Rheinsein an der Donau (2)

Von der Donau in Wien nur den Donaukanal gesehen. Beim versehentlichen Streifen durch die Außenbezirke blitzten ständig diese Momente auf, daß es schien, als würde der junge Hitler (aus dem Männerwohnheim) an den Hausmauern entlangschnuren, die Wahrnehmung zerfloß, es bildete sich so eine Stimmung vieler vergangener, durcheinandergeschobener, aber harmonierender Epochen, k.u.k., nachkolorierte Schwarzweißfotos, die simplen Inschriften an gekonnt verranzten Gebäuden: „Fleisch“, oder woanders, spezifischer: „Geflügel“ (dahinter: hinter verstaubten Scheiben: garnix oder wenn doch: sehr krudes Inventar). Momente kafkahaften Verfolgungswahns: unter den Passanten fände sich schon ein Wahnsinniger, der einem, weil man sie halbvoll entsorgt habe, die Flasche eines fürchterlichen Modegetränks tage- und wochenlang mit unerbittlicher, wienerisch schwadronierender Penetranz nachtrüge. Auch Adolf Kottans Kollegium ist, zivil getarnt, auf den Straßen unterwegs, die Farben jetzt: späte 70er. Die Aufnahmen für Literatur als Radiokunst dauerten drei Tage. Knapp bemessen, dennoch gelang es, klanglich da und dort ein Stück weit in die Tiefe zu gehen. Das ORF-Funkhaus in der Argentinierstraße besitzt Charme, vor der Tür gehen Preßlufthämmer, das gelbbraune Licht auf den Fluren, die ganzen Apparate der Radiofrühzeit in Vitrinen ausgestellt: abenteuerliche Empfänger, Bakelit-Mikrofone, die Kantine mit ihren krummen Getränkepreisen hat etwas von einer Kneipe. Viel zu viel Text hatte ich letztlich mitgebracht (und eingesprochen), zuviele Ideen auch, die alle auszuprobieren die Zeit nicht reichte. Der Schnitt mußte gegen Ende mitten in die Schachtelsätze, um Zeitvorgabe und inhaltliche Anschlüsse zu wahren. Auf diese Art ist einiges verlorengegangen, das ich noch gern im Stück gehabt hätte. Doch der Rest läßt sich weiterhin hören. Martin Leitner, der virtuose Tonmeister, kam immer wieder mit großartigen Einfällen, und so können wir stolz sein auf den vielleicht ersten maschinellen Jodler der Radiogeschichte. Mit Pseudoromanisch und Pseudobadisch werden Sprachen anklingen, die es auch noch selten öffentlich zu bestaunen gab. Und natürlich rauschen die Alpen, überklungen vom Schrei des Murdlers. Die Sendung läßt sich auch per Livestream im Internet verfolgen, den passenden Link gebe ich noch zeitnah bekannt.

Liechtenstein

In unserm Erdteil steht es kläglich.
Man ist mit uns nicht mehr galant.
Die Steuern nehmen überhand.
Es ist schon bald nicht mehr erträglich.

Das Land, in dem man Milch und Honig schlürfte,
Wir suchen`s alle, doch wir finden`s kaum -
Drum gaukeln wir uns vor im Traum,
Als ob es so was wirklich geben dürfte.

Ach, wenn ich es im Wachen wiederfände -
Da ist es hübsch und angenehm zu sein!
Der Flüchtling findet hilfsbereite Hände.
Er kauft sich ein. Kann so was sein?

Jawohl: in Liechten – meinem Liechtenstein.

Da liegt das Land in hochrentablem Frieden,
Wo mich nichts stört und peinigt und verdrießt.
Und wer den Eintritt aufbringt, der genießt,
Und nichts wie Fröhlichkeit ist ihm beschieden.

Woanders: Zähneklappern und Geschlotter -
Doch auf der Alm da gibt`s kein Sünd,
Weil hier doch ALLE Hinterzieher sind. -
Und dort, der Blühendste, das ist mein Rotter.

Man soll nichts Böses über`s Ländle sagen!
Wenn es auch nicht sehr groß ist, sondern klein.
Es hat doch einen großen, guten Magen.
Da geht was rein. Wo mag das sein?

In meinem Liechten – meinem Liechtenstein.

In Unschuld sprießen, wachsen, blühen
Dort Unternehmen ohne Zahl.
Und der Profit ist kolossal.
Das geht ganz ohne Schweiß und Mühen.

Und täglich kommen neue liebe Freunde –
Grüß Gott, grüß Gott – da sind Sie ja -
Ja: Ubi bene ibi patria -
Wir sind die krisenloseste Gemeinde.

Und wenn der Lehrer heut` zum Beispiel fragte:
“Nun, kleiner Moritz, wo liegt`s Capitol?”
Der Moritz wär zu schlau, als daß er`s sagte.
Er wüßt` es wohl. Wo mag es sein?

Wo es so sicher ruht: in Liechtenstein.

(Überraschend früh, nämlich im schicksalsschweren Jahr 1933 entstand dieser seltene und selten visionäre Couplettext von Klaus Mann für das gemeinsam mit seiner Schwester Erika betriebene Kabarett “Die Pfeffermühle”. Die Manns flüchteten im selben Jahr vor Hitler, der im neutralen, seinerzeit noch mehr am deutschen als am jungen Rhein gelegenen, Liechtenstein eher minder als mehr unter der Hand reichlich und auch organisierte Verehrer besessen haben soll, die in etwa ebenso vergeblich auf den territorialen Anschluß warteten wie sie einen Staatsputsch vorbereiteten.)

Der Führer am Rhein (3)

hitler am rhein

Im Jahr 2005 zeigte das StadtMuseum Bonn Privatfotos des Hobbyfotografen Theo Stötzel aus den Jahren 1933-36. Die Bilder waren zuvor unbekannt oder vergessen und wurden nach Stötzels Tod bei der Wohnungsauflösung entdeckt.

Der Führer am Rhein (2)

Ob der Führer den Rhein (und seinen Bewohner, den Rheinländer, worüber im Rheinland durchaus gestriten wird) nun mochte oder nicht: in „Mein Kampf“ taucht der Suchbegriff nur an wenigen Stellen auf. Hitler sah demnach den „deutschen Strom der Ströme“ zum ersten Mal auf seinem Weg als Kriegsfreiwilliger in den Ersten Weltkrieg nach Flandern und schreibt von „stillen Wellen“, „zartem Schleier des Frühnebels“, „milden Strahlen der ersten Sonne“, die den Anblick des Niederwalddenkmals begleiten, während er als junger Schnauzbart und Teil endloser, “Die Wacht am Rhein” schmetternder Kolonnen dem Kitsch der Kriegsromantik erliegt. In Flandern angelangt, kühlt seine Kriegsbegeisterung mit der Zeit merklich ab, „der überschwengliche Jubel wurde erstickt von Todesangst“. Die weiteren Erwähnungen des Rheins fallen überwiegend in einigermaßen verworrenen Zusammenhang mit dem Bösen – letzteres in Hitlers verschriftlichter Gedankenwelt bekanntlich gern manifestiert von Franzosen einerseits, Juden andererseits, und den von beiden „unerbittlichen“ Todfeinden jeweils instrumentierten Afrikanern. In des künftigen Führers um Klarheit ringenden Hirn lauern schwarzhaarige Judenjungen stundenlang mit satanischer Freude im Gesicht auf ahnungslose deutsche Mädchen, auch schaffen die Juden den Neger an den Rhein, mit dem leicht paradoxen Ziel, die weiße Rasse erst zu zerstören und dann zu beherrschen. Profetische Worte vor den Zeiten von Europäischer Union und Globalisierung: „Ganz gleich, wer in Frankreich regierte oder regieren wird, ob Bourbonen oder Jakobiner, Napoleoniden oder bürgerliche Demokraten, klerikale Republikaner oder rote Bolschewisten: das Schlußziel ihrer außenpolitischen Tätigkeit wird immer der Versuch einer Besitzergreifung der Rheingrenze sein und einer Sicherung dieses Stromes für Frankreich durch ein aufgelöstes und zertrümmertes Deutschland.“ Die schleichende „Vernegerung“ Frankreichs geschieht in Hitlers Analyse aus „der sadistisch-perversen Rachsucht dieses chauvinistischen Erbfeindes“, die „Verpestung durch Negerblut“ über den nahen Rhein zu exportieren. Bevor stünde ein gewaltiges Siedlungsgebiet vom Rhein bis zum Kongo, von niederer=durchmischter Rasse immerhin: „erfüllt“.

Der Führer am Rhein

Von einem fleißigen Leser auf die Existenz eines Fotos von Adolf Hitler mit Rhein aufmerksam gemacht worden. Im Internet war es denn auch vorhanden und bald aufgetrieben, ein fantastisches Bild, nebenbei. Zunächst jedoch spuckte Google einen verheißungsvollen Buchtitel aus – Adolph (sic!) Waldeck: Der Führer am Rhein von seiner Quelle bis zur Mündung. Ein Handbuch für die Freunde der schönen Natur, der Kunst und des Alterthums, mit ausgewählten Balladen und Liedern, Bonn 1844. Eine kleine Mogelpackung. Die ersten, dem Autor wenig bedeutenden Rheinkilometer bis Mainz, werden in gefühlten siebeneinhalb Sätzen abgehandelt, die ebenfalls unbedeutenden Kilometer ab Düsseldorf in ähnlicher Manier. Zuhauf jedoch finden sich die versprochenen Balladen und Lieder, speziell mit historischen Bezügen auf den fokussierten Flußabschnitt, nicht selten schwerfällig anmutende Dichtung zur Hochzeit der Rheinromantik, welche meist Sagenstoffe bündelt. Levin Schückings bildungsbürgerliches Rheinlied macht den Auftakt und enthält ein paar Gran ebenjenes wuchtigen deutschen Ernsts, der Heine mit dazu veranlaßte, dem Volk sein Drittes Reich samt Desaster weiszusagen. Uhlands Straßburger Münstersage wirkt dagegen leichter, mit ihren verwunderten wechselgereimten Vierzeilern. Wolfgang Müllers trutzig-düstere Ballade von „der nächtlichen Erscheinung zu Speier“, gemeint ist die Wiederkehr der alten Kaiser: heute verfaßt, würden solche Zeilen als jene krude Mischung aus Esoterik und Nationalbewußtsein abgetan, die vor rund 80 Jahren in höchster Blüte standen. Fortan fällt in jedem zweiten Lied/Gedicht das Reimpaar Rhein/Wein. Rückert bereimt sauber „Die goldene Luft“, ein einst pestfrei gebliebenes Mainzer Sträßchen, flott sogar sind Kopischs (des Heinzelmännchendichters) Verse über den angeblich wegen niederer Standesherkunft angefeindeten, klugen Bischof Willegis. Adelheid von Stolterfoth äußert sich launisch zu Frauenlobs Tod. Simrock vervierzeilert die Sage von der schönen Gisela und Hans von Brömser, ihrem Vater, „dem Erbauer des Klosters Nothgottes, der auf dem Kreuzzug unter Conrad III. in Palästina nach glänzenden Waffenthaten in Gefangenschaft gerieth“, die Nebenflüße kommen zu Ehren und immer wieder erinnern die Strofen an mehr oder minder solide gemachte Promotion für eine Gegend, in der betuchtere Ausländer seit Mitte des 19. Jahrhunderts darob das deutsche Wesen zu finden hofften, mit Ausläufern bis in die Gegenwart.

Endstufe

In Thor Kunkels ehemals skandalumwittertem (von der Presse teils vor Erscheinen in Grund und Boden zerrissenen) Naziporno- und Weltdeutungs-Roman “Endstufe” geht es um kriegsbefreite adlige Müßiggänger und Geschäftemacher, auch solche vom Rhein: “Die Rheinschiene war eine andere Fraktion – ausgelassener und wohlhabender als der wochenscheue Klüngel. Das picklige Kerlchen in der weißen Uniform hieß Gregor Freiherr von Gerritzen, angeblich Schwippschwager von Erbprinz Heinrich XIV.  ”Greggers” Leidenschaft galt der Ballonfahrerei. (…) In seiner “Hauptfreizeit” (ein amtlicher Gregger-Term) baute er an einem neuen Ballon, der angeblich vom Staat finanziert wurde. Greggers Vater saß im Vorstand der Kölner I. H. Stein Bank, der persönlichen Bank von Hitler und Himmler.  Der Sohn wusste bis in die zweite Dezimalstelle Bescheid, wie tief “der Führer und sein Knecht” in der Kreide standen. (…) Der Glückliche hieß Wolfram von Kolkeisen – auch “Töfftöff-Wölkchen” genannt – und beschäftigte sich “hauptfreizeitlich” mit Rennwagen. (…) In der Champagner-Liga unter den Renn-Assen galt nur von Brauchitsch als ernst zu nehmender Konkurrent. Ansonsten vermittelte Wölkchen dem Nobelkarosseriebauer Erdmann & Rossi betuchte Kundschaft und kümmerte sich um die Ausstattung. Auch Emil Janninger, die Kronprinzessin Cecilie und der Prinz von Schaumburg-Lippe vertrauten seinem Rat. Die Wochenscheuen pflegten ihn trotzdem mit drei Prädikaten abzukanzeln: “Klein, blond und überflüssig“, denn Wölkchen verfügte auch über ausgezeichnete Kontakte zur Schaumweinkellnerei Söhnlein, und die zehn Kisten Fürst von Metternich`scher Schloß Johannisberger Sekt, die sich in der Küche stapelten, hatte er organisiert. (…) “