Im Ahrtal

„Dem Glanze ritterlichen und bürgerlichen Lebens gegenüber, wie er sich besonders im Mittelalter hier entfaltete, erscheint die Gegenwart des Ahrthals trübe. Zwar die fleißige Menschenhand hat das Thal immer paradiesischer geschmückt; täglich werden dem kahlen Felsen neue Rebgelände, dem unfruchtbaren Boden auf den öden rauhen Berghäuptern frische Aecker abgewonnen; am ganzen Niederrhein gilt der Ahrbleichart hoch und rivalisirt in seinen vorzüglichern Jahrgängen selbst mit dem Rheinwein. Aber die Bewohner des Thals werden arm und ärmer, die einst blühenden Dörfer brechen zusammen, die fröhliche Lebenslust, wie sie Weinländern eigen ist, schwindet von Jahr zu Jahr mehr, und zuerst von allen Preußen hat der Ahrländer die Auswanderung nach Amerika begonnen. Freilich wer mit fröhlichem Muth und eilendem Fuß das Thal durchwandert und nur die Schenkenschilder oder schönen Aussichten ins Auge faßt, oder wer gar auf der neuen Straße im raschen Wagen vorüberrollt, der sieht dieß stille Elend nicht: höchstens dauern ihn im obern Thal, besonders in der vielbesuchten Gegend von Altenahr, die vielen bettelnden Kinder, denen man gleichwol gerne giebt, wenn sie so in ihren armsäligen Kleidchen, ohne ein Wort zu sagen, ihre Hand küssen und dem Reisenden darbieten. Wer aber ein Herz für das Volk hat, wer mit dem Bauern zu reden weiß oder den dunkeln Zug der Sorge beobachtet, der schon um die jungen Augen spielt, den faßt Schmerz bei dem Gedanken, daß die Bewohner dieses Paradieses zu den unglücklichen Stämmen des deutschen Vaterlandes gehören.“ (aus: Gottfried Kinkel: Die Ahr. Landschaft, Geschichte und Volksleben, Bonn 1846/1858) 2009. Remagen und der Rest um Remagen herum im Regen. Also einmal das Ahrtal rauf, mit dem Regionalzug. Es sind keine bettelnden Kinder im Abteil, sondern hormongeplagte Teenager mit iPods und Handys und städtischen Lautstärkepegeln. Doch je weiter sie ins Tal hochmüssen, desto länger werden ihre Gesichter. Hinter regenverschlierten Zugfensterscheiben ziehen Gemälde von Weinbergen, Weinstuben, Flußpartikeln, eine felsige Einsamkeit, talauf gekreuzt von Gruppen verhausfrauter Holländerinnen, denen der seltene Anblick eines Weinbergs ebenso Motivation zum Besuch der Gegend sein mag wie die zahlreichen Ahr-Campingplätze, talab durchschnürt von einem eiligen Passanten mit geldgefülltem Rucksack, nicht achtend des hübschen Goldregens vor traurigen Gemäuern, dieweil er seine vielköpfige Familie an diesem bestimmten Tage mit Sicherheit heimlich und für immer verläßt. Der Zugschaffner kennt nur ein einziges Wort: „gam“ oder auch „gamm“ ausgesprochen bedeutet im Ahrtal alle dort bekannten essentiellen Dinge: Himmel, Erde, Mann, Frau, Stein, Wasser, Brot, Wein, Zugticket, Danke-für-Zugticket-zeigen, ich-gehe-jetzt. Einzig vorstellbare Klimax, in besonders aufgeladenen Situationen, scheint das selten gehörte „gam mip“, was „komm mit!“ bedeutet. In Ahrbrück fährt der Zug nicht mehr weiter, sondern wieder nach Remagen zurück. Für eine Strecke braucht er ca. 50 Minuten. Genug Zeit, um nachzulesen, daß der Name „Ahr“ vom althochdeutschen „aha“ für Wasser rührt. „Aha“ und „gam“, alles derselbe Stamm. Ein Tal erst hinauf und dann gleich wieder – wegen allgemeinen Regenfalls – im Zug hinabzufahren, bietet die Abwechslung a) der dreidimensionalen Richtung, welche die maßgeblichen Vorgänge des Eintauchens und Hinausströmens repräsentiert und b) die zweidimensionale Unterscheidung zwischen Rechts- bzw Linksrausgucken, was die dort vorhandene und stets sich ändernde Landschaft anlangt. Auch heute noch besitzt die Ahr Nuancen eines düsteren Paradieses. Gegen den Rhein hin aber wird das Tal in sensationeller Weise von einer alten nordischen Idee, die bereits dem hammerschwingenden Thor zugeschrieben wird, aber erst unter Hitler langsam in Schwung kam, getroffen: die heilige Autobahnbrücke stelzt in architektonischem Gigantismus über die braun-silbrige Ahr und ihre verregnet-grünliche Umgebung hin, wie um den Ahrtalern zu zeigen, daß manifeste Träume über sie hinwegschießen und der Hammer in weiter Ferne hängt.