Nachmittag in Neviges

Vom Bahnhof führt Kopfsteinpflaster
zum Neanderlandsteig,
der dort von Maisstauden
in Höhe des 22. August
flankiert wird. Diese Pflanze
nährt viele Menschen vor allem
in Afrika und Lateinamerika,
während sie hierzulande
seit über vier Jahrzehnten
(ursprünglich von Kolumbus
nach Europa gebracht)
hauptsächlich Rinder füttert
oder als Energie für Biogas
gesamtpflanzenverwertet wird.

Rascheln eines Buchenwaldes
himbeerstrauchunterstanden
hummelumbrummt,
an Blüten fleißende Bienen sind
die augenblickliche
Zeitlosigkeit / Eigenzeitlichkeit der Natur.

Und ein Zitronenfalter.
Da Vinci mit seinen Flugexperimenten
hätte es sich kaum träumen lassen,
dass einmal Passagiere für 19 €
über ganz Europa fliegen.

Die menschliche Geschichte hat hier
neben vielem anderen
Reformation und Gegenreformation gesehen.
Um die evangelische Stadtkirche
kreist seit Jahrhunderten ein Ring von Fachwerkhäusern.
Nach katholischer Historie sprach 1676
die Heilige Maria zu dem Dorstener Franziskaner Antonius Schirley,
sie möchte beim Hardenberg verehrt sein,
und sie werde einen Kranken heilen.
Pater Schirley sandte das Marienbild den Nevigeser Franziskanern.
Darauf wurde ein kranker Bischof gesund und dankte mit einer Wallfahrt.
Der heutige Mariendom
architektonisch symbolreich
von Gottfried Böhm entworfen,
wurde 1968 eingeweiht.
Eine Jahreszahl, epochal vielschichtig gewichtet.

Mais, Rinder, Bäume und Bienenvölker,
haben sie eigene kollektive Erinnerungen?

(Ein Gastgedicht von GrIngo Lahr)

Presserückschau (September 2013)

Das nachrichtenarme Sommerloch dehnte sich bis in den September, verabschiedete sich zur Monatsmitte grußlos, womit auch der rheinische Nachrichtenfluß wieder gewährleistet scheint. Die interessantesten Meldungen des Septembers:

1
“Die Rhein Petroleum GmbH, Heidelberg, beginnt (…) ihre erste Probebohrung in Deutschland. Rhein Petroleum wird (…) im südhessischen Riedstadt-Crumstadt bis in eine Tiefe von rund 1.600 Metern bohren. Riedstadt-Crumstadt liegt ca. 50 km südlich von Frankfurt am Main. Die Bohrung endet in den sogenannten „Pechelbronner Schichten“, in denen Rhein Petroleum förderungswürdige Mengen an Erdöl vermutet. Dieses Bohrziel wurde in Folge der umfangreichen seismischen Untersuchungen (…) als vielversprechend definiert. Es liegt im ehemaligen Ölfeld „Stockstadt“, aus dem bis 1994 Öl gefördert wurde und in dem noch signifikante Restreserven erwartet werden. (…) Eine weitere Bohrung, an der die Rhein Petroleum beteiligt ist, hat bereits Anfang August in Karlsruhe-Leopoldshafen begonnen. (…) Die Bohrungen in Riedstadt-Crumstadt und Karslruhe-Leopoldshafen sind die ersten Erdölbohrungen in Hessen bzw. Baden-Württemberg seit 25 Jahren. Im hessischen Teil des Rheingrabens begann schon 1952 die kommerzielle Förderung von Erdöl. Insgesamt konnten bis 1994 aus insgesamt 47 Bohrungen knapp 7 Millionen Barrel Öl gefördert werden. Das Öl sammelte sich in Schichten, die zwischen 1.500 und 1.700 Meter tief unter der Oberfläche liegen.” (Aus einer Pressemitteilung der Deutsche Rohstoff AG)

2
Vage erinnern wir uns einer Bodensee-Schildkröte namens Rheini aus dem Sommerloch vergangenen Jahres. Nun taucht ein neuer Rheini (ein Name, der nicht von ungefähr so originell klingt wie etwa Heini mit vorangestelltem R) auf, erneut aus dem Tierreich, diesmal im Liechtensteiner Vaterland: “Mit dem Projekt “SOS Storch” möchte die Gesellschaft “Storch Schweiz” das Zugverhalten der Weißstörche untersuchen. Mehrere Störche wurden mit Sendern versehen, um ständig ihren Aufenthaltsort zu kennen. Zu diesen Störchen gehört auch “Rheini” aus der Storchenkolonie im Saxerriet. Im Juni verpasste ihm der Verein Rheintaler Storch einen Sender. Derzeit befindet sich “Rheini” in Nordspanien”, etwas präziser: auf einer nordspanischen Müllhalde, welche Rheini und Kumpanen dem Weiterflug nach Afrika neuerdings vorziehen, wie der weitere Artikelverlauf verrät.

3
Wie die bis nächsten März laufende Wittelsbacher-Ausstellung in Mannheim erklärt, warum Bayern am Rhein erfunden wurde, erklärt die Welt: “Was fällt einem zu den Wittelsbachern heute ein? Bayern natürlich (…), wo der “Kini” immer noch eine gewisse nostalgische Verehrung genießt; die Farben Blau und Weiß im Rautenmuster von Wappen und Fahne und idealerweise am Münchner Himmel; Schloss Neuschwanstein. Ja, und natürlich das Oktoberfest, das die Wittelsbacher ihren bayerischen Untertanen schenkten samt Dirndl-Tracht und Lederhosen und Leberkäs’. Doch dieses Bayern mit seiner markanten folkloristischen Physiognomie, es wurde am Rhein erfunden, in der Pfalz. Max IV. Josef, der als erster Bayerischer König von Napoleons Gnaden den Bayern so etwas wie Nationalbewusstsein verordnete, was im Freistaat bis heute kräftig nachwirkt, war Pfalzgraf bei Rhein aus der wittelsbachischen Linie Pfalz-Zweibrücken bis der Reichsdeputationshauptschluss 1803 das Ende der Pfalz als politisches Gebilde besiegelte. Der Metzger, der den Leberkäse erfand, war Hoflieferant in Mannheim und setzte sein segensreiches Wirken im wittelsbachischen Sinne in München fort. So viel zur kernigen Authentizität des Bayerntums.”

4
In den Rheinalpen gedeiht der Hanf am besten “Indoor”, aber illegal, berichtet das Boulevardblatt Blick: “Am Dorfrand von Zizers GR züchtete ein Einheimischer (…) rund 2000 Hanfpflanzen in einem Hühnerstall. Dreissig Wärmelampen sorgten dafür, dass die Pflanzen gut gedeihen konnten. (…) In Hinterrhein GR gingen der Polizei zwei weitere Hanfzüchter ins Netz. Die 23-Jährigen hatten eine Ferienwohnung gemietet und sie zur Indoor-Plantage umgebaut. Wärmelampen, Belüftungs- und Bewässerungsanlagen waren installiert. Bei einer Hausdurchsuchung stellte die Polizei 460 Pflanzen sicher.”

5
“Mittelerde liegt jetzt in Jenins” titelt die Südostschweiz. Jenins wiederum liegt bekanntlich im Heidiland, das traditionell auch als Bündner Herrschaft bezeichnet wird. Die interessante Landschaftsverschiebung verdankt sich einem neuen Museum, welches J. R. R. Tolkiens Romanwelten gewidmet ist: “Mit über 600 Gemälden, 3000 Büchern und unzäh­ligen Merchandising-Artikeln ist es die international grösste Sammlung zur fiktiven Welt Mittelerde. (…) Die Räume des 300 Quadrat­meter grossen Museums ­beziehen sich alle auf verschiedene Regionen von ­ Mittelerde und sind bis ins kleinste ­Detail aus­geschmückt. (…) Zur Eröffnung waren “neben Gästen in Jeans und Hemden auch Hobbits, ­Elben, Orks und Zwerge zu Besuch. Selbst Gandalf der Graue, der in der Realität Jens Götz heisst und aus Darmstadt in Deutschland stammt (…)” Daß der Alpenrhein eine hohe Mittelerde-Affinität besitzt, bestätigt auch unsere Entdeckung einer originalen Hobbit-Behausung am Übergang der verschlafenen liechtensteinischen Gemeinde Nendeln in die geheimnisvollen Bergwälder.

6
Nicht nur in geografischer Hinsicht verwirrend fällt die Analyse der Bundestagswahl in der Onlineausgabe der WAZ aus: “Duisburg liegt am Rhein und nicht an der Spree: Somit war heute Abend die Stimmung im Rathaus am Burgplatz mal rheinisch ausgelassen, mal preußisch spröde; dort, wo wie immer im Ratssaal die Ergebnisse der Bundestagswahl 2013 für die Stadt zusammenliefen und wo über TV die spannenden Bundesergebnisse zu vernehmen waren: Die Gewinner am Rhein (SPD) waren gestern Abend die Verlierer in Berlin und umgekehrt (CDU).”

7
Über den Konkurrenzkampf rheinischer Industriegebiete berichtet Blickpunkt Euskirchen: “In Euskirchen war “Haribo” eine Teilfläche im Industriepark am Silberberg (IPAS) angeboten worden, die man unter dem Titel “Prime Site Rhine Region” schon seit mehreren Jahren zu vermarkten sucht – bislang allerdings erfolglos. Die Entscheidung für Grafschaft begründet der Konzern vor allem mit der guten und zentralen Lage. “Der Innovationspark Rheinland ist ein äußerst geeigneter Standort in der Nähe vom Firmenhauptsitz in Bonn. (…) Kapazitäten in Logistik und Produktion könnten dort perspektivisch weiter ausgebaut werden.”

8
Rheinische Rübenbetrübnis: im Rheinland wird, später als üblich, die Zuckerrübe eingefahren, die Rübensüße liegt unter den Werten des vergangenen Jahres. Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet: “Die Schornsteine rauchen wieder. Zwar noch nicht alle, aber das ist nur eine Frage von Tagen. Seit Mittwoch werden in Jülich die Knollen angenommen und verarbeitet. Die Zuckerfabrik Euskirchen wird am Montag mit der Verarbeitung der süßen Frucht beginnen. Spätestens ab dann rollen die Traktoren-Gespanne und Sattelauflieger der Maschinenringe wieder durch den Kreis. Teilweise haben die Landwirte bereits Rüben ausgemacht und auf Mieten zum Abtransport bereitgelegt. Das Wetter ist dafür ideal. (…) Im Rheinland und im Rhein-Erft-Kreis liegt die Süße (…) auf dem Niveau des Jahres 2010. Im Norden und Osten würden deutlich höhere Zuckergehalte erwartet, heißt es beim Landwirtschaftlichen Informationsdienst Zuckerrübe (Liz) in Elsdorf. Die Rübenkampagne hat mit zwei Wochen Verspätung begonnen.”

Eingeborne zuerst

“Der Chef sprach Elsässisch, trug ein Hitlerbärtchen und einen Hut mit einer Banderole in den Farben Frankreichs auf dem Kopf. Die Art, in der er mich musterte, sagte mir, dass die Würfel schon gefallen waren. Monsieur mochte offensichtlich keine wandelnde Schokolade. Ich rang mich zu einem Lächeln durch und sagte zu ihm:
“Guten Tag, ich komme wegen der Stellenanzeige.” (…)
“Jo, jo, schwätzt du denn’s bizzeli El-säs-sisch?”
In der Anzeige stand ja tatsächlich: “Dialekt erwünscht”. Den konnte ich auch vorweisen, allerdings meinen, nicht seinen. Ich hatte geglaubt, Franzosen würden mindestens so gut Französisch sprechen wie diejenigen, die einst von ihnen kolonisiert worden waren. Doch in sprachlicher Hinsicht war ich französischer als ein Landsmann von Victor Hugo. Als wäre das nicht genug, verlangte der Bäcker von mir, ich solle zwischen Kunden und Geschäft eine elsässische Brücke bauen. Da gab ich ihm die Antwort, die er erwartete und erhoffte:
“Nein, Monsieur.”
Obwohl ich erst seit zwei Jahren Gugelhupf aß, forderte er doch tatsächlich von mir, ich solle schon dieselbe Sprache sprechen wie er. (…) Als wollte er im selben Atemzug seine Absage rechtfertigen und mich demütigen, fragte er mich:
“Àwer warum schaffe Sie denn nit dahem?”
Dieses “Sie” hatte nichts mit Höflichkeit zu tun, denn zuvor hatte er mich ja geduzt, eher mit einer Tüte, genauer gesagt einer Mülltüte. In die stopfte er alle Ausländer rein, die er noch lieber in den Rhein geschmissen hätte. Deswegen hatte ich das Recht, ja die Pflicht, unhöflich zu werden. Ich explodierte innerlich:
“Du solltest mich fragen, wie es so weit kommen konnte, dass ich sogar nach deinem Drecksjob lechze. Zwei Jahre hat meine Vagina einem Schwanz wie deinem die Ehre erwiesen, einem französischen Glied mit Gummiüberzug, das mir nichts als Schamläuse hinterlassen hat. Hätte sich auch nur ein einziges seiner Spermien in meine Gebärmutter verirrt, die Familienkasse hätte einen Grund gehabt, um für meinen Lebensunterhalt zu sorgen, oder vielmehr um ein Kind mit französischen Genen zu ernähren. Für mich wären da schon noch ein paar Überlebenskrümel übrig geblieben. Doch es ist anders gekommen. Meine Gefühle haben mich ins Exil getrieben, und das Prinzip “Eingeborne zuerst!”, dem auch meine Schwiegereltern frönten, hat über meine Freiheitsträume die Oberhand gewonnen. Wiedersehen Monsieur. Ihr habt unsere Böden ausgelaugt. Ihr habt uns aus Eigennutz Erdnüsse und Zuckerrohr anbauen lassen. Ihr habt unsere Phosphat- und Aluminium- und Goldvorräte geplündert. Ihr habt euch auf unsere Kosten bereichert. Zur Krönung des Ganzen habt ihr meine Landsleute zu senegalesischen Infanteristen gemacht, zu Kanonenfutter für einen Krieg, der nicht der ihrige war. Ihr habt sie töten lassen. Im Namen der Freiheit! Auf ihrem eigenen Boden habt ihr sie ihnen verweigert, die Freiheit. Der Krieg hat auf weißem Boden gewütet. Dort ruht das Auge meines Großvaters. Ein Granatsplitter hat es ihm geraubt. Dieses Auge, Monsieur, es ist immer noch da. Es sieht euch an, spiegelt eure damaligen Scheußlichkeiten, schaut, was ihr mit den Unsrigen macht, die gekommen sind, es zu holen. Was mich hergeführt hat, war der Blutgeruch der Meinen. Diese hatten ihre fruchtbaren Frauen zurückgelassen und wurden trotz ihrer Tapferkeit in Dünger für eure hochmütige Erde verwandelt. Ich bin gekommen, weil ich die Melodien des Kriegs hören konnte, die den vielen Kreuzen Verduns entströmen und bis nach Afrika dringen. Ich bin gekommen, der Wahrheit genüge zu tun. Ihr habt mir das Lied “Unsere Vorfahren, die Gallier” beigebracht. Doch ich begriff, dass die Wahrheit anders klingt. Ich will Ihren Kindern das Lied “Unsere Stützen, die senegalesischen Infanteristen” beibringen. Frankreich gleicht einem Kornspeicher auf Pfählen und manche von ihnen sind afrikanischen Ursprungs.”

(aus: Fatou Diome, Eingeborne zuerst, Sujet Verlag, Bremen 2012. Aus dem Französischen von András Dörner)

Tacitus über den Rhein und seine Anwohner

Vom Rhein als zentralem Grenzfluß (dessen Goldvorkommen er übersieht), vom widerwärtigen, unermeßliche Inseln umfassenden “nördlichen Ozean” und der Genealogie, dem Wesen wie den Sitten der Ureinwohner der waldstrotzenden Deutschländer, die einst auch Herkules und Odysseus gesehen haben sollen, berichtet Tacitus in seinen Neulandbeschreibungen Germania, die heute meist auf das Jahr 98 n. Chr. datiert werden:

“Germania omnis a Gallis Raetisque et Pannoniis Rheno et Danuvio fluminibus, a Sarmatis Dacisque mutuo metu aut montibus separatur: cetera Oceanus ambit, latos sinus et insularum immensa spatia complectens, nuper cognitis quibusdam gentibus ac regibus, quos bellum aperuit.
Rhenus, Raeticarum Alpium inaccesso ac praecipiti vertice ortus, modico flexu in occidentem versus septentrionali Oceano miscetur.
Danuvius molli et clementer edito montis Abnobae iugo effusus plures populos adit, donec in Ponticum mare sex meatibus erumpat; septimum os paludibus hauritur.

Ipsos Germanos indigenas crediderim minimeque aliarum gentium adventibus et hospitiis mixtos, quia nec terra olim sed classibus advehebantur, qui mutare sedes quaerebant, et immensus ultra utque sic dixerim adversus Oceanus raris ab orbe nostro navibus aditur.
Quis porro, praeter periculum horridi et ignoti maris, Asia aut Africa aut Italia relicta Germaniam peteret, informem terris, asperam caelo, tristem cultu aspectuque, nisi si patria sit?
Celebrant carminibus antiquis, quod unum apud illos memoriae et annalium genus est, Tuistonem deum terra editum. Ei filium Mannum originem gentis conditoresque Manno tres filios adsignant, e quorum nominibus proximi Oceano Ingaevones, medii Herminones, ceteri Istaevones vocentur.
Quidam, ut in licentia vetustatis, plures deo ortos pluresque gentis appellationes, Marsos, Gambrivios, Suebos, Vandilios adfirmant, eaque vera et antiqua nomina.
Ceterum Germaniae vocabulum recens et nuper additum, quoniam, qui primi Rhenum transgressi Gallos expulerint ac nunc Tungri, tunc Germani vocati sint: ita nationis nomen, non gentis, evaluisse paulatim, ut omnes primum a victore ob metum, mox et a se ipsis invento nomine Germani vocarentur.

Fuisse et apud eos Herculem memorant, primumque omnium virorum fortium ituri in proelia canunt. Sunt illis haec quoque carmina quorum relatu, quem baritum vocant, accendunt animos futuraeque pugnae fortunam ipso cantu augurantur; terrent enim trepidantve, prout sonuit acies, nec tam vocis ille quam virtutis concentus videtur.
Adfectatur praecipue asperitas soni et fractum murmur, obiectis ad os scutis, quo plenior et gravior vox repercussu intumescat.
Ceterum et Ulixen quidam opinantur longo illo et fabuloso errore in hunc Oceanum delatum adisse Germaniae terras, Asciburgiumque, quod in ripa Rheni situm hodieque incolitur, ab illo constitutum nominatumque; aram quin etiam Ulixi consecratam, adiecto Laertae patris nomine, eodem loco olim repertam, monumentaque et tumulos quosdam Graecis litteris inscriptos in confinio Germaniae Raetiaeque adhuc extare.
Quae neque confirmare argumentis neque refellere in animo est: ex ingenio suo quisque demat vel addat fidem.

Ipse eorum opinionibus accedo, qui Germaniae populos nullis aliis aliarum nationum conubiis infectos propriam et sinceram et tantum sui similem gentem extitisse arbitrantur.
Unde habitus quoque corporum, tamquam in tanto hominum numero, idem omnibus: truces et caerulei oculi, rutilae comae, magna corpora et tantum ad impetum valida.
Laboris atque operum non eadem patientia, minimeque sitim aestumque tolerare, frigora atque inediam caelo solove adsueverunt. (…)”

Österrhein

österrhein

Kurz vor Erreichen des Bodensees verlaufen der Alpenrhein, der Lustenauer Kanal und die Dornbirner Ach von der Rheinregulierung parallel kanalisiert durch Vorarlberger Grund. Von Damm zu Damm lassen sich trockengefallene Stellen queren. Bei entsprechender Körperhaltung ergeben sich Ausblicke auf streifenartige Mondlandschaften unter schwindelerregenden Himmeln. Einmal mehr weist der Rhein weit über sich hinaus. Die Bodenrisse erinnern u.a. an Kartenwerke. Gleich mehrfach zu erkennen ist Spanien, daneben verschiedene afrikanische Länder. Macchie und Savanne sprießen. Bei längerem intensiven Hinniederschauen wölbt sich der Boden dem Betrachter entgegen, rundet sich und fällt an seinen Polen ab wie ein grün behaarter Flickenfußball oder ein im Entstehen begriffener, noch ausführlicher zu wässernder Planet, dessen Bruchkanten seine künftigen Alpentäler markieren.

Melander

Beim Spaziergang durch Schaans hanglagiges Villenviertel: Max Frischs Haus existiert nurmehr als restgeisterfüllte Baulücke und im Gartenteich des saarländischen Öko-Putzmittelkönigs Hans Raab tummeln sich fette dunkle flossige Gestalten, die auf eine ungeheure Geschichte weisen, die jüngst zum Erliegen gekommene Fisch-Frankensteiniade in Oberriet im St. Galler Rheintal: dort nämlich wurde unter Raabs Regie der Melander erfunden, der „perfekte Fisch“, der „Fisch der Zukunft“, unzweifelhaft ein Fisch großer Attribute und Hightechtier, Resultat aus der Kreuzung (hierzu variieren die Meldungen: zweier/dreier afrikanischer/indischer, jedenfalls:) diverser Welsarten, ein nährstoffideales Geschöpf, das weder Bächlein, Fluß, Teich, See noch Ozean je kannte, stattdessen in industriellen, biologisch gereinigten Thermalwasserbecken heranwuchs, mastbeschleuniger-, medikamente- und chemiezusatzfrei mit Soja und Mais gefüttert bis zur Schlachtreife, um darauf, seiner einzigen Bestimmung gemäß, in „Melander Filet“, „Melander geräuchert“, „Melander Wienerli“, „Melander Weisse“, „Melander Brätling weiss“ und „Melander Schnitt-Paté, mild und pikant“ verarbeitet zu werden. Die Produktion sollte 2009 auf fünf Tonnen täglich hochgefahren werden, somit pro Woche die bisherige Fisch-Jahresproduktion der Ostschweiz übertreffen und insgesamt die schweizerische, hauptsächlich aus Forellen bestehende, exotisierendst verdoppeln. Wurde, kannte, wuchs und sollte: die Melander-Fischfabrik ist seit diesem Februar amtlich geschlossen, die Produktion eingestellt, „zwei Veterinäre des Kantons bestätigten (…) nach einer über einstündigen Kontrolle (…), dass sich in der Fischfarm keinerlei lebendige oder geschlachtete Fische mehr befinden“. Zur Schließung kam es nach einigem Rechtsstreit über das Tötungsverfahren, welcher ein multiples Presseecho mit typisch schweizerisch-deutschem Nachhallali und einen Herzinfarkt beim Melander-Schöpfer auslöste. Wo aber ist seither der Melander (ein kürzestes Kapitel der Evolution?) abgeblieben? Konnten ein paar Exemplare Richtung Rhein entfleuchen, ganz ähnlich Dr. Frankensteins galvanischem Sohn? Antennen sie dort herum, axolotln gar und/oder schaffen sich in neue Sagen ein? (Die Zeit wird’s weisen, die Zeit allein.)

Rheintraum

„ich habe den fluß nun seit jahren nicht mehr gesehen & kann dazu nur sagen: was solls! in meiner erinnerung war er, wenn es überhaupt dazu kam, stets kaum mehr als eine energiearme linie, im grunde nichts weiter als ein halb vergrabener, halb gesteinigter, gelblicher strich, der a & b verbindet, & diese punkte a & b sehr vage koordinaten, von keinerlei interesse sozusagen, stellen sie sich vor: eine gesichtslose stadt am rhein & noch eine gesichtslose stadt am rhein, bevölkert von lauter wimmelnden lichtlein, die ihrem korrumpierten alltag nachgehen, ein bewegtes diagramm sozusagen, die leute tun willenlos ihre jobs, sie dreschen den tag in seine einzelstücke, sekundenspäne, angefüllt mit ihren tätigkeiten, deren sinn sie nicht verstehen & in ihrer freizeit rennen sie an den fluß & sagen: der ist aber schön! es reicht, wenn die leute soviel unter heimat verstehen – & nicht mehr – daß sie manipulierbar bleiben. (…) ich hatte in dieser zeit einen traum (einen einzigen – in jahren!), der tatsächlich vom rhein handelte & der rhein war so etwas wie die gelbe füllung eines schlauches, ein glattes gelbes wasserseil aus hartgummi vielleicht, das sich äußerlich nicht bewegte, nicht von selbst jedenfalls, doch im inneren dieses flußgegenstandes floß es wahrscheinlich & die fließrichtungen wurden von unsichtbaren pfeilen markiert, das heißt, die pfeile waren unsichtbar, aber spürbar & gleichzeitig war spürbar, daß die pfeile wahrscheinlich logen, daß sie ihre richtungen willkürlich anzeigten & garnichts mit diesem schlauch zu tun hatten, in dem sie sich befanden. es kam dann wie ein schatten ein riesiger heiliger hinzu, ein mann, der für seine festen ansichten gefoltert worden war (in realität hatte ich solche bestrafungen bis dato erst wenige male mit angesehen), er war mehrere hundert jahre alt & sehr groß, etwa zehnmal so groß wie der fluß. er hatte viele entsetzlich klaffende löcher im fleisch, um seine kniee & ellbogen trug er nietenbänder aus eis & anstatt seiner augen waren flammen zu sehen, so wie aus einem feuerzeug. überhaupt machte er einen sehr punkigen eindruck, doch was zuerst für schwarze klamotten durchging, war bei näherem betrachten seine ledrige haut. auf der haut dieses heiligen (der vermutlich jan van leiden war; ich kenne allerdings auch nicht viele andere heilige beim namen, insofern mag es sich in diesem traum wohl um eine projektion des heiligen an sich gehandelt haben), bildeten sich blasenwerfende schlammlöcher, die auch als spiegel taugten, in speckigem schwarz. gleichzeitig spürte ich einen luftzug & erwachte, die flüsse meines neuen lebens waren ja die winde, die sich auf verschiedenen höhen ihre wege durch die himmel bahnten & dort sehr viel mehr energie abstrahlten, wenn sie die an den galgen baumelnden bewegten, denn in der trockenen ebene lassen wir die opfer der wechselnden gesellschaftlichen trends an gut einsehbaren punkten verfaulen. (…) ich habe später gehört, daß den rhein immer mehr senegalesen hinabtreiben, oder wie es heißt: sudanesen oder mauretanier. diese namenlosen, völlig ausgezehrten massen aus afrika, waren auf euren fernsehbildern. das heißt, sie sind jetzt gespeichert. einem toten, erinnere ich mich, habt ihr den namen „philippe“ verpaßt, um ihn symbolisch aus der masse herauszustellen, ihn dann ausgestopft für euer nationalmuseum, um euren eigenen rassismus in frage zu stellen.“

(aus: Rémy Demilnes – die flüge unserer jungen tage oder: die überwindung europas)