Archiv der Kategorie ‘Rhein‘

 
 

Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon

Die Volksweisheit findet Gefallen am Glauben, dass die vergangenen Tage angenehmer waren als die diejenigen, die heute ablaufen oder darauf warten, es noch zu tun; wenn das tatsächlich der Fall wäre, sollte ich nicht ein retro-aktives Tagebuch führen?

Worte. Ich habe weniger das Gefühl zu schreiben als abzutropfen, Wort für Wort, mich abzuworten.

Gerne spaziere ich durch die Straßen, wenn ich keinen Grund habe, der mich daran hindert raus zu gehen, weil ich immer einen guten Grund habe es zu tun, sei es nur um Fotos zu machen. Bleibe ich drin, widme ich mich meinem Tagebuch. Es ist ratsam, diese Arbeit beim Aufstehen zu erledigen: es ist noch nichts geschehen, und war die Nacht traumlos, ist der Eintrag schnell erledigt.

Nach jedem Waschgang: die Wäsche im Garten, vom Wind befummelt, wedelt Gebete, die sich in Stoff wickeln, sich an Drähten strangulieren, sich zusammenrollen und zuletzt schweigen.

Je weniger ich schlafe, desto weniger träume ich. Der Vorteil ist eindeutig: je weniger ich träume, desto länger die Zeit, während der mein Hirn keinerlei Aktivität ausübt. Eine Länge, die jedoch durch die relative Kürze des Schlafs verringert wird.

“Das ist das größte Loch der Welt”, sagte A., und zeigte auf eine Kohlengrube mit gigantischen Baggern, die den Horizont klein hackten. So ein Krater könnte einen Asteroiden eifersüchtig machen, dachte B.

Tage habe ich erlebt, ja, von exemplarischer Geschmacksneutralität. Vor Langeweile verdutzt.

Rheinsein. Rhein sein… Ich weiß nicht, warum mich das an dieses Lehrerpaar erinnert, die Velloins…, vor langer Zeit. Ich erinnere mich nur halb. Ungefähr zu dieser Zeit übte ich an einer Schule zwei Tätigkeiten aus. Im Rahmen der ersten sollte ich den Schülern die Geheimnisse der Fotografie (Aufnahme, Entwicklung, Abzüge, etc) beibringen. Fakultativer Unterricht – niemand nahm daran teil. Für die zweite Tätigkeit (Dokumentarlisten, Gehilfe, sic!), verbrachte ich meine Zeit mit dem Durchblättern von Lexika und Enzyklopädien, da die Schüler im allgemeinen den Ort mieden. Worte habe ich gesehen wie andere Dinge von der Welt sehen!

Wer sagte: Auch seine Vergänglichkeit muss man finanzieren können?

Wie reiste wohl Herodot? Sicher zu Fuß, vielleicht an Bord einer Galeere, wahrscheinlich auf einem Pferd oder Esel. Wie viele Kilometer legte er zurück? Mit ihm verglichen reiste Sebastian Münster weniger, doch besaß er ungefähr 120 Augenpaare.

In der Accademia, der Zyklus der Heiligen Ursula. Ihre Ankunft auf dem Rhein in Köln. Die Segelboote mit imposanten Masten, dunkel wie Bestattungsgondeln. Der Hund auf dem Ponton, bewaffnete Männer vor den Befestigungen, die an den Arsenale erinnern (Carpaccio soll von Reuwich (selbst von Bellini beeinflusst) inspiriert worden sein, der den Peregrinatio in Terram Sanctam von Breydenbach illustrierte). Die Figur, die mit ausgestreckten Armen, schlafwandlerisch oder blind, auf dem betürmten Pier vorankommt. Der im Vordergrund sitzende Soldat, träumend, einen Bogen in Händen (?). Auch im Vordergrund, aber rechts, in einer Gruppe, die Figur, die einen Brief hält und auf die Schiffe zeigt. Ist der Brief eine Beschreibung Ursulas? Die Frau, die es abzuschießen gilt… Ein Armbrustschütze zielt auf – was? eine Taube? ein Rebhuhn? Die Ankündigung kann das dem Heiligen vorbehaltene Schicksal sein. Vielleicht. Aber wer tötet wen? Die Familie Loredan, die die Bruderschaft unterstützte, für die Carpaccio den Zyklus der Heiligen Ursula schuf, engagierte sich im Kampf gegen die feindlichen Königreiche von Venedig (angeführt von Sultan Mehmet). Diese waren mit drei Kronen bezeichnet (die wie das Rot und das Weiß auch auf dem Wappen von Köln erscheinen). Carpaccio erzählt etwas anderes als das, was er malt …

Der Taikonaut Yang Liwei erzählte, dass er während seiner Reise im Weltraum an Bord des Shenzhou 5 Shuttles ein Geräusch hörte, dessen Quelle er nicht bestimmen konnte und das ihn an den Lärm erinnerte, welchen ein gegen einen Eimer schlagender Holzhammer machen würde. Die Shuttle-Astronauten von Shenzhou 6 und Shenzhou 7 behaupteten später, die gleiche Art von Lärm gehört zu haben.

Wenn ich also richtig verstanden habe, wäre diese weiße Substanz Carbid oder Carbid-Calcium. Mit Wasser vermischt erzeugt sie ein explosives Gas. Dieses Carbid ist vor allem der für Acetylenlampen verwendete Brennstoff. Carbidschießen-Wettkämpfe gibt es auch, und da hört mein Interesse an der Sache auf.

Auf dem Weg nach Rotterdam ein Hausboot namens “Paradox”. Am Ufer scheint eine Läuferin nicht mehr als eine Mütze, eine Sonnenbrille, ein MP3-Player, ein T-Shirt, Shorts und ein paar Tennisschuhe zu sein. Sie hatte sich gründlich zu Tode gejoggt, zu nichts.

Jenseits des Flusses, diesseits. Die Löwin und der Löwe. Der Ruf der Löwin, der Tod des Löwen (1).

Das Fenster weit offen und das ist es, die Landschaft breitet sich aus, mit rechts und links verstreuten Häusern. Und ich sage mir, dass der Weg, den ich gehen musste, um definitiv mit der Natur zu brechen, zweifellos so lange ist, wie der, den ich wieder aufnehmen müsste, um mich wirklich wieder mit ihr zu verbinden.

Im Allgemeinen schlafe ich zu wenig, um Zeit zum Träumen zu haben.

Zeit kauen.

Fixiert man eine Weile die kleinen Wellen, die gegen die Basaltblöcke springen, glaubt man tatsächlich, dass eine von ihnen uns etwas übermittelt, ohne zu wissen, was es ist.

Silhouetten von Bäumen, von Häusern, im Gegen-Licht, im Gegen-Leben…

Als er die Quelle des Nils erblickte, dachte Bruce (2) an die Rhône, den Rhein und die Saône; Gabriel Bonvalot (3), der in Tibet reiste, verglich die Ruinen, die hier und dort zu sehen waren, mit denen von Schlössern, die bei Touristen entlang des Rheins oder des Neckars so beliebt sind. In gleicher Art finden wir in Cécile de Rodt (4): “Der Hudson, der der amerikanische Rhein genannt wird”, “Der Ganges in Benares hat etwa die Breite des Rheins in Köln”, in Montesquieu (5): “… unter den letzten Kaisern, das auf die Vorstädte von Konstantinopel reduzierte Reich, endet wie der Rhein, der nicht mehr ist als ein Bächlein, wenn er im Ozean verloren geht.” Oder in einem Gedicht von Hermann Hesse, die Reise nach Indien (?). (6)

Langsam schlendernd, den Rumpf im zerfetztes Leder eingepackt, die Beine in eine abgenutzte Drillhose, der ausgebleichte Kamm, gefolgt von einem Bastard an der Leine, der seinem Zustand angemessen war: ein pensionierter Punk.

“Der Perückenmacher kommt herein. Er wirft einen Blick auf meine Perücke und weigert sich, sie zu berühren. Sie scheint etwas oberhalb oder unterhalb seiner Kunst. “Aber was dann tun?”, sagte ich zu ihm. “Monsieur, Sie müssen eine von mir nehmen, es sind welche da, fertig.” “Aber ich fürchte, mein Freund”, sagte ich und untersuchte die, die er mir zeigte, “dass diese Schleife nicht aufrechterhalten werden kann.” “Sie könnten”, sagte er, “sie ins Meer tauchen, sie würde halten.”
In dieser Stadt wird alles in großem Maßstab gemessen, sagte ich mir. Das größte Ausmaß der Ideen eines englischen Perückenmachers wäre niemals weiter gegangen, als ihn dazu zu bringen, zu sagen: “Tränken Sie sie in einem Eimer Wasser.” Was für ein Unterschied! Es ist wie die Zeit in der Ewigkeit. [...] Ein Eimer Wasser macht zweifellos eine traurige Figur neben dem Meer; aber er hat den Vorteil, zur Hand zu sein, und Sie können die Schleife in kürzester Zeit eintauchen…” (7)

Das Laub fegen, es langsam zu Haufen schieben, dann mit einer Schubkarre transportieren, um es schließlich zu begraben. Das ist es, was mir beim Fotografieren in den Sinn kommt. In der Tat sind Fotos nichts anderes als die toten Blätter des Waldes, durch die wir uns wohl oder übel bewegen. Wenn alles mit Glanz untergeht, wird die Gelassenheit, mit der wir dem Fall der Welt folgen können, aufsteigende Verzweiflung genannt.

***

(1) s. Jacques Brel, Le lion.
(2) James Bruce, Voyage aux sources du Nil, en Nubie et en Abyssinie, Tome VI (Paris, 1790).
(3) Gabriel Bonvalot, L’Asie inconnue : à travers le Tibet (Paris, 1896).
(4) Cécile de Rodt, Voyage d’une Suissesse autour du monde (Neuchâtel, 1904).
(5) Charles-Louis de Secondat Montesquieu, Oeuvres complètes, De l’esprit des lois, Grandeur et décadance des Romains (Paris, 1834).
(6) Tatsächlich in: Hermann Hesse, Aus Indien (Aufzeichnungen, Tagebücher, Gedichte, Betrachtungen und Erzählungen), Berlin 1913.
(7) Laurence Sterne, Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien, Die Perücke – Paris.

Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss

Flyer_Vorderseite
Der rheinsein-April steht ganz im Zeichen Marcel Crépons. Im Zuge seiner Rheinbegehungen hat der französische Grenzforscher in den vergangenen Jahren Fundstücke gesammelt, Fotografien, Zeichnungen, Reproduktionen und Artefakte, die sich schwerlich kategorisieren lassen. Die meisten davon sind, eingebunden in Crépons originelle, wunderbar randseitige, mäandernd-nihilistische Forschungsberichte, auf rheinsein nachgewiesen. Im Kunstpavillon Burgbrohl wird nun unter dem Titel Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss im Rahmen der Ausstellungsreihe Absurde Phänomene des Realen erstmals eine Auswahl aus der Sammlung Crépon in Originalen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Vorab und ausstellungsbegleitend schätzt rheinsein sich glücklich, Marcel Crépon in seinen eigenen Worten präsentieren zu dürfen. Crépons Beschreibungen und Gedanken zu Orten wie Bad Breisig, dem Elsaß, dem Land Gling-glang oder dem Rhein in Paris und über historische und zeitgenössische Persönlichkeiten wie Martin Heidegger, Franz Liszt oder Schàrel Grians und weitere charmant beschriebene Reisebekanntschaften haben sich in den vergangenen fünf Jahren auf diesen Seiten akkumuliert und innerhalb des ausufernden rheinsein-Kosmos einen eigenwilligen Crépon-Kosmos herausgebildet. Im Laufe des Aprils werden an dieser Stelle noch Marcel Crépons während der Vorarbeiten für die Ausstellung aufgefrischte Erinnerungen an seine erste, lange zurückliegende Rheinreise, sowie mehrteilige Auszüge aus den Tagebuchnotizen erscheinen, die weniger über den Rhein, als vielmehr von den Denkweisen des Autors sprechen. Hinzu kommt die Dokumentation von Materialien, die eigens für die Ausstellung entstanden.

Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss eröffnet am 14. April um 19 Uhr mit einer Vernissage im Kunstpavillon Burgbrohl. Es sprechen Karin Meiner (Betreiberin des Kunstpavillons), Johannes Beil (Bürgermeister der Verbandsgemeinde Brohltal), Rita Anna Tüpper (Kunsthistorische Einordnung) und Stan Lafleur (Annäherung an das Phänomen Crépon). Die Ausstellung läuft bis zum 25 Mai.

Presserückschau (März 2018)

1
Rheinöl
“Die Firma Rhein Petroleum will (…) im Herbst im Oberrheingraben an neuer Stelle nach Öl suchen. Wie ein Unternehmenssprecher (…) sagte, soll im nordbadischen Weingarten (Kreis Karlsruhe) 750 Meter tief gebohrt werden. Mit der Genehmigung von den Bergbehörden werde in diesen Tagen gerechnet. Bei Riedstadt in Südhessen fördert Rhein Petroleum seit Januar pro Woche etwa 66 000 Liter Öl. Die zwei Tank-Lkw fassende Menge werde in der Karlsruher Raffinerie verarbeitet. (…) 2016 hatte Rhein Petroleum nördlich von Karlsruhe bei Graben-Neudorf zur Probe gebohrt. Dort wurde allerdings nicht ausreichend Öl gefunden.” (Welt)

2
China am Rhein
“Der Einstieg des chinesischen Autobauers Geely als größter Aktionär bei Daimler sorgte für Aufruhr in der ersten Hälfte der Woche. Am Rhein dagegen ist China schon viel länger angekommen – und wächst weiter rasant. Düsseldorf ist der dynamischste Chinastandort in Deutschland. 520 chinesische Firmen, Global Player genauso wie innovative mittelständische Unternehmen, haben sich mittlerweile für die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt entschieden.” (Rheinische Post)

3
Schiersteiner Brücke
“Der Abriss der alten Schiersteiner Brücke ist in vollem Gange. (…) Ein 120 langes und 1100 Tonnen schweres Teilstück des alten Bauwerks wird derzeit regelrecht herausgesägt und die Fahrbahn durchtrennt. Von unten wird das Teilstück von vier Säulen auf einem Ponton getragen und später ans Ufer gebracht – „Ausschwimmen“ lautet der Fachausdruck dafür. (…) Bei 1,3 Kilometern Gesamtlänge der Brücke wird damit fast ein Zehntel des gesamten Bauwerks auf einmal demontiert. Eine ähnliche Aktion soll es später auch noch für den Mombacher Teil der Brücke geben. Im November war mit dem Abriss begonnen worden. Bis zum Herbst (…) soll die Demontage abgeschlossen sein und mit dem Neubau begonnen werden. Derzeit fließt der Verkehr über die bereits fertige südliche Brückenhälfte.” (Allgemeine Zeitung)

4
Festgefrorener Hund
“Ein Zeuge hat am (…) die Polizei alarmiert, weil auf einem im Rheinhafen Niehl liegendem Schiff (…) ein verwahrloster Golden Retriever bei Minusgraden in seiner Hundehütte lag. Die eingesetzten Wasserschutzpolizisten konnten an Bord niemanden außer dem Vierbeiner antreffen. Der Hund war mit seinem Fell am Deck angefroren und konnte sich nicht mehr bewegen. Zur Rettung des Vierbeiners rückte die Feuerwehr an. Sie befreiten ihn aus seiner Hütte, legten ihn mit einer Decke in eine Transportbox und zogen ihn mit einem Kran hoch an Land. Jetzt hat der Golden Retriever eine warme Unterkunft im Tierheim bezogen.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

5
Rhein-Reisespiel
“Die Vorstellung, die Rheinspiele hätten ihren Ursprung in Deutschland, hat etwas für sich. Zumal es in Mainz mit der Firma Jos. Scholz schon Mitte des 19. Jahrhunderts einen qualitätsvollen Spieleverlag gab. Doch weit gefehlt: Die Anfänge der Rhein-Reisespiele liegen auf der britischen Insel. In London nämlich erschien bereits im Jahre 1815 „Wallis’s Game of the Panorama of Europe“. Dieses frühe Reise-Brettspiel zeichnet die klassische Bildungsreise des Adels und des Bürgertums nach, die die Touristen im 18. und 19. Jahrhundert fast immer entlang des Rheins zumeist in die Schweiz oder nach Italien führte. In dem Spiel verläuft die Route quer durch Europa in 36 Städte von Oporto (Porto) über Amsterdam, Wien, Konstantinopel, St. Petersburg und Stockholm bis nach London, wobei die Einzelfelder mit kleinen Veduten der Reisestationen und Sehenswürdigkeiten ausgefüllt sind. Unter den Städten des Deutschen Bundes, in denen laut Spielplan Halt gemacht werden kann, findet tatsächlich auch immerhin ein rheinischer Ort Berücksichtigung: Die Stadt Bonn („… a beautiful town, the streets are wide…“) wurde – platziert zwischen Osnabrück und Leipzig – damit zum ersten Repräsentanten des Rheinlands in der europäischen Kulturgeschichte des Spiels.” (Allgemeine Zeitung)

6
Punk-Rock
“Auf dem Rhein wird es (…) laut und rockig. Das Sojus 7 veranstaltet erstmalig eine Punk-Rock-Bootstour mit der MS Beethoven vom Monheimer Schiffsanleger den Rhein hinauf bis Bonn und zurück. (…) Während der etwa sechsstündigen Fahrt sorgen insgesamt acht Punk-Rock Bands für eine ausgelassene Festival-Stimmung. Mit an Bord sind Singer-Songwriter TV Smith, die Band Diva Kollektiv aus Berlin, die Johnny Reggae Rub Foundation, die Düsseldorfer Joseph Boys, die Band Kwirl, die Monheimer Punkrocker von Johnny Eklat & das Rebell Kartell und die Monheimer Liedermacher Flaschenkindær.” (Lokalkompass)

7
Wolf
“In Duisburg ist ein Wolf gesichtet worden. Eine Wildkamera hat das Tier (…) in der Rheinaue in Walsum gefilmt. “Mit hoher Wahrscheinlichkeit”, so das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv), handelt es sich um dasselbe Tier, das am 24. Februar in Hünxe und zuvor in Rees gesichtet worden war. Damit gibt es in Nordrhein-Westfalen seit Jahresbeginn vier amtlich bestätigte Wolfssichtungen.” (WAZ)

8
Trinkwasser-Düker
“Die Rhein-Energie verlegt (…) voraussichtlich bis zum Oktober 2019 eine neue Trinkwasser-Transportleitung in Poll und Westhoven. Die Arbeiten sind Teil des Vorhabens, das links- und rechtsrheinische Trinkwassernetz miteinander zu verbinden. Geografisch und historisch bedingt sind beide Versorgungsgebiete bislang voneinander getrennt. Nun baut die Rhein-Energie einen Leitungstunnel unter dem Rhein zwischen Marienburg und Poll. Das Unternehmen teilt mit, die Investition diene einer qualitativ hochwertigen Trinkwasserversorgung für die nächsten Jahrzehnte. Die Verbindung der beiden Wassernetze ermögliche in Zukunft eine gleichmäßige Auslastung des gesamten Versorgungssystems. Dies werde sich für die Kunden vor allem im Linksrheinischen besonders an heißen Tagen mit hohem Wasserbedarf auszahlen.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

9
Minerva am Rhein und Main
“Das Interesse an den Idealen und Ritualen der Freimaurer scheint in Alzey und Umgebung recht groß zu sein. Zu den Gästeabenden der Loge „Minerva am Rhein und Main“ kommen jedenfalls immer so viele Besucher, dass der Saal im Schafhäuser Gemeindehaus (…) gut gefüllt ist. (…) „Minerva am Rhein und Main“ (…) gehört der Großloge „Humanitas“ an, die seit 1959 Männern und Frauen gleichermaßen ein Zuhause bietet. Die erste Vereinigung mit dem Namen „Minerva“ wurde 1967 gegründet und 1990 aus personellen Gründen „schlafen gelegt“. (…) 2013 fanden sich die notwendigen sieben Meister zusammen, um die Loge wiederzubeleben. Ihr gehören jetzt 13 „Meister“, zwei „Gesellen“ und zwei „Lehrlinge“ an, die sich monatlich einmal in Schafhausen zur Tempelarbeit treffen. Die Bezeichnungen aus dem Berufsfeld der Handwerker erinnern an die Geschichte der Freimaurer, die ihren Ursprung in den sogenannten Bauhütten der Steinmetze und Dombauer des Mittelalters haben. Aus diesen Anfängen stammen auch die Symbole und Werkzeuge, die bei den Ritualen eine Rolle spielen. (…) So symbolisiere der 24-zöllige Maßstab die Stunden eines Tages; der Proband könne mit diesem Werkzeug lernen, seine Zeit mit Weisheit einzuteilen. Wie er das tue, sei ihm selbst überlassen, oder um es mit einem Ausdruck aus dem Vokabular der Freimaurer zu beschreiben: „Jeder bearbeitet seinen eigenen Stein“.” (Allgemeine Zeitung)

10
Lorely
“Das Versteigerungsunternehmen Veiling Rhein-Maas in Herongen hat seine erste Tulpentaufe begangen. Der Anlieferer Litjens Tulpen hat gemeinsam mit seinem Kunden Mat Dings und Lisa Smit, dem niederländischen Tulpenmädchen des Jahres, sowie Veiling Rhein-Maas die neue Tulpensorte “Lorely” im Foyer der Versteigerung offiziell getauft. Auch für Lisa Smit war es die erste offizielle Tulpentaufe. “Die insbesondere für den deutschen Markt produzierte Tulpe ,Lorely’ begeistert mit großen und eindrucksvollen Blüten mit einer auffälligen Färbung Rosa-Weiß und einer langen Haltbarkeit”.” (Rheinische Post)

11
Rhein als Delaware
“Felicitas Hoppe weiß einfach ziemlich viel. Mit Blick auf den Rhein fragt sie ihr Publikum, ob es ihm bekannt sei, wo das (zumindest in den USA) berühmte Gemälde „Washington überquert den Delaware“ entstanden sei? Kunstpause. Dann das: Hier am Rhein – gut, nicht in Köln, aber immerhin nah dran. Emanuel Leutze habe diese Szene aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg im Düsseldorfer Atelier gemalt. „Wenn man sich diese rheinischen Jungs vorstellt, die ihm da Modell gesessen haben“, sagt Hoppe und lässt den Satz verklingen. Und dann ist der Delaware in Wahrheit der Rhein. Muss man nicht wissen. Aber schön ist, das zu wissen.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

12
Rheintote
“Ein 17-jähriger Radfahrer ist in der Mannheimer Innenstadt in den Rhein gestürzt und gestorben. Nach ersten Ermittlungen soll der junge Matrose aus Holland mit seinem Fahrrad (…) im Handelshafen auf dem Weg zum Einkaufen gewesen sein (…). Dabei streifte er vermutlich das Gleis eines Hafenkrans, verlor die Kontrolle über sein Rad und stürzte über die etwa fünf Meter hohe Kaimauer in den Rhein. Möglicherweise prallte er gegen die Mauer oder ein dort befestigtes Boot, hieß es. Eine Schiffsbesatzung entdeckte den leblosen Körper und alarmierte die Rettungskräfte. Die Feuerwehr konnte den 17-Jährigen nur noch tot bergen.” (Rhein-Neckar-Zeitung)

“Rettungskräfte haben im Süden von Düsseldorf eine weibliche Leiche aus dem Rhein gezogen. (…) Die Frau ist noch nicht zweifelsfrei identifiziert.” (Rheinische Post)

“Eine Wasserleiche ist (…) von der Feuerwehr aus einem Rhein-Seitenarm bei Ottenheim, südlich der dortigen Kiesgrube, geborgen worden. Ein Kanufahrer war auf den Fund aufmerksam geworden und hatte (…) die Polizei verständigt (…). Die Bergungsaktion mit einem Schlauchboot, an der 16 Einsatzkräfte der Feuerwehr Schwanau beteiligt waren, dauerte etwa eine Stunde. Im Anschluss nahm die Kriminalpolizei die Ermittlungen auf. Die Polizei bestätigt, dass es sich um eine männliche Leiche handelt.” (Lahrer Zeitung)

Passion

J’adore un Christ de bois qui pâtit sur la route
Une chèvre attachée à la croix noire broute
A la ronde les bourgs souffrent la passion
Du Christ dont ma latrie aime la fiction
La chèvre a regardé les hameaux qui défaillent
A l’heure où fatigués les hommes qui travaillent
Au verger pâle au bois plaintif ou dans le champ
En rentrant tourneront leurs faces au couchant
Embaumé par les foins d’occidental cinname
Au couchant où sanglant et rond comme mon âme
Le grand soleil païen fait mourir en mourant
Avec les bourgs lointains le Christ indifférent

(Guillaume Apollinaire: Le guetteur mélancolique, poèmes inédits, Gallimard 1952)

wo Vater Rhein in sein Bett pinkelt

Man fährt in Deutschland an genau drei Städten vorbei, nämlich Uffeln-Salz-Badfurt, St. Umbeln mit seiner Pilzzucht, und Kaiser Lippenbär. Reisende mit Durchhaltevermögen kommen an der Pezzelentischen Höhe vorbei, wo Vater Rhein in sein Bett pinkelt und man betrachtet aus den Weinbaugebieten die Bierbäuche, die Camping machen … Auf den Autobahnen gibt es kleine Gaststätten und große Gaststätten. Hier speist man Krautrockkartoffeln mit Rockin Roll-Würstchen und für eine Mark mehr gibt es Bandsalat dazu, wenn man es mag. Ist nicht jedermanns Sache. Viele Menschen sitzen dann gerne da und haben auch lange Haare und rocken in den Autobahnraststätten ab. So ist der gesamte Rockin Roll-Sound entstanden, der auf der Autobahn sehr viel Krach macht und eine Drogengefahr provoziert. Es gibt Haschisch- und Bierfahrer, die sich das Duell liefern, wer ganz breit ist. Sie blinken mit ihren Zusatzscheinwerfern, die sie mitgebracht haben und täuschen Welten und Illusionen vor …

(aus Ulrich Bogislav: Wo ich bin ist hinten, Geschichten, Ritterverlag, Klagenfurt 2002)

La Vierge à la fleur de haricot à Cologne

La Vierge au brin fleuri est une Vierge blonde
Et son petit Jésus est blond comme elle l’est
Ses yeux sont bleus et purs comme le ciel ou l’onde
Et l’on conçoit qu’elle ait conçu du Paraclet

Deux Saintes veillant dans les volets du triptyque
Pensent béatement aux martyres passés
Et s’extasient d’ouïr le plain-chant des cantiques
Des petits anges blancs dans le ciel entassés

Les trois dames et l’enfant vivaient à Cologne
Le haricot poussait dans un jardin rhénan
Et le peintre ayant vu de hauts vols de cigognes
Peignit les séraphins qui chantent maintenant

Et c’est la Vierge la plus douce du royaume
Elle vécut au bord du Rhin pieusement
Priant devant son portrait que maître Guillaume
Peignit par piété de chrétien ou d’amant

(Guillaume Apollinaire: Le guetteur mélancolique, poèmes inédits, Gallimard 1952)

Un soir d’été

Le Rhin
Qui coule
Un train
Qui roule

Des nixes blanches
Sont en prière
Dans la bruyère

Toutes les filles
A la fontaine
J’ai tant de peine

J’ai tant d’amour
Dit la plus belle
Qu’il soit fidèle

Et moi je l’aime
Dit sa marraine
J’ai la migraine

A la fontaine
J’ai tant de haine

***

In Guillaume Apollinaires 1913 erschienenem, epochalen Gedichtband Alcools ist ein Zyklus mit neun Rheingedichten (Rhénanes) enthalten. Drei davon, Nuit rhénane, Mai und Schinderhannes sind bisher als Kacheln dem rheinsein-Mosaik eingepflegt. Entstanden waren sie um die Jahrhundertwende, Jahre vor ihrer Veröffentlichung. Noch einmal neun Rheingedichte schafften nicht die Aufnahme in Alcools. Diese Texte, zu denen auch der hier vorgestellte Sommerabend (Un soir d’été) gehört, erschienen erst lange nach Apollinaires Tod (1918) im Nachlassband Le guetteur mélancolique bei Gallimard (1952). Die Analogie des fließenden Rheins mit einem rollenden Zug lässt sich lautlich im Deutschen nicht so leicht ohne Bedeutungsverschiebungen widergeben. In seinen schlichten, existentiellen Reimen erinnert der Text an spätere Art brut-, sowie an Kindergedichte. Die alten Rheinthemen (Nixen, Brünnlein, Liebe, Treue, Hass) ergeben aufgemischt mit moderneren Begriffen (Zug, Kopfschmerz, Patentante) ein erwartungsgeladenes Rheinstill, das kurz vor der Explosion oder Implosion zu stehen scheint.