Rheintor Linz – Anno Domini 2011

Die diesjährigen Aktionen im Linzer Rheintor sind nun zu einem Katalog zusammengefaßt in der Edition Das Labor erschienen. Bestellwünsche werden von rheinsein umgehend weitergeleitet. Der Text zum Katalog stammt von Matthias Hagedorn:

“Das landläufige Vorurteil, Kunst sei eine Schnapsidee, unterlaufen Klaus Krumscheid und A.J. Weigoni augenzwinkernd mit dem Verweis auf Heinz Schenks Motto des Blauen Bocks: „Ich lade gern mir Gäste ein!“

Obwohl unter den Zeltschrägen eines gemeinsamen Umschlages, bilden die Artisten dieses Projekts keine Gruppe. Es gibt keinen gemeinsamen arspoeticagleichen Ansatzpunkt als den, Kunst anders einzuordnen, um schließlich eine Art kritischer Mutation hervorzuzaubern. Eben durch die Unterschiedlichkeit ihrer Arbeiten, durch die Unvereinbarkeit der gezielten Darlegungen und dank dieser Inkompatibilität wird in diesem Projekt die gegenwärtige Lage der Kultur deutlich.

Eines scheint klar, zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Kunst der Inbegriff des Fragmentarismus, der unsere Zeit ansteckt, dadurch charakterisiert und die fin–de–siècle–belastete Verwirrung und Fassungslosigkeit der Methoden der existentiellen Werkzeuge lässig hinter sich läßt. Diese Artisten wagen – jeder auf seine Art und Weise – eine Berufung der Methode einzulegen, indem sie eine Berufung der Rhetorik heraufbeschwören. Die alten Fragen der Kultur bleiben erhalten, wie die nach dem Geschlechterverhältnis oder dem schäbigen Rest des Unerklärlichen, das sich der menschlichen Erkenntnis entzieht.

Was die Artisten dieser Reihe verbindet, ist der Rhein. Alles im Fluß, in Fluß. Das Fachidiotentum ist perdü, das Labor dokumentiert die Durchlässigkeit zwischen den Kunstgattungen. Diese Artisten interessieren sich für eine Kunst, die nicht illustriert, sondern anders politisch relevant ist. Klaus Krumscheid, Andreas Noga, Charlotte Kons, Joachim Paul, Stephanie Neuhaus, Birgit Jensen, Francisca Ricinski, Almuth Hickl, Swantje Lichtenstein, Dietmar Pokoyski, Enno Stahl, Jesko Hagen, Haimo Hieronymus, A.J. Weigoni, Denise Steger, Peggy Neidel, Katja Butt, Heidrun Grote, Jürgen Diehl, Bernhard Hofer, Peter Meilchen, Holger Benkel, Theo Breuer, Thomas Suder und Stan Lafleur pflegen die Kunst des Unmöglichen. Es sind Künstler, die sich für Lebensentwürfe und das Zusammenleben interessieren und nicht für standardisierte Wege. So zu arbeiten, befreit diese Artisten von der Massenidentität, die gerade in der globalisierten Gesellschaft entsteht. Diese Künstler machen keine Kunst, um Antihelden einer Subkultur zu sein, sondern vor allem, um die Sinngebung durch Kunst zu retten, um unter der Arbeit zu zeigen, was es bedeutet, als selbstbestimmte Individuen zu überleben.

Die Verflechtungen von Poesie, Kunsttheorie, persönlicher Biographie und politischen Ereignissen, von Querverweisen zwischen Literatur und Kunst und von Bezugslinien zwischen Vergangenheit, Gegenwart und schließlich sogar der Zukunft machen diese Kompilation zu einer komplexen Lektüre. Diese Artisten eröffnen eine Dimension, die für die Gesellschaft völlig unverzichtbar ist. Über Verfremdungen drücken sie die Befindlichkeiten, Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen der Mitmenschen in Zeiten tiefgreifender Veränderungen aus.”

Linz

Auf dem Weg zu Klaus Krumscheids und A. J. Weigonis Atelierlabor im Linzer Rheintor. Die Kölner Verkehrsbetriebe geben ihrer Kundschaft per Lautsprecherdurchsage detaillierte Anweisungen zum Einsteigen, Mitfahren und Aussteigen in und aus ihren Bahnen. Der einsetzende Weihnachtsmarktrummel machts nötig. Am Hauptbahnhof kauert ein Engel an die Wand gelehnt auf dem Fußboden: in dieser Haltung wirkt er wie ein Kontrast zu sich selbst in seinem gleißenden Weiß, mit den blonden Löckchen, den silbrig strahlenden Schwingen. Die Regionalbahn braucht rund eine Stunde bis Linz. Sie quietscht und pfeift und hält dann und wann auf offener Strecke. Die ist gesäumt von Industrien, Siebengebirgen und einem schwer zurückgezogenen Rhein. Eine Dame im Zug spricht vom Schmelzen der Gletscher: „Das ist schon beängstigend. Was machen wir denn, wenn der Rhein verschwindet?“ Erstmal die zahlreichen Blindgänger sprengen, später dann Reibach mit der neu gewonnenen Baufläche, vermutlich. In Linz ist der erste Weg der zum Fluß, der viel von seinem holprigen Schotterbett zeigt. Ein paar containerartige Schnellimbißbuden fallen ins Auge – alle mit Deppenapostrof, alle außer Betrieb. Die Fähre nach Remagen hingegen ist eifrig unterwegs. Flußufer und Städtchen sind in Linz von einer häßlichen Hochtrasse getrennt, unter der sich Parkplätze befinden – und wieder mittels einer Fußgängerunterführung verbunden, von der wir gerne wüßten, wer sie sich ausgedacht hat. Sie führt direkt auf den Rheinturm, durch dessen Tor bereits der Linzer Weihnachtsmarkt grüßt. Ä Tännschen please, heißt eine unübersehbare Saisonaktion der Geschäftsinhaber, welche die stark verfachwerkte und reichlich mit Ritterrüstungen ausstaffierte Linzer Altstadt nun auch noch mit der höchsten Tannenbaumdichte pro Quadratmeter bedenkt, die jemals in Fußgängerzonen zu sehen war. Die Außenlautsprecher des Café Leber (ob dort wirklich Leber serviert wird, konnten wir nicht überprüfen) pusten derart grausige Weihnachtstöne in die Gegend, daß wir unweigerlich den Schritt beschleunigen. Hügelan, es dunkelt bereits, treffen wir auf eine weitere Weihnachtszone mit Büdchen und einer Bühne, auf der eine frierende a cappella-Truppe schlecht ausgesteuerte Medleys anstimmt: “rote Lippen soll man küssen, au-wauwauwau…ti amo…” Flucht auch von diesem Ort. Nur bringt eine Flucht durch die Linzer Straßen einen schnell an die wenigen möglichen Ausgangspunkte zurück. Vor Erreichen derselben queren wir die Straße Auf der Donau, deren Name aber nichts mit der Donau zu schaffen haben soll. Das dort ansässige Spielwarengeschäft führt Kunstobjekte statt Spielwaren. Im Fliehen gelingen noch ein paar Fotos. Ob japanische Touristen sich so fühlen? (Linz besuchen allerdings eher spanische oder Westerwälder Touristen.) Im Rheintor-Labor, einem kleinen Raum, dessen gelbe Innenkachelung noch auf seine einstige Nutzung als Freibank weist, und der (warum auch immer) sofort die Assoziation „Beschleunigungskammer“ in uns weckt, finden sich einige Besucher. Vernissagenherumstehen, Lesung und Verkosten des lokalen Rieslings, denn es gibt welchen – auf 50° 34′ 5” nördlicher Breite nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Außerdem bekommen wir eine Führung von Bernhard Hofers Witwe Gabriele, die den Torturm (mit exzellenten Blicken auf den Fluß und den Weihnachtsmarkt) bewohnt und sich um den künstlerischen Nachlaß ihres Mannes kümmert, dessen Unkeler Kirchenfenster nun auf unserer Besichtigungsliste steht. Dann geht es noch in die kleinste Kneipe von Linz, einen sympathischen Laden, in dem zu zwei festen Terminen pro Jahr das Saustechen, ein skatverwandtes Kartenspiel, das man womöglich nur in Linz kennt, ausgetragen wird. Über dem Spieltisch hängen seit zwanzig Jahren Gäste und Mitspieler im Stile von Leonardos Abendmahl als Karikaturen arrangiert. Der Wirt besaß demnach seinerzeit einiges an äußerlichen Gemeinsamkeiten mit Saddam Hussein. Daß die Linzer, weil sie bei einem mißlungenen Überfall auf die Andernacher einst von deren Bienen vertrieben wurden, für den Bienenstich mitverantwortlich seien, wußten wir bereits. Nicht aber, daß die Linzer Strünzer das “eigentliche Kölsch” sprächen, eine Sichtweise, die jedoch außerhalb von Linz noch kaum Verbreitung fand.

Vignetten

“(…) Nataly pflegt eine tiefe seelische und körperliche Beziehung zum Rheinland, seinem Verfall, den Gerüchen, die dieser Landstrich bewahrt. Ihre Fahrt führt sie an den Ort der Jugend, den Erfahrungen der ersten Liebe, dem Versuch das Erleben des anderen zu integrieren, die Zurückweisungen, die sie sich ein Leben lang gemerkt hat.
Flickermaschine. Dem Reiz des Zwielichts folgend, mit gleichmässigem Tritt in die Pedale des Fahrrads, durch leere Strassen fährt sie an dem Haus vorbei, in dem sie ihre Kindheit verbracht hat. Der verwilderte Garten umschliesst das Gelände. Emporragende Bäume umstehen die zur Giebelseite sich öffnende Rasenfläche. Zwischen Farne, Schachtelhalme und Buschwerk zieht sich ein versteckter Pfad. Der im Winter abgestorbene Wacholder flammt rostbraun. (…)
Betört von Nachtatem steigt sie ab. Legt geflissentlich ihr Fahrrad in das nasse Ufergras. Die Aluminiumfelgen spiegeln das Mondlicht gegen die glatt geschliffenen Steine. Während Nataly genüsslich den Rauch einer Zigarette einsaugt, lässt sie die Bewegungen des Tages ausklingen. Blickt dem Strom nach, der seinen Lauf nimmt. Der Fluss tut seine Pflicht, er fliesst immer in eine Richtung und trennt die Ufer. Einerseits befördert er die Menschen, andererseits separiert er sie. Nataly betrachtet das Schwemmland, die sandigen und die bewaldeten Ufer, die von russigen Industrieanlagen gesäumt sind, hört die Schiffe mit den tuckernden Dieselmotoren. Hier wie dort erreicht der Schwimmer sein Ziel auch bei günstiger Strömung nicht ohne eigenes Zutun.
Unstillbare Sehnsucht. Nataly fühlt ein Fernweh… das Reisen auf dem Wasser ist für sie stets ein mythischer Akt, gleichsam ein Bewusstseinsstrom. Die Natur, der Fluss, das Meer, all das bedeutet für Nataly in gleichem Masse Freiheit wie Auflösung. (…)
Nataly beschwört die Kosmogonien des Kontinents, aus denen das alte Europa heraufsteigt. Unter der Oberfläche liegen Vergangenheiten begraben, Geschichte im buchstäblichen Sinn. Sie senkt ein Echolot in die Kulturgeschichte. (…)
Die Anfänge dieser Besiedlung liegen im Dunkel der Vorgeschichte. Wahrscheinlich begann die Geschichte dieser Spezies, bevor die Erde existierte. Mutmasslich sind die Bewohner des Rheinlands Emigranten aus anderen Galaxien, ihnen ist nichts Menschliches fremd, aber auch nichts Unmenschliches. (…)”

Auf der Rheinsein-Lesung in Neuss drückte A.J. Weigoni mir seine Novelle “Vignetten”, aus der die obigen Zitate (hier ausschließlich Stellen mit direktem Rhein/land-Bezug) stammen, in die Hand. Darin geht es um relativ viel auf einen Schlag, das sich zu nährstoffsattem Text verdickt, in Absätze gespalten, die je für sich kleine Welten öffnen/konstituieren, die wiederum vom Erzählpräsens beschleunigt auf ihrem Weg durchs sie verbindende Textnetz preschen. Weigoni selbst nennt die Vignetten unter anderem eine Langzeitbeobachtung intermedialer Wechselwirkungen: der Text unterlag von seinen Anfängen bis zur Publikation rund dreißigjähriger Knetung. Ich finde formal und vom Vokabular viel Achtzigerindieneunzigerlappendes darin, wie es für Düsseldorf (wo der Text vermutlich entstand) in jener Zeit spezifisch gewesen sein mag, eine persönliche Empfindung, sicherlich weil ich es in/seit meinen Ddorfer Anfängen ähnlich gehalten habe: eine Mischung aus u.a. Akademismen, kleiner Form, Punk und Poststrukturalem (hier mit 1a Wortschätzchen wie “Moof” oder “alte Knortze”). Der Text atmet, der Rhythmus bleibt stets spürbar unter den Worten, bisweilen unter- bzw. überspült er auch seine eigenen Bedeutungsketten, ich habe den Text jedenfalls zu hohen Anteilen von seiner Rhythmik erfaßt. Es geht desweiteren um einen Abgleich des Rheinischen mit etwa Nilistischem. Und Nataly schließlich ist eine Figur, der mehrfach im Leben persönlich begegnet zu sein mich dünkt.

»Vignetten«, Novelle von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2009 – Limitierte und handsignierte Ausgabe als Hardcover

Eine Hörprobe der »Vignetten« (Begriffssuche nach “Vignetten” führt zu Hörausschnitten aus den beiden Kapiteln “Mäander” und “Uräus”)

Ausführlichere Informationen zum Text finden sich in der Bücherwiki.