Germersheim

Bei Wikipedia ist Germersheim als die Stadt des Flieders und der Nachtigall verzeichnet – ich kannte den Ort bisher lediglich en passant als einen des höllischen Gestanks und der enormen, in Deutschland führenden Selbstmordrate. Nun nähere ich mich Germersheim erstmals mit voller Absicht, um die ganze Wahrheit über das so gegensätzlich beleumundete Städtchen herauszufinden. Über die Rudolf-von-Habsburg-Spannbeton-Brücke pesen die Wagen mit Pfälzer Überlandspeed. Röhrende Auspuffe, geistige Zerdrängtheit, die bei Mach 2 in Freiheit umschlägt und nie wieder zurückkehrt. Die Karossen werden vom Horizont als winzige schwarze Endpunkte verschluckt. Neben den freiheitlich-breiten Fahrbahnen gibt es auf der Brücke schmale abgesperrte Wege für Fußgänger und Radfahrer. Das blaugestrichene Geländer korrespondiert farblich sowohl mit dem Himmel als auch mit dem Strom, die Brücke fungiert somit nicht nur als Verbindung zwischen Baden und der Pfalz, sondern auch zwischen Himmel und Erde, was manchen Germersheimer auf letzte Gedanken gebracht haben mag. Auf der Pfälzer Seite beginnt umgehend ein Verwirrspiel aus Hinweisschildern, die für sämtliche Ziele in alle, dh auch exakt gegensätzliche Richtungen weisen – wer diesen Schildern traut, bleibt am Ortsrand hängen und wird verrückt. Ganz in der Nähe verbreitet ein Klärwerk seine süßlichen Aromen (eine Art kräftigen Antimenschenspray) und treibt mich ebenso voran und davon wie die ausschließlich depressiven Gesichtszüge der Passanten, die eine Frage nach dem Weg vermutlich völlig entgleisen lassen würde. Es gibt in Germersheim keine wirklich weiten Wege und dennoch genug Platz für Wohnbaracken, die an die schlechteren Stadtviertel von Accra erinnern. Attraktion des Städtchens sind einige Meter Festungsmauer und ein paar ältere Garnisonsgebäude. Vor dem Arresthaus stehen depressiv wirkende Jugendliche mitten im Kärcherlärm der Brunnenreiniger und nuckeln an ultraschlanken Fluppen. In der Fußgängerzone herrscht gähnende Leere, immerhin existiert eine Fußgängerzone und sie wirkt individueller als die meisten anderen: zum einen verzichtet sie auf Ladenketten, die Plastikprodukte für 99 Cent verkaufen, zum anderen gibt es hier sowieso kein Publikum. Zentrale Attraktion Germersheims ist das von der Asfaltlobby gestützte Deutsche Straßenmuseum, vor dem zwei ausrangierte Planierwalzen stehen. Alles wirkt, als hätte Gott mit seiner Fliegenklatsche einmal kräftig auf das Städtchen draufgehauen. Da und dort zappelt noch etwas, jedoch so gut wie hoffnungslos. Auswärtige Radfahrer besuchen den Ort, stärken sich in der lokalen Gastronomie, um Germersheim dann möglichst schnell wieder hinter sich zu lassen. Die Stimmung ist selbst bei bester desinfizierender Sonnenstrahlung traurig und stark ansteckend. Unten am Rhein haben sich ein paar Menschen versammelt und starren hilflos auf den begradigten Strom. An der Eisenbahnbrücke ein Graffito: „BILD-Leser wissen mehr als die Wahrheit“