Donau-Postkarte, erhalten am Nieuwe Rijn in Leiden

“Eine Postkarte.
Von oben sah die Donau inmitten von all dem grauen Schutt wie ein toter oder demnächst toter Regenwurm aus. An einer Stelle führte eine verlockend breite weiße Brücke hinüber. An beiden Ufern gab es kleine schwimmende Häuschen, außerdem, umgeben von viel Grün, eine Art Festung oder Kastell. Kalemegdan stand unten rechts auf dem Bild. Abgestempelt war das ganze in Belgrad.”

(aus Eduardo Halfon: Der polnische Boxer, München 2014)

Globalisierungsfänomene: Halfon, ein guatemaltekisch-amerikanischer Autor mit Wurzeln im Libanon, in Ägypten, Polen und Syrien schreibt über den Schwesterfluß des Rheins, die serbische Donau und wir lesen seine Zeilen einer imaginären Postkarte am Bruderfluß der Donau, am niederländischen Rhein, in Leiden, in einem Café, das auf und unter dem Wasser und in den verregneten Himmeln zugleich sich zu befinden scheint und gleichen also die Regenwurm-Donau mit dem plakettenartigen Firmenemblem ab, das sich, von oben betrachtet, aus den Linien der Rheine und sonstigen Leidener Wasserwege ergibt, ein Abzeichen, den Umrissen zufolge, wie es als Wappen zu einem britischen Traditions-Fußballclub paßte oder vielleicht der Grundriß eines etwas verqueren Karnevalsordens oder eines minimal aus der Zeit gefallenen Biosiegels, Assoziationen, aus denen sich Bedeutungen herleiten ließen, die in einer Welt, die sämtliche Querverbindungen akzeptiert, für bare Münze genommen werden dürften. Wen mag interessieren, inwiefern das Belgrader Schuttgrau mit dem Leidener Himmelsgrau korrespondiert und warum die eine Flußstadt mit der anderen so wenig offensichtliche und soviele nicht offensichtliche Gemeinsamkeiten teilt?

Hume in Nijmegen: you see nothing but the tops of trees standing up amidst the waters, which recalls the idea of Egypt

Nimeguen, 20th March.

We have come from Breda in two days, and lay last night at Bois-le-duc, which is situated in the midst of a lake, and is absolutely impregnable. That part of Brabant, through which we travelled, is not very fertile, and is full of sandy heaths. Nimeguen is in the Gueldre, the pleasantest province of the seven, perhaps of the seventeen. The land is beautifully divided into heights and plains, and is cut by the branches of the Rhine. Nimeguen has a very commanding prospect, and the country below it is particularly remarkable at present because of the innundation of the Wahal, a branch of the Rhine, which covers the whole fields for several leagues; and you see nothing but the tops of trees standing up amidst the waters, which recalls the idea of Egypt during the inundations of the Nile. Nimeguen is a well-built town, not very strong, though surrounded with a great many works. Here we met our machines, which came hither by a shorter road from the Hague. They are a berline for the general and his company, and a chaise for the servants. We set out to-morrow, and pass by Cologne, Frankfort, and Ratisbon, till we meet with the Danube, and then we sail down that river for two hundred and fifty miles to Vienna.

(David Hume)

Tod auf dem Rhein

1903: Dr. Watson folgt einem Hilferuf von Luzia Bylandt, jetzt Mrs. Jones, nach Ägypten. Bei Ausgrabungen im Tal der Könige häufen sich die mysteriösen Vorfälle. Um in den Besitz eines altägyptischen Amuletts zu gelangen, geht eine obskure Bande von Grabräubern offenbar über Leichen. Sogar in Cairo, bei ihrem alten Kölner Freund Baron Oppenheim, ist Luzia nicht sicher. Eine gefährliche Flucht quer durch Europa beginnt. Erst in Köln kommt das wahre Ausmaß der Affaire ans Licht. Sherlock Holmes und Dr. Watson stellen sich einem übermächtigen Gegner und müssen erfahren, dass es im romantischen Rheintal genauso tödlich zugehen kann wie an den Ufern des Nils.

(Buchbeschreibung zu Stefan Winges: Tod auf dem Rhein, Köln 2004)

Kamelopedischer Rhein

Rhein
(aus Kamelopedia, der freien Kamel-Enzyklopädie)

Der Rhein ist so eine Art Nil, nur nicht in Ägypten, sondern in der Schweiz, in Deutschland, in Frankreich und in Holland, wo er schon mal anders heißt und mündet dann nach einem gewagten Schlenker in Höhe des Kamelner Kreuzes irgendwo in den Nord-Ostsee-Kanal und drückt sich so vor der Begegnung mit dem wahren Egypten.

Über Jahrzehnte war der Rhein bei allen Fotografen sehr begehrt, als man noch an jeder seiner Biegungen Filme und Fotos in seinem Wasserlauf entwickeln konnte. Seitdem die Industrie aber so geizig geworden ist, und ihm keine Chemikalien mehr in diesem Umfang zuleitet, hat der Rhein seine Entwicklungsfähigkeit gänzlich eingebüßt.

Auch die Rheinschiffer haben sehr unter den Auflagen der Umweltbehörden zu leiden. Entgegen alter Traditionen und verbriefter Naturgesetze werden auch diese nun auf moderne Toiletten gezwungen, dürfen nicht mehr öffentlich schiffen und schon gar nicht meer in den Rhein rein. Seither ist auch nichts mehr mit groß Rheine machen, was den Schiffern besonders stinkt.

Köln liegt am Rhein, Kairo nicht und Bielefeld erst recht nicht (liegt ja noch nicht mal am Nil, dann schon eher an der Biele.)

Das Spiegelbild der Rhein ist natürlich der Rhaus.

war den Morgen ganz taschenmesserartig zusammengeknickt

Bonn, am Sonntag nach Pfingsten (11. Juni 1865)

[...] Am Freitag den 2. Juni reiste ich nach Köln herüber zum niederrheinischen Musikfest. An demselben Tage wurde dort die internationale Ausstellung eröffnet. Köln machte in diesen Tagen einen weltstädtischen Eindruck. Ein unendliches Sprachen- und Trachtengewirr – ungeheuer viel Taschendiebe und andre Schwindler – alle Hotels bis in die entlegensten Räume gefüllt – die Stadt auf das Anmuthigste mit Fahnen geschmückt – das war der äußere Eindruck. Als Sänger bekam ich, meine weißrothe seidne Schleife auf die Brust und begab mich in die Probe. Du kennst leider den Gürzenichsaal nicht, ich habe Dir aber in den letzten Ferien eine fabelhafte Vorstellung erweckt durch den Vergleich mit dem Naumburger Börsensaal. Unser Chor bestand aus 182 Sopranen, 154 Alten, 113 Tenören und 172 Bässen. Dazu ein Orchester aus Künstlern bestehend von etwa 160 Mann, darunter 52 Violinen, 20 Violen, 21 Cellis und 14 Contrebässe. Sieben der besten Solosänger und Sängerinnen waren herangezogen worden. Das Ganze wurde von Hiller dirigirt. Von den Damen zeichneten sich viele durch Jugend und Schönheit aus. Bei den 3 Hauptconzerten erschienen sie alle in Weiß, mit blauen Achselschleifen und natürlichen oder gemachten Blumen im Haar. Eine jede hielt ein schönes Bouquet in der Hand. Wir Herren alle in Frack und weißer Weste.
Am ersten Abend saßen wir noch bis tief in die Nacht hinein zusammen und ich schlief endlich bei einem alten Frankonen auf dem Lehnstuhl und war den Morgen ganz taschenmesserartig zusammengeknickt. Dazu leide ich, beiläufig bemerkt, seit den letzten Ferien an starkem Rheumatismus in dem linken Arm.
Die nächste Nacht schlief ich wieder in Bonn. Den Sonntag war das erste große Conzert. “Israel in Aegypten von Händel”. Wir sangen mit unnachahmlicher Begeisterung bei 50 Grad Reaumur.
Der Gürzenich war für alle drei Tage ausgekauft. Das Billet für das Einzelconzert kostete 2-3 Thaler. Die Ausführung war nach aller Urtheil eine vollkommene. Es kam zu Scenen, die ich nie vergessen werde. Als Staegemann und Julius Stockhausen “der König aller Bässe” ihr berühmtes Heldenduett sangen, brach ein unerhörter Sturm des Jubels aus, achtfache Bravos, Tusche der Trompeten, Dacapogeheul, sämmtliche 300 Damen schleuderten ihre 300 Bouquets den Sängern ins Gesicht, sie waren im eigentlichsten Sinne von einer Blumenwolke umhüllt.
Die Scene wiederholte sich, als das Duett da capo gesungen war.
Am Abend begannen wir Bonner Herren alle zusammen zu kneipen, wurden aber von dem Kölner Männergesangverein in die Gürzenichrestauration eingeladen und blieben hier unter
carnevalistischen Toasten und Liedern, worin der Kölner blüht, unter vierstimmigem Gesange und steigender Begeisterung beisammen. Um 3 Uhr Morgens machte ich mich mit 2 Bekannten fort; und wir durchzogen die Stadt, klingelten an den Häusern, fanden nirgends ein Unterkommen, auch die Post nahm uns nicht auf – wir wollten in den Postwägen schlafen – bis endlich nach anderthalb Stunde ein Nachtwächter uns das Hotel du Dome aufschloß. Wir sanken auf die Bänke des Speisesaals hin und waren in 2 Sek. entschlafen. Draußen graute der Morgen. Nach 1 1/2 Stunde kam der Hausknecht und weckte uns, da der Saal gereinigt werden mußte. Wir brachen in humoristisch verzweifelter Stimmung auf, giengen über den Bahnhof nach Deutz herüber, genossen ein Frühstück und begaben uns mit höchst gedämpfter Stimme in die Probe. Wo ich mit großem Enthusiasmus einschlief (mit obligaten Posaunen und Pauken.) Um so aufgeweckter war ich in der Aufführung am Nachmittag von 6–11 Uhr. Kamen darin doch meine liebsten Sachen vor, die Faustmusik von Schumann und die a dur Symph. v. Beethov. Am Abend sehnte ich mich sehr nach einer Ruhestätte und irrte etwa in 13 Hotels herum, wo alles voll und übervoll war. Endlich im 14ten, nachdem auch hier der Wirth mir versicherte, daß alle Zimmer besetzt sein, erklärte ich ihm kaltblütig, daß ich hier bleiben würde, er möchte für ein Bett sorgen. Das geschah denn auch, in einem Restaurationszimmer wurden Feldbetten aufgeschlagen, für eine Nacht mit 20 Gr. zu bezahlen.
Am dritten Tage endlich fand das letzte Conzert statt, worin eine größere Anzahl von kleineren Sachen zur Aufführung kam. Der schönste Moment daraus war die Aufführung der Sinfonie von Hiller mit dem Motto “es muß doch Frühling werden”, die Musiker waren in seltner Begeisterung, denn wir alle verehrten Hiller höchlichst, nach jedem Theile ungeheurer Jubel und nach dem letzten eine ähnliche Scene nur noch gesteigert. Sein Thron wurde bedeckt mit Kränzen und Bouquet, einer der Künstler setzte ihm den Lorberkranz auf, das Orchester stimmte einen 3fachen Tusch an, und der alte Mann bedeckte sein Gesicht und weinte. Was die Damen unendlich rührte.
[...]
Fritz

(aus: Friedrich Nietzsche, Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Zweiter Band, September 1864 – April 1869)

Wie die Römer vor zeiten so hart vnd lang wider das Teütsch land gestritten haben.

MJt was grosser müh vnd arbeit / ia kosten vnd verlust die Römer vorzeiten haben gestritten wider das Teütsch land / ist niemand on wissen der echter gelesen hat die alte historien. Es ist jnen gering gewesen vnder jren gewalt zubringen Hispaniam / Galliam / Britanniam / Greciam / Asiam / Egypten / Macedoniam vn ander villänder / aber Teütsch land wolt sich nit also liederlich ergeben / besunder das Teütsch land das der Rhein von occident / vnnd die Tonaw gegen mittag als starcke rinckmauren beschleüßt. Es hat manch tausent man müssen darüber zu grund ghan zu beiden seiten / wie du hören wirst. Dan die Teütschen theten solichen gewaltigen widerstand den Römern vnd allen jren fyenden / das vnder jren nachbauren ein solich sprichwort auß gieng. Will einer übel streiten / so reib er sich an die. Teütschen. Vnd wil einer streich lösen / so fahe er an ein zäck mit den Teütschen. Es habe die grausamme vnnd stäte überfäl der Teütsche gegen jren nachbauren den Römern so vil zu schaffen geben / das sie an eroberug Germanien offtermals verzweifflet / allein understünden jre prouintzen gegen den Teütschen vor überfal zu beschirmen / deshalb sie beide flüß Rhein vnd Tonaw auff jrer seiten mit vil trefflichen stetten vnd befestigungen verwaretend / als dan seind am Rhein / Bingen / Bopparten / Jngelheim / Mentz / Wormß / Speier / Rheinzabern / Seltz / Straßburg / Augst ob Basel / Keyserstul / Costentz / Arbon / vnd an der Tonaw / Augspurg / Regenspurg / Passaw / etc. Durch dies stett habe die Römer verhütet / das die Teütschen mit den jren / noch sie hinwider mit den Teütschen kein gemeinschafft dorffte haben. Der starck vnd namhafftig held Julius der erst keyser / legt sich zum ersten wider die Teütschen / vnd nam jnen die stett so an dem Rhein gelegen waren / die vor zeiten vnder den Galliern waren gewesen / aber durch die Teütsche erobert vnnd den Galliern ab getrungen / alsdann fürhin gemeldet ist / wie die Teütschen mit grossen scharen über den Rhein gefaren / die besten länder yngenommen vnd besessen haben. Do nun die Römer begerten des Rheinstroms vn den mit gewalt jnen zuziehen wolten / haben sich die Teütsche nit gesaumpt / sunder jnen fräuenlichen widerstand gethan. Doch mochte sie den Rheinstrom vo Basel an biß ghen Mentz nit behalten / sunder die Römer brachte jn zeitlich vnder jren gewalt / vnd besetzten alle stett vnd vn wärhafftige flecken mit haupleüten vnd kriegern. Die machten prouintzen darauß vnd vogteien / vnnd gaben den eroberten Teütschen ländern herzliche tittel vnd setzten grauen vnd hertzogen daryn. Die erst vnd gröst prouintz begreifft in jr Heluetiam / Sequanos vnd Rauracos/ das ist / Schweytzerland gegen Burgud / das Sunggöw biß ghen Bisantz vnd Baßler ladschafft biß ghen Colmar. Der hauptman diser prouintz hielt sich zu Bisantz / vnnd der vnder jm ander hauptleüt / vnder welchen einer sich hielt / bey Basel im Hole / der wartet das die Teütschen nitt über Rhein kämen / vnd den Römern in das land fielen. Nach diser prouintz kam Tractus Argentoratensis / das ist der Straßburger strich / vnd fieng an ob Schletstatt vnd gieng biß vnder Straßburg / wölche landschafft wir ietz zumal das vnder Elsaß nennen. Jr vorweser hieß der Straßburger graue / vnd was dem hertzogen zu Mentz vnderworffen. Do gieng an das erst Germania vnd begriff vnder jm das Straßburger land / Speirer land / Wormsser land vn Mentzer land. Die andern nennen es das ober Germaniam / vnd strecket sich biß in Lothringen. Ptolemäus streckt es biß an die Mosel / die er Obrincam nent. Sein oberster vorweser oder hauptman saß zu Mentz / vn her vnder jm eylff vögt / die hatten jre sitz / einer zu Salerion / das ist Seltz / einer zu Zabern / einer zu Vico Julio / jch acht es sey Weyssenburg oder Landaw / einer zu Speier / einer zu Alta ripa vnder Speier / das jetz heißt Altrip / einer zu Worms / einer zu Mentz / einer zu Bingen / einer zu Bodobriga / jetzunt Boppart / einer zu Confluentz oder Cobolentz / vn einer zu Antonaco / jetzunt Andernach. (Aus Sebastian Münsters Cosmographia)

De Rynstroom (4)

Ghy slingert, als de Griecksche slang,
Uw blaeuwe krullen om de struicken,
En groene bergen breed en lang,
En swelleght in soo veele kruicken
Van stroomen, dat uw lichaem swelt
Van watersucht, en parst de planten,
En schuurt soo menigh vruchtbaer veld,
En knabbelt aen de ruige kanten,
Nu tusschen bergh en krommen bult,
Nu door een dal, met wijn gevult.

Al is uw eene keel versand,
Die `t huis te Britten plagh te schaeven,
Dat nu verdroncken leit op strand;
De Leck en d` Yssel doorgegraeven
Vergelden dubbel dese scha,
En leiden u met hooge dijcken
In zee, op dat uw ongena
De vlacke beemden niet koom strijcken
Met macht van regen, en geweld
Van sneeuw, dat inde sonne smelt.

De heldre en starrelichte vliet,
Die door den hemel vloeit by duyster,
Is d` Italjaensche Padus niet,
Nocht oock de Nyl, Egyptens luister,
Neen seker, `t is de rijcke Rijn,
Wiens visschen, met een wuft gewemel,
In `t onbevleckte kristallijn
Van eenen onbetrocken hemel,
Met silvre schubben, silverklaer
Als starren dolen, hier en daer.

Rheingrundlagen (2)

Johann Georg Kohl beginnt sein über tausend Seiten fassendes Buch “Der Rhein” von 1851 mit grundsätzlichen Überlegungen zum Aufbau der Erde und der politischen Bedeutung der Ströme und des Wassers. Seine Sprache ist griffig und ansatzweise poetisch, sie baut mit an dem Wunder, das sie beschreibt:
“Unter den Elementen und Kräften, welche noch fortwährend an der Umgestaltung der Erdoberfläche arbeiten, nimmt das fließende Wasser den ersten Rang ein. Zwar üben auch die bewegten Lüfte, die Winde, einigen Einfluß auf die festen Theile der Erdrinde und verändern in Etwas ihre Physiognomie. Sie führen in der Wüste, den Sand zusammentreibend, Hügel auf. Sie tragen zur Bildung der Dünenketten an den Küsten der Meere bei. Sie heben den Staub von der Oberfläche vieler Gebirge hinweg und deponiren ihn an entfernten Punkten. Sie erhöhen durch wiederholte und constante Angriffe auf gewisse Punkte der Erdrinde die Zersetzung und Verwitterung derselben und erhöhen oder vermindern auf diese Weise hier und dort die Erhebungen des Festen um ein Weniges. Indirect und in Verbindung mit dem Wasser der Oceane, das sie in Bewegung setzen, ist ihre Einwirkung auf das Festland besonders erfolgreich. Vermittels der Meereswogen, welche sie aufregen, benagen sie die Küsten der Länder hie und da und zerstören sie. Zuweilen aber schlagen sie auch lose Elemente mit Hülfe des Wellenschlags zu einer festen Masse zusammen, und garniren die Küsten mit einem Gürtel von Felsen. Zwar haben wir auch Spuren von der Einwirkung der elektrischen Strömungen und Entladungen auf die Erdrinde. Wir wissen, daß die Blitze im Stande waren, zackige Felsgipfel, denen sie häufig zuströmten, im Laufe der Zeiten abzurunden und mit einer verglasten Kruste zu überziehen. Sie haben zuweilen Felsen gespalten, sie in Trümmer zerschmettert und von ihren hohen Postamenten herabgeworfen. (…) Durch künstliche Eindeichungen hat er (der Mensch, Anm. SL) namentlich an den Küsten des Meeres und an den Mündungen der Flüsse ganze Landstriche, oft große Bezirke dem Wasser abgewonnen, und da sind dann unter seiner schöpferischen Hand, wie z. B. in Holland, kleine Ländergebiete der Erdrinde zugewachsen. Zuweilen haben seine vergänglichen Werke zur Entstehung von Erhebungen, Hügeln, oder andern bleibenden und größern Bodengestaltungen Anlaß gegeben. So z. B. verwandelten die Wogen und Anschlemmungen des Meeres den Damm, den Alexander der Große von der Küste Aegyptens zur Insel Pharos aufwarf, in eine breite Landzunge. So häuften sich Wüstenstaub und Pflanzenerde um die Ruinenhaufen von Thürmen und Palästen, und bildeten Hügel und Berge. So brachen die Gewässer in vernachlässigte Kanäle ein, und verwandelten sie in mächtige und bleibende Ströme, wie dies denn bei der Issel und dem Lech in Holland, bei den beiden Nilarmen von Rosette und Damiette, und vermuthlich noch in mehren andern Flußdelten geschehen ist. Allein die Resultate aller dieser umwandelnden Einwirkungen des Menschen, der Thiere, der Pflanzen, der unterirdischen Feuer, der Atmosphäre, der Winde sind im Ganzen sehr unbedeutend gegen die Resultate der Thätigkeit der fließenden Gewässer. (…) Das Leben des Menschen, des Herrn der Schöpfung, der sich Alles dienstbar macht, und dem die Thiere in und außer dem Wasser, die Pflanzen an den Ufern und auch das Wasser selber gleich nützlich und gleich unentbehrlich sind, ist daher nun noch viel inniger und noch weit mannichfaltiger mit den Fäden der Flüsse verwebt. Der Mensch siedelt sich an den Flüssen und Quellen an, weil das Wasser, das sie ihm liefern, ihm zu seiner Nahrung, als Getränk, in seiner Küche, bei seinen Bädern, bei der Reinigung seiner Gefäße, zur Sättigung seines Viehs, zur Benetzung seiner Gärten und Aecker, ganz unentbehrlich ist, und sich gleichsam beständig durch alle Theile seines Haushalts ergießen muß. Als Fischer baut er seine Hütte hart an den Ufern der Flüsse. Als Jäger wandert er längs den Flüssen hin, wo er der reichsten Beute gewiß ist. Auch die Hirten kommen, ihr Vieh zu tränken und zu baden, zu den Flüssen und finden hier die fetteste Weide. In manchen Erdgegenden können sie nur längs der Flüsse auf Weide hoffen. Der Ackerbauer findet hier die fruchtbarsten Länderstriche, die mit schöner Fruchterde überzogenen Niederungen, die Marschen und Delten, in denen Ceres ihre schönsten Feste feiert, ihre reichsten Ernten spendet. Bei seinen Maschinen und Fabriken benutzt der Mensch das fließende Wasser als treibende Kraft, wo die Anstrengung seines eigenen Arms nicht mehr ausreicht. Und so stellen sich denn die Flüsse als die wahren Lebensadern des ganzen Pflanzen-, Thier-, Menschen- und Völkerlebens dar. Sie treten ganz entscheidend und gebieterisch auf dem Festlande auf; sie reißen alles Leben und Regen in ihren Kanälen mit sich hin, und concentriren so zu sagen alles Mark und alle Kraft der Länder in ihren Adern.”