Der Graf zu Rhein

Am Rhein, wo die Wasser rauschen,
Wo er reift, das duftigste Wein,
Stand ein hohes Schloss in Reben,
Drin hauste der Graf zu Rhein.

Er sah mit den ersten Lerchen
Des Morgens zum Strom herab,
Auch abends ging sein letzter,
Sein seligster Blick hinab.

Es sang ihn der Rhein in Schlummer
Schon einst in der Wiege Raum,
Seine Sehnsucht blieb er im Wachen,
Und rauschte durch seinen Traum.

Viele Ritterfahrten bestand er,
Nie wich er dem Feind im Strauß
Nur Heimweh trieb ihn immer
Und immer zum Rheine nach Haus.

Und sah er ihn wieder ziehen,
Den blauen, treuen Strom,
Da musst` er niederknien
Und beten fast wie im Dom.

Die schmeichelnde Welle küsste
Die frohe, kräftige Brust,
Im goldenen Weine trank er
Des Lebens schöne Lust.

Nie hat er sein Wort gebrochen,
Seinen Mund nie mit Lüge getrübt,
Die Locke war ihm verblichen,
Ohne dass er einmal geliebt.

Die Locke war weiß geworden,
Zu Aachen stand er am Thron,
Es kam der Tod und winkte,
Der Rheingraf kannte ihn schon.

Das Herz fing an zu brechen,
Und trübe wurde sein Blick,
Doch konnt` er noch nicht sterben,
Es hielt ihn noch Eines zurück.

Zu Rosse mussten sie setzen
Den alten Grafen schnell,
Zwei Knechte täten ihn halten,
Und weiter ging`s zur Stell`;

Und zwischen Leben und Sterben
Ward geritten der Tage zwei,
Da hielten sie still am Hügel,
Der Rhein zog unten vorbei;

Da horchte der Graf hinunter,
Da starrte der Graf hinein:
Er konnte nirgends sterben
Als nur am heiligen Rhein.

(Adolf von Tschabuschnig)