Fließtheorie

(…) Die Verhältnisse, welche zu berücksichtigen sind, wenn ein Hauptfluß ansehnliche Nebenflüsse empfängt, verdienen ebenfalls Beachtung. Wiebeking hat auch hierüber lehrreiche Bemerkungen mitgetheilt. Der Winkel, unter welchem die Ströme einander treffen, hat einen bedeütenden Einfluß auf den Stand und die Geschwindigkeit beider, und besonders des letztern. Soll die Vereinigung so von Statten gehen, daß daraus für beide keine Beschränkung oder Hemmung entsteht, so muß dieser Winkel, wie sich aus den Gesetzen der Hydrodynamik ergiebt, ein möglichst spitzer sein; denn in diesem Falle zieht der große Strom den kleinen an sich, ohne Unregelmäßigkeiten zu veranlassen, und vermischt sein Material mit dem seinigen. Ist aber der Winkel, unter dem sie sich treffen, ein rechter, oder gar stumpf, so wirft der Hauptstrom den Nebenstrom von sich, und der letztere wird zurückgestaut und kann nur langsam abfließen. Dieses Verhältniß steigert sich, wenn der Hauptstrom anschwillt und mächtiger wird; dann kann er wol den Nebenstrom weit hinauf zum Austreten bringen. So zeigt Wiebeking, daß der Rhein früher den Main bei hohem Stande drei Stunden oberhalb seiner Mündung über das Ufer zu treten nöthigte, ein Übel, welches auch noch gegenwärtig vorkommt, und dem man nur durch Erhöhung der Deiche steüern kann, da der Main seine alte spitzwinklige Mündung bei Cassel (Mainz gegenüber) noch nicht wieder erhalten hat. So sah auch Saussure einst die Wasser der Arve bei einem Anschwellen des Rhone rückwärts fließen. Ein großer Übelstand waltet in diesen Fällen ob: da nämlich die Kraft der Nebenflüsse plötzlich gebrochen wird, so lassen diese ihr Material schnell fallen und verursachen eine Versandung der Mündungen und des Hauptflusses. Wiebeking erlaütert dieses durch Beispiele und rügt sehr kräftig den Unverstand, welcher bei vielen Anlagen der künstlichen Leitung der Flußmündungen, namentlich am Rhein, begangen worden, wo man die Nebenflüsse zu einem Kampf mit dem Hauptfluß gezwungen hat, da doch die Gewalten beider so ungleich sind.
Es giebt indeß noch eine andere sehr verbreitete Ansicht über das Verhalten der Vereinigung zweier Flüsse, wovon wir noch etwas hinzufügen müssen. Man hat nämlich oft gesagt, daß, wenn ein Hauptstrom einen bedeütenderen Nebenfluß empfängt, seine Breite unterhalb dieser Vereinigung sich nicht merklich vermehrt und wenigstens wol selten in dem Verhältniß der beiden Durchmesser der Ströme, da sie noch getrennt waren. Bossut will dies dadurch erklären, daß nach der Vereinigung die Geschwindigkeit sich im Verhältniß der Wassermasse vermehre, und also kein weiteres Bette erforderlich sei; nicht genug hieran, hat man behauptet, daß die Hauptflüsse sich nicht erhöhen, wenn die Nebenflüsse selbst beträchtlich anschwellen, indem immer die Geschwindigkeit der vermehrten Wassermenge proportional sei. So soll u. a. der Main den Rhein nicht anschwellen, und eben so der Rhein umgekehrt nicht schmäler werden, wo er sich in die Waal und den Rhein scheidet, ja es ist hierauf sogar ein sonderbarer Vorschlag gegründet worden, wie die versandeten Flüsse Hollands zu reinigen sein würden. Wiebeking hat hierauf geantwortet, daß, wenn diese Ansicht richtig wäre, gar keine Überschwemmungen eintreten könnten, weil dann immer die vermehrte Geschwindigkeit des Flusses hinreichen würde, die vergrößerte Wassermenge abzuführen. Er fügt zugleich hinzu, daß, wenn auch in vielen einzelnen Fällen ausgezeichnete Abweichungen von der Regel vorkommen, es doch noch viel zu sehr an Beobachtungen fehle, um hierüber von irgend einem Strome etwas Vollständiges anführen zu können; so fließen z. B. alle Flüsse Baierns, der Inn, die Jser, der Lech u. s. w. bedeutend schneller als die Donau, in welche sie münden; und so weit Wiebekings Erfahrungen reichen, ist fast immer die Geschwindigkeit des Hauptflusses geringer, als die seiner Nebenflüsse, sobald beide niedrig stehen; erhöht sich aber einer von beiden, so ändert sich dieses Verhältniß. Bei niedrigem Wasserstande ist z. B. die Geschwindigkeit des Rheines geringer, als die der Sieg; schwillt dagegen der Rhein durch die Mosel und Ahr an, so tritt der umgekehrte Fall ein. Dabei ist es nicht zu übersehen, daß, wenn dieses Verhältnis; in aller Strenge begründet wäre, die Geschwindigkeit der Ströme endlich doch gegen ihre Mündungen am größten sein müßte, was aber, wie wir oben schon gesehen haben, nicht der Fall ist, so sehr auch die Theorie dafür zu sprechen scheint. (…)

(Heinrich Karl Wilhelm Berghaus: Allgemeine Länder- und Völkerkunde: Nebst einem Abriß der physikalischen Erdbeschreibung: ein Lehr- und Hausbuch für alle Stände, Stuttgart 1837)

Der Düsseldorfer Kartoffelkönig

Hiraga Tomomi, ein verirrte japanische Touristin, die wir vor einigen Jahren bei Remagen kennenlernten, erzählte rheinsein vom bedeutenden Düsseldorfer Brauch des „potato king“, des Kartoffelkönigs. Die Geschichte der Hiraga Tomomi ging etwa wie folgt: „An einer Hauswand in Düsseldorf ist eine riesige bekrönte Kartoffel mit Gesicht (der Kartoffelkönig) angebracht. Der Kartoffelkönig symbolisiert eine im Grunde völlig ordinäre Kartoffel, die jedoch vor langer Zeit den schon hoffnungslos verlorenen Düsseldorfern in einer Schlacht auf wundersame Weise den Sieg gebracht hat. Seither wird sie von den Düsseldorfern als Kartoffelkönig verehrt. Mehr noch: die gekrönte Kartoffel muß immer in Richtung der bei der Schlacht unterlegenen Stadt schauen und an jedem Jahrestag des Sieges wird die Position der Kartoffel vom Bürgermeister Düsseldorfs eigenhändig nach vorgeschriebenem Ritus justiert. Denn wenn der Kartoffelkönig nicht mehr wacht, wird Düsseldorf untergehen.“ Wir ließen Hiraga Tomomi nicht merken, daß ihre schöne kleine Brauchtumsanekdote wohl vor allem in Japan kursieren dürfte und in Düsseldorf selbst noch wenig bis keinen Bekanntheitsgrad besitzt. Es hatte eine geraume Weile gedauert, bis wir die Erzählungen der jungen Dame über den „Kartoffelkönig“ recht zweifelsfrei dem gleichnamigen langjährigen Kartoffelpuffer-Imbiß auf der Bolkerstraße in der Düsseldorfer Altstadt zuordnen konnten, einer heutigen, insbesondere bei Touristen beliebten Partymeile, in der einst, “zufällig” wie er einmal schrieb, Heinrich Heine (der in Japan vielleicht bekannteste aller deutschen Dichter) geboren wurde. Diese Imbißbude hatte als Werbemaßnahme tatsächlich eine überdimensionale Kartoffel an ihrer Fassade montiert. Erwähnte Schlacht läßt sich mit hoher Sicherheit als die Schlacht bei Worringen (1288 n. Chr.), einem in Düsseldorf gern rund um die Uhr zitierten geschichtlichen Ereignis einordnen, die unterlegenen Angreifer als Einwohner Kölns. (Welche sich im übrigen ebenfalls als Sieger der Schlacht bei Worringen empfinden, diese aber weit seltener zitieren, was an anderer Stelle einmal genauer aufgedröselt werden soll.) Der Kartoffelkönig auf der Bolkerstraße existiert heute nicht mehr. Konkrete Auswirkungen seines Verschwindens auf die Existenz Düsseldorfs gibt es bisher keine. Wie es Hiraga Tomomi ergehen würde, kehrte sie nochmals nach Düsseldorf zurück, um den Kartoffelkönig aufzusuchen, von dem sie voller Freude, sogar mit Anflügen von Stolz erzählt hatte? Vermutlich würde sie ihren Augen nicht trauen, von einer Ortsverwechslung ausgehen und sich schnurstracks auf die Suche machen, ähnlich wie in Mündungsnähe der Ahr südlich Remagens, wo wir uns kennenlernten, indem wir der sympathischen Dame den Weg zum Drachenfels, den sie verpaßt haben mußte, erklärten und darüber ein wenig ins Plaudern verfielen.

Im Ahrtal

„Dem Glanze ritterlichen und bürgerlichen Lebens gegenüber, wie er sich besonders im Mittelalter hier entfaltete, erscheint die Gegenwart des Ahrthals trübe. Zwar die fleißige Menschenhand hat das Thal immer paradiesischer geschmückt; täglich werden dem kahlen Felsen neue Rebgelände, dem unfruchtbaren Boden auf den öden rauhen Berghäuptern frische Aecker abgewonnen; am ganzen Niederrhein gilt der Ahrbleichart hoch und rivalisirt in seinen vorzüglichern Jahrgängen selbst mit dem Rheinwein. Aber die Bewohner des Thals werden arm und ärmer, die einst blühenden Dörfer brechen zusammen, die fröhliche Lebenslust, wie sie Weinländern eigen ist, schwindet von Jahr zu Jahr mehr, und zuerst von allen Preußen hat der Ahrländer die Auswanderung nach Amerika begonnen. Freilich wer mit fröhlichem Muth und eilendem Fuß das Thal durchwandert und nur die Schenkenschilder oder schönen Aussichten ins Auge faßt, oder wer gar auf der neuen Straße im raschen Wagen vorüberrollt, der sieht dieß stille Elend nicht: höchstens dauern ihn im obern Thal, besonders in der vielbesuchten Gegend von Altenahr, die vielen bettelnden Kinder, denen man gleichwol gerne giebt, wenn sie so in ihren armsäligen Kleidchen, ohne ein Wort zu sagen, ihre Hand küssen und dem Reisenden darbieten. Wer aber ein Herz für das Volk hat, wer mit dem Bauern zu reden weiß oder den dunkeln Zug der Sorge beobachtet, der schon um die jungen Augen spielt, den faßt Schmerz bei dem Gedanken, daß die Bewohner dieses Paradieses zu den unglücklichen Stämmen des deutschen Vaterlandes gehören.“ (aus: Gottfried Kinkel: Die Ahr. Landschaft, Geschichte und Volksleben, Bonn 1846/1858) 2009. Remagen und der Rest um Remagen herum im Regen. Also einmal das Ahrtal rauf, mit dem Regionalzug. Es sind keine bettelnden Kinder im Abteil, sondern hormongeplagte Teenager mit iPods und Handys und städtischen Lautstärkepegeln. Doch je weiter sie ins Tal hochmüssen, desto länger werden ihre Gesichter. Hinter regenverschlierten Zugfensterscheiben ziehen Gemälde von Weinbergen, Weinstuben, Flußpartikeln, eine felsige Einsamkeit, talauf gekreuzt von Gruppen verhausfrauter Holländerinnen, denen der seltene Anblick eines Weinbergs ebenso Motivation zum Besuch der Gegend sein mag wie die zahlreichen Ahr-Campingplätze, talab durchschnürt von einem eiligen Passanten mit geldgefülltem Rucksack, nicht achtend des hübschen Goldregens vor traurigen Gemäuern, dieweil er seine vielköpfige Familie an diesem bestimmten Tage mit Sicherheit heimlich und für immer verläßt. Der Zugschaffner kennt nur ein einziges Wort: „gam“ oder auch „gamm“ ausgesprochen bedeutet im Ahrtal alle dort bekannten essentiellen Dinge: Himmel, Erde, Mann, Frau, Stein, Wasser, Brot, Wein, Zugticket, Danke-für-Zugticket-zeigen, ich-gehe-jetzt. Einzig vorstellbare Klimax, in besonders aufgeladenen Situationen, scheint das selten gehörte „gam mip“, was „komm mit!“ bedeutet. In Ahrbrück fährt der Zug nicht mehr weiter, sondern wieder nach Remagen zurück. Für eine Strecke braucht er ca. 50 Minuten. Genug Zeit, um nachzulesen, daß der Name „Ahr“ vom althochdeutschen „aha“ für Wasser rührt. „Aha“ und „gam“, alles derselbe Stamm. Ein Tal erst hinauf und dann gleich wieder – wegen allgemeinen Regenfalls – im Zug hinabzufahren, bietet die Abwechslung a) der dreidimensionalen Richtung, welche die maßgeblichen Vorgänge des Eintauchens und Hinausströmens repräsentiert und b) die zweidimensionale Unterscheidung zwischen Rechts- bzw Linksrausgucken, was die dort vorhandene und stets sich ändernde Landschaft anlangt. Auch heute noch besitzt die Ahr Nuancen eines düsteren Paradieses. Gegen den Rhein hin aber wird das Tal in sensationeller Weise von einer alten nordischen Idee, die bereits dem hammerschwingenden Thor zugeschrieben wird, aber erst unter Hitler langsam in Schwung kam, getroffen: die heilige Autobahnbrücke stelzt in architektonischem Gigantismus über die braun-silbrige Ahr und ihre verregnet-grünliche Umgebung hin, wie um den Ahrtalern zu zeigen, daß manifeste Träume über sie hinwegschießen und der Hammer in weiter Ferne hängt.