Türkischer Rhein: der Traum des Loti Pascha (Detail)

stan lafleur schlafwandelt durch die rheinische sferiferie


(Bild: Mehmet Alman Ekmek. rheinsein dankt!)
Vorgestern erreichte uns eine Pressemitteilung der Kölner Initiative ArchivKomplex. Demnach hängte am 2. März 2012 der Fotograf und Künstler Reinhard Matz in freier Intervention zum dritten Jahrestag der bekannten Katastrofe 24 durchnummerierte Tafeln an 24 Bauzaunsegmente entlang der Baugrube des ehemaligen Stadtarchivs in der Severinstraße, die in knappen Sätzen über die tragische Geschichte des Einsturzes informieren.

Wir zitieren: „Die Arbeit wurde von den Bürgern, unter ihnen auch vom Einsturz direkt Betroffene, ausgesprochen positiv aufgenommen. Fast alle lasen und viele fotografierten die Tafeln. Im Rahmen der Berichterstattung der Presse zum 3. Jahrestag des Einsturzes gab es bereits eine große Abbildung. Auch über Köln hinaus verbreitete sich die befreiende Nachricht, dass es an diesem traumatischen Ort endlich eine seriöse Information gab, die den Hergang und die Folgen des Unglücks wieder in Erinnerung rief und fremde Besucher über den Hintergrund dieser „Baustelle“ aufklärte. Am 20. März wurden die »24 Sätze zu 8 Minuten« von bislang Unbekannten restlos entfernt.
Die Initiative ArchivKomplex reagiert hierauf mit Unverständnis und Protest. Wir fragen: Wer könnte ein Interesse an der Vertrübung der Erinnerung haben?“

Das stillschweigende, quasi „über Nacht“ stattfindende Entfernen „nicht genehmer Elemente“ erinnerte uns sogleich an das Vorgehen des städtischen Grünflächenamts bei der vorübergehenden Entfernung des Steins der Kölner Sprechecke im Stadtgarten. Damals führte die Berichterstattung des Kölner Stadt-Anzeigers zur erfolgreichen Reinstallation des Denkmalsteins für Redefreiheit und auch in obigem Fall brachte das Blatt gestern Hintergründe ans Licht: nicht die Stadt Köln, sondern die Arge, dh die Arbeitsgemeinschaft der Baufirmen, hat die Erinnerungstafeln entfernt, weil, so deren Sprecher Stefan Kombüchen: „sich mehrfach Menschentrauben um die Schilder gebildet (hätten), so dass es zu Kollisionen mit Radfahrern gekommen sei. Da der Arge die Verkehrssicherungspflicht an dieser Stelle obliege, habe man die Schilder abgenommen.“
Die Abnahme der Erinnerungstafeln ausgerechnet mit Sicherheitsargumenten zu begründen, erscheint angesichts der vorangegangenen Katastrofe zumindest paradox. Laut Stadt-Anzeiger denkt man in der Arge nun darüber nach, die Bürgersteige zu verbreitern, damit die Schilder wieder aufgehängt werden können.
Verstehen wir diese großartige Idee doch als Anregung auch an weitere “Zuständigkeiten”, wo immer in der Stadt Menschen Pulks bilden, vor Schaufenstern, an Ampeln, oder generell auf den Ringen: aus Sicherheitsgründen die Bürgersteige zu erweitern!
Fotos: (c) by Reinhard Matz


Werke in Konfrontation lautet der Titel einer Ausstellung mit Bildern des Künstler-Ehepaars Rajka Poljak und Vlado Franjević, die am 01. April auf Schloss Sargans mit einer nachmittäglichen Vernissage eröffnet wird. Rajka stellte rheinsein vorab zwei ihrer Alpenrhein-Bilder zur Verfügung, wofür wir uns herzlich bedanken! Rajkas Porträt- und Landschaftsstudien werden in Sargans Vlados bunte Formgebilde gegenüberstehen, von denen Al’ Leu schreibt, daß Vlado mit ihnen “Grenzbereiche und kritische Randzonen der Kunst auslotet und dadurch (…) in endogene bildnerische Bereiche vorstösst, die im elektronischen Zeitalter genügend visuelles Potential entwickeln, um auf multimedialen Ebenen mit kraftvollen Impulsen neue Projekte anzustossen”. Damit dürfte auf Vlados unermüdliche Tätigkeit als Netzwerker angespielt sein – tatsächlich war Vlado derjenige, der uns den langgehegten Wunsch, einmal das kleine Fürstentums Liechtenstein (auf den Bildern oben: dessen Rhein, mit Schweizblick) zu besuchen, zu erfüllen verhalf!
Rajka Poljak und Vlado Franjević
Werke in Konfrontation
Schloss Sargans
01. April bis 03. Juni 2012
Vernissage: Sonntag, 01. April um 14.00 Uhr
(Begrüssung durch SE Botschafter der Republik Kroatien in der Schweiz; Rede zur Kunst von Al’ Leu, Kunstkritiker und Präsident ZSV)
Das Rahmenprogramm zur Ausstellung bietet diverse weitere Anlässe wie etwa Lesungen. (Vlado tritt neben seiner bildnerischen und Netzwerker-Tätigkeit auch als Autor hervor.) Das genaue Programm ist den regionalen Zeitungen/Zeitschriften zu entnehmen.




„(…) Der Tag des Gerichts ist da, die Toten klettern in ihren weissen Langhemden unbeholfen aus ihren Grablöchern, sie ringen die Hände und schneiden bange Grimassen; gute Laune hat einzig, schadenfreudig grinsend, Satan mit seiner Vokuhila-Frisur wie ein Gölä-Band-Mitglied. (…)“
Das Zitat entstammt einem Wege zur Schweiz-Band über die Region Walensee, der wiederum die Weltwoche zitiert, für die Thomas Widmer die Wandgemälde in der Kirche am St. Luzisteig beschrieben hat. Noch heute ist leicht zu erkennen, daß die comichaften Bilder einst komplett die Kirchwände bedeckt haben durften. Im Dreißigjährigen Krieg (und wohl noch bei späteren Verwüstungsgelegenheiten) wurden sie zerstört und erst 1945 anläßlich einer Restaurierung die Überbleibsel freigelegt. Erhalten blieb vor allem die Darstellung des Jüngsten Gerichts: während Jesus (oder ein geflügelter Bischof/Papst) auf der linken Bildhälfte die Unsicheren, Bedröppelten und Zerstörtnasigen empfängt, schleppt der Teufel in der rechten Bildhälfte einen Betrüger/Geizling, welcher vergeblich im letzten Moment sein Geld loszuwerden trachtet, mit dem Hanfstrick in seinen Hoheitsbezirk. Über der Szenerie schwebt Jesus oder Gott (als Bärtiger/Gerechter) auf einem künstlerisch gewagten Wolkenthron, eine langstielige Lilie geht ihm durch beide Ohren, dieweil er mit den Händen garnicht unsynchron an heutigen Toilettenbedarf gemahnende Papierrollen auswirft: das ganze in seinem schlichten, dabei ausdrucksstarken und zwischen den Mahlsteinen der Jahrhunderte umdeutbaren Strich machte uns einen großartigen Eindruck und ist neben der Zilliser Decke eines der sehenswertesten Stücke Kirchenwandmalerei, das uns bisher am Rhein untergekommen ist. (Den Schlüssel zum Kirchportal gibts, sollte St. Luzius verschlossen sein, in der Beiz nebenan. Es ist kein ganz kleiner Schlüssel. Es lohnt die Erfahrung, wenigstens einmal im Leben mit einem solchen Schlüssel eine Kirche aufzuschließen und, sobald das Portal knarrend ins Schloß zurückfällt, das Jüngste Gericht szenisch vorwegzunehmen.)
[...] „J’ai eu l’honneur d’être dépouillé trois fois pour la légitimité: la première, pour avoir suivi les fils de saint Louis dans leur exil; la seconde, pour avoir écrit en faveur des principes de la monarchie octroyée, la troisième, pour m’être tu sur une loi funeste au moment que je venais de faire triompher nos armes: la campagne d’Espagne avait rendu des soldats au drapeau blanc, et si j’avais été maintenu au pouvoir, j’aurais reporté nos frontières aux rives du Rhin (*).
Vous verrez, lorsque je reviendrai de Prague en 1833, ce que je dis de mes vieux souvenirs du Rhin: je fus obligé, à cause des glaces, de remonter ses rives et de le traverser au-dessus de Mayence. Je ne m’occupai guère de Moguntia, de son archevêque, de ses trois ou quatre sièges, et de l’imprimerie par qui cependant je régnais. Francfort, cité de Juifs, ne m’arrêta que pour une de leurs affaires: un change de monnaie. [...]
Les bords du Rhin fuyant le long de ma voiture me faisaient une agréable distraction: lorsqu’on regarde un paysage par une fenêtre, quoiqu’on rêve à autre chose, il entre pourtant dans la pensée un reflet de l’image que l’on a sous les yeux. Nous roulions parmi des prairies peintes des fleurs de mai; la verdure était nouvelle dans les bois, les vergers et les haies. Chevaux, ânes, vaches, moutons, porcs, chiens et chats, poules et pigeons, oies et dindons, étaient aux champs avec leurs maîtres. Le Rhin, fleuve guerrier, semblait se plaire au milieu de cette scène pastorale, comme un vieux soldat loge en passant chez des laboureurs.
Le lendemain matin, 18 mai, avant d’arriver à Schaffouse, je me fis conduire au saut du Rhin ; je dérobai quelques moments à la chute des royaumes pour m’instruire à son image. Je me serais bien arrangé de finir mes jours dans le castel qui domine le chasme. Si j’avais placé à Niagara le rêve d’Atala non encore réalisé, si j’avais rencontré à Tivoli un autre songe déjà passé sur la terre, qui sait si, dans le donjon de la chute du Rhin, je n’aurais pas trouvé une vision plus belle, naguère errante à ses bords, et qui m’eût consolé de toutes les ombres que j’avais perdues!
De Schaffouse j’ai continué ma route pour Ulm. Le pays offre des bassins cultivés où des monticules couverts de bois et détachés les uns des autres plongent leurs pieds. Dans ce bois qu’on exploitait alors, on remarquait des chênes, les uns abattus, les autres debout; les premiers écorcés à terre, leurs troncs et leurs branches nus et blancs comme le squelette d’un animal bizarre; les seconds portant sur leurs rameaux hirsutes et garnis d’une mousse noire la fraîche verdure du printemps: ils réunissaient, ce qui ne se trouve jamais chez l’homme, la double beauté de la vieillesse et de la jeunesse.“ [...]
(*) «Les frontières du Rhin, écrit M. de Marcellus (Chateaubriand et son temps, p. 246), étaient pour M. de Chateaubriand un rêve de toutes ses nuits:»—«La guerre d’Espagne», me disait-il à Londres, en interrompant une de ses dépêches où il poussait le plus vivement à franchir les Pyrénées, «doit être le signal et le premier acte de notre résurrection. Après, il nous faudra la rive gauche du Rhin aussi loin qu’elle peut s’étendre. Les conquêtes du génie des batailles s’écoulent comme un torrent, pour parler comme Racine; la monarchie légitime et traditionnelle seule sait, par l’influence d’une paix solide, faire désirer sa domination, agrandir le pays, fondre en un seul corps les populations, et les conserver à la patrie.»
(aus: François-René de Chateaubriand, Mémoires d’outre-tombe)
„Les fleuves du Canada sont sans histoire dans l’ancien monde; autre est la destinée du Gange, de l’Euphrate, du Nil, du Danube et du Rhin. Quels changements n’ont-ils point vus sur leurs bords! que de sueur et de sang les conquérants ont répandus pour traverser dans leur cours ces ondes qu’un chevrier franchit d’un pas à leur source!“ [...]
„À Cologne, j’admirai la cathédrale: si elle était achevée, ce serait le plus beau monument gothique de l’Europe. Les moines étaient les peintres, les sculpteurs, les architectes et les maçons de leurs basiliques; ils se glorifiaient du titre de maître maçon, cœmentarius.
Il est curieux d’entendre aujourd’hui d’ignorants philosophes et des démocrates bavards crier contre les religieux, comme si ces prolétaires enfroqués, ces ordres mendiants à qui nous devons presque tout, avaient été des gentilshommes.
Cologne me remit en mémoire Caligula et saint Bruno (*): j’ai vu le reste des digues du premier à Baïes, et la cellule abandonnée du second à la Grande-Chartreuse.
Je remontai le Rhin jusqu’à Coblentz (Confluentia). L’armée des princes n’y était plus. Je traversai ces royaumes vides, inania regna; je vis cette belle vallée du Rhin, le Tempé des muses barbares, où des chevaliers apparaissaient autour des ruines de leurs châteaux, où l’on entend la nuit des bruits d’armes, quand la guerre doit survenir.
Montlosier était resté à cheval sur la renommée de sa fameuse phrase de la croix de bois, phrase un peu ratissée par moi quand je l’ai reproduite, mais vraie au fond. En quittant la France, il se rendit à Coblentz: mal reçu des princes, il eut une querelle, se battit la nuit au bord du Rhin et fut embroché. Ne pouvant remuer et n’y voyant goutte, il demanda aux témoins si la pointe de l’épée passait par derrière: «De trois pouces, lui dirent ceux-ci qui tâtèrent. – Alors ce n’est rien, répondit Montlosier: monsieur, retirez votre botte.»“
(*) Caligula était fils d’Agrippine, laquelle avait agrandi Cologne: d’où le nom romain de la ville: Colonia agrippina. – Saint Bruno, fondateur de l’ordre des Chartreux, était né à Cologne vers 1030. Après avoir été revêtu de plusieurs dignités ecclésiastiques et avoir refusé l’archevêché de Reims (1080), il se retira avec six de ses compagnons dans un désert voisin de Grenoble, aujourd’hui appelé la Chartreuse (1084), et y fonda un monastère.
(aus: François-René de Chateaubriand, Mémoires d’outre-tombe)
Die Energiezufuhr der Stadtbahnlinie 18 rührt ab den südlicheren Kölner Vororten nicht mehr aus der elektrischen Oberleitung, sondern aus den Gleisen selbst, die sich in gegenläufigen Richtungen bewegen und den Passagier in einer Art “Moonwalk für Straßenbahnen” in schwindelerregende Interims- bzw. Traumwelten west-östlicher Richtung entführen. Ab Bonn wird die Fahrt zäh und zäher. Klarsichtgelee beherrscht die Umgebung. Bisweilen bewegt sich anstelle der Bahn die Landschaft, bisweilen bewegt sich (fast) garnichts, bisweilen schwappt die Landschaft als gerahmte Großaufnahme in scheinbar greifbarer Nähe. Aus solch einer allgemeinen Absence heraus, die reale geografische Grundlage dürfte ungefähr bei Spay verortet werden, gelang dieses Digitalisat eines von unbekannter Macht bereits türkisch konnotierten Rheinabschnitts.
Im laufenden Schuljahr produzieren wir mit Drittklässlern einer Bonner Grundschule eine Reihe Kurzhörstücke. Eine Schülergruppe recherchierte dafür die Geschichte von Moby Dick, dem Belugawal, der 1966 mit seinem Rheinbesuch für Schlagzeilen sorgte und stellte das Szenario als Radiosendung mit Studiomeldungen und einer rasenden Reporterin nach. Dabei wurde der Rhein schon mal nach Luxemburg verlegt, und auch die Geschichte Moby Dicks mit einiger Fantasie aufgepeppt – dachten wir. So gaben die Kinder an, Moby Dick habe sich vor seinem Ausflug in den Rhein in einem Frachtcontainer auf einem Schiff nach London befunden, wo er als Zootier landen sollte: welch ein poetischer Einfall, wollte uns scheinen, bis die Kinder uns aufklärten: so oder zumindest so ähnlich hätten sie es doch in einem Artikel gelesen, welchen die Lehrerin ihnen zur Verfügung gestellt habe (es handelte sich um den Wikipedia-Eintrag zu Moby Dick). Die hochpoetische Vorstellung von einem Wal, der über dem Meer schwimmt, statt frei (wie es sich gehörte) darinnen, gefangen in einem Frachtschiff nämlich, den Menschen künftig in einem Zoobecken zur Belustigung zu dienen, bis das Meer ob dieser Idee zürnt und sich erhebt, den Gefangenentransport attackiert, ins Schlingern bringt, den solcherart entkommenen Wal wieder in sich aufnimmt, ihn aber sogleich in seiner Verwirrung eine Odyssee in und durch den Rhein beginnen läßt, wo er als freier Wal die Menschen in Jäger und Beschützer teilt: entsprang nicht reinem Kinderhirn, sondern ganz offenbar der herkömmlichen, in ihren Abstrusitäten unübertrefflichen Realität(*). Wurden die Fischer, die Moby Dick zuerst erblickten, noch umgehend auf Alkoholeinfluß getestet, mieteten die Freunde Moby Dicks bald darauf Luftschiffe, um die Feinde Moby Dicks, die mit Schnellbooten und allerlei Fanggerät sogleich Jagd auf den Beluga machten, aus der Höhe mit Orangen zu bewerfen. Da flammte also Nibelungentum auf, und die bürgerliche Protestromantik der jungen Bundesrepublik geriet in zaghaften Schwung, unter Einsatz von Luftwaffe und leuchtenden Südfrüchten (**). Zu Tausenden begaben sich Schaulustige an die Ufersäume. Welch ein Spektakel! Der weiße Wal kreuzte wochenlang im Rhein, ohne von seinen Feinden (der Direktor des Duisburger Zoos hieß tatsächlich Dr. Gewalt) gestellt werden zu können. Erst als bei seinem Auftauchen in Bonn eine Bundespressekonferenz unterbrochen wurde und Moby Dick die an den Rhein geeilten Politiker erblickte, entschloß er sich zum endgültigen Abgang Richtung Nordmeer. Seit Mai 1976 kreuzt nun, so beschlossen die Kinderreporter ihren Bericht, das dem Wal nachempfundene Bonner Passagierschiff MS Moby Dick auf dem Rhein, auf dem, als besonderer Service, geheiratet werden kann.
(*) Wir erwähnen der Vollständigkeit halber die Möglichkeit einer nebenbei in den Wikipedia-Artikel eingewobenen Ente. Mitlesende Moby Dick-Veteranen mögen sich bitte ggf mit ihren Erinnerungen bei uns melden.
(**) Wir suchen auch noch nach Film- bzw Bildbeweisen für die vom Orangenhagel abgetriebene Schaluppe Dr. Gewalts.



Dieses unverkennbar am Rheinfall angesiedelte Schlachtentriptychon schickte uns Yello. rheinsein dankt!