Eine Heranführung an die Crépon-Ausstellung

Aktuell läuft im Kunstpavillon Burgbrohl die rheinsein-Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss mit Exponaten aus der Sammlung unseres Korrespondenten Marcel Crépon. Zur Vernissage am vergangenen Samstag sprach die Bonner Kunsthistorikerin Rita Anna Tüpper einführende Worte. Ihre Rede dokumentieren wir an dieser Stelle (leicht gekürzt) in Bild und Wortlaut:

rita anna tüpper beim vortrag
“Ich darf Sie, liebe Damen und Herrn, an die hier präsentierten Arbeiten des Grenzforschers Marcel Crépon heranführen, an die Präsentation seiner Texte, Objekte, Videoinstallationen und Fotografien. Was Sie hier sehen, scheint er aber – so habe ich ihn verstanden – als Werk eines Flusses, des Rheines nämlich, zu betrachten. Er selbst „fischt“ die Objekte und Geschichten quasi nur heraus aus dem Strom des Wassers und aus dem Zeitstrom der Ereignisse um den Rhein herum. Erlauben sie mir zu diesem unkonventionellen Ansatz vier kurze Bemerkungen.

1. Die Präsentation
Vor Ihnen befinden sich Exponate, die Crépon als Grenzforscher – der Rhein ist seit Jahrhunderten eben auch eine Grenze zwischen Nationen – an den Ufern des Rheines aufgelesen und Fotografien, zu denen der Rhein ihn inspiriert hat, zudem Objekte, zu deren Zusammenstellung ihn der Fluß und die ihn umgebenden Geschichten bewogen haben. Genau genommen sind alle sichtbaren Gegenstände hier Elemente von Geschichten, also narrative Details, die nicht für sich allein stehen, sondern erst im Kontext ihres Narrativs, ihrer Erzählung lebendig werden.
Ich bitte Sie daher, sich die Zeit zu nehmen, die Objekte näher zu betrachten und dabei zugleich in die sie umgebenden Geschichten einzutauchen.
Es ist durchaus ungewöhnlich, dass ein lebender Akteur von nicht sehr hohem Bekanntheitsgrad bei seiner eigenen Ausstellungseröffnung nicht anwesend ist. Dies wirft ein Schlaglicht auf die Prioritäten, die Crépon setzt: Es geht ihm, einfach gesagt, um die Erzählungen und nicht um den Erzähler.
In der gegenwärtigen Kunstszene ist es nicht ganz leicht, vergleichbare und ebenso radikale wie spielerische Positionen der Zurücknahme des künstlerischen Subjektes zu finden, um Crépon doch ein wenig und vage in einen kunstzeithistorischen Kontext stellen zu können – nicht nur, weil diese Szene schwer zu überblicken ist. Als Referenzgröße lässt sich natürlich immer die documenta in Kassel als größte internationale Ausstellung der Gegenwartskunst heranziehen und das scheint hier und jetzt mit Blick auf die documenta 14 nicht ganz verfehlt.
Bei aller Kritik an der documenta des letzten Jahres interessiert doch das in den öffentlichen Medien untergegangene Prinzip ihres Kurators Adam Szymczyk, Kunst nicht durch Erklärungen zu Tode zu definieren und den ausgestellten Arbeiten ihr Unsagbares zu lassen. Er wollte zudem die Einheit von Zeit, Ort und Raum aufbrechen – ich habe hier nicht zu entscheiden, ob dies durch die Teilverlagerung nach Athen gelungen ist, aber der Anspruch spiegelt ein wichtiges Phänomen gegenwärtiger Lebenswelten, deren Zeiten, Orte und Räume verschwimmen; jedenfalls scheint mir dieses Vorhaben in der heute eröffneten Ausstellung der Absurden Phänomene des Realen umgesetzt worden zu sein. Denn, was Sie hier sehen, sind tatsächlich gleichzeitig konkrete Objekte vor Ort als auch im Blog rheinsein.de, also im Internet weiterströmende digitale Elemente und zudem Erinnerungsstücke verschiedener Geschichten und Berichte aus diversen Jahrhunderten.
So verwundert es nicht, dass die hiesige Präsentation ausgerechnet an einen Raum der documenta-Halle in Kassel erinnert, in dem 2017 des verstorbenen afrikanischen Musikers Ali Farka Touré gedacht wurde, bekannt als „König des Wüsten-Blues“. Denn neben der dort dauerhaft zu hörenden Musik Tourés waren dokumentarische Materialien wie Plattencover, Kleidungsstücke, Brillen, Instrumente etc. unprätentiös versammelt und verwiesen in ähnlicher Weise auf das Musikerleben Tourés wie die Créponschen Objekte auf den Rhein.
Ein abseitiges und offenbar unbeabsichtigtes und doch sehr passendes Detail in diesem Zusammenhang ist die Tatsache – nachzulesen in der Fachzeitschrift „Kunstforum“ vom August/September 2017 – dass die Ausstellungsmacher vergessen haben, den Namen Ali Farka Tourés in der Liste der documenta-Künstler aufzuführen. Dort findet sich dagegen der Name desjenigen, der die Erinnerungsstücke zusammengestellt hat. Wie die Musik Tourés führen die Geschichten und Objekte Crépons hier und auf rheinsein ihr Eigenleben und versprühen ihren Zauber ohne irgendeiner Zuordnung zu unterliegen oder der Präsenz oder Hervorhebung ihres Schöpfers zu bedürfen.
Was bei der documenta das passende Zufallsergebnis einer Unaufmerksamkeit war, scheint bei Crépon zum Kern des Konzeptes zu gehören, denn es enthält, sehr einfach gesagt, die Aufforderung: Schaut nicht auf mich, sondern auf den Fluss und sein Treiben!

2. Der Titel
Hier sind wir beim zweiten und vielleicht schwierigsten Punkt, dem Ausstellungstitel: „Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluß“ – ein Zitat von Marcel Crépon selbst, das ursprünglich die Situation einer Reise an den Rhein im Nebel beschrieb.
Jetzt aber löst er den Satz aus dem Zusammenhang und mutet uns Besuchern damit die Paradoxie zu, etwas ausdrücklich Unsichtbares offenbar zum Thema einer sichtbaren Ausstellung gemacht zu haben: „Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluß!“ – Etwas verständlicher wäre im ersten Moment die umgekehrte Logik: Wo der Fluß fließt, dort ist nichts zu sehen! Das erscheint irgendwie plausibel, denn das Fließen selber ist ja nicht wahrzunehmen, sondern nur seine Begleiterscheinungen: Wellen, Wasser, Treibgut, Schiffe, Lichtspiegelungen.
Die Umkehrung aber – Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluß – bringt ins Grübeln, scheint gewagt, fast spirituell. So herum bezieht sich der Satz zunächst einmal auf all das, was sich gerade der Wahrnehmung entzieht. „Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluß“ kann auch bedeuten, dass sich alles dieses, der Wahrnehmung Entzogene in einem permanenten Fließen befindet. Ist der Rhein als Zentrum des Wirkens von Crépon folglich die konkrete Gestalt und Metapher eines Gedankens am Beginn unserer Kulturgeschichte, der damals bereits von den Zeitgenossen als abseitig empfunden wurde?
Heraklit von Ephesos beschrieb vor ca. 2500 Jahren die Auffassung, dass sich die gesamte reale Welt in einem ständigen Prozess des Werdens und Wandels befinde, in dessen Verlauf auch scheinbare Gegensätze in einer größeren, dynamischen Einheit verbunden seien; damit stellte er sich völlig außerhalb aller damals anerkannten philosophischen Schulen und beabsichtigte auch nicht, eine eigene zu gründen. „Panta rhei“ – Alles fließt – auf diese Formel brachte man später seine Gedankengänge – und dieses Prinzip lässt in sich keine gesicherten philosophischen Aussagen über die Wahrheit oder Wirklichkeit zu, da diese stets mit Worten etwas festhalten wollen, was sich aber nach Heraklit eben diesem Zugriff entzieht. „Wer in dieselben Flüsse hinabsteigt, dem strömt stets anderes Wasser zu“ heißt es in den 137 erhaltenen Fragmenten. Das, was als dasselbe erscheint, ist es also doch nicht, es ändert sich in jedem Augenblick. Diese Änderung sehen wir nicht, wir nehmen die festen, vermeintlich identifizierbaren Ufer in den Blick. Tatsächlich aber steigen wir nicht zweimal in denselben Fluss. Heraklit wurde „der Dunkle“ genannt – ist Crépon in einem ganz ähnlichen Sinne „der Neblige“?
Steht also Crépon mit einem Bein zwar im gegenwärtigen Kunstgeschehen mit dem anderen jedoch in der mit Paradoxien spielenden Gedankenwelt Heraklits? Auch das ist nur eine Frage und mögliche Annäherung über den Titel der Ausstellung, die vielleicht deutlich machen kann, wie schwer Crépon mit historischen Kategorien beizukommen ist, und inwiefern er sich als unzeitgemäßer Zeitgenosse zu verstehen scheint.
Den Titel der Ausstellung hat Crépon selbst gewählt und führt uns so über seine gedankliche Flussparadoxie sowohl an den konkreten Fluss, den Rhein, heran als auch an den digitalen Strom von rheinsein, dem Blog, dem wir alle öffentlichen Äußerungen Crépons verdanken.

3. Das Medium
Seit 2013 tauchen die Stücke Crépons auf rheinsein auf und treiben hier in einem digitalen Strom weiter. rheinsein ist eine literarisch basierte Hybridform um Faktisches und Poetisches zum Thema Rhein und zugleich eine stets wachsende Sammlung rheinischer Kulturgeschichte im Internet. Formal ist rheinsein ein klassisches Weblog, das der Kölner Schriftsteller Stan Lafleur angelegt hat, gestaltet und weiter entwickelt. rheinsein schichtet und kreuzt unterschiedliche Textsorten, Bild- und Tondokumente, archiviert sie gleichzeitig und stellt sie für Ergänzungen und Kommentierungen bereit. In dieser ständigen Fortentwicklung und Änderung gleicht der Blog selbst einem digitalen Fluss, der sich aber mit analogen Welten verbindet. Das geschieht, indem er nicht nur deren Geschichten, Eindrücke und Objekte aufnimmt, sondern auch umgekehrt in die analoge Welt hineinwirkt. Aus dem rheinsein-Datenpool entstehen literarische und künstlerische Derivate wie Bücher, Hörspiele, Lesungen oder – wie nun hier – Ausstellungen.
Ein besonders aufschlussreiches Derivat ist die 2014 in Buchform erschienene „Rhein-Meditation“ von Stan Lafleur selbst, ein Stück poetischer Prosa, das in Teilen den eigenen Einlassungen Lafleurs auf rheinsein entnommen wurde und das er durch weitere Textelemente ergänzt hat. Die Rhein-Meditation lässt ahnen, so meine ich, warum sich Crépon gerade in rheinsein der Öffentlichkeit zuwendet und warum umgekehrt Lafleur gerade diesen Gastautoren besonders schätzt und – gemeinsam mit Karin Meiner – zu einer Ausstellung aufgefordert hat; mit der bemerkten Geistesverwandtschaft soll jedoch keineswegs unterstellt werden, dass Crépon die Rhein-Meditation gelesen hat. Dies ist zwar durchaus möglich, aber ungewiss.
„Seit ich denken kann“, so Lafleur, „vielleicht sogar noch länger, lebe ich am Rhein. Mittlerweile ahne ich: er durchfließt mich, mehr noch, ich halte es für möglich, dass er mir mein Leben vorgibt. Immer wieder lockt er mich an seine Ufer. Ich sehe seine Wasser strömen. Fließendem, wallendem Wasser wohnen beruhigende Kräfte inne. Starre ich auf den Rhein, strömt er anstelle meiner Gedanken weiter.“
Lafleur schildert die Wechselwirkung von Gedankenströmen mit der von ihm so genannten „stillsitzenden Flussschau“, die das Festhalten an irgendwelchen Grundsätzen unmöglich mache. Ein solcher Flussmeditierender erscheint – sowohl in seiner leibhaftigen Person als auch mittels seines Blogs – als ideales Medium für den Grenzforscher Crépon: Begriffsgrenzen, Grundsätze, ja auch das Begreifen selbst geraten in Fluss und entschwinden.

4. Der Geist
Das Motiv des Flusses und die forschende, schildernde, erzählende, fischende Konzentration auf das Fließen fordert die Assoziation zu Fluxus geradezu heraus, einer Kunstrichtung, die sich seit den 60er Jahren auf das lateinische Wort „flux“ von fluere bezieht, das fließend und vergänglich bedeutet. Sie stellte, vereinfacht gesagt, den schöpferischen Akt in Form von aktionskünstlerischen Ereignissen heraus, um so das lebendige Schaffen dem Fetisch Kunstwerk und der Verdinglichung des Künstlerischen entgegenzustellen. Wie der Dadaismus war Fluxus auf die Auflösung des hergebrachten Kunstbegriffes gerichtet. Geht es Crépon und Lafleur auch offenbar nicht um Protest und Umwälzung durch das Fließende, sondern eher um seine poetische Betrachtung, lassen sich doch auch hier hilfreiche Verbindungslinien ziehen, denn: Die Flussschau reißt das Verhärtete und Kommerzielle zwar nicht so furios mit sich wie eine überschwemmende Fluxusaktion, höhlt es aber doch subtil aus und führt zu einem ähnlichen Ergebnis, ganz im Geiste von Fluxus. Allerdings würde der Feder Crépons oder auch Lafleurs – behaupte ich – niemals ein Fluxus-Manifest wie jenes von George Maciunas entspringen, denn seine Grundsätze würden sich in einer stillsitzenden Flussschau auflösen oder durch Wasserflecken auf dem Papier verschwimmen.
Crépon und Lafleur, so meine These, stellen Fluxus mit ihrer Rheinprosa, ihrem Rheintreibgut, ihren reinen Rheingedanken vom Kopf auf die Füße – oder von der kunsttheoretischen Hängebrücke aufs reale Floß. Sie verfolgen, so kann man es vielleicht für einen Moment beschreiben, eine der Natur verbundene, naturalistische, um den echten Fluss erweiterte Fluxus-Idee, in der das Denken und ein physisches Sein und Fühlen zusammenfließen.
Crépon stellt hier unter anderem einen Holzrahmen mit drei völlig gleich aussehenden Gläsern aus, das eine mit Rheinwasser von oberhalb des Rheinfalls von Schaffhausen, das zweite mit Wasser aus dem Moment des Fallens und ein weiteres mit Rheinwasser von unterhalb des Rheinfalls. Er behauptet, dergestalt Zeit verkaufen zu können – eine gleichermaßen witzige wie weise Anmerkung zur Vergänglichkeit, zur Unmöglichkeit Zeitabläufe und Lebensströme zu erfassen und sichtbar machen zu können.
„Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss“ – lassen Sie sich ein wenig treiben, meine Damen und Herrn, liebe Kinder, zwischen den Exponaten und der Präsentation des Blogs rheinsein.de, in den Sie hier ebenso eintauchen können.
Der reale Rhein ist sichtbar, nicht aber das Fließen, das ihn erst zum Fluß macht – es scheint absurd, solange wir es zu greifen und zu begreifen suchen!”


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