Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon (3)

Nichts mit dem Morgengrauen anfangen können, mit dem Tag, der ausbricht zwar, jedoch hinter den Vorhängen.

Sie rief eines Abends aus dem Süden an, wo sie lebte, da sie nicht mehr im Norden wohnte, der allerdings weder Norden, noch Süden war, sondern ein ungenaues Dazwischen, keineswegs geografisch. Der Raum zwischen dem Griff und dem Eimer, einen Kreisbogen ziehend, sich im Wasser reflektierend, oder auch nicht, wenn der Eimer nämlich leer ist.

Er ist so voller Geschichte, dass er dribbelt.

Und wenn wir, diesem im inneren England verlaufenen Seehund gleich, uns außerhalb unseres Lebensraums verirrt haben, wissen wir, dass es Züge gibt, die uns, auch wenn nur für einen kurzen Moment, in unsere Welt (hohe See) zurückbringen können.

Früh losgefahren, um die Dunkelheit so lange wie möglich zu genießen, bis das Skelett der Hochspannungsmasten präziser würde, während am Horizont erste Hügel sich trauten, durch den Nebel zu scheinen. Das Ziel war noch nicht voll erreicht, da wurde es bereits durch das Abfliegen der Langstreckenmaschinen angekündigt. Der von den Bahngleisen sichtbare Flughafen verschwand schnell hinter den Böschungen und kam dann kurz in Sichtweite zurück. Der Zug fuhr nicht mehr mit Höchstgeschwindigkeit, verlangsamte aber auch nicht wirklich. Und dann war der Bahnhof da. Und noch ein anderer. Den Parkplatz überqueren, die Brücke über den Gleisen betreten. Licht in einem strategischen Winkel: die Zusammenfassung eines Lebens, dessen drei Phasen die Einheit erfüllen, die der Tragödie eigentümlich ist, und für welche Blumenkompositionen vorgeschlagen werden, illustriert durch eine Blume, deren Grimasse einen ebenso zum Theater zurückbringt wie die berühmte Regel, die die Fortsetzung des Spaziergangs missbraucht und zur Explosion bringt. Bevor man tiefer in die Zeit eintauchen, in das Alphabet durchdringen wird (20), bis mindestens auf dieses Stumme (21). Zwischenhalt in einem Celtic, warum so viele Bar-Tabacs so genannt werden?

Ein Café: Au Carrefour. Es befindet sich an einer Kreuzung wie die Bar du Coin an der Ecke zweier Straßen, und das Café de la Place auf dem Platz zu finden sind. Alles ist in Ordnung. Die Kellnerin fegt den Boden mit ihrer Müdigkeit, verkündet, dass im Laden der Kaffee 2 Euro kostet, an einem Tisch in der Mitte des Raumes 1,50 Euro – “Und 1 Euro am Tresen?”, fragte ich. Wie ein Gummiband, das zu große Spannung nicht aushält, verkleinerte sich ihr Lächeln, nicht durch schlechte Laune, sondern durch eine Müdigkeit.

In einem der Ausstellungsräume (22) fand ich mich vor dieser Maxime bzw. diesem Sprichwort wieder: “Eines Tages oder an einem anderen muss man seinen Mut im Grabe nehmen.” Vorausgesetzt, man hat einen zur Hand oder besser immer noch unter dem Fuß, was nicht immer der Fall ist, was nicht der Fall war, in diesem präzisen Fall, viel präziser als diese Notizen, dieses Tagebuch, ich selbst… Welche “Präzision” gäbe es zu erwähnen, die mich betrifft? Sollte die Anzahl der Knochen, welche zur guten Leistung meines Skeletts beitragen, die Anzahl der Kilometer meiner Nerven und verschiedenen Gefäße, die Spannung meiner Hirnimpulse sie repräsentieren? Bleiben wir ernst.

Ein Tagebuch sollte nur beschreiben, was man tut, aber was nützt es, es zu schreiben, wenn man es doch tut? Und wieso es tun, wenn es genauso gut geschrieben werden könnte?

Stunden abschälen, öffnen, zerteilen, um die Minuten in einer Soße von Sekunden zu genießen.

Zwischen dem Eimer aus Plastik und dem aus verzinktem oder nicht verzinktem Weißblech gilt meine Vorliebe instinktiv dem zweiten. Der erste provoziert bei mir dasgleiche wie die Veröffentlichung der wahren Identität Godots in einer Zeitung.

Worte abnutzen, wie man das Geschirr spült: darauf achten, die Knochen von den Gräten, das Fett vom Mageren, die Samen vom Kern zu trennen, und alles im Waschbecken abzuspülen, um es sauberer zu vermischen.

Wieder dieser verstopfte graue Himmel, oder stummes Grau, das besonders die dunkle Kugel eines unbesetzten Nestes betont, auf der Birke, auf der linken Seite vor dem Balkon.

Im Halbschlaf dieser Satz, angeblich von Chateaubriand, welcher aber weder in seinen Memoiren, noch – na ja, nehme ich an – in einem anderen seiner Bücher zu finden ist: diese Franzosen mit dem Blick auf die Seiten konzentriert, wo sie hoffen zurückzukehren, um endlich an der Reihe zu sein und nach… [unlesbar]

Als ich ihm von meiner Absicht, eine kurze Reise zu machen, mitgeteilt hatte, antwortete er, ohne Fröhlichkeit oder Traurigkeit, dass das Alter ihm einen entscheidenden Vorteil verschafft habe: er verspürte nicht mehr die Notwendigkeit des Reisens. Warum Ruinen von verlorenen Zivilisationen sehen oder wiedersehen wollen, wenn man seine eigenen auf der Hand hält?

Alles wird nach und nach verwirklicht und auf ähnliche Weise verworfen, aber viel schneller.

Der Mann ging langsam, wie jemand, der sich nicht bewegen wollte, auch wenn er keine Wahl hatte. Den Kopf nach unten, schien er nicht der Bewegung seiner Füße zu folgen, sondern dem Bitumen, das unter seinen Sohlen hinweg rollte. In der einen Hand hielt er eine Plastiktüte, in der Glas und Metall fröhlich aneinander stießen, das zweite, um das erste zu brechen, und dieses verteidigte sich, so gut es konnte. In der anderen Hand verzehrte sich zwischen zwei Fingern eine Zigarette. Die ganze Zeit des Marsches (ich ging hinter ihm her), sah ich ihn nicht einen einzigen Zug nehmen. Vielleicht sollte sie dazu dienen, würde die Glut die Epidermis erreichen, den Mann zu wecken?

Und plötzlich, wenn du ihn am wenigsten erwartest, steigt er an die Oberfläche: der üble Beigeschmack der Jugend.

Wenn sie noch zusammen leben, ist die Gemeinschaft zwischen Mensch und Tier nicht mehr das, was sie gewesen sein mag. So wurde Kerion Celsi bei einem Lumpensammler diagnostiziert, der das Wasser aus dem Eimer seiner mit Trichophyta befallenen Pferde für seine tägliche Wäsche zu benutzen pflegte.

Theodor Eimer.

Der Ausdruck “to kick the bucket” bedeutet: sterben. Den Eimer schlagen oder den Eimer wegschießen … Abtreten, den Eimer treten, auf den Eimer schießen … oder einfach nur: ihn nach unten lassen, oder besser noch, ihn kräftig mit den Armen hochziehen, um ihn zu leeren, für den Fall, dass er irgendetwas enthalten würde – ein Leben?

Sie füllen einen Eimer mit Eis oder Eiswasser, stellen sich in einen Hof oder Wintergarten, der eine vor eine Videokamera, der andere vor sein iPhone, seine Webcam, sie befinden sich in einem Badezimmer oder auf freiem Feld, auf einem Platz oder in einem Garten, sie halten den Eimer in die Höhe und gießen den Inhalt über sich aus. In einigen Fällen ist eine zweite Person für die Entleerung des Eimers verantwortlich.

Es gibt sicherlich weniger Menschen, die bereit sind, für eine Idee zu sterben, als Menschen, die bereit sind, für eine andere Idee zu töten, so dass die Zahl der ersten paradoxerweise höher ist als die der letzteren.

C’est en plongeant la tête dans un seau que l’on saisit le ridicule de la politique autruchienne (23).
Indem man den Kopf in einen Eimer taucht, begreift man die Lächerlichkeit der Straußenpolitik.

Wäsche zum Trocknen auf Balkonen, in Fenstern oder Gärten. Das Knattern der Tischdecken, Bettwäsche, Handtücher und Geschirrtücher. Gestikulierende Hosen, semaphorenartige Hemden oder Pullover. So viele Gebete. Von wem? Für wen?

Vielleicht sind es nicht Gebete, sondern Beschwerden, die aus all diesen Wäschestücken entkommen? Das würde das Verbot für Stadtbewohner erklären, ihre Wäsche an Fenstern oder zwischen zwei Gebäuden hängen zu lassen. Als ob wir versuchen würden, sie zu ersticken, diese Beschwerden. Das ist absurd, der Lärm der Straße und der Mieter übertönt sie ziemlich schnell.

Ich erinnere mich an einen Mann, der verärgert über den Anblick von Bettwäsche war, die täglich von einem Mieter des gegenüberliegenden Gebäudes gelüftet wurde. Er sammelte “Beweismaterial”, um die Anzeige zu stützen, die zu erstatten er beschlossen hatte, indem er das Verbrechen monatelang fotografierte und mehrere Alben füllte, die während des Verfahrens konsultiert wurden. Bei vier Schnappschüssen pro Seite ergab das ungefähr 200 “Beweise” pro Album. Immer aus dem gleichen Blickwinkel betrachtet, zeigten diese Schnappschüsse das immer gleiche Fenster, aus dem das Bettzeug in geometrischen oder figürlichen Motiven überfloß und an jene Bilderserien des Fujiyama erinnerte, die mit derselben Konstanz fotografiert wurden. Der Mann gewann den Fall, die Jury stützte ihr Urteil auf die Tatsache, dass die Stadt X. weder in Italien noch auf dem Balkan lag.

Sitzend, um genau zu sein, zwischen dem Tick der Uhr und dem Tack des Weckers. Ab und zu das Geräusch von Fahrzeugen, unsichtbar, weil die Jalousien herunter gelassen sind. Der Klang des Tacks scheint manchmal schwächer zu werden, um dann wieder anzusteigen, als ob zuweilen die Intensität der Zeit abnehmen oder einen Trick anwenden würde, als ob sie sich kurz versteckte, um dann mit ihrer Anwesenheit zu überraschen.

Ein kleiner Bahnhof, menschenleer, nur durch das Licht existent, das ihn übrigens kaum definiert. Und dann fällt plötzlich die Anzeige des Zuges, welcher eintreffen sollte, aus. Es ist dann möglich, nirgendwo hin zu fahren.

***

(20) “In das Alphabet durchdringen”. s. Virginia Woolf, La Promenade au phare, (To the lighthouse, 1927).
(21) Von der Cité de la Muette im Pariser Vorort Drancy ist die Rede, deren Wohnblöcke ein U zeichnen. Der Name “Muette” wird jedoch von “Meute” abgeleitet.
(22) “Oulipo, la littérature en jeu(x)”, Bibliothèque de l’Arsenal, Paris.
(23) Wortspiel mit Autruche (Strauß) und Autriche (Österreich).

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Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon (2)

Die holzige Erscheinung einiger alter Menschen erinnert uns – wenn nötig – daran, mit welchem Holz der Tod sich wärmt.

Staunen, ohne überrascht zu sein. Immer bereit sein, zu staunen, ohne lächerliche Schreie auszustoßen, ohne die Arme zu schwenken, die Augen zu weiten und zu verdrehen; einfach Staunen. Ein Foto schießen und weiter. Oder weiter, und sich dabei versprechen, ein Foto zu machen.

Tage gibt es, und auch Nächte.

Diese Landschaften, die früher als pittoresk qualifiziert wurden und es heute noch werden, sind meistens ausgestopfte Landschaften, so sehr nutzt der Tourist ab und tötet, was er besucht.

“Spiritueller” Tourismus. Viel Tourismus und die vermutete, um jeden Preis begehrte Spiritualität, Zeichen einer verzweifelten Suche, die nur anderswo verwirklicht werden kann… Alles in allem eine Anti-Pascal-Haltung. Von einer solchen Erwartung heimgesucht, würde ich gerne in meinem Treppenhaus niedergeschmettert werden.

Nichts gleicht dem, sein Tagebuch bei Sonnenaufgang zu schreiben, noch bevor die erste Tasse Kaffee geschluckt, die erste Zigarette geraucht, und ein erster Blick durch das Fenster riskiert wurde.

Poröse Prosa schwimmt.

“An Allerheiligen gehen die Toten des Jahres, die von glockenschwingenden Chorjungen begleitet werden, dreimal um den Friedhof herum und singen die Totenmesse. Der letzte Verstorbene trägt einen Eimer mit den Tränen, die im Laufe des Jahres in Erinnerung an den Verstorbenen vergossen wurden.” (8)

Heute ist etwas anders. Der Blick kommt der Tasse zuvor und entdeckt die graue Oberfläche des Himmels ohne die geringste Abstufung. Man muss ein wenig nach unten schauen, um das kühle Gelb einer Lampe zu erahnen, die in einem Raum im zweiten Stock des gegenüberliegenden Gebäudes leuchtet. Es regnet. Wassertropfen bleiben am Geländer des Balkons zurück. Sie zittern, halten sich fest, doch verfallen die Gesetze der Schwerkraft, die Tropfen strecken sich aus und verschwinden dann nacheinander, um sofort ausgetauscht zu werden. Sie landen auf dem Holzboden. Sie spielen nicht, um die Zeit zu markieren, geben genau wieder, wozu wir neigen (Zurückhaltung) und wie wir enden. Auf dieser Seite der Straße, sowie auf der anderen geben allein die Zweige die Vorstellung von einer Bewegung, unbewegter Bewegung, da sie nicht von der Stelle kommen. Zwischen all diesen Elementen scheinen der einfarbige Himmel, das Licht der Lampe, die Tropfen und die Zweige mit vollkommener Gleichgültigkeit zu herrschen.

Ich treffe manchmal den Käufer meiner alten Fotoausrüstung. Natürlich weiß er nicht, dass ich der ehemalige Besitzer all dieser Utensilien bin. Er scheint ein wenig verloren zu sein, auf der Suche nach dem Motiv vielleicht, verwirrt, desorientiert, wie ein Jagdhund, der einem Weg folgt, der nur Finten und List ist. Ich, vor dem Eimer.

“Theaterkulisse. Ist nicht malen: Es reicht einen Eimer voller Farben einfach auf die Leinwand zu werfen; das ganze dann mit einem Besen zu verteilen; Entfernung und Licht machen die Illusion.” (9)

An einem bestimmt Punkt angekommen, befindet man sich ohne Alter, wie man ohne Heimat sein kann.

X erzählte mir, dass es eine Straße mit meinem Namen gäbe. Anfangs sehr überrascht, war es mir dann peinlich, am Ende freute ich mich rechtschaffen. Nur Tote können in Anspruch nehmen, dass eine Straße nach ihnen benannt wird, auch wenn sie nicht darum ersuchen. Und ist dieses Straßenschild nicht die Garantie meiner Anonymität? Wer, der meinen Namen hören würde, könnte mich für einen anderen halten? Ich weiß nichts über die geehrte Person, genauso wenig wie ich über das Kaff weiß, wo diese Straße, meine Straße sich befindet.

Ich gehöre vielleicht zu dieser Kategorie von “irgendjemand”, dem der Dichter (10) das Recht zugestanden hat, ein Tagebuch zu schreiben, vorausgesetzt, er sei lustig. Ich denke, ich bin es. In der Schule hatten viele Schüler ihren Spaß mit meinem Namen, dessen Etymologie sie höchstwahrscheinlich nicht kannten (sowie ich selbst damals). Von einem Lehrer, einer Lehrerin oder mir selbst ausgesprochen, rief dieser Name bei ihnen dämliches Gekicher hervor, das auf ähnliche Weise von Wörtern wie “Titten”, “Schwanz” oder “Hure” verursacht wurde. Sie lachten, also war ich komisch. Sie entdeckten schnell Assoziationen, Variationen. Auf “Crépon la galette (11)”, folgte “je vais te crépon le chignon (12)” oder “Crépon le crépu (13)”, “Sacré-pon de nom (14)” oder “tout ça c’est crapaud Crépon (15)”, “tiens voilà Crépon la crépinette (16)”, und so weiter. Ich fühlte keine Feindseligkeit für sie. Im Gegenteil, diese Beziehung zwischen Spaßmacher und Bespaßten hatte für mich einen gewissen Vorteil: Die Zeit, die gebraucht wurde, um neue Kombinationen zu entdecken, hinderte sie daran, sich um mich zu kümmern. Männer, von Kindheit an, sind gewöhnlich auf einfache Freuden versessen, um eine schnelle Befriedigung zu erlangen. Solange sie lachen, wenn auch dämlich, sind sie erträglich. Wenn sie nichts zu lachen haben, werden sie schrecklich.

Ich habe oft gedacht, dass der Name (17), den man trägt, einem früheren Zustand entspricht, was impliziert, dass man sich eher so nennt als so. Ich muss damals, dachte ich, sehr früh getrauert haben: um einen Toten, den ich niemals verdächtigt hätte, auf irgend eine Weise lebendig gewesen zu sein.

Diskrepanz – Dis-crépon …

Wenn Worte sprechen könnten!

Ja, wenn nur Worte sprechen könnten, was für ein großartiges Werkzeug würden wir zur Verfügung haben, um zu schweigen.

Chateaubriand, der seine Berühmtheit hasste, schrieb seine Memoiren, um sie zu konsolidieren.

Es war dann nicht mehr der Sekundenzeiger, sondern eine Seuche, die sie (die Sekunden) schlug, um die Kapsel zu sprengen, ohne dass sie irgendeinen Keim versprühte, außer die nächsten Sekunden, ebenso menschenleer.

Diese Fotos, gesehen in einem dieser Alben, die, wenn die dazu gehörende Familie verschwunden ist, in Kartons auf Flohmärkten wiederzufinden sind; diese Fotos, den gleichen Moment am gleichen Ort darstellend, mit einem Teich, Dickicht, Bäumen und diesen herum planschenden Menschen; diese Fotos des gleichen Moments, vom Fotografen vervielfacht, ohne sich die Mühe gemacht zu haben, den Blickwinkel zu ändern, als hätte er durch diese Multiplikation des gleichen Augenblicks versucht, sich die Zeit zu krallen.

Wie ein Traum, in dem man von nichts träumen würde.

Nachhaltigkeit beruhigt nicht unbedingt, bezüglich der Vorstellung, die man von Fortschritt hat.

Heute das Aussehen eines schlecht erhaltenen Amateurfilms.

Ich weiß nicht wo gelesen: “erlöschte Sammelwut”. Gelesen auch, aber anderswo: “Brunnen, unerschöpflicher, in den kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Güte gefüllt heraufzukommen (18)”.

Das Erlöschen der Lichter signalisiert ebenso das Ende eines Kampfes, wie es dem folgenden als Präambel dient.

Es war im Gespräch mit einem Antiquitätenhändler, dass Herr Grians von der Existenz eines Flusses erfuhr, der nicht mehr existierte, oder fast nicht mehr (19). “Daher”, erzählte er mir, “vielleicht die Idee des Atlas der Wasserstraßen…” Er sah sie als flüssige Falten… oder vielmehr Nerven, oder noch besser: Blutgefäße. Und schließlich: “Die Wasserwege bilden eine Art Spalier, das sich zwischen den Ozeanen erstreckt, um das Festland zusammenzuhalten.”

Der Atlas von Herrn Grians: Zuerst die Wasserstraßen, dann die Namen, am Ende…

Und wo “Blick in die Wiege junger Sterne” stand, las ich “Blut in der Waage junger Sterne”.

Wir werden uns die Eimer anschauen, und dann werden wir sagen können, dass… Und wir werden schweigen.

Es ist ja nicht schlimm eine Katze “Katze” zu nennen, es hätte schlimmer ausgehen können.

Wer hat gesagt: “Wasser gibt das Wasser dem Wasser zurück”?

Die Eimer erklären nichts, ich erkläre die Eimer nicht.

Wir hatten im Zug Platz genommen. Die Landschaft ließ uns gleichgültig, wir ignorierten die anderen Reisenden. Wir sprachen über Kimonos. Sie erklärte die Verfeinerung ihrer Verzierungen durch die Tatsache, dass es gut war, und auch notwendig, wenn ein Samurai eine Art Delikatesse behielt, die die Härte seiner Existenz ergänzte und ihren Zweck: für seinen Arbeitgeber zu sterben.

Der Kapitän eines Schiffes ist umgeben von einer großen Anzahl von Naturphänomenen, die ihm zur Verfügung stehen, um ihm zu helfen, sein Logbuch zu füllen, ihre Abwesenheit selbst ist etwas, das er in aller Muße aufzeichnen kann. Hinzu kommt die Tatsache, dass das Schiff sich bewegt. Nicht jeder hat so viel Glück, ich noch weniger als die anderen.

Geschwindigkeit: keine, da ich an meinem Tisch sitze und nur meine Arme sich bewegen. Sichtbarkeit: exzellent, bis zu den Häusern auf der anderen Straßenseite. Himmel: Weiß, Wolken so hell, so fein an bestimmten Stellen, dass wir das Blau dahinter erraten. Ein Flugzeug fliegt, das von Südwesten kommt, nach Südosten geht, von wo aus die Sonne zu scheinen strebt, unsichtbar von meiner Position. Regelmäßiges Vorbeifahren von Fahrzeugen, die Straße hinauf oder hinunter, unsichtbar, von da aus wo ich mich befinde. Ein Hund bellt, Vögel singen. Leicht schwanken die höchsten Zweige der Bäume. Außer dem Rauch, der aus einem Schornstein aufsteigt, keine sichtbare Aktivität auf den Balkonen oder sogar in den Zimmern des Hauses welche die Sicht behindern. Ein Vogel fliegt vorbei: eine Möwe. Ein zweites Flugzeug. Gleiche Quelle, ähnliches Ziel. Blätter von verschiedener Größe, jedoch ähnlichem Farbton (Rost) wirbeln herum. Ein Zug fährt von Osten nach Süden.

***

(8) Henry Carnoy, Littérature orale de la Picardie : Les revenants.
(9) Gustave Flaubert, Wörterbuch der Gemeinplätze / T.
(10) Charles Baudelaire.
(11) Anderer Name für crêpe, Pfannkuchen.
(12) Richtig wäre: “je vais te crêper le chignon” (ich werde dir an den Haaren reißen).
(13) Der gekräuselte Crépon.
(14) Richtig ist : sacré nom (de Dieu) wörtlich : heiliger Name Gottes / Sakrament!
(15) Bezieht sich auf die Redewendug: “Blanc bonnet, bonnet blanc” Es ist alles gleich.
(16) Hier kommt Crépon die Bratwurst.
(17) Crépon leitet sich eindeutig von crêpe (Trauerflor) ab.
(18) Friedrich Nietzsche, Ecce Homo.
(19) Die Briève.

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Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon

Die Volksweisheit findet Gefallen am Glauben, dass die vergangenen Tage angenehmer waren als die diejenigen, die heute ablaufen oder darauf warten, es noch zu tun; wenn das tatsächlich der Fall wäre, sollte ich nicht ein retro-aktives Tagebuch führen?

Worte. Ich habe weniger das Gefühl zu schreiben als abzutropfen, Wort für Wort, mich abzuworten.

Gerne spaziere ich durch die Straßen, wenn ich keinen Grund habe, der mich daran hindert raus zu gehen, weil ich immer einen guten Grund habe es zu tun, sei es nur um Fotos zu machen. Bleibe ich drin, widme ich mich meinem Tagebuch. Es ist ratsam, diese Arbeit beim Aufstehen zu erledigen: es ist noch nichts geschehen, und war die Nacht traumlos, ist der Eintrag schnell erledigt.

Nach jedem Waschgang: die Wäsche im Garten, vom Wind befummelt, wedelt Gebete, die sich in Stoff wickeln, sich an Drähten strangulieren, sich zusammenrollen und zuletzt schweigen.

Je weniger ich schlafe, desto weniger träume ich. Der Vorteil ist eindeutig: je weniger ich träume, desto länger die Zeit, während der mein Hirn keinerlei Aktivität ausübt. Eine Länge, die jedoch durch die relative Kürze des Schlafs verringert wird.

“Das ist das größte Loch der Welt”, sagte A., und zeigte auf eine Kohlengrube mit gigantischen Baggern, die den Horizont klein hackten. So ein Krater könnte einen Asteroiden eifersüchtig machen, dachte B.

Tage habe ich erlebt, ja, von exemplarischer Geschmacksneutralität. Vor Langeweile verdutzt.

Rheinsein. Rhein sein… Ich weiß nicht, warum mich das an dieses Lehrerpaar erinnert, die Velloins…, vor langer Zeit. Ich erinnere mich nur halb. Ungefähr zu dieser Zeit übte ich an einer Schule zwei Tätigkeiten aus. Im Rahmen der ersten sollte ich den Schülern die Geheimnisse der Fotografie (Aufnahme, Entwicklung, Abzüge, etc) beibringen. Fakultativer Unterricht – niemand nahm daran teil. Für die zweite Tätigkeit (Dokumentarlisten, Gehilfe, sic!), verbrachte ich meine Zeit mit dem Durchblättern von Lexika und Enzyklopädien, da die Schüler im allgemeinen den Ort mieden. Worte habe ich gesehen wie andere Dinge von der Welt sehen!

Wer sagte: Auch seine Vergänglichkeit muss man finanzieren können?

Wie reiste wohl Herodot? Sicher zu Fuß, vielleicht an Bord einer Galeere, wahrscheinlich auf einem Pferd oder Esel. Wie viele Kilometer legte er zurück? Mit ihm verglichen reiste Sebastian Münster weniger, doch besaß er ungefähr 120 Augenpaare.

In der Accademia, der Zyklus der Heiligen Ursula. Ihre Ankunft auf dem Rhein in Köln. Die Segelboote mit imposanten Masten, dunkel wie Bestattungsgondeln. Der Hund auf dem Ponton, bewaffnete Männer vor den Befestigungen, die an den Arsenale erinnern (Carpaccio soll von Reuwich (selbst von Bellini beeinflusst) inspiriert worden sein, der den Peregrinatio in Terram Sanctam von Breydenbach illustrierte). Die Figur, die mit ausgestreckten Armen, schlafwandlerisch oder blind, auf dem betürmten Pier vorankommt. Der im Vordergrund sitzende Soldat, träumend, einen Bogen in Händen (?). Auch im Vordergrund, aber rechts, in einer Gruppe, die Figur, die einen Brief hält und auf die Schiffe zeigt. Ist der Brief eine Beschreibung Ursulas? Die Frau, die es abzuschießen gilt… Ein Armbrustschütze zielt auf – was? eine Taube? ein Rebhuhn? Die Ankündigung kann das dem Heiligen vorbehaltene Schicksal sein. Vielleicht. Aber wer tötet wen? Die Familie Loredan, die die Bruderschaft unterstützte, für die Carpaccio den Zyklus der Heiligen Ursula schuf, engagierte sich im Kampf gegen die feindlichen Königreiche von Venedig (angeführt von Sultan Mehmet). Diese waren mit drei Kronen bezeichnet (die wie das Rot und das Weiß auch auf dem Wappen von Köln erscheinen). Carpaccio erzählt etwas anderes als das, was er malt …

Der Taikonaut Yang Liwei erzählte, dass er während seiner Reise im Weltraum an Bord des Shenzhou 5 Shuttles ein Geräusch hörte, dessen Quelle er nicht bestimmen konnte und das ihn an den Lärm erinnerte, welchen ein gegen einen Eimer schlagender Holzhammer machen würde. Die Shuttle-Astronauten von Shenzhou 6 und Shenzhou 7 behaupteten später, die gleiche Art von Lärm gehört zu haben.

Wenn ich also richtig verstanden habe, wäre diese weiße Substanz Carbid oder Carbid-Calcium. Mit Wasser vermischt erzeugt sie ein explosives Gas. Dieses Carbid ist vor allem der für Acetylenlampen verwendete Brennstoff. Carbidschießen-Wettkämpfe gibt es auch, und da hört mein Interesse an der Sache auf.

Auf dem Weg nach Rotterdam ein Hausboot namens “Paradox”. Am Ufer scheint eine Läuferin nicht mehr als eine Mütze, eine Sonnenbrille, ein MP3-Player, ein T-Shirt, Shorts und ein paar Tennisschuhe zu sein. Sie hatte sich gründlich zu Tode gejoggt, zu nichts.

Jenseits des Flusses, diesseits. Die Löwin und der Löwe. Der Ruf der Löwin, der Tod des Löwen (1).

Das Fenster weit offen und das ist es, die Landschaft breitet sich aus, mit rechts und links verstreuten Häusern. Und ich sage mir, dass der Weg, den ich gehen musste, um definitiv mit der Natur zu brechen, zweifellos so lange ist, wie der, den ich wieder aufnehmen müsste, um mich wirklich wieder mit ihr zu verbinden.

Im Allgemeinen schlafe ich zu wenig, um Zeit zum Träumen zu haben.

Zeit kauen.

Fixiert man eine Weile die kleinen Wellen, die gegen die Basaltblöcke springen, glaubt man tatsächlich, dass eine von ihnen uns etwas übermittelt, ohne zu wissen, was es ist.

Silhouetten von Bäumen, von Häusern, im Gegen-Licht, im Gegen-Leben…

Als er die Quelle des Nils erblickte, dachte Bruce (2) an die Rhône, den Rhein und die Saône; Gabriel Bonvalot (3), der in Tibet reiste, verglich die Ruinen, die hier und dort zu sehen waren, mit denen von Schlössern, die bei Touristen entlang des Rheins oder des Neckars so beliebt sind. In gleicher Art finden wir in Cécile de Rodt (4): “Der Hudson, der der amerikanische Rhein genannt wird”, “Der Ganges in Benares hat etwa die Breite des Rheins in Köln”, in Montesquieu (5): “… unter den letzten Kaisern, das auf die Vorstädte von Konstantinopel reduzierte Reich, endet wie der Rhein, der nicht mehr ist als ein Bächlein, wenn er im Ozean verloren geht.” Oder in einem Gedicht von Hermann Hesse, die Reise nach Indien (?). (6)

Langsam schlendernd, den Rumpf im zerfetztes Leder eingepackt, die Beine in eine abgenutzte Drillhose, der ausgebleichte Kamm, gefolgt von einem Bastard an der Leine, der seinem Zustand angemessen war: ein pensionierter Punk.

“Der Perückenmacher kommt herein. Er wirft einen Blick auf meine Perücke und weigert sich, sie zu berühren. Sie scheint etwas oberhalb oder unterhalb seiner Kunst. “Aber was dann tun?”, sagte ich zu ihm. “Monsieur, Sie müssen eine von mir nehmen, es sind welche da, fertig.” “Aber ich fürchte, mein Freund”, sagte ich und untersuchte die, die er mir zeigte, “dass diese Schleife nicht aufrechterhalten werden kann.” “Sie könnten”, sagte er, “sie ins Meer tauchen, sie würde halten.”
In dieser Stadt wird alles in großem Maßstab gemessen, sagte ich mir. Das größte Ausmaß der Ideen eines englischen Perückenmachers wäre niemals weiter gegangen, als ihn dazu zu bringen, zu sagen: “Tränken Sie sie in einem Eimer Wasser.” Was für ein Unterschied! Es ist wie die Zeit in der Ewigkeit. [...] Ein Eimer Wasser macht zweifellos eine traurige Figur neben dem Meer; aber er hat den Vorteil, zur Hand zu sein, und Sie können die Schleife in kürzester Zeit eintauchen…” (7)

Das Laub fegen, es langsam zu Haufen schieben, dann mit einer Schubkarre transportieren, um es schließlich zu begraben. Das ist es, was mir beim Fotografieren in den Sinn kommt. In der Tat sind Fotos nichts anderes als die toten Blätter des Waldes, durch die wir uns wohl oder übel bewegen. Wenn alles mit Glanz untergeht, wird die Gelassenheit, mit der wir dem Fall der Welt folgen können, aufsteigende Verzweiflung genannt.

***

(1) s. Jacques Brel, Le lion.
(2) James Bruce, Voyage aux sources du Nil, en Nubie et en Abyssinie, Tome VI (Paris, 1790).
(3) Gabriel Bonvalot, L’Asie inconnue : à travers le Tibet (Paris, 1896).
(4) Cécile de Rodt, Voyage d’une Suissesse autour du monde (Neuchâtel, 1904).
(5) Charles-Louis de Secondat Montesquieu, Oeuvres complètes, De l’esprit des lois, Grandeur et décadance des Romains (Paris, 1834).
(6) Tatsächlich in: Hermann Hesse, Aus Indien (Aufzeichnungen, Tagebücher, Gedichte, Betrachtungen und Erzählungen), Berlin 1913.
(7) Laurence Sterne, Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien, Die Perücke – Paris.

Stichworte:

Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss

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Der rheinsein-April steht ganz im Zeichen Marcel Crépons. Im Zuge seiner Rheinbegehungen hat der französische Grenzforscher in den vergangenen Jahren Fundstücke gesammelt, Fotografien, Zeichnungen, Reproduktionen und Artefakte, die sich schwerlich kategorisieren lassen. Die meisten davon sind, eingebunden in Crépons originelle, wunderbar randseitige, mäandernd-nihilistische Forschungsberichte, auf rheinsein nachgewiesen. Im Kunstpavillon Burgbrohl wird nun unter dem Titel Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss im Rahmen der Ausstellungsreihe Absurde Phänomene des Realen erstmals eine Auswahl aus der Sammlung Crépon in Originalen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Vorab und ausstellungsbegleitend schätzt rheinsein sich glücklich, Marcel Crépon in seinen eigenen Worten präsentieren zu dürfen. Crépons Beschreibungen und Gedanken zu Orten wie Bad Breisig, dem Elsaß, dem Land Gling-glang oder dem Rhein in Paris und über historische und zeitgenössische Persönlichkeiten wie Martin Heidegger, Franz Liszt oder Schàrel Grians und weitere charmant beschriebene Reisebekanntschaften haben sich in den vergangenen fünf Jahren auf diesen Seiten akkumuliert und innerhalb des ausufernden rheinsein-Kosmos einen eigenwilligen Crépon-Kosmos herausgebildet. Im Laufe des Aprils werden an dieser Stelle noch Marcel Crépons während der Vorarbeiten für die Ausstellung aufgefrischte Erinnerungen an seine erste, lange zurückliegende Rheinreise, sowie mehrteilige Auszüge aus den Tagebuchnotizen erscheinen, die weniger über den Rhein, als vielmehr von den Denkweisen des Autors sprechen. Hinzu kommt die Dokumentation von Materialien, die eigens für die Ausstellung entstanden.

Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss eröffnet am 14. April um 19 Uhr mit einer Vernissage im Kunstpavillon Burgbrohl. Es sprechen Karin Meiner (Betreiberin des Kunstpavillons), Johannes Beil (Bürgermeister der Verbandsgemeinde Brohltal), Rita Anna Tüpper (Kunsthistorische Einordnung) und Stan Lafleur (Annäherung an das Phänomen Crépon). Die Ausstellung läuft bis zum 25 Mai.

Stichworte:

Presserückschau (März 2018)

1
Rheinöl
“Die Firma Rhein Petroleum will (…) im Herbst im Oberrheingraben an neuer Stelle nach Öl suchen. Wie ein Unternehmenssprecher (…) sagte, soll im nordbadischen Weingarten (Kreis Karlsruhe) 750 Meter tief gebohrt werden. Mit der Genehmigung von den Bergbehörden werde in diesen Tagen gerechnet. Bei Riedstadt in Südhessen fördert Rhein Petroleum seit Januar pro Woche etwa 66 000 Liter Öl. Die zwei Tank-Lkw fassende Menge werde in der Karlsruher Raffinerie verarbeitet. (…) 2016 hatte Rhein Petroleum nördlich von Karlsruhe bei Graben-Neudorf zur Probe gebohrt. Dort wurde allerdings nicht ausreichend Öl gefunden.” (Welt)

2
China am Rhein
“Der Einstieg des chinesischen Autobauers Geely als größter Aktionär bei Daimler sorgte für Aufruhr in der ersten Hälfte der Woche. Am Rhein dagegen ist China schon viel länger angekommen – und wächst weiter rasant. Düsseldorf ist der dynamischste Chinastandort in Deutschland. 520 chinesische Firmen, Global Player genauso wie innovative mittelständische Unternehmen, haben sich mittlerweile für die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt entschieden.” (Rheinische Post)

3
Schiersteiner Brücke
“Der Abriss der alten Schiersteiner Brücke ist in vollem Gange. (…) Ein 120 langes und 1100 Tonnen schweres Teilstück des alten Bauwerks wird derzeit regelrecht herausgesägt und die Fahrbahn durchtrennt. Von unten wird das Teilstück von vier Säulen auf einem Ponton getragen und später ans Ufer gebracht – „Ausschwimmen“ lautet der Fachausdruck dafür. (…) Bei 1,3 Kilometern Gesamtlänge der Brücke wird damit fast ein Zehntel des gesamten Bauwerks auf einmal demontiert. Eine ähnliche Aktion soll es später auch noch für den Mombacher Teil der Brücke geben. Im November war mit dem Abriss begonnen worden. Bis zum Herbst (…) soll die Demontage abgeschlossen sein und mit dem Neubau begonnen werden. Derzeit fließt der Verkehr über die bereits fertige südliche Brückenhälfte.” (Allgemeine Zeitung)

4
Festgefrorener Hund
“Ein Zeuge hat am (…) die Polizei alarmiert, weil auf einem im Rheinhafen Niehl liegendem Schiff (…) ein verwahrloster Golden Retriever bei Minusgraden in seiner Hundehütte lag. Die eingesetzten Wasserschutzpolizisten konnten an Bord niemanden außer dem Vierbeiner antreffen. Der Hund war mit seinem Fell am Deck angefroren und konnte sich nicht mehr bewegen. Zur Rettung des Vierbeiners rückte die Feuerwehr an. Sie befreiten ihn aus seiner Hütte, legten ihn mit einer Decke in eine Transportbox und zogen ihn mit einem Kran hoch an Land. Jetzt hat der Golden Retriever eine warme Unterkunft im Tierheim bezogen.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

5
Rhein-Reisespiel
“Die Vorstellung, die Rheinspiele hätten ihren Ursprung in Deutschland, hat etwas für sich. Zumal es in Mainz mit der Firma Jos. Scholz schon Mitte des 19. Jahrhunderts einen qualitätsvollen Spieleverlag gab. Doch weit gefehlt: Die Anfänge der Rhein-Reisespiele liegen auf der britischen Insel. In London nämlich erschien bereits im Jahre 1815 „Wallis’s Game of the Panorama of Europe“. Dieses frühe Reise-Brettspiel zeichnet die klassische Bildungsreise des Adels und des Bürgertums nach, die die Touristen im 18. und 19. Jahrhundert fast immer entlang des Rheins zumeist in die Schweiz oder nach Italien führte. In dem Spiel verläuft die Route quer durch Europa in 36 Städte von Oporto (Porto) über Amsterdam, Wien, Konstantinopel, St. Petersburg und Stockholm bis nach London, wobei die Einzelfelder mit kleinen Veduten der Reisestationen und Sehenswürdigkeiten ausgefüllt sind. Unter den Städten des Deutschen Bundes, in denen laut Spielplan Halt gemacht werden kann, findet tatsächlich auch immerhin ein rheinischer Ort Berücksichtigung: Die Stadt Bonn („… a beautiful town, the streets are wide…“) wurde – platziert zwischen Osnabrück und Leipzig – damit zum ersten Repräsentanten des Rheinlands in der europäischen Kulturgeschichte des Spiels.” (Allgemeine Zeitung)

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Punk-Rock
“Auf dem Rhein wird es (…) laut und rockig. Das Sojus 7 veranstaltet erstmalig eine Punk-Rock-Bootstour mit der MS Beethoven vom Monheimer Schiffsanleger den Rhein hinauf bis Bonn und zurück. (…) Während der etwa sechsstündigen Fahrt sorgen insgesamt acht Punk-Rock Bands für eine ausgelassene Festival-Stimmung. Mit an Bord sind Singer-Songwriter TV Smith, die Band Diva Kollektiv aus Berlin, die Johnny Reggae Rub Foundation, die Düsseldorfer Joseph Boys, die Band Kwirl, die Monheimer Punkrocker von Johnny Eklat & das Rebell Kartell und die Monheimer Liedermacher Flaschenkindær.” (Lokalkompass)

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Wolf
“In Duisburg ist ein Wolf gesichtet worden. Eine Wildkamera hat das Tier (…) in der Rheinaue in Walsum gefilmt. “Mit hoher Wahrscheinlichkeit”, so das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv), handelt es sich um dasselbe Tier, das am 24. Februar in Hünxe und zuvor in Rees gesichtet worden war. Damit gibt es in Nordrhein-Westfalen seit Jahresbeginn vier amtlich bestätigte Wolfssichtungen.” (WAZ)

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Trinkwasser-Düker
“Die Rhein-Energie verlegt (…) voraussichtlich bis zum Oktober 2019 eine neue Trinkwasser-Transportleitung in Poll und Westhoven. Die Arbeiten sind Teil des Vorhabens, das links- und rechtsrheinische Trinkwassernetz miteinander zu verbinden. Geografisch und historisch bedingt sind beide Versorgungsgebiete bislang voneinander getrennt. Nun baut die Rhein-Energie einen Leitungstunnel unter dem Rhein zwischen Marienburg und Poll. Das Unternehmen teilt mit, die Investition diene einer qualitativ hochwertigen Trinkwasserversorgung für die nächsten Jahrzehnte. Die Verbindung der beiden Wassernetze ermögliche in Zukunft eine gleichmäßige Auslastung des gesamten Versorgungssystems. Dies werde sich für die Kunden vor allem im Linksrheinischen besonders an heißen Tagen mit hohem Wasserbedarf auszahlen.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

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Minerva am Rhein und Main
“Das Interesse an den Idealen und Ritualen der Freimaurer scheint in Alzey und Umgebung recht groß zu sein. Zu den Gästeabenden der Loge „Minerva am Rhein und Main“ kommen jedenfalls immer so viele Besucher, dass der Saal im Schafhäuser Gemeindehaus (…) gut gefüllt ist. (…) „Minerva am Rhein und Main“ (…) gehört der Großloge „Humanitas“ an, die seit 1959 Männern und Frauen gleichermaßen ein Zuhause bietet. Die erste Vereinigung mit dem Namen „Minerva“ wurde 1967 gegründet und 1990 aus personellen Gründen „schlafen gelegt“. (…) 2013 fanden sich die notwendigen sieben Meister zusammen, um die Loge wiederzubeleben. Ihr gehören jetzt 13 „Meister“, zwei „Gesellen“ und zwei „Lehrlinge“ an, die sich monatlich einmal in Schafhausen zur Tempelarbeit treffen. Die Bezeichnungen aus dem Berufsfeld der Handwerker erinnern an die Geschichte der Freimaurer, die ihren Ursprung in den sogenannten Bauhütten der Steinmetze und Dombauer des Mittelalters haben. Aus diesen Anfängen stammen auch die Symbole und Werkzeuge, die bei den Ritualen eine Rolle spielen. (…) So symbolisiere der 24-zöllige Maßstab die Stunden eines Tages; der Proband könne mit diesem Werkzeug lernen, seine Zeit mit Weisheit einzuteilen. Wie er das tue, sei ihm selbst überlassen, oder um es mit einem Ausdruck aus dem Vokabular der Freimaurer zu beschreiben: „Jeder bearbeitet seinen eigenen Stein“.” (Allgemeine Zeitung)

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Lorely
“Das Versteigerungsunternehmen Veiling Rhein-Maas in Herongen hat seine erste Tulpentaufe begangen. Der Anlieferer Litjens Tulpen hat gemeinsam mit seinem Kunden Mat Dings und Lisa Smit, dem niederländischen Tulpenmädchen des Jahres, sowie Veiling Rhein-Maas die neue Tulpensorte “Lorely” im Foyer der Versteigerung offiziell getauft. Auch für Lisa Smit war es die erste offizielle Tulpentaufe. “Die insbesondere für den deutschen Markt produzierte Tulpe ,Lorely’ begeistert mit großen und eindrucksvollen Blüten mit einer auffälligen Färbung Rosa-Weiß und einer langen Haltbarkeit”.” (Rheinische Post)

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Rhein als Delaware
“Felicitas Hoppe weiß einfach ziemlich viel. Mit Blick auf den Rhein fragt sie ihr Publikum, ob es ihm bekannt sei, wo das (zumindest in den USA) berühmte Gemälde „Washington überquert den Delaware“ entstanden sei? Kunstpause. Dann das: Hier am Rhein – gut, nicht in Köln, aber immerhin nah dran. Emanuel Leutze habe diese Szene aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg im Düsseldorfer Atelier gemalt. „Wenn man sich diese rheinischen Jungs vorstellt, die ihm da Modell gesessen haben“, sagt Hoppe und lässt den Satz verklingen. Und dann ist der Delaware in Wahrheit der Rhein. Muss man nicht wissen. Aber schön ist, das zu wissen.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

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Rheintote
“Ein 17-jähriger Radfahrer ist in der Mannheimer Innenstadt in den Rhein gestürzt und gestorben. Nach ersten Ermittlungen soll der junge Matrose aus Holland mit seinem Fahrrad (…) im Handelshafen auf dem Weg zum Einkaufen gewesen sein (…). Dabei streifte er vermutlich das Gleis eines Hafenkrans, verlor die Kontrolle über sein Rad und stürzte über die etwa fünf Meter hohe Kaimauer in den Rhein. Möglicherweise prallte er gegen die Mauer oder ein dort befestigtes Boot, hieß es. Eine Schiffsbesatzung entdeckte den leblosen Körper und alarmierte die Rettungskräfte. Die Feuerwehr konnte den 17-Jährigen nur noch tot bergen.” (Rhein-Neckar-Zeitung)

“Rettungskräfte haben im Süden von Düsseldorf eine weibliche Leiche aus dem Rhein gezogen. (…) Die Frau ist noch nicht zweifelsfrei identifiziert.” (Rheinische Post)

“Eine Wasserleiche ist (…) von der Feuerwehr aus einem Rhein-Seitenarm bei Ottenheim, südlich der dortigen Kiesgrube, geborgen worden. Ein Kanufahrer war auf den Fund aufmerksam geworden und hatte (…) die Polizei verständigt (…). Die Bergungsaktion mit einem Schlauchboot, an der 16 Einsatzkräfte der Feuerwehr Schwanau beteiligt waren, dauerte etwa eine Stunde. Im Anschluss nahm die Kriminalpolizei die Ermittlungen auf. Die Polizei bestätigt, dass es sich um eine männliche Leiche handelt.” (Lahrer Zeitung)

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Passion

J’adore un Christ de bois qui pâtit sur la route
Une chèvre attachée à la croix noire broute
A la ronde les bourgs souffrent la passion
Du Christ dont ma latrie aime la fiction
La chèvre a regardé les hameaux qui défaillent
A l’heure où fatigués les hommes qui travaillent
Au verger pâle au bois plaintif ou dans le champ
En rentrant tourneront leurs faces au couchant
Embaumé par les foins d’occidental cinname
Au couchant où sanglant et rond comme mon âme
Le grand soleil païen fait mourir en mourant
Avec les bourgs lointains le Christ indifférent

(Guillaume Apollinaire: Le guetteur mélancolique, poèmes inédits, Gallimard 1952)

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wo Vater Rhein in sein Bett pinkelt

Man fährt in Deutschland an genau drei Städten vorbei, nämlich Uffeln-Salz-Badfurt, St. Umbeln mit seiner Pilzzucht, und Kaiser Lippenbär. Reisende mit Durchhaltevermögen kommen an der Pezzelentischen Höhe vorbei, wo Vater Rhein in sein Bett pinkelt und man betrachtet aus den Weinbaugebieten die Bierbäuche, die Camping machen … Auf den Autobahnen gibt es kleine Gaststätten und große Gaststätten. Hier speist man Krautrockkartoffeln mit Rockin Roll-Würstchen und für eine Mark mehr gibt es Bandsalat dazu, wenn man es mag. Ist nicht jedermanns Sache. Viele Menschen sitzen dann gerne da und haben auch lange Haare und rocken in den Autobahnraststätten ab. So ist der gesamte Rockin Roll-Sound entstanden, der auf der Autobahn sehr viel Krach macht und eine Drogengefahr provoziert. Es gibt Haschisch- und Bierfahrer, die sich das Duell liefern, wer ganz breit ist. Sie blinken mit ihren Zusatzscheinwerfern, die sie mitgebracht haben und täuschen Welten und Illusionen vor …

(aus Ulrich Bogislav: Wo ich bin ist hinten, Geschichten, Ritterverlag, Klagenfurt 2002)

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La Vierge à la fleur de haricot à Cologne

La Vierge au brin fleuri est une Vierge blonde
Et son petit Jésus est blond comme elle l’est
Ses yeux sont bleus et purs comme le ciel ou l’onde
Et l’on conçoit qu’elle ait conçu du Paraclet

Deux Saintes veillant dans les volets du triptyque
Pensent béatement aux martyres passés
Et s’extasient d’ouïr le plain-chant des cantiques
Des petits anges blancs dans le ciel entassés

Les trois dames et l’enfant vivaient à Cologne
Le haricot poussait dans un jardin rhénan
Et le peintre ayant vu de hauts vols de cigognes
Peignit les séraphins qui chantent maintenant

Et c’est la Vierge la plus douce du royaume
Elle vécut au bord du Rhin pieusement
Priant devant son portrait que maître Guillaume
Peignit par piété de chrétien ou d’amant

(Guillaume Apollinaire: Le guetteur mélancolique, poèmes inédits, Gallimard 1952)

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Un soir d’été

Le Rhin
Qui coule
Un train
Qui roule

Des nixes blanches
Sont en prière
Dans la bruyère

Toutes les filles
A la fontaine
J’ai tant de peine

J’ai tant d’amour
Dit la plus belle
Qu’il soit fidèle

Et moi je l’aime
Dit sa marraine
J’ai la migraine

A la fontaine
J’ai tant de haine

***

In Guillaume Apollinaires 1913 erschienenem, epochalen Gedichtband Alcools ist ein Zyklus mit neun Rheingedichten (Rhénanes) enthalten. Drei davon, Nuit rhénane, Mai und Schinderhannes sind bisher als Kacheln dem rheinsein-Mosaik eingepflegt. Entstanden waren sie um die Jahrhundertwende, Jahre vor ihrer Veröffentlichung. Noch einmal neun Rheingedichte schafften nicht die Aufnahme in Alcools. Diese Texte, zu denen auch der hier vorgestellte Sommerabend (Un soir d’été) gehört, erschienen erst lange nach Apollinaires Tod (1918) im Nachlassband Le guetteur mélancolique bei Gallimard (1952). Die Analogie des fließenden Rheins mit einem rollenden Zug lässt sich lautlich im Deutschen nicht so leicht ohne Bedeutungsverschiebungen widergeben. In seinen schlichten, existentiellen Reimen erinnert der Text an spätere Art brut-, sowie an Kindergedichte. Die alten Rheinthemen (Nixen, Brünnlein, Liebe, Treue, Hass) ergeben aufgemischt mit moderneren Begriffen (Zug, Kopfschmerz, Patentante) ein erwartungsgeladenes Rheinstill, das kurz vor der Explosion oder Implosion zu stehen scheint.

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O Bumbelo

Am Sonntag Lätare ziehen in Gernsheim a. Rh. Scharen von Kindern von Haus zu Haus und singen auf der Straße folgende Verse:

O Bumbelo, der Summertag is do,
Mer höre die Jungfrau klingele,
Sie soll uns ebbes bringe,
Eier oder Speck.
Mer gehn net ehnda weg
Bis mer ebbes hett.

Drowe in de Ferschte (Firste)
Do hänge Brotwerschte.
Die große losse mer hange,
Die klane wolle mer fange.
Fuchs geh ins Hinkelhaus,
Hol all die Eier raus.

Meist erhalten die Kinder nach diesem Gesänge kleine Geschenke (Backwerk, Pfennige), die unter sie geworfen werden und eine große Balgerei veranlassen. Erhalten sie nichts, dann singen sie mit laut erhobener Stimme:

De Geizhals guckt zum Fenster eraus,
Werft uns noch ka Hutzel eraus.

(Albert Dieterich: Kleine Schriften, Leipzig 1905)

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Den Sommer singen

Als ich am ersten Sonntage, den ich als Einwohner Heidelbergs erlebte, durch die Straßen ging, begegneten mir immer häufiger Kinder, ganz kleine und ganz große, die einen merkwürdigen Stecken trugen: auf einen geschälten, oben zugespitzten Stab war oben eine Bretzel fast immer gleicher Form gesteckt, zwischen die Bretzel ausgeblasene Eier oder Apfel, und um den ganzen Stecken herum buntes Papier und bunte Bänder. Ich wurde alle Augenblicke von Buben angelaufen, die in Blechbüchsen Geld schüttelten und dazu immer dieselben Verse sangen:

Strieh Strah Stroh, der Summerdag is do,
Der Sommer und der Winter
Das sinn Geschwisterkinder,
Summerdag Staab aus
Blost em Winter die Aage aus,
Strieh Strah Stroh, der Summerdag is do.

Ich hör’ die Schüssel klinge,
Was were se uns denn bringe,
Rote Wein un Bretzl drein,
Was noch dazu? Paar neue Schuh,
Strieh Strah Stroh, der Summerdag is do,
Heut übers Johr do sinn mer widr do.

Wer nichts bekam, sang:

O du alter Stockfisch,
Wenn mer kommt, do hoscht nix,
Gibscht uns alle Johr nix,
Strieh Strah Stroh, der Summerdag is do.

Weiterhin sah ich dann den großen „Sommertagszug”, in dem hundert und aber hundert Kinder mit Stecken, wie ich sie beschrieb, das Lied singend, das ich angab, durch Hauptstraße und Anlage zogen. Dieser Zug am Sonntag Lätare, denn der war es, ist erst im Jahre 1893 wieder neu eingerichtet worden, aber die Hauptzüge des Brauches sind alt; nachweislich z. B. auch am Ende des 17. Jahrhunderts aus den Briefen der Liselotte, die ihn mehrfach erwähnt, oder z. B. aus einem Eintrag in einem Ausgabenbuch des Pfalzgrafen Karl Ludwig: „Zwei Jungen, welche den Sommer gesungen, 1 Gulden 30 Kreuzer.“ In dem Zuge gingen denn auch in einer ganzen Reihe von Exemplaren der „Sommer“ und der „Winter”: Jungen, die, darunter versteckt bis auf die Füße, pyramidenartige Gestelle trugen, mit Stroh umwickelt, wenn sie den Winter, mit allerlei Tannengrün, wenn sie den Sommer darstellen sollten. Bis vor kurzem, so erfuhr ich, haben außerdem noch Kämpferpaare mit hölzernen Schwertern fechtend den Kampf des Sommers und Winters dargestellt. Das alte Motiv des Kampfes ist auch dann noch deutlicher zum Ausdruck gebracht, wenn die Knaben einen hölzernen Degen in der rechten Hand, die Bretzel in der Linken trugen und nun mit dem Degen den Winter austreiben halfen. So ist es an anderen Orten der Pfalz noch heute Brauch. Dort wird auch (in der Hinterpfalz) der Sommer mit Efeu umzogen, den erwachsene Burschen morgens in Körben aus dem Walde geholt haben. Mit Sommer und Winter ziehen wohl auch einher die „Rußebutzen”, die ihrem Namen entsprechend Gesicht und Hände stark überrußt haben. An manchen Orten — auch an Orten des Odenwaldes und Neckartales — gehen die Mädchen von 6—12 Jahren, mit Kränzen von Buchsbaum oder Efeu, mit Blumen und Bändern geziert, im Dorfe von Haus zu Haus und kündigen durch ihren Gesang den Frühling an. Das Lied, das dabei vielfach gesungen wird, will ich nur in einigen Wendungen hier wiederholen:

Heut ist Mitten Fasten,
Da leeren die Bauern den Kasten,
Tun sie die Kasten schon leeren,
Gott will was Neues bescheren…
Im Sommer da deihen die Früchte wohl,
Da kriegen sie Scheuern und Kasten voll…
Da schaut ein Herr zum Fenster heraus,
Er schaut hinaus und wieder hinein,
Er schenkt uns was ins Beutelein nein;
Wir wünschen dem Herrn ein goldenen Tisch,
Auf jedem Eck ein backenen Fisch,
Und mitten drein ‘nein
Eine Kanne voll Wein,
Da kann der Herr recht lustig sein.

(Albert Dieterich: Kleine Schriften, Leipzig 1905)

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