Fisch, in die Höhe.

Digital StillCamera

Die Anzahl der Paare, die ihre Liebe mit einem Schloß an einer Albbrücke besiegeln, auf daß die Beziehung so lange halten möge wie der Flußgrund den von der Brücke geworfenen Schlüssel bei sich behält, ist marginal – aber es gibt sie. Ein Vorfall wie auf der Pariser Seinebrücke Pont des Arts, deren Geländer vergangenes Jahr unter der Last unzähliger Metallschlösser einbrach, steht in Ettlingen vorerst nicht zu befürchten.

Die junge Alb

Digital StillCamera

Die junge Alb nach einem Entwurf Karl Albikers. Die fläzende Flußfrau sollte ursprünglich direkt in die Ettlinger Alb gebettet werden – “wasserbaurechtliche und finanzielle” Probleme verhinderten den Standort. Mehrfach zog die Skulptur innerhalb Ettlingens um, verschwand für einige Jahre, büßte einen Zeh ein, der durch eine Prothese ersetzt wurde, seit 1986 räkelt sie sich als Brunnenfigur gegenüber der Stadthalle.

Neptunstein

Digital StillCameraZur Geschichte des Ettlinger Neptunsteins kursieren zahlreiche Versionen. Der obere Teil aus Buntsandstein ist römischer Herkunft, die Inschrift “IN H(ONOREM) D(OMUS) D(IVINAE) / D(EO) NEPTUNO / CONTUBERNO / NAUTARUM / CORNELIUS / ALIQUANDUS / D(E) S(UO) D(EDIT)” besagt, daß Cornelius Aliquandus den Neptun und dem Kaiserhaus geweihten Stein für die Albschiffer gestiftet hat. Daß es einst eine Albschifffahrt gab, mutet heute beinahe sagenhaft an. Leichter vorstellbar ist jedenfalls Albflößerei. Die Herkunft des Steins wird auf das zweite oder dritte Jahrhundert nach Christus datiert. Gefunden wurde er 1480 nach einem Albhochwasser vom Ettlinger Bürger Andreas Hauer, wovon der Sockeltext auf hellem Sandstein, ursprünglich geschrieben von Kaspar Hedio (1494-1552), einem Ettlinger Humanisten und Reformator, erzählt: “Es geschah im Jahres des Erlösers Jesus 1480, daß die Alb wie eine Sintflut über die Ufer trat und Ettlingen und die umliegenden Felder unterspülte und zerstörte. Als die Ländereien wieder trockneten, wollte Andreas Hauer ein Stadion unterhalb der Stadt, unweit der Ruinen des Lagers Fürstenzell, jetzt Burgstall genannt, den Teich reinigen. Da fand er dieses Neptunbildnis mit einigen anderen weiblichen Statuen, die vielleicht Thetis, seine Gattin oder Wassernymfen darstellen sollten.” Der Fundort läßt sich heute nicht mehr sicher zuordnen, wahrscheinlich handelt es sich um Busenbach, ein wenig talaufwärts.
Für Spekulationen sorgte vor allem Hedios Eingangssatz, in dem er behauptet, daß Ettlingen 1111 v. Chr. gegründet worden sein soll. Seither wird ein Trojaner namens Phorzys in unbelegten Quellen als Stadtvater angeführt*, dieweil die Passage “ANTE MCXI ANTE CHRISTUM NATUM ETTLINGIACUM CONDI PRIMUM ET INHABITARI COEPIT, SED MULTUM VETUSTATIS INTER RHENUM ET NICRUM, AC INTERMEDIIS LOCIS, BADENAE, DURLACI, PHORCENAE QUUM INVENIAS” glaubwürdig mit “Im Jahre 1111 vor Christi Geburt wurde Ettlingen zuerst gegründet und fing an, bewohnt zu werden; aber ein hohes Alter hatten auch die zwischen Rhein und Neckar liegenden Orte Baden, Durlach und Pforzheim” übersetzt werden kann. Trojanische Wurzeln lassen sich daraus nur mit reich blühender Fantasie ableiten. Neben Ettlingen wird im Übrigen auch Xanten bisweilen als Trojanergründung behauptet, eine “rheinische Trojaklammer” Ettlingen-Xanten fehlt jedoch in der Literatur, ein Indiz für jeweilige lokalpatriotische Geschichtsklitterung.

*Die Behauptung stammt ursprünglich, soweit bekannt, von Franziskus Irenicus, einem weiteren Ettlinger Humanisten und Zeitgenossen Hedios, sodaß sich gut vorstellen läßt wie die beiden Schriftkundigen gemeinsam Ideen ausheckten, die Stadtlegende aufzuhübschen.

Alb

ka_sültemeyer albbalancenEntlang der Alb auf Karlsruher Stadtgebiet, bis der Weg, knapp zwei Kilometer vor der Mündung, in Schlamm aufgeht. Rasche Wechsel zwischen natürlichem, renaturiertem und gelenktem Flußlauf. Parkanlagen, Straßen, Hafenindustrie säumen das Flüßchen, das durch natürliche, renaturierte und kanalisierte, belehrpfadete Bettabschnitte dem Rhein zufließt. Am Ufer Höhe Europahalle sind auf einer mählich verwitternden Stellwand Fotos des Balance-Experten Eckhard Sültemeyer angebracht: “Ich werde ganz Fluß / im Schauen, Hören, Schweigen / und eine Melodie entsteht in mir.” Dazu Fotos von frei stehenden, schwerpunktausgeloteten Steinmännchen, die längst wieder zu Flußgrund mutiert sind. Weitere Gedichtzeilen, diesmal aus Eichendorffs Frühlingsmarsch, prangen, sorgfältig gesprayt, an der Mauer einer der zahlreichen Unterführungen, deren Fluchten teilweise als Wohnorte dienen. Ein faunischer Albnix markiert den Übergang zwischen Beton- und Naturpassage.Stiere mit Giacomettigliedmaßen bewandern den Traumbeton einer Albunterführung.

Rheinische Tierwelt (18)

Konkretes über Kleinlebewesen, die als Neozoen in den Rhein eindringen, ist der Tagespresse selten zu entnehmen. Weil wir es genauer wissen wollten, scannten wir das Netz und stießen auf die Dissertationsarbeit “Der Einfluss einwandernder Amphipodenarten auf die Parasitozönose des Europäischen Aals” (Universitätsverlag Karlsruhe, 2006) von Frankie Thielen.

Literarizität
Bei der Lektüre fielen uns zunächst einige quasi-literarische Komponenten der Arbeit ins Auge. Selten beachtet wird die Schönheit vieler spezifischer Namensbezeichnungen von Tieren, die der Laie allenfalls grob zu bestimmen vermag, weswegen viele Bezeichnungen weitgehend im Verborgenen blühen. So bietet beispielsweise die Welt der Falter oder der Wanzen (eine Unterordnung in der Bezeichnungshierarchie “Gliederfüßer – Sechsfüßer – Insekten – Fluginsekten – Schnabelkerfe”, die sich wiederum in sieben Teilordnungen mit mehreren Familien und tausenden von Arten splittet) geradezu poetische Namenseinfälle für einzelne ihrer Vertreter. Auch die wissenschaftliche Prosa mit ihren Fachbegriffen und ihrer Präzision läuft bisweilen zu literarischen Qualitäten auf: “Der Aal ist ein unverwechselbarer katadromer Wanderfisch, der die meiste Zeit seines Lebens im Süßwasser verbringt, sich jedoch nur im Meer fortpflanzen kann. Es handelt sich um einen bodenorientierten Fisch, der sich tagsüber zwischen Wurzeln, Wasserpflanzen, Steinen und ähnlichen Unterschlüpfen versteckt. In der Dämmerung wird der räuberische Aal aktiv und geht auf Nahrungssuche. Die Nahrung setzt sich hauptsächlich aus aquatischen Wirbellosen zusammen. Einige Aale spezialisieren sich zusätzlich auf Fische und Fischlaich und wachsen schneller heran. Im Rheinsystem ist der Aal weit verbreitet und zudem häufig. Trotzdem wird diese Art als stark gefährdet angesehen, da seit mehreren Jahren ein konstanter Rückgang der Glasaalvorkommen an europäischen Küsten beobachtet wird.” (Aus der Dissertation)

Elektrofischerei
Der Aal gilt im Rhein als einer der Hauptwirte für Parasiten. Um ihn zu untersuchen, muß er gefangen werden. Der Aalfang wird heute mit der Elektrofischereimethode betrieben. Thielen: “Mit Hilfe eines Generators wird dabei ein Gleichstrom generiert, welcher über die Anode und Kathode ein elektrisches Feld im Wasser erzeugt. Da Fische einen geringen Hautwiderstand besitzen, können sie elektrische Felder gut wahrnehmen und zeigen spezifische Reaktionen wenn elektrischer Strom fließt. Gelangt ein Fisch in ein elektrisches Gleichspannungsfeld, so greift er mit seiner Körperlänge eine gewisse Spannung ab. Diese Spannung stimuliert den Muskelapparat des Fisches dazu, seinen Körper in Richtung Anode hin auszurichten und auf diese zu zuschwimmen. Da die Anode in Form eines Käschers gebaut ist, kann man so die Fische leicht dem Wasser entnehmen. Diesen Vorgang bezeichnet man als anodische Reaktion oder auch als Galvanotaxis. Es handelt sich dabei nicht um ein gewolltes Verhalten, sondern um einen Reflex.”

Krebstiere
Parasiten werden von Zwischenwirten auf den Aal übertragen. Dabei handelt es sich häufig um Krebstiere (Crustaceen). Thielens Untersuchung weist folgende Crustaceen-Arten im Rhein nach: Asellus aquaticus (Wasserassel), Proasellus coxalis (eine Wasserasselart ohne deutsche Namensbezeichnung), Jaera istri (eine pontokaspische Donauassel), Corophium curvispinum (ein aus Osteuropa stammender Schlickkrebs), Dikerogammarus villosus (Großer Höckerflohkrebs), Dikerogammarus haemobaphes (eine Schwesterart des Großen Höckerflohkrebses ohne deutsche Eigenbezeichnung, und wie D. villosus ursprünglich aus dem Schwarzmeerraum), Echinogammarus berilloni (Igelflohkrebs, ursprünglich in Spanien verbreitet), Echinogammarus ischnus (Stachelflohkrebs), Echinogammarus trichiatus (ein weiterer igelig-stacheliger Flohkrebs aus dem pontokaspischen Raum), Gammarus fossarum (Bachflohkrebs), Gammarus pulex (Gewöhnlicher Flohkrebs), Gammarus roeseli (Flußflohkrebs), Gammarus tigrinus (eine nordamerikanische Flohkrebsart), Orchestia cavimana (ein Strandflohkrebs aus der Mittelmeergegend). Hinzu kommen zwei Arten, die in der Alb gefunden wurden: Mysis relicta (Relikt- oder Spaltfußkrebschen, eine Schwebegarnelenart) und Atyaephyra desmaresti (Europäische Süßwassergarnele). Somit ergibt sich eine hübsche Sammlung präzise spezifizierter Rheinbewohner, die außerhalb von Fachpublikationen kaum Erwähnung finden.

Niederes Gewürm
Noch geringer dürfte die allgemeine Aufmerksamkeit für die Parasiten selber ausfallen, von den Thielen folgende Arten listet, die er an befallenen Rheinaalen feststellen konnte: Trypanosoma granulosum (ein Geißeltierchen), Ichthyophtirius multifiliis (ein Wimperntierchen), Myxobolus kotlani (vermutlich, die Wissenschaft ist sich da nicht ganz einig, ein Nesseltierchen), ein nicht näher spezifizierbare, zur Argulus- und zur Ergasilus-Familie gehörende Krebstierchen und weitere Parasitenarten mit folgenden Bezeichnungen: Myxidium giardi, Pseudodactylogyrus anguillae, Pseudodactylogyrus bini, Diplostomum, Anguillicola crassus (Schwimmblasenwurm), Daniconema anguillae (ein Fadenwurm), Acanthocephalus anguillae, Acanthocephalus lucii, Echinorhynchus truttae, Paratenuisentis ambiguus, Pomphorhynchus laevis (letztere fünf allesamt Kratzwürmer, zu denen sich noch eine weitere, nicht näher zu spezifizierende Acanthocephale gesellte), Camallanus lacustris, Paraquimperia tenerrima, Pseudocapillaria tomentosa, Raphidascaris acus, Spinitectus inermis (Fadenwürmer), Bothriocephalus claviceps und Proteocephalus macrocephalus (Bandwürmer).

Rippurr

Liebes Kirchlein an der Straßen,
Wer dich einsam hier erbaut,
Hat in Sehnsucht ohne Maßen,
Hat, wie ich, hinausgeschaut

Nach den Bergen, nach dem düstern
Schauerlichen Waldesgrün,
Wo die hohen Bäume flüstern,
Wo die tiefen Schatten ziehn:

In die Fernen, in die Weiten,
In ein unbekanntes Land,
Wo die Nebelgeister schreiten
Auf der alten Berge Rand.

Kommst so fröhlich hergezogen,
Bächlein, lieber Felsensohn,
Rinnet langsam fort, ihr Wogen,
Rauschet wie mit leiserm Ton,

Denn der alte Riese breitet
Seine Arme mächtig aus,
Und ihr eilet, und ihr gleitet,
Um zu sterben, in sein Haus.

Schaust auch du herab vom Hügel
Grauer, hoher Rittersmann?
Thurm, wer löst das Geistersiegel,
Wer den tausendjähr’gen Bann?

Kirchlein, aus der Lieben Mitte,
Ohne Rast und ohne Ruh
Lenken täglich meine Schritte
Durch die Stoppeln dir sich zu.

Kirchlein, einsam an der Straßen,
Wer dich hier einst aufgebaut,
Liebend hat er ohne Maßen
Zu den Bergen aufgeschaut.

(Max von Schenkendorf)

Fußgängerbrücken

mülheimer-hafenZunächst das Geländer des Katzenbuckels, der Fußgängerbrücke über den Mülheimer Hafen wie sie bei Google Street View erscheint. Der Dienst, der eindrucksvolle 360-Grad-Panoramen von Naturwundern und berühmten Sehenswürdigkeiten verspricht, liefert darüberhinaus digital beschädigte Landschaften, gebannt aus freiem Licht. Die Panoramen lassen sich in Endlosschlaufen oder manuell abspielen und kippen, was bisweilen seltsame Fänomene wie etwa diesen schwarzen Flugkeil, der sich beim Abspielen der
mülheimer-hafen_3Standardeinstellung im toten Winkel verborgen hält, zutage fördert.
Das Motiv des fragwürdigen Geländers nimmt auch das Street View-Panorama dieser Rüppurrer Albwehrbrücke auf, die es bisher noch zu keiner gesonderten Bezeichnung durch den Volksmund gebracht hat:
albbrücke Je nach gewähltem Ausschnitt sind die bisweilen magisch, bisweilen dekonstruktivistisch anmutenden Deformationen erst auf den zweiten Blick
albbrücke_2erkennbar, springen irritierend ins Auge oder beherrschen in krasser Manier die gesamte Einstellung wie unser letztes Bildbeispiel belegen mag:
albbrücke_3

Oberrheinische Seenplatte

Der Karlsruher Autor Matthias Kehle ist dieser Tage als Hochwassertourist in der eigenen Stadt an der Alb entlanggewandert und erinnert sich dabei auf seinem Blog einfach wandern zurück an das Jahrhunderthochwasser im Mai 1978:

„Als Kind habe ich sie erlebt, die Oberrheinische Seenplatte, Ende Mai 1978. Meine uralte Großtante Martha wohnte im 9. Stock in Ettlingen, wenige Tage noch und sie würde mit 88 Jahren nach Amerika auswandern. (…) Gewaltige Wasserflächen bedeckten die Felder: Bis nach Rüppurr, bis zum Rhein, bis zum Rheinhafen, bis nach Baden-Baden, bis nach Mannheim. Die A5 war gesperrt, auf der Autobahn paddelten Schlauchboote.“

Kehle führte, im zarten Alter von elf Jahren, Tagebuch über die Ereignisse seines Lebens. Erst vor Monatsfrist erinnerten wir an die Schlauchboote auf der Autobahn bei Rüppurr. Sogar Windsurfer sollen dort gesichtet worden sein. Auch der Spiegel konstatierte seinerzeit die Überschwemmungen: „Der Bodensee nahm in zwanzig Stunden um 60 Millionen Kubikmeter Wasser zu. Die Autobahn in der Rheinebene bei Karlsruhe glich einer Seenplatte; Fahrer und Beifahrer mußten bisweilen Stunden auf den Dächern ihrer Fahrzeuge zubringen, ehe sie von Schlauchbooten abgeholt werden konnten. Auf Neckar und Rhein dagegen fuhr schon lange kein Schiff mehr.“

Die alte Kinzig-Murg-Rinne war mit Wasser vollgelaufen, die sonst wiesengrüne, weizenbleiche bzw. brachenbraune Landschaft schien sich zum Ozean zu weiten. Ein älterer Junge aus der Nachbarschaft hatte Zugriff auf ein Kajak. Damit paddelten wir Slalom durch den vollgelaufenen Wald vor unserer Haustür und übten Übers-Wasser-Gehen auf den zurückgelassenen Laubhaufen des vergangenen Herbstes, die einen fragilen Steg in die beginnenden Mangrovensümpfe boten. Die Schwereren von uns brachen ins Wasser ein, es gab dramatische Szenen: aufregende Tage für einen Viertklässler im ansonsten recht beschaulichen Rüppurr. Nur wenige Tage stand das Wasser, dann zog es sich wieder zurück.

Das diesjährige Hochwasser reichte daran nicht heran. Matthias Kehle übermittelte uns dennoch Zeugnisse von der bei Flaneuren entlang der Alb beliebten Kleinkatastrofe.

maske_rüppurr_hochwasser 2013

Das Bild zeigt überflutete Felder der Alt-Rüppurrer Landwirtschaft. Im Hintergrund die Auferstehungskirche, deren Friedhof die Alb durchfließt. Dahinter die letzten Schwarzwaldausläufer.

maske_saufmohn

Kehle schreibt auf seinem Wanderblog von Kreuch- und Fleuchtieren, die er bei seinen Erkundungen beobachten konnte wie sie sich vor dem Wasser in Sicherheit zu bringen trachteten. Auch von einem Feuerwehrfahrzeug, dessen Scheinwerfer braune Brühe weinten. Diese narzißtische Mohnblüte hingegen scheint der neuen Situation willentlich zugeneigt.

(Bilder: Matthias Kehle. Mit freundlicher Genehmigung. rheinsein dankt!)

An der Alb

an der alb

Die Alb entspringt im Schwarzwald an der Teufelsmühle. Weit mehr noch als der Rhein, in den sie mündet, ist sie der Fluß unserer Kindheit und Jugend. Von einer engen Landstraße flankiert fließt sie von Bad Herrenalb, vorbei an der imposanten Klosterruine Frauenalb und am kuriosen Marxzeller Verkehrsmuseum durch ein schmales grünes Tal vorbei an Busenbach auf die Spinnerei Ettlingen, durch die uralte Kinzig-Murg-Rinne (welche nach Tulla einst den “Ostrhein”, “Bergrhein” bzw “Deutschen Rhein” unterhalb der Schwarzwaldhänge bildete), um in Karlsruhe teilweise unter der Erde zu verschwinden und am Ölhafen im kanalisierten Oberrhein aufzugehen. Das leicht übersteuerte Foto entstand bei Rüppurr, wo der Graureiher auf fette Beute hoffen darf. Unter den Schottern am Grund des normalerweise flachen Alblaufs bilden indes Legionen von Blutegeln ein sich windendes, wenig gelesenes Zeichensystem. Bei der großen Überschwemmung in den 70ern Jahren flächte sich die Alb samt der ihr zufließenden Bächlein und Gräben zum See, sodaß die einmalige und sogleich ergriffene Möglichkeit bestand, auf der A5 Schlauchboot zu fahren.

Marianne Faithfull heizt durch Karlsruhe

rheinbrücke

Die Bildeinstellung hat etwas horizontarm Seeisches, doch dürfte es sich um die Rheinbrücke bei Maxau handeln. Marianne Faithfull auf ihrer Harley ist in der Bildmitte nur als Schemen eines kopfstehenden Ts zu erkennen. Zwei Sekunden später erreicht sie die Stadt, von der im Film suggeriert wird, daß sie sich zwei

stadt

Kilometer von Heidelberg entfernt befinde. Mannheim vielleicht? Diese Luftaufnahme gibt uns zu rätseln. In den nächsten Einstellungen finden wir

ettlinger-tor

starke Hinweise auf Karlsruhe: die typische Straßenbahn am rechten Bildrand und was da über Mariannes/Rebeccas rechter Schulter aufragt, sieht verdächtig nach der Verfassungssäule auf dem Karlsruher Rondellplatz aus. Marianne

frohsinn

jedenfalls scheint die Stadt zu gefallen. Und noch ein Hinweis auf Karlsruhe

zigarren-kohmtaucht über Mariannes rechter Schulter auf: Zigarren Kohm. Damit dürfte die Kulisse einwandfrei als Karlsruhe identifiziert sein. Zum Abschluß noch eine

marianne-in-ka_2

Haltungsstudie mit Albtalbahn und zwei Zuschauern, die vor lauter Staunen angesichts dieses historischen Moments ganz verwackelt erscheinen.