Bemerkung über den wahren Lauf des Rheins, und über die physischen Ursachen seiner Dauer.

Nach Emiland Estienne’s Aufsatz im 2ten Bande der Annales de Statistique S. 14

Man ist in Frankreich ganz allgemein der Meinung, dass der Rhein am Gotthardsberge entspringt: das ist ein Irrthum. Wenn man sagt, dass man über den Gotthardsberg geht, so versteht man, wie Saussure und alle Alpenbewohner, jenen erhabenen Rücken, welcher das Thal Urseren von dem Thale Levantine, zwischen dem Dorfe l’Hopital gegen Norden, und dem Dorfe Ayrolo gegen Süden scheidet. Nun, die berge, auf welchen die Quellen des Rheins liegen, sind vom Gotthardsberge ganz unterschieden, welcher wenigstens drey Myriameter (beynahe 6 Meilen) von der nächsten Rheinquelle entfernt ist.
Der Rhein, lateìnisch Rhenus, entspringt auf den Bergen von Graubünden, wo er drey unterschiedliche Quellen hat, welche aber durch die regelmässige Schmelzung des Eises und durch die Herabsenkung der Wolken, die der Wind dahin treibt und der beeiste Gipfel dieser hohen Berge anzieht, ihre Entstehung und Dauer erhalten.
Die erste dieser Quellen , oder vielmehr jene, die am meisten gegen Norden liegt, ist unter dem deutschen Namen Vorderrhein, Nieder- und Unterrhein bekannt; diese Quelle entsteht aus vielen kleinen Bächen, welche durch ihre Vereinigung einen Gussbach formiren, in einer Spalte des Cima del Badur, welches der höchste von allen jenen Bergen ist, die zusammen das, was man Crispalta nennet, das ist, jene Gebirgskette ausmachen, welche gegen Westen Graubünden von dem Thale Urseren scheidet.
Die zweyte Quelle, welche den Namen Mittel-Rhein fUhret, kömmt vom Cadelin, der einen Theil des schrecklichen Luch- Mannier ausmacht.
Nach einem Laufe von sieben bis acht Meilen fällt diese Quelle in den Unter-Rhein, nahe bey der Abtey Disenty. Endlich die dritte Rheinquelle, oder der Hinter-Rhein (hohe Rhein), welche am meisten gegen Süden, und eben desswegen von seiner Mündung am weitesten entfernt liegt, entspringt am Vogelberge, Colme dell’Uccello, und vereiniget sich mit den andern zwey Aesten bey dem Schlosse und der Brücke Reichenau, von wo der Rhein seinen natürlichen Lauf gegen Coire nimmt, wo er anfängt schiffbar zu werden, das Rheinthal von Tyrol scheidet, und sich in den Konstanzersee ergiesst, bey Stein aus diesem See herausgeht, von hier seinen Lauf gegen Westen nimmt, dann bey den Mauern von Diessenhofen und Schaffhausen vorbeyfliesst, eine kleine Weile unterhalb dieser letzten Stadt den berühmten Wasserfall zu Lauffen bildet, wo das Wasser bey 15 metres hoch sich mit sehr grossem Geräusch zwischen Felsen hinabstürzt, Waldshut, Lauffenbourg, Seckingen und Rheinfelden bewässert, nach Basel kömmt, welches er in zwey sehr ungleiche Theile vertheilet, dann die Sçhweitz verlässt und indem er seinen Lauf nach Norden richtet, Frankreich von Deutsehland scheidet bis auf die Gränzen Bataviens, wohin er noch bis drey Kilometres über die Schenkenschanz hinausgehet.
Kaum kommt der Rhein in das Batavische Gebieth, so theilt er sich in zwey Arme , einen südlichen und einen nördlichen, mittels eines Kanals (der, neue Kanal genannt) der im Anfange des letzten Jahrhunderts bey Panderen, einem beylaufig einen Myriameter oberhalb Niwegen gelegenen Dorfe, errichtet worden ist.
Der südliche Arm, oder der Waal, nach einen Lauf von einigen Meilen über Niwegen, Thiel und Bommel, vereinigt sich bey Fort André mit der Maas, und bildet durch diese Vereinigung die Insel Bommel, unterhalb welcher der Waal und die Maas sich neuerdings vereinigen und unter dem Namen der Merwe fortfliessen, die sich nachdem sie bis unterhalb Gorcum gekommen, südlich in eine grosse Anzahl Aeste ausbreitet, welche eine Menge kleiner unter dem flamandischen Namen Waarden bekannter Inseln machen, hernach fliesst dieser Fluss nordwestlich gegen Rotterdam, wo er den Namen Maas wiederum annimmt, und gegen Briel geht, und sich da in das Meer ergiesst. Der nördliche Arm erhält den Namen Rhein. Kaum kömmt er auf die Höhe von Arnheim, dem vornehmsten Orte des batavischen Départements von Geldern, so zertheilt er sich neuerdings, um den neuen Yssel zu formiren, der seinen Lauf nördlich gegen Doesburg richtet, wo der alte Yssel, der von den westphälischen Gebirgen herabkömmt, sich mit ihm zu einem einzigen Flusse vereiniget, welcher dann in den Zuiderzée fällt.
Der zweyte Theil des Rheins aber theilet sich bey Utrecht wieder in zwey Arme, deren einer sich gegen Norden unter dem Namen Vecht wendet, und bey Veesp und Muyden vorbeyfliesst, und in den Zniderzée fällt.
Der andre Arm, der den Namen Rhein behält, geht seinen natürlichen Lauf durch Woerden, und entladet sich, ehe er nach Leiden kömmt, eines beträchtlichen Theils seines Wassers, das durch drey verschiedene Gänge iu den Harlemersee ausfliesst.
1) Durch den Heimans-Water, einen Kanal, welcher beym Dorfe Oudshorn N. Oe. von Alpher anfängt, und an den Drasemersee endet, der mit dem Harlemer durch einen eine halbe Meile langen Kanal verbunden ist.
2) Durch den Does, einen andern Kanal, der westlich eine Meile von Leyden anfängt, und gleichfalls an den Brasemersee endet.
3} Endlich durch den Kromezyl bey Leyden, der in das Kager-Meer, oder in den Kagersee fällt, welcher ein Busen oder eine Ausdehnung des Leydnersees ist, der einen Theil des grossen Harlemersees ausmacht.
Also geht der Rhein, nachdem er 0,900 seines Wassers vertheilet, nach Leyden, und verliert fich in den Catwykschen Sandhügeln, deren Entstehung im Jahre 860 den Aussluss dieses Flusses ins Meer zerstöret hat.

(Archiv für Geographie und Statistik, ihre Hülfswissenschaften und Litteratur mit vorzüglicher Rücksicht auf die österreichischen Staaten: Verfasset von einer Gesellschaft Gelehrten u. Hrsg. Von Joseph Marx Freiherrn von Liechtenstern, Wien 1802)

Otto Bierbaum passiert den Gotthard mit dem Automobil

“(…) Der Gotthard war uns als der einzige Schweizer Gebirgspaß bezeichnet worden, dessen Überschreitung mit Motorwagen gestattet sei, und in Bellinzona bestätigte man uns dies mit dem Hinzufügen, diese Erlaubnis sei allerjüngsten Datums, übrigens aber nicht viel wert, weil es sich von selber verbiete. Wenigstens sei ein Herr, des es kürzlich versucht habe, unverrichteter Dinge zurückgekehrt. – Durch solche Erzählungen muß man sich nicht irre machen lassen. Immerhin waren wir, als wir abfuhren, nicht gerade felsenfest überzeugt, daß wir über die 2111 Meter hinüber gelangen würden (…). Aber die Zuversicht siegte, und der Adlerwagen hat sie nicht zuschanden werden lassen. Wir sind um 10 in Bellinzona abgefahren und um 7 in Brunnen angekommen, ohne daß uns der alte Sankt Gotthard auch nur ein einziges Mal Veranlassung gegeben hätte, kleinmütig zu werden; wir haben ihn “glatt genommen”. Allerdings nach der Melodie “Immer langsam voran”, – sonst hätten wir zu 136,4 Kilometer nicht neun Stunden gebraucht. Aber es bleibt für einen einzylindrigen achtpferdigen Motor eine sehr respektable Leistung, einen großen Wagen mit drei Personen und schwerem Gepäck, im ganzen eine Last von 22 Zentnern, über diesen Berg zu schleppen. Bis Airolo geht es ja im allgemeinen ohne allzuscharfe Steigung ab; zwar erhebt sich der Weg von 232 Metern auf 1178 Meter, aber diese Steigung verteilt sich auf 57 Kilometer. Dafür muß dann die Steigung bis zur Paßhöhe, also von 1178 Meter bis zu 2111 Meter innerhalb sechzehn Kilometer genommen werden. Das läßt sich nicht im Galopp machen. Und wenn es sich machen ließe, ich weiß nicht, ob mans täte. Die Fahrt ist so wunderbar schön, daß man durchaus nicht den Wunsch hegt, sie abzukürzen. – Es ist vielleicht die abwechslungsreichste Fahrt gewesen, die wir überhaupt gemacht haben. Sie begann im Bereiche fast südlicher Vegetation in einem üppigen Rebenlande mit Edelkastanien und Feigenbäumen und führte in kahle Höhen, wo noch meterdicke Schichten eisig verhärteten Schnees lagen, senkte sich dann in eine nördliche Gebirgslandschaft mit wunderbaren Nadelholzwäldern und führte schließlich durch das herrliche Seegelände, das die Heimat der Tell-Sage ist. Erst heute haben wir Italien eigentlich verlassen, denn das Land südlich des Gotthards ist italienische Erde, wenn seine italienischen Bewohner auch schweizerische Eidgenossen sind. Doch hat die Zugehörigkeit zur Schweiz in der Tat den Typus etwas verändert. Sie sind schwerfälliger, als ihre Brüder jenseits der rot-weiß-grünen Grenzpfähle. Auch fielen mir die vielen blauen Augen auf, und aus dem Ausdruck dieser Augen, wenn sie unsern Wagen sahen, bildete sich mir das Wort kuhäugiges Erstaunen. Auch war uns auffällig, wie ganz anders sich diese schweizerischen Menschen, die Italiener sowohl wie die Deutschen, unserm Wagen gegenüber verhielten, als alle übrigen Menschen bisher. Wo wir sonst hielten, um Wasser nachzufüllen oder aus sonst einem mit dem Wagen zusammenhängenden Grunde, kamen die Leute von allen Seiten herbei und trachteten, den Motor so nahe und so genau wie möglich anzusehen, wobei sie es nicht unterließen, Fragen an Meister Riegel zu richten, mehr oder weniger lebhaft, je nach dem Temperament. Hier, in der Schweiz, nichts von alledem, obwohl gerade in dieser Gegend Laufwagen noch so gut wie unbekannt sind. Vielleicht, daß sich ein paar ganz junge Leute in fünf, sechs Schritt Entfernung aufstellen und das Ding mit äußerster Befremdung betrachten; das ist aber auch alles. Die anderen gehen mit einem Ausdruck vorüber, als wollten sie sagen: Gottlob, daß wir Enkel des Tell davon entfernt sind, derlei Unfug mitzumachen. Und, fährt man auch noch so langsam durch ein Dorf, stets finden sich einige, die mit Amtsmiene gebieten: Langsam fahren! Es scheint, als ob jeder einzelne sich des Umstandes bewußt wäre, daß es von seiner Stimmabgabe mit abhängt, ob künftig solche Maschinen auf diesem, ihrem Grund und Boden verkehren dürfen. Einen besonderen liebenswürdigen Eindruck macht dies nicht, und es verrät auch nicht übermäßig viel Intelligenz. Wir sollten es aber auch noch ganz direkt erfahren, von welcher Art die Freiheit sein kann, wenn Bauern von ihr schrankenlos Gebrauch machen dürfen. – Vorher ein paar Bemerkungen über die Gotthardstraße. Den Eindruck alter großer Kultur, wie er von der Brennerstraße ausgeht, macht sie nicht. Sie hat ja auch längst nicht deren Alter. Sie ist viel wilder, rauher, und sie erhält in ihren oberen Partien auf dem südlichen Teil noch etwas drohendes durch die Forts, mit denen die Schweiz den Berg gegen Italien befestigt hat. Diese Forts sind nicht etwa malerische Festungsbauten im alten Sinne, sondern höchst typische Erzeugnisse jener modernsten Festungsbaukunst, die mit lauter Faktoren zu rechnen hat, die es ihr geradezu verbieten, malerisch zu sein. Alles ist darauf angelegt, möglichst wenig bemerkt zu werden. Nur daß hie und da eine breite, flache, überaus mächtige Kuppel sichtbar wird, oder in kolossaler Höhe eine wie mit dem Felsen verschmolzene Bastion. Einen wunderlich idyllischen Gegensatz zu diesen ins Gebirge eingelassenen Verteidigungswerken bildete ein Schweizer Gotthardsoldat, der, im vollen Waffenschmuck des Kriegers, Helm auf, Säbel um, dasaß und die Umgebung mit Wasserfarben abmalte. Ein andrer aber, der, wie es schien, dazu befohlen war, verfolgte uns wohl eine halbe Stunde lang, bald vor, bald hinter uns auftauchend, indem er Abkürzungswege benutzte. Im übrigen begegneten wir oben keiner menschlichen Seele, hatten dafür aber Gelegenheit, eine ganze Rindviehprozession über ein Schneefeld zu beobachten. Schnee und Eis gab es überhaupt genug, aber in der Hauptsache nur über den Wasserläufen, nicht mehr auf der Straße selbst. (…)” Fortsetzung folgt.

(aus: Otto Julius Bierbaum – Eine empfindsame Reise im Automobil, Berlin 1903. Der gesamte Text der frühen Cabrio-Reise von Berlin nach Sorrent und zurück an den Rhein ist ua im Projekt Gutenberg vorhanden.)