Dinslaken, Dienstag Fünfter Juli

Fahrradreichtum
ist das einfallende Wort für den ersten Eindruck
auf dem Bahnhofsvorplatz.

Südlich von und parallel zu
den Gleisen verläuft die
Wilhelm-Lantermann-Straße.
(Bis 1933 in der SPD und ab
1946 wieder bis zum Tod 1973
siebenundzwanzig Jahre Bürgermeister.)

Auch die Schillerstraße
bildet einen nach Norden
zulaufenden Schenkel eines
geographischen Dreiecks
mit der Willy-Brandt-Straße.

Darin,
der Stadtplan orientiert den Besucher,
findet sich zwischen Goethe- und
Hölderlin- eine
Scharnhorststraße.

Schneller als angenommen
passiert die Straßenbahn 903
via Friedrich-Ebert-Straße
den Kreisverkehr des Platz d`Agen,
in dessen womöglich bewusst ungemähter
Mitte aus Sommerblumen einige
Elstern spazieren.

Fußläufige Dimension.
Haltestelle Neustraße
am Bürgerbüro ausgestiegen.

Das Fantastival, Juli 2016, kündigt
Anastacia als Stargast an.

Wind und Sonne.

Eine Garten- und Landschaftsbaufirma
verrichtet finale Schönheitsgriffe
vor dem, ein Plakat kündet es an,
ersten Frankreichfest (am 09. Juli).
Über den Parkbänken noch Plastikfolie.
Unweit der nach der ehemaligen Theaterintendantin
benannten und derzeit geschlossen /saniert werden erscheinenden
Kathrin-Türks-Halle ein frisch angelegtes Areal
junger Bäume in Dreierreihen
(deren eher spitz zulaufende Blätter sie dem botanisch
kaum Kundigen und auf Bestimmungsabbildungen Angewiesenen
mehr vermutet als möglichen Steineichen-Nachwuchs ausweisen).

Hinter der Halle,
am Rathaus als Teil der ehemaligen Burg
- dort einige Beete ggf. dem Urban Gardening zurechenbar -,
ein Teich mit lebendigem Goldfischschwarm
im nicht ganz algenarmen Wasser,
Taubenfedern auf der Oberfläche wie Croutons.
Zu Lande eine Plastik,
zwei schnatternde Vögel stilisierend,
deren wasserzugewandte Seite stärker
oxidiert, wohl durch die Springfontäne.

Über den Teich hinweg schweift der Blick
auf eine Reihe überwiegend auf jeweiligen Garagen
einstöckig erbauten niederrheinischen Häusern mit Giebeldach,
über denen der Kirchturm von St. Vincentius wetterhahngekrönt
aufragt.

Laut Stadtplan (hinterm Rathaus steht freundlich ein weiterer)
liegt das Gewerbegebiet Dinslaken-Mitte
östlich des Zentrums und zu geschätzten zwei Dritteln
nördlich der DB-Gleise.
Weiter südlich ist eine Trabrennbahn eingezeichnet.

Per pedes Perspektive
für den Nachmittag:
Schillerstraße nordwärts,
Willy-Brandt-Straße südwestwärts,
Adenauerstraße west- das heißt stadtaus- und rheinwärts,
genauer: ab der Emscher diese flussabwärts bis zur Mündung.

Kurz hinterm Platz d`Agen beheimatet
die Schillerstraße das Finanzamt (1950er zweckästhetische Architektur)
und das Amtsgericht, dessen Hauptportal um circa 16 Uhr
von einer Dame mit größerem Schlüsselbund zugeschlossen wird,
und ist nach Norden hin alleebaumbestanden.

Vorm Stadtplan stehend, keimte die Hoffnung
dass die These, nach Willy Brandt benannte Plätze und Straßen
wirkten oft nüchtern bis trist
(von rheinsein erkannt, auf rheinsein diskutiert und empirisch belegt)
in Dinslaken ein freudiges Pendant erfahren könnte,
weist doch die Kartographie eine breite, blickeinnehmende Straße aus.

Tatsächlich handelt es sich dann real um ein Teilstück der B8,
um diese Tageszeit von Stau geprägt.
Obwohl keine Prachtallee, neigt der Chronist im
Falle Dinslaken dennoch zur Annahme, dass die
Straßenbenennung eine eindeutige Würdigung Brandts darstellt.
Das Straßenschild an mehreren Stellen nicht nur an einem,
sondern zwischen zwei Pfählen.

So Ecke Voerder Straße, wo allerdings das Hotel
Zum schwarzen Ferkel den Namensblickfang bildet.

Rötlich schimmerndes Bachbett
führte zum Namen Rotbach.

Eine alteingesessene Bäckerfamilie seit 1853
bietet an der Ecke Im Bremerkamp nebst Backwaren
kostenloses WLAN, während gegenüber
ein gelbes Telefonhäuschen noch
funktionsfähig und gepflegt ist, weil
am Krankenhaus St. Vinzenz gelegen.
Diesem vis-à-vis der Friedhof – falls es anders nicht weitergehen sollte,
an dessen Eingang ein Blumengeschäft mit
schwarzen, roten, goldenen Kunststoff-Schafen
und ebenso angeordneten Gartenzwergen mit Sonnenbrille, je 19,95 €.

Die Konrad-Adenauer-Straße westwärts wirkt
vergleichsweise ländlich
(was die oben angedeutete Einschätzung zur Würdigung Willy Brandts stützt).

Wo sie die Emscher überquert, blickt es sich
über Weizenfelder auf das Kraftwerk Walsum,
im Volksmund Block 10 genannt
wie eine hundebegleitete Dame auskunftet.

Die begradigte und wegen Bergbaufolgen umdeichte
Emscher ist, teils mit Stacheldraht, eingezäunt,
es wird mit Schildern vor Ertrinken gewarnt.

Neben der westlichen Verlängerung des Emscherwegs
auf Eppinghoven zu beenden Kühe und Kälber ihre
Mittagsruhe, sich träge erhebend auf ihrer Wiese
mit eingezäunten Apfelbäumen, vereinzelt Jogger anmuhend.
Die Siedlung mehr bevillt als bloß behaust mit gepflegten Gärten,
die, wohl durch Gala-Betriebe, eher fremdgestaltet denn eigengepflegt wirken.
Ruhig. Zum Augenblick passt sonnige relative Windstille.

Auf dem Rheindeich pfeift der Wind.
Während nördlich ein riesiges Kraftwerk den Blick bestimmt,
das Steag-Kohlewerk in Voerde-Möllen,
wühlen südlich davon und nördlich der
aktuellen Emschermündung
Bagger und Baufahrzeuge,
um die Flussmündung (2014 begonnen) nach Norden zu verlegen.

Hagelstraße 53 ist die Adresse des Baubüros,
in der nördlichen Doppelhaushälfte von 1910,
die südliche Hälfte wurde bereits abgerissen.

Die Straße heißt nach dem Hagelkreuz,
an dem früher zum Schutz vor Hagel gebetet wurde.
Das Kreuz wurde vor dem Fronleichnamstag 1935
durch Nazis geschändet, so ein Informationsschild
unweit des Hofes Emschermündung.

Rückflanierend präsentiert sich stadteinwärts
die Konrad-Adenauer-Straße östlich der
Willy-Brandt-Straße doch einfamilienhaus-
und bungalowgesäumt, kurz hinter dieser
Straßenecke durch einige Ziegen und eine
Gruppe Gänse grasbesiedelt.

Höhe des Kreisverkehrs Duisburger Straße
finden sich vorm Edith-Stein-Caritashaus
drei große Kruzifixe,
wie auch an der Fassade von St. Vincentius.

Nah dem stadthistorischen Museum Voswinckelshof
und dem Neubau des Stadtarchivs
findet sich eine alte Wasserpumpe samt
Hinweisschild auf die vor der Kanalisierung
ehedem lebenswichtigen Pumpennachbarschaften.

(Ein Gastbeitrag von GrIngo Lahr)

Where the Rhine starts

rhein

“The Rhine starts in fact where I come from… -”

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“Switzerland, Mont Saint Gothard…”

Der junge, von seiner Klasse leicht überforderte Lehrer, der beim Erklären der Flüsse vom Englischen ins Französische switcht, heißt Raymond. Raymond ist allerdings nur ein Rollenname. Denn beide Szenen entstammen einem Spielfilm aus dem Jahr 1968, den wir in den folgenden Tagen mit weiteren Stills vorstellen möchten. Um welchen Film es sich handelt, soll jetzt noch nicht verraten werden – wir nehmen aber gerne kenntnisreiche oder rein spekulative Kommentare zu seinem Titel entgegen. (Es ist hier noch ein Buchpreis übrig, weil das rheinsein-Preisrätsel bisher ungelöst blieb.)

Zurück zu Raymond: ob seine Schweizer Film-Abstammung für das Klischee des großzügigen, aber biederen Jungehemanns herhalten soll bleibt ebenso ungewiß wie vieles in diesem experimentellen B-Machwerk, das in den Annalen der Filmhistorie bisher offenbar noch nie als das bezeichnet wurde, was es unter anderem auch ist: einer von wenigen bemerkenswerten Spielfilmen mit Hauptspielorten links und rechts des Rheins in seiner Eigenschaft als Grenzlinie zwischen dem schlurig-vernebelten Elsaß und dem schönen Badnerland mit seinen urigen Kirschwasser-Beizen, sowie der kartoffeligen Pfalz.

Interessant auch, daß die Rheinlänge auf der Schultafel 1298 Kilometer beträgt. Leider erwähnt Raymond während seiner etwas turbulenten Unterrichtseinheit nicht, welche Messung dieser Angabe zugrunde liegt. (Für einen sachdienlichen Hinweis, wie die oben zu sehende Kilometerzahl zustande gekommen sein mag, würden wir den Buchpreis ebenfalls springen lassen.)