Monatsarchiv für April 2018

 
 

Marcel Crépon auf SWR2

Eine erste Presse-Reaktion zur Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss im Kunstpavillon Burgbrohl (der auch unter ArtLab firmiert) mit Exponaten aus der Sammlung Crépon war der mit O-Tönen von Veranstalterin Karin Meiner und dem technischen Leiter des Aufbaus Roland Bergère verschnittene, vergangenen Montag im Journal am Mittag gesendete, leider nicht als Podcast erhältliche Ausstellungs-Bericht von Marianne Lechner für den Kultursender SWR2:

„(…) Seit Jahren ist Crépon entlang des Rheins unterwegs, redet mit Menschen, sammelt Geschichten und Gegenstände, die ihm aufhebenswert erscheinen. Stan Lafleur sagt, Crépon schicke ihm diese Texte per E-Mail, dazu Fotos, Zeitungsartikel und auch Objekte. Eine kleine Auswahl davon hängt jetzt an der Rückwand des ArtLab. Die Zeichnung eines Mannes, der sich von der Rheinreise Victor Hugos inspirieren ließ. Ein Foto, das zeigt wie ein Elsässer auf einem Feld den Verlauf des Rheins nachgebildet hat: ein Mini-Flussbett, ausgegraben und dann mit Wasser gefüllt, das tatsächlich mit Eimern aus dem Rhein geschöpft und zum Feld geschleppt wurde. Drei Fläschchen Wasser aus dem Rheinfall von Schaffhausen in der Schweiz: eine kritische Anmerkung eines Künstlers zum Rheinwasser, das Touristen dort in Aludosen als Souvenir kaufen können. Ein Kasten mit Fundstücken vom Rhein: Knochen, Tierzähne, glitzernder Mineralstaub. An der Wand hängen aber auch Tablets mit bewegten Bildern. (…)“

Der Beitrag schließt mit der Vermutung, dass es sich bei Marcel Crépon, weil die Google-Suche nach seinem Namen keine Ergebnisse zeitige, um eine Kunstfigur handeln könne. Ein Schluss jedenfalls, der ganz auf Marcel Crépons feinen Nerv für Humor passen und gleichzeitig seine dem Kunstbetrieb nahezu unverständlichen Impulse zu Anonymität und Öffentlichkeitsscheu bedienen dürfte: in den für rheinsein bestimmten Schriften äußert Crépon an einer Stelle, dass die durch Saint-Maurice-de-Lignon verlaufende Rue Marcel Crépon, deren Existenz ihn vor wenigen Jahren überrascht und peinlich berührt habe, seine Anonymität letztlich schütze, weil Straßen bekanntlich nie nach lebenden Personen benannt würden.

Wir versichern: Marcel Crépon existiert, auch wenn er kein Freund von Vernissagen ist, nicht einmal (oder ganz besonders nicht) der eigenen. Die Ausstellung läuft noch, begleitet von Workshops zu Möglichkeiten von Kunstverständnis, bis 25. Mai 2018 und kann bis dahin, am besten nach vorheriger Vereinbarung, besichtigt werden.

Über Marcel Crépon

Aktuell läuft im Kunstpavillon Burgbrohl die rheinsein-Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss mit Exponaten aus der Sammlung unseres Korrespondenten Marcel Crépon. Zur Vernissage am vergangenen Samstag sprach die Bonner Kunsthistorikerin Rita Anna Tüpper einführende Worte. In einer weiteren Vernissagenrede näherten wir uns der Person Marcel Crépon anhand der raren privaten Einlassungen in seinen Texten und unserer Korrespondenz der vergangenen Jahre, sowie mit Hilfe einer Netzrecherche:

“An einem Sommertag vor fünf Jahren meldete sich Marcel Crépon bei rheinsein, per E-Mail, mit einem fotografisch illustrierten Bericht über seinen Besuch in Andernach. Umgehend fielen mir sein eigenwilliges Interesse für Nebensächlichkeiten und die hochgradig originelle Sprache auf. Damals habe ich seinen Text auf ein paar wesentliche Informationen gekürzt und ins Netz gestellt, im Glauben, dass es sich, was häufig vorkommt, um eine einmalige Einsendung handeln würde. In Abständen von mehreren Monaten langten jedoch weitere, ähnlich geartete und schließlich immer ausführlichere Berichte von Monsieur Crépon bei rheinsein ein. Nach und nach bemerkte ich, dass in Frankreich ein Autor der Randseitigkeiten sich meinem Rheinprojekt verbunden fühlte. Denn an keiner anderen Stelle hat Crépon bisher veröffentlicht. Auffällig auch, dass die zeitlich, geografisch und inhaltlich sprunghaften, nur auf den ersten Blick desorganisiert erscheinenden Beiträge perfekt mit Idee und Anlage des rheinsein-Projekts korrespondieren, das in ähnlicher Weise mit Chaos und Verdichtung arbeitet. Zunehmend kam es mir in den vergangenen Jahren vor, als würde Marcel Crépon seine Reisen an den Rhein eigens für rheinsein unternehmen, auch wenn keiner seiner Sätze direkt darauf hindeutet und ich ihn auch nicht – wie im Falle anderer Autoren geschehen – darum ersucht hatte. Was mir anfangs befremdlich vorkam – nämlich, dass ein derart für rheinsein engagierter und investigativ arbeitender Beobachter in der Korrespondenz persönliche Rückfragen konsequent ignorierte – habe ich nach dem zweiten vergeblichen Versuch einfach akzeptiert; die eigenwilligen Berichte sind eigentlich beredt genug, sich den Charakter dahinter vorzustellen: jemand, den das Abseitige, Spleenige anzieht, der zumindest ein ausgesprochenes Talent besitzt, schräge Bekanntschaften zu machen, der darüber hinaus eine nihilistische Ader zu verfolgen und gern hinter den Dingen und Fänomenen zurückzutreten scheint, vielleicht aus Scheu oder weil sie ihm absolut oder auch nur fragwürdig genug erscheinen, um volle Aufmerksamkeit zu erhalten und vielleicht auch, um in diesem Abseits, paradoxerweise, selbst zum Fänomen zu werden. Jemand, dem Kommunikation offenbar vor allem dazu dient, Geschichten aus den Menschen herauszukitzeln. Jedenfalls bin ich für diese Ausstellung, und das habe ich Marcel Crépon auch mitgeteilt, auf eigenständige Spurensuche gegangen, um etwas mehr über ihn herauszufinden.

Weder eine fysische Adresse, noch seine Telefonnummer hat Marcel Crépon mir jemals mitgeteilt. Die Ausstellungsstücke erreichten mich in unausgesprochener, leicht erkennbarer Absicht in Verpackungen ohne Absender. Eine Ausnahme gibt es: die hier zu sehenden Fotos lagen in einer Versandrolle mit der Absenderadresse „Rue des Degrés“. Ein Scherz offenbar, denn in dieser sehr kurzen Straße im 2. Pariser Arrondissement, die eigentlich eine Treppe ist, gibt es weder Hausnummern noch Wohnungen. Sie erlangte sogar Ruhm, als Hauptschauplatz des Films „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“.
Persönliche Informationen, die sich aus Crépons Texten ergeben, sind spärlich und stets vage. Auch wenn es sich dabei um reine Fiktion handeln könnte, selbst der Name könnte ein Pseudonym vorstellen, verleitet mich mein Instinkt, den meisten davon zu trauen. Nur helfen ein paar grobe zeitgeschichtliche Erwähnungen und die an einer Stelle angeführte Behauptung, er bereise keinen Ort der Welt je ein zweites Mal, in Hinsicht auf ein Personenprofil nicht sonderlich weiter.
Marcel Crépon bewahrt, wo er sich schon öffentlich äußert, definitiv, und das ist alles andere als selbstverständlich in unserer Enthüllungsgesellschaft, mit Geschick und leisem Witz die Würde der Privatheit.
Also habe ich mich, beginnend mit der in imposante Ferne zurückreichenden Herkunft des Familiennamens, auf eine Basisrecherche verlegt, die wenigstens sein Umfeld beleuchten könnte, um auf diese Weise vielleicht einen Schattenwurf zu fixieren:

In der Normandie existiert im Département Calvados ein 200-Seelendorf namens Crépon. Viele Indizien in seinen Texten, aber auch seine in Frankreich registrierte Mail-Adresse, deuten darauf hin, dass Marcel Crépon, obgleich er sich trittsicher im Deutschen bewegt, Franzose ist und in Frankreich lebt. Aus diesem Dorf dürften also seine Vorfahren bzw. Familie ursprünglich stammen, wobei die Toponymie den Namen als „Anhöhe“ deklariert. Crépon selber äußert sich an keiner Stelle zu seiner Herkunft.

Die normannischen Crépons sollen skandinavischen Linien entstammen, was eine Hinwendung nach Deutschland allenfalls mäßig erklären würde. Sie gehen zurück auf Roricon de Crépon, geboren ungefähr 870 n. Chr. Mit Guillaume de Crépon (besser bekannt als William FitzOsbern) starb im Jahre 1071 in der Schlacht von Cassel ein früher prominenter Namensvetter und möglicher Verwandter. Der (vermeintliche) Hinweis auf einen ersten Crépon mit Deutschland-Neigungen geht allerdings fehl, da diese Schlacht nicht im hessischen Kassel, sondern bei einem französischen Ort gleichen Namens in der Nähe von Dunkerque geschlagen wurde.

Danach klafft eine Jahrhunderte währende Lücke bezüglich öffentlich aufgetretener Familien- bzw. Stammesmitglieder. Laut Internet existierte im 19. Jahrhundert ein Illustrator namens L. Crépon, der mit Holzstichen wie „Fuchsteufelssabbath“ oder „Sportdarbietung in Kyoto“ in Erscheinung trat.

Ein Crépon mit gänzlich unbekanntem Vornamen arbeitete im Schlachthof von Diego Suárez, dem heutigen Antsiranana, auf Madagaskar, bis er 1895, offenbar fristlos, entlassen wurde. Die entsprechende Meldung ist zu finden im Journal Officiel de la République Francaise, das, Zufall oder nicht, auch Marcel Crépon in seinen Ausführungen zu Victor Hugo auf rheinsein erwähnt, weil er es liebe, auf der Suche nach journalistischen Perlen durch alte Magazine zu blättern. Die kurze Meldung ist der erste und einzige Link zwischen Marcel Crépon und einem seiner möglichen Vorfahren, der allerdings, wie alle anderen Hinweise auch, letztlich ins Leere, zumindest ins Ungewisse führt.

Besonders auffällig ist Marcel Crépons namentliche Nähe zu Marc Crépon, einem zeitgenössischen französischen Filosofen, der, ähnlich wie Marcel Crépon, des Deutschen mächtig ist, der mit Jahrgang 1962 in etwa im gleichen Alter – wenngleich wohl doch etwas jünger – sein dürfte und sich, eine interessante Koinzidenz, auf Aspekte des deutschen Denkens spezialisiert hat. Marc Crépon hat zahlreiche Veröffentlichungen vorzuweisen. Außerdem ist er Vorsitzender des Nationalen Zentrums für wissenschaftliche Forschung (CNRS) und leitet die Filosofie-Abteilung der École normale supérieure. Leider konnte ich Marc Crépon nicht rechtzeitig vor dieser Ausstellung für ein Statement gewinnen.

Außerdem existiert in Saint-Maurice-de-Lignon im Département Haute-Loire eine Rue Marcel Crépon, was unserem Crépon bekannt ist, wie sich seinen Tagebucheinträgen entnehmen lässt, in denen er die Existenz einer Straße mit seinem Namen in einer eleganten Denkkurve, weil Straßen eben nicht nach lebenden Personen benannt würden, als erfreuliche Garantie für seine Anonymität deutet. Was einmal mehr bestätigt, wie sehr ihm letztere am Herzen liegt.

Erstaunlich bei aller Toponymie und Ahnenkunde: das französische Wort „crépon“ bedeutet auf Deutsch: „Krepp“ oder „Trauerflor“. Marcel Crépon zählt in seinem Tagebuch eine ansehnliche Reihe von französischen Wortspielen, Witzen, Hänseleien und Verballhornungen auf, denen er als Kind wegen seines Nachnamens ausgesetzt war. Er selbst identifiziert sich mit der Übersetzungsvariante „Trauerflor“.

Zusammengefasst: Dem Tagebuch und zeitlichen Ereignissen zufolge, die er in seinen Berichten erwähnt, lässt sich Monsieur Crépons Alter auf „ungefähr Anfang 60“ einordnen. Der Wohnsitz ist höchstwahrscheinlich Paris, darauf lassen mehrere, aber nicht alle Poststempel und einzelne Textpassagen schließen. Crépon reist, auch wenn die Reisen nur zu einem geringen Teil von eindeutigen Zeugnissen belegt sind und er den Sinn des Reisens in seinen Texten infrage stellt. Seine Reiseberichte klingen gerade aufgrund ihrer abstrusen und trotz einiger nachweislich fiktionalisierter Passagen großteils glaubhaft – zumindest für jemanden wie mich, der ähnliche Reisen unternommen und einen Gutteil der beschriebenen Orte mit eigenen Augen gesehen hat. Erwähnenswert sind exzellente Deutschkenntnisse, wobei Grammatik und Wortwahl gelegentlich den Franzosen verraten. Seine Texte spielen bisweilen mit Elementen aus beiden Sprachen. Unser Mann ist definitiv gebildet, zitiert aus Gewohnheit Werke der Weltliteratur und hegt ein besonderes Interesse für Randzonen der Kulturgeschichte. In einer kurzen Labilitätsfase offenbart er eine gewisse Zugänglichkeit für Traumdeutung und esoterische Praktiken, denen er sonst kühl gegenübersteht. Crépon gesteht in einem Text, dass er sich gerne in Warteräumen (wie Bahnhöfen, Arztpraxen oder Krankenhaus-Caféterien) aufhält. Er raucht oder war früher einmal Raucher.

Seine Rheinaffinität erklärt Crépon mit keinem Wort, wodurch sie eine, für mich nur halb verwunderliche, Selbstverständlichkeit erlangt. Sie korrespondiert mit dem Begriff „Grenzforscher“, den Crépon, nebst der Alternative „Sammler von Momenten“, angab, als ich ihn fragte, mit welcher Bezeichnung ich ihn vorstellen solle. Nach meinem Verständnis stellt der Rhein für Marcel Crépon ein Symbol dar, mit dem er als junger Mann per Zufall konfrontiert wurde und über das nachzudenken ihn seither antreibt: den schmalen Grat, die „dünne rote Linie“, die für jeden Menschen existiert, entlang derer das Leben in seiner ungleichmäßigen Gleichmäßigkeit und Zerbrechlichkeit verläuft. Seine Rheinbegehungen sind Balanceakte, auf dem Hochseil der experimentellen Erkundung entzieht sich der schwanke Blick der Diktatur der Norm.

Bevor ich kurz auf zwei Exponate eingehe, sollte Marcel Crépons Faszination für ein bestimmtes Objekt Erwähnung finden: den Eimer. In den Ankündigungen für diese Ausstellung war von einer fetischfreien Berührung mit diskreten Objekten und Texten die Rede. Auffallend ist aber doch das ständige Vorkommen von bzw. die häufige Beschäftigung Crépons mit Eimern in Text und Bild, sowie als Objekt.
Womöglich aus einer fehlerhaften Übersetzung Epiktets an einer Stelle bei James Joyce abgeleitet, empfindet Marcel Crépon, so schrieb er mir in einer Mail, das Wasser als Symbol für die Seele und den Eimer entsprechend als Seelenbehälter. Wahrscheinlich bei keinem anderen Autor (und Crépons Schriften sind bisher noch übersichtlich) häufen sich in vergleichbarem Maße Gedanken, die das Gebilde eines Eimers bzw. den Eimer-an-sich zum Ausgangspunkt nehmen.
Z.B. notiert Crépon in seinem Tagebuch eine Äußerung des Taikonauten Yang Liwei, der während der Weltraummission des Shuttles Shenzhou 5 nicht ortbare Klopfgeräusche „wie mit einem Holzhammer, der gegen einen Eimer schlägt“ wahrgenommen habe. Spätere Missionen bestätigten das mysteriöse Geräusch. Bei Laurence Sterne findet Crépon eine Stelle, die ihn zu poetisch-pragmatischen Analogien zwischen einem Wassereimer und dem Ozean anregt. Ob einen Eimer voller Farbe auf eine Leinwand zu werfen nicht die Essenz von Malerei bedeute, stellt er eine unbeantwortet bleibende, dringliche Frage. Plastikeimer bringt Crépon in einem gewagten Gedankensprung mit der schamlosen Enthüllung der Identität Godots in Verbindung, dieweil Zinkeimer sein Vertrauen erweckten. So geht das immer weiter. Eine Stelle des Tagebuchs fasst sein gesamtes Vorgehen, womöglich sein Weltbild, in einem mystischen, zugleich glasklaren Eimer-Aforismus zusammen: „Die Eimer erklären nichts, ich erkläre die Eimer nicht.“

Zum Exponat der fotografierten Nebellandschaft
Das Bild einer Nebellandschaft passt sowohl zum Ausstellungstitel Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss, als auch exemplarisch auf den Beginn der Beziehung rheinsein – Crépon, als ich seine Berichte noch in indirekte Rede gesetzt in den rheinsein-Textdschungel entließ. Monsieur Crépon beschreibt zu diesem Bild extensiv sein gespenstisches Irren durch den mit märchenhaften Täuschungsmanövern aufwartenden Novembernebel – den Fluss, sein eigentliches Ziel, für das er mit dem Auto aus Frankreich angereist war, konnte er an diesem Tag, so behauptet er zumindest, trotz Mitführens moderner Navigationstechnik nicht entdecken. Ein wenig erinnert die Beschreibung an die Verlorenheit des Monsieur Hulot in den Filmen von Jacques Tati, aber auch an einen Jäger auf falscher Spur, der vor der plötzlichen Erkenntnis erschrickt, dass so etwas wie eine richtige Spur womöglich gar nicht existiert und er selber die Beute sein könnte. (Natürlich schwingt im Titel Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss auch eine zutiefst rheinische Metafer für die Unlösbarkeit der Frage nach dem Sinn mit.)

Zum Exponat der in einer Vitrine befindlichen Papierkugeln
„Was ist das für ein Mensch, der sucht, und nichts findet?“ fragt eine seiner Bekanntschaften Crépon ausgerechnet in einem Baumarkt, ausgerechnet während eines Gesprächs über Heidegger. Marcel Crépon gibt sich selbst zur Antwort: „Ich weiß es nicht. Ich habe wahrlich schon genug gefunden, ohne es gesucht zu haben.“ Auch so lässt sich Marcel Crépon leicht vorstellen: als jemand, der hinnimmt und dokumentiert, was ihm im Leben begegnet, weil das als Herausforderung mehr als genügt. Doch kann dies bestenfalls die halbe Wahrheit sein. Denn sobald ihn ein Thema, und sei es noch so abseitig, gepackt hat, geht Marcel Crépon ihm auf den Grund, recherchiert und nutzt dabei in auffälliger Weise einen Filter für getriebene Personen, Spinner, Lebenskünstler. Über Stunden und Tage setzt Crépon sich deren Manien, Ideen und Produktionen aus, um sie minutiös zu protokollieren. Zur Beharrlichkeit und Ernsthaftigkeit seines Vorgehens gesellen sich Hintergründigkeit und abrupte Brüche, sobald ein Gedanke sich abgenutzt hat.
heideggerkugeln
Exemplarisch für die Absurdität einiger seiner Fundstücke stehen die durchgekauten und zu Kugeln geformten Buchseiten, hinter denen eine lange Geschichte steckt: es soll sich um besonders zähe Passagen aus dem Werk Martin Heideggers handeln. Der typische Künstlerhumor, das Wortspiel zum Objekt zu transformieren, greift hier nur bedingt, denn eine künstlerische Absicht war ursprünglich nicht gegeben.

Hinter diesem wie allen anderen Exponaten stehen meist schräge, oft auch verwirrende Geschichten, die den ausgestellten Stücken nicht ohne weiteres anzusehen sind. Auf rheinsein hat Marcel Crépon sie alle erzählt, ein paar habe ich kurz angerissen, an unserem Ausstellungsrechner, in einem Buchunikat und natürlich auch zu Hause oder sonstwo können sie bei Interesse im Netz genau nachgelesen werden.

Ein letztes noch: Meine Bitte, seine Sammelstücke in Burgbrohl ausstellen zu dürfen, beschied Monsieur Crépon in einer für unsere Korrespondenz typischen Art mit insgesamt drei lakonischen Sätzen: „Machen Sie, was Sie für richtig halten.“ „Schreiben Sie mir, was Sie brauchen.“ Und, auf die Frage, wie er angekündigt werden wolle: „Das ist mir gleich.“ Eine Haltung, die, was Ausstellungen betrifft, ihresgleichen sucht.”

Eine Heranführung an die Crépon-Ausstellung

Aktuell läuft im Kunstpavillon Burgbrohl die rheinsein-Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss mit Exponaten aus der Sammlung unseres Korrespondenten Marcel Crépon. Zur Vernissage am vergangenen Samstag sprach die Bonner Kunsthistorikerin Rita Anna Tüpper einführende Worte. Ihre Rede dokumentieren wir an dieser Stelle (leicht gekürzt) in Bild und Wortlaut:

rita anna tüpper beim vortrag
“Ich darf Sie, liebe Damen und Herrn, an die hier präsentierten Arbeiten des Grenzforschers Marcel Crépon heranführen, an die Präsentation seiner Texte, Objekte, Videoinstallationen und Fotografien. Was Sie hier sehen, scheint er aber – so habe ich ihn verstanden – als Werk eines Flusses, des Rheines nämlich, zu betrachten. Er selbst „fischt“ die Objekte und Geschichten quasi nur heraus aus dem Strom des Wassers und aus dem Zeitstrom der Ereignisse um den Rhein herum. Erlauben sie mir zu diesem unkonventionellen Ansatz vier kurze Bemerkungen.

1. Die Präsentation
Vor Ihnen befinden sich Exponate, die Crépon als Grenzforscher – der Rhein ist seit Jahrhunderten eben auch eine Grenze zwischen Nationen – an den Ufern des Rheines aufgelesen und Fotografien, zu denen der Rhein ihn inspiriert hat, zudem Objekte, zu deren Zusammenstellung ihn der Fluß und die ihn umgebenden Geschichten bewogen haben. Genau genommen sind alle sichtbaren Gegenstände hier Elemente von Geschichten, also narrative Details, die nicht für sich allein stehen, sondern erst im Kontext ihres Narrativs, ihrer Erzählung lebendig werden.
Ich bitte Sie daher, sich die Zeit zu nehmen, die Objekte näher zu betrachten und dabei zugleich in die sie umgebenden Geschichten einzutauchen.
Es ist durchaus ungewöhnlich, dass ein lebender Akteur von nicht sehr hohem Bekanntheitsgrad bei seiner eigenen Ausstellungseröffnung nicht anwesend ist. Dies wirft ein Schlaglicht auf die Prioritäten, die Crépon setzt: Es geht ihm, einfach gesagt, um die Erzählungen und nicht um den Erzähler.
In der gegenwärtigen Kunstszene ist es nicht ganz leicht, vergleichbare und ebenso radikale wie spielerische Positionen der Zurücknahme des künstlerischen Subjektes zu finden, um Crépon doch ein wenig und vage in einen kunstzeithistorischen Kontext stellen zu können – nicht nur, weil diese Szene schwer zu überblicken ist. Als Referenzgröße lässt sich natürlich immer die documenta in Kassel als größte internationale Ausstellung der Gegenwartskunst heranziehen und das scheint hier und jetzt mit Blick auf die documenta 14 nicht ganz verfehlt.
Bei aller Kritik an der documenta des letzten Jahres interessiert doch das in den öffentlichen Medien untergegangene Prinzip ihres Kurators Adam Szymczyk, Kunst nicht durch Erklärungen zu Tode zu definieren und den ausgestellten Arbeiten ihr Unsagbares zu lassen. Er wollte zudem die Einheit von Zeit, Ort und Raum aufbrechen – ich habe hier nicht zu entscheiden, ob dies durch die Teilverlagerung nach Athen gelungen ist, aber der Anspruch spiegelt ein wichtiges Phänomen gegenwärtiger Lebenswelten, deren Zeiten, Orte und Räume verschwimmen; jedenfalls scheint mir dieses Vorhaben in der heute eröffneten Ausstellung der Absurden Phänomene des Realen umgesetzt worden zu sein. Denn, was Sie hier sehen, sind tatsächlich gleichzeitig konkrete Objekte vor Ort als auch im Blog rheinsein.de, also im Internet weiterströmende digitale Elemente und zudem Erinnerungsstücke verschiedener Geschichten und Berichte aus diversen Jahrhunderten.
So verwundert es nicht, dass die hiesige Präsentation ausgerechnet an einen Raum der documenta-Halle in Kassel erinnert, in dem 2017 des verstorbenen afrikanischen Musikers Ali Farka Touré gedacht wurde, bekannt als „König des Wüsten-Blues“. Denn neben der dort dauerhaft zu hörenden Musik Tourés waren dokumentarische Materialien wie Plattencover, Kleidungsstücke, Brillen, Instrumente etc. unprätentiös versammelt und verwiesen in ähnlicher Weise auf das Musikerleben Tourés wie die Créponschen Objekte auf den Rhein.
Ein abseitiges und offenbar unbeabsichtigtes und doch sehr passendes Detail in diesem Zusammenhang ist die Tatsache – nachzulesen in der Fachzeitschrift „Kunstforum“ vom August/September 2017 – dass die Ausstellungsmacher vergessen haben, den Namen Ali Farka Tourés in der Liste der documenta-Künstler aufzuführen. Dort findet sich dagegen der Name desjenigen, der die Erinnerungsstücke zusammengestellt hat. Wie die Musik Tourés führen die Geschichten und Objekte Crépons hier und auf rheinsein ihr Eigenleben und versprühen ihren Zauber ohne irgendeiner Zuordnung zu unterliegen oder der Präsenz oder Hervorhebung ihres Schöpfers zu bedürfen.
Was bei der documenta das passende Zufallsergebnis einer Unaufmerksamkeit war, scheint bei Crépon zum Kern des Konzeptes zu gehören, denn es enthält, sehr einfach gesagt, die Aufforderung: Schaut nicht auf mich, sondern auf den Fluss und sein Treiben!

2. Der Titel
Hier sind wir beim zweiten und vielleicht schwierigsten Punkt, dem Ausstellungstitel: „Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluß“ – ein Zitat von Marcel Crépon selbst, das ursprünglich die Situation einer Reise an den Rhein im Nebel beschrieb.
Jetzt aber löst er den Satz aus dem Zusammenhang und mutet uns Besuchern damit die Paradoxie zu, etwas ausdrücklich Unsichtbares offenbar zum Thema einer sichtbaren Ausstellung gemacht zu haben: „Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluß!“ – Etwas verständlicher wäre im ersten Moment die umgekehrte Logik: Wo der Fluß fließt, dort ist nichts zu sehen! Das erscheint irgendwie plausibel, denn das Fließen selber ist ja nicht wahrzunehmen, sondern nur seine Begleiterscheinungen: Wellen, Wasser, Treibgut, Schiffe, Lichtspiegelungen.
Die Umkehrung aber – Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluß – bringt ins Grübeln, scheint gewagt, fast spirituell. So herum bezieht sich der Satz zunächst einmal auf all das, was sich gerade der Wahrnehmung entzieht. „Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluß“ kann auch bedeuten, dass sich alles dieses, der Wahrnehmung Entzogene in einem permanenten Fließen befindet. Ist der Rhein als Zentrum des Wirkens von Crépon folglich die konkrete Gestalt und Metapher eines Gedankens am Beginn unserer Kulturgeschichte, der damals bereits von den Zeitgenossen als abseitig empfunden wurde?
Heraklit von Ephesos beschrieb vor ca. 2500 Jahren die Auffassung, dass sich die gesamte reale Welt in einem ständigen Prozess des Werdens und Wandels befinde, in dessen Verlauf auch scheinbare Gegensätze in einer größeren, dynamischen Einheit verbunden seien; damit stellte er sich völlig außerhalb aller damals anerkannten philosophischen Schulen und beabsichtigte auch nicht, eine eigene zu gründen. „Panta rhei“ – Alles fließt – auf diese Formel brachte man später seine Gedankengänge – und dieses Prinzip lässt in sich keine gesicherten philosophischen Aussagen über die Wahrheit oder Wirklichkeit zu, da diese stets mit Worten etwas festhalten wollen, was sich aber nach Heraklit eben diesem Zugriff entzieht. „Wer in dieselben Flüsse hinabsteigt, dem strömt stets anderes Wasser zu“ heißt es in den 137 erhaltenen Fragmenten. Das, was als dasselbe erscheint, ist es also doch nicht, es ändert sich in jedem Augenblick. Diese Änderung sehen wir nicht, wir nehmen die festen, vermeintlich identifizierbaren Ufer in den Blick. Tatsächlich aber steigen wir nicht zweimal in denselben Fluss. Heraklit wurde „der Dunkle“ genannt – ist Crépon in einem ganz ähnlichen Sinne „der Neblige“?
Steht also Crépon mit einem Bein zwar im gegenwärtigen Kunstgeschehen mit dem anderen jedoch in der mit Paradoxien spielenden Gedankenwelt Heraklits? Auch das ist nur eine Frage und mögliche Annäherung über den Titel der Ausstellung, die vielleicht deutlich machen kann, wie schwer Crépon mit historischen Kategorien beizukommen ist, und inwiefern er sich als unzeitgemäßer Zeitgenosse zu verstehen scheint.
Den Titel der Ausstellung hat Crépon selbst gewählt und führt uns so über seine gedankliche Flussparadoxie sowohl an den konkreten Fluss, den Rhein, heran als auch an den digitalen Strom von rheinsein, dem Blog, dem wir alle öffentlichen Äußerungen Crépons verdanken.

3. Das Medium
Seit 2013 tauchen die Stücke Crépons auf rheinsein auf und treiben hier in einem digitalen Strom weiter. rheinsein ist eine literarisch basierte Hybridform um Faktisches und Poetisches zum Thema Rhein und zugleich eine stets wachsende Sammlung rheinischer Kulturgeschichte im Internet. Formal ist rheinsein ein klassisches Weblog, das der Kölner Schriftsteller Stan Lafleur angelegt hat, gestaltet und weiter entwickelt. rheinsein schichtet und kreuzt unterschiedliche Textsorten, Bild- und Tondokumente, archiviert sie gleichzeitig und stellt sie für Ergänzungen und Kommentierungen bereit. In dieser ständigen Fortentwicklung und Änderung gleicht der Blog selbst einem digitalen Fluss, der sich aber mit analogen Welten verbindet. Das geschieht, indem er nicht nur deren Geschichten, Eindrücke und Objekte aufnimmt, sondern auch umgekehrt in die analoge Welt hineinwirkt. Aus dem rheinsein-Datenpool entstehen literarische und künstlerische Derivate wie Bücher, Hörspiele, Lesungen oder – wie nun hier – Ausstellungen.
Ein besonders aufschlussreiches Derivat ist die 2014 in Buchform erschienene „Rhein-Meditation“ von Stan Lafleur selbst, ein Stück poetischer Prosa, das in Teilen den eigenen Einlassungen Lafleurs auf rheinsein entnommen wurde und das er durch weitere Textelemente ergänzt hat. Die Rhein-Meditation lässt ahnen, so meine ich, warum sich Crépon gerade in rheinsein der Öffentlichkeit zuwendet und warum umgekehrt Lafleur gerade diesen Gastautoren besonders schätzt und – gemeinsam mit Karin Meiner – zu einer Ausstellung aufgefordert hat; mit der bemerkten Geistesverwandtschaft soll jedoch keineswegs unterstellt werden, dass Crépon die Rhein-Meditation gelesen hat. Dies ist zwar durchaus möglich, aber ungewiss.
„Seit ich denken kann“, so Lafleur, „vielleicht sogar noch länger, lebe ich am Rhein. Mittlerweile ahne ich: er durchfließt mich, mehr noch, ich halte es für möglich, dass er mir mein Leben vorgibt. Immer wieder lockt er mich an seine Ufer. Ich sehe seine Wasser strömen. Fließendem, wallendem Wasser wohnen beruhigende Kräfte inne. Starre ich auf den Rhein, strömt er anstelle meiner Gedanken weiter.“
Lafleur schildert die Wechselwirkung von Gedankenströmen mit der von ihm so genannten „stillsitzenden Flussschau“, die das Festhalten an irgendwelchen Grundsätzen unmöglich mache. Ein solcher Flussmeditierender erscheint – sowohl in seiner leibhaftigen Person als auch mittels seines Blogs – als ideales Medium für den Grenzforscher Crépon: Begriffsgrenzen, Grundsätze, ja auch das Begreifen selbst geraten in Fluss und entschwinden.

4. Der Geist
Das Motiv des Flusses und die forschende, schildernde, erzählende, fischende Konzentration auf das Fließen fordert die Assoziation zu Fluxus geradezu heraus, einer Kunstrichtung, die sich seit den 60er Jahren auf das lateinische Wort „flux“ von fluere bezieht, das fließend und vergänglich bedeutet. Sie stellte, vereinfacht gesagt, den schöpferischen Akt in Form von aktionskünstlerischen Ereignissen heraus, um so das lebendige Schaffen dem Fetisch Kunstwerk und der Verdinglichung des Künstlerischen entgegenzustellen. Wie der Dadaismus war Fluxus auf die Auflösung des hergebrachten Kunstbegriffes gerichtet. Geht es Crépon und Lafleur auch offenbar nicht um Protest und Umwälzung durch das Fließende, sondern eher um seine poetische Betrachtung, lassen sich doch auch hier hilfreiche Verbindungslinien ziehen, denn: Die Flussschau reißt das Verhärtete und Kommerzielle zwar nicht so furios mit sich wie eine überschwemmende Fluxusaktion, höhlt es aber doch subtil aus und führt zu einem ähnlichen Ergebnis, ganz im Geiste von Fluxus. Allerdings würde der Feder Crépons oder auch Lafleurs – behaupte ich – niemals ein Fluxus-Manifest wie jenes von George Maciunas entspringen, denn seine Grundsätze würden sich in einer stillsitzenden Flussschau auflösen oder durch Wasserflecken auf dem Papier verschwimmen.
Crépon und Lafleur, so meine These, stellen Fluxus mit ihrer Rheinprosa, ihrem Rheintreibgut, ihren reinen Rheingedanken vom Kopf auf die Füße – oder von der kunsttheoretischen Hängebrücke aufs reale Floß. Sie verfolgen, so kann man es vielleicht für einen Moment beschreiben, eine der Natur verbundene, naturalistische, um den echten Fluss erweiterte Fluxus-Idee, in der das Denken und ein physisches Sein und Fühlen zusammenfließen.
Crépon stellt hier unter anderem einen Holzrahmen mit drei völlig gleich aussehenden Gläsern aus, das eine mit Rheinwasser von oberhalb des Rheinfalls von Schaffhausen, das zweite mit Wasser aus dem Moment des Fallens und ein weiteres mit Rheinwasser von unterhalb des Rheinfalls. Er behauptet, dergestalt Zeit verkaufen zu können – eine gleichermaßen witzige wie weise Anmerkung zur Vergänglichkeit, zur Unmöglichkeit Zeitabläufe und Lebensströme zu erfassen und sichtbar machen zu können.
„Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss“ – lassen Sie sich ein wenig treiben, meine Damen und Herrn, liebe Kinder, zwischen den Exponaten und der Präsentation des Blogs rheinsein.de, in den Sie hier ebenso eintauchen können.
Der reale Rhein ist sichtbar, nicht aber das Fließen, das ihn erst zum Fluß macht – es scheint absurd, solange wir es zu greifen und zu begreifen suchen!”

Das erste Mal

Vergangenen Herbst, als sich die aktuell im Kunstpavillon Burgbrohl stattfindende Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss zu Marcel Crépons außergewöhnlichen, bisher einzig auf rheinsein dokumentierten Rhein-Erkundungen und unterwegs erworbenen Fund- und Sammelstücken abzeichnete, übermittelte uns der Autor (1) mehrere Materialsendungen, die “einen bestimmten, vergangenen und eigentlich nicht wiederholbaren Rhein” in Wort, Bild und Artefakt beinhalten: ein per Mail und klassischer Post portionsweise eingelangter, im Bernstein menschlichen Ausdrucks eingeschlossener Fluss, aus dem wir mit Hilfe des ausstellungserfahrenen Kölner Künstlers und rheinsein-Korrespondenten Roland Bergère behutsam eine Auswahl trafen, die dem Rahmen einer öffentlichen Präsentation gerecht werden soll.

Wir flankieren die analoge Ausstellung mit einem April-Block erstmals veröffentlichter Créponica. Zu diesem Konglomerat gehört der Text Das erste Mal. Er handelt von Erinnerungen und Ausführungen zu den Abenteuern eines jungen Mannes, der sich mittlerweile in seinen frühen 60ern befinden dürfte. (2) Seinerzeit angestiftet von einem älteren Ehepaar, begibt sich Marcel Crépon auf seine erste Rheinreise, wahrscheinlich zugleich seine erste Auslandsreise. Seine Deutschkenntnisse sind zu diesem Zeitpunkt im Anfängerstadium. Für den jungen Mann ergeben sich erstaunliche, unübersichtliche Szenerien, die gleichwohl den Auftakt zu einer unbestimmten, aber erklecklichen Zahl weiterer Erkundungen teils unter den absonderlichsten Aspekten geben, die bisher zum “Rheinreise”-Topos niedergelegt wurden.

***

Liebes rheinsein,

Einem Fisch im Aquarium gleich, der sich fragt wie die Wesen jenseits der Scheibe bloß überleben können, stand ich am Fenster, zog an einer Zigarette, und starrte durch das Glas, während eine verirrte Biene hilflos um meinen Kopf herum summte. Es dämmerte. Aus dem gerade ausgepusteten Rauch schienen zwei Gestalten hervorzutreten. Zunächst als recht unförmiges Etwas, dann als Körper, welche einige Quadratzentimeter des Bürgersteigs in Anspruch nahmen: bescheidene Pfützen, in denen sich jedoch das Unermessliche von Zeit/Raum eines bald abgelaufenen Lebens verdichtete. Er in einen Rollstuhl gekrümmt, sie über ihn gebeugt, so als ob sie an ihn geschweißt oder genäht worden wäre. Sie hielt die Lehne fest, schnaufte und schob. Langsam gingen sie, so langsam, dass das Tempo der anderen Passanten und Verkehrsteilnehmer in der Wahrnehmung beschleunigt erschien. Vielleicht bewegten sie sich überhaupt nicht von der Stelle, während die Welt sehnsüchtig nach Sinn um sie herum raste.
Genau dengleichen Endruck hatte ich bereits zuvor einmal empfunden, vor Jahrzehnten, als ich in die Wohnung der Velloins eintrat. Monsieur Velloin saß in einem abgenutzten Ledersessel. Ein Schleudersitz, dachte ich, der ihn jeden Moment ins Jenseits katapultieren könnte. Hinter ihm stand Madame, dünn und trocken wie ein Blatt Pergament, das man vergeblich  zu zerreißen versuchen würde. Beide strahlten die Unerschütterlichkeit des Dreisatzes aus. In der Wohnung fand ein Kampf zwischen Licht und Schatten statt: schwer zu erkennen, ob die helleren Flächen die dunkleren zu verschlingen drohten oder umgekehrt. Wie auch immer. Der Grund meines Besuchs war nicht, darüber zu richten. Monsieur Velloin war Lehrer gewesen, von der Sorte, die die “écriture républicaine” als Zeichen der Einheit zwischen Geist und Körper verstand, und seine Schüler mit wohlwollendem Sadismus vor arithmetische Probleme stellte: “Ein vraquier verlässt den Hafen mit 2545 Tonnen Sand im Frachtraum, in verschiedenen Anlaufhäfen lädt er 7,5 Prozent seiner Fracht ab. Wie viele Häfen muss er besuchen, bis von seiner Ladung nichts mehr übrig ist?” Seine bevorzugten Fächer waren jedoch Geographie und Geschichte. Große Achtung hatte er vor Sebastian Münster, vor seiner Leistung, es geschafft zu haben, die gesamte Welt zu beschreiben, ohne sich dafür zu bewegen, oder doch zumindest kaum. Als Folge eines gerade noch überlebten Myokardinfarkts war Monsieur Velloins Bewegungsverminderung unfreiwillig. Zum Frührentner erkoren, nutzte er die geschenkte Zeit, um an seinem “Livre des ouï-dire” (Buch vom Hörensagen) zu arbeiten. Hunderte von Schulheften hatte er säuberlich und akribisch gefüllt mit Anekdoten aus der Stadt, Erinnerungen, umgeschriebenen Zeitungs- oder Zeitschriftenartikeln, zusammen getragenen Fernseh- und Rundfunkmeldungen, kurz: Klatsch und Tratsch aus aller Welt. Für die Illustrationen war Madame Velloin zuständig. Ihre Inspiration fand sie in alten Schulbüchern, deren bunte Abbildungen sie geschickt nach Bedarf umzeichnete, transformierte, aquarellierte. Nun wollte sie etwas Moderneres wagen, auch wenn sie keine genaue Vorstellung davon hatte. Was sie bereits probiert hatte, holte sie aus einer Schublade hervor. (Die Probe durfte ich später zur Inspiration mitnehmen.)

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Es sei nur eine Idee, also nicht fertig, betonte sie. Ein Foto hatte sie aus einer Schweizer Touristik-Broschüre ausgeschnitten, und eine ihrer Zeichnungen darauf geklebt. Das Model dafür war eine Abbildung aus einen alten Katalog des Auktionshauses Druot. Ein Arzt, ein guter Freund ihres Mannes, hatte eines Tages von einem Bericht erzählt, den er im Archiv des Krankenhauses, in dem er tätig war, gelesen hatte. Der Verfasser beschrieb den Fall der Madame L. Als er sie zum ersten Mal sah, lag sie regungslos und zwar buchstäblich im Dreck. Nach einiger Zeit stellte er fest, dass sie hochgebildet war. Sie war fest davon überzeugt, in Rheinnähe geboren zu sein, wo sie, ihren Angaben zufolge, Opfer von Soldaten der Revolutionären Armee wurde. Sie schilderte mit schwindelerregender Präzision wie zwei engelsgleiche Volksvertreter der Rheinarmee den Befehl erteilt hatten, ihr den Kopf einzuklemmen und damit unwiderruflichen Schaden verursachten: für immer, so Madame L., seien dabei ihre moralischen Empfindungen verloren gegangen. Als die Armee von Bitche in Richtung Landau marschierte, blieb allein das ”ekelerregende Wesen L.” zurück. Ihr Versuch, sich im Wasser zu reinigen, war erfolglos geblieben, was ihr verwahrlostes Erscheinen erklärte. Das Bild, so Madame Velloin, stellte den Augenblick dar, in dem L. das Eintreffen der Armee wahrnahm.

Madame Velloin bat mich, einige photographische Hintergründe für sie zu realisieren, die sie als Vorlagen verwenden wollte. Dafür hatte sie eine Wunschliste verfasst, die sie mir überreichte. “Der Rhein ist der Fluss der Träumer,” sagte sie lächelnd, “träumen Sie also, lassen Sie Ihr Objektiv träumen, und sparen Sie sich die von Hugo zu Tode beschriebenen pittoresken Landschaften.” Das waren Worte! Mit einem bezwingenden “Nehmen Sie!” drückte sie mir eine Interrail-Fahrkarte in die Hand, sowie einen Briefumschlag, den ich unbesehen einsteckte. Der wahre Historiker fragt nicht nach Sinn oder Unsinn der Dinge, sondern geht einfach der Sache nach. Ich war jung, es war Sommer, ich würde fremde Länder besuchen und den Rhein sehen – warum nicht?
Schon am Anfang der Reise meldeten sich zwei Legenden, die zwar mit dem Fluss in keinerlei Verbindung standen, jedoch in meiner Erinnerung geblieben sind, weil ich kurz vor seiner Überquerung und kurz danach Notiz von ihnen nahm. Die erste hob sich in höchste Höhen empor, auf Nimmerwiedersehen in die Tiefe fiel die zweite. Beim Verlassen des Zuges in Mülhausen hatte ein Reisender ein Musik-Magazin auf seinem Sitz liegen lassen: nicht darin zu blättern wäre töricht gewesen. Es enthielt einen Bericht über die Sex Pistols wie sie das silberne Thronjubiläum der Königin mit einer lärm- und bierreichen Ehrenrunde auf der Themse gefeiert hatten. Im muffigen Fernsehzimmer der Pension, in der ich später Unterkunft gefunden hatte, lief ein Western, als Andenken für den frisch aus dem Leben geschiedenen Elvis Presley. Fröhlich bunt hatte London im Magazin ausgesehen. Recht verschneit dagegen Texas, des schlechten Empfangs wegen.
- Der King is’ tot, kommentierte einer der Gäste, und nippte an seinem Bier.
- So isses, bestätigte ein anderer, mit seinem Schaum gurgelnd.
- Der King of Rock’n'Roll…
- Trotzdem reingefallen.
- ???????
- Ins Todesloch…
”In den Rhein gefallen”, hatte ich verstanden. Im Rhein ertrunken war also Elvis. Dachte ich. (Aufgedunsen wie er war, hätte er doch eigentlich schwimmen können.) Wie die Party in die Themse gefallen war, nach Intervention der Bobbies. Breit und kräftig trug der Fluss beide Legenden mit seiner Strömung fort, das Vergangene und das Aufgehende, um sie später in der Nordsee mühelos auszuspeien, bei seiner eigenen Entlassung in die weite Welt des offenes Meeres.
Ich setzte meine Reise fort, als stiller Peregrinus, den Fluss entlang, so nah als möglich an seinen Ufern, einen Monat lang, mal in der damals noch so genannten BRD, mal in Frankreich, mal in der Schweiz oder sogar in den Niederlanden, gebeugt über meine Brownie Flash, in deren Sucher die Welt verkehrt herum aussah. Hier und da schoss ich Photos, immer 12 Aufnahmen. Dann wechselte ich die Filmrolle aus und setzte die Jagd nach Motiven fort. Den Wünschen und Anweisungen Madame Velloins nachzugehen erwies sich mehr als schwierig, denn genauer betrachtet war ihre Liste ein fein zusammen getragenes Durcheinander.

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Die daraus resultierende Verwirrung festzustellen war eine Sache, damit umzugehen eine andere. Glücklicher Carpaccio, der einfach und gekonnt venezianische zu rheinischen Gebäuden ummalte, die Kronen der Feinde der Republik als kölnische Wappen umdeutete, ottomanische Krieger hinter Hunnen versteckte. Ein Armbrustschütze zielte auf einen Vogel, eindeutig war die Botschaft: für die Heldin der Légende Dorée bedeutete es schlicht das Massakriertwerden. Ruhig und glatt lag der Rhein im zarten Lagunenlicht. Frühmorgendunst. Es war Herbst. Es war Sommer und als ich den Hauptbahnhof verließ, schlug mir die erdrückende Luft eines bald darauf ausbrechenden Gewitters ins Gesicht, während herumziehende Männerbünde mir die Ohren mit ihrem Gegröhle vollstopften. Vom Gewölbe der Hohenzollernbrücke geschützt wartete ich und bezüglich der Ankunft Ursulas hatte ich keine Frage mehr. Nun, welcher Hintergrund passte zu “Et quos nascentes explorat gurgite Rhenus” oder “Rheni mihi Cæsar in undis / Dux erat, hic socius, facinus quos inquinat, æquat”? Mein Latein, liebes rheinsein, ist schon beim Aufschreiben der Worte am Ende. Und was halten Sie von einer 1609 Meter langen Brücke des Heiligen Geistes, welche angeblich von Brückenbrüdern über dem Fluss erbaut wurde? Würden Sie das Biotop der Ephemera longicauda erkennen? Und das des Misgurnus? Wann läßt der Barsch sich sehen, wo versteckt sich die Mulette? Die Strecke, welche d’Enghien von Bingen aus schwamm, um seine Geliebte in Rüdesheim zu besuchen, wäre noch zu erkunden und photographisch festzuhalten, schwieriger nur der Weg, welchen Harpalos auf Bimsstein zurücklegte, wie ein gewisser Dr. Müller einst schilderte. Wo ein Laufkäfer weilt, sind die Ägypter nicht weit. Laut Voltaire gab ihre Lieblingsgöttin Paris seinen Namen, verehrt wurde sie von den dortigen Schiffern, die ihren Kult, samt anderen Waren, zu ihren Kollegen ans Rheinufer paddelten. Kulissen für die dabei praktizierten Rituale brauchte Mme Velloin selbstverständlich auch. Augenentzündungen kuriert der Philosoph übrigens mit einem Cocktail aus Maas-, Weser-, Elbe- und Rheinwasser, eine passende, magische Quelle musste also her. Natürlich durfte das Geburtshaus Sebastian Münsters nicht fehlen, ebenso wenig adäquate Schauplätze für Poum, den Polizeihund (sic!). Aufgelistet war desweiteren ein geeigneter Hintergrund für die Strandidylle der Schwanenritter und die schöne Kleverin – Lohengrin ließ also ebenfalls grüßen, oder sein Cousin. Puzzolanerden, Rhein-Pottasche, oberbergisches Lignit sollten als Gedächtnisaufbewahrer und damit als Geschichtenerzähler erkundet und unter die Lupe bzw. das Objektiv genommen werden, nicht zu vergessen das Echo, welches ein Ton 17 Mal zu wiederholen imstande ist. Über den geistigen Zustand Mme Velloins stellte ich mir, wie gesagt, keinerlei Frage, sondern suchte pragmatisch nach Lösungen, ihre Bitten zu erfüllen.
So versuchte ich, an diesen fliehenden Wassermassen abzulichten, was sie inspirieren könnte, auch das, was an ihrer Oberfläche schwamm, schimmerte, navigierte, abtrieb, schäumte, auftauchte, versank, sich spiegelte, wellte, von links rückwärts geschaukelt nach vorne rechts gezogen zickzackte, wippte, was an den Ufern schwappte, wuchs, gedieh oder unter der Augustsonne verdorrte, abblätterte, verblichene Palisaden, schattige Promenaden, dichte Gebüsche, zu Tode urinierte Grasflächen. Auf Brücken stand ich, dem Vertigo trotzend, um ganze Panoramen zu erfassen, welche aufgrund der geringen Brennweite meiner Kamera höchstwahrscheinlich Eisenbahn-Landschaftsmodellen ähneln würden. Wie unentbehrlich Reisen für die allgemeine Bildung ist, bewies die Symbiose zwischen dem französischen ”pays-bas” und der Niederlandschaft, die ich für das Porträt eines holländischen Offiziers G. Courbets auswählte.
Auf der Rückfahrt in erhöhte Gefilde trat eine Frau ins Abteil, in dem ich halb im Schlaf zu rekapitulieren versuchte was ich alles schon im Kasten hatte. Sprachbrocken und Handzeichen gestatteten eine Art wackeliger Unterhaltung. Meine Kamera lieferte genügend Informationen für den Grund meiner Anwesenheit im Zug, auch wenn der Zweck für sie recht mysteriös blieb. Ihrerseits erzählte sie – besser gesagt: ich glaubte zu verstehen, dass sie es erzählte –, sie käme aus der Nähe eines vulkanischen Sees. In der Umgebung wußte sie eine Stelle, an der eine Art Lachgas aus der Erde entweichen würde, womit sie und ihre Freunde sich genüßlich berauschten. Was die Skizze, die sie trotz des ruckelnden Abteilwagens in mein Notizbuch kritzelte, mir verdeutlichen sollte.

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Spuckte ein Ufer eine Legende aus, fing das andere sie ab und schickte sie zurück. Und so ging es weiter und weiter, doch besaß der Interrail-Fahrschein die gleiche Eigenschaft wie das Chagrinleder. Je mehr ich davon Gebrauch machte, desto weniger Zeit blieb mir, ihn zu verwenden. Kurz: ich trat die Rückfahrt an – bis zur Wohnung der Velloins. Darin war der Schatten zu Licht und dieses zu Schatten geworden, wenn ich mich recht erinnere. Die belichteten Filmrollen übergab ich Mme Velloin. Mr. Velloin rieb sich die Hände, tunkte seinen Federhalter in ein Tintenfass aus Porzellan und schrieb sorgfältig neue Einträge nieder.
Nun, liebes rheinsein, Sie werden sich bestimmt fragen, ob die Fotos, die ich damals schoss, ihren Zweck erfüllt haben? Ich erfuhr es nie. Einen Tag nach Abgabe der Filmrollen verließ ich die Stadt und kehrte nie wieder dorthin zurück.

In Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,
Ihr Marcel Crépon

***

(1) Berufsbezeichnungen wie Autor gefallen Marcel Crépon nicht sonderlich. Wenn es sich schon nicht vermeiden ließe, schrieb er in einer seiner wenigen, stets überaus kurz gehaltenen Repliken auf unsere Nachfragen, möge er als Grenzforscher oder Sammler von Situationen angekündigt werden.
(2) Marcel Crépon gibt über seine Person so gut wie keine direkte Auskunft. Ob seine Verweigerung biografischer Daten aus Scheu, Konzept oder sonstigen Gründen rührt, ist rheinsein nicht bekannt. So sehr wir diese Haltung respektieren, kommen wir hinsichtlich der Ausstellung nicht umhin, einige Spekulationen über den Autor (denn ein solcher ist er, auch wenn ihm die Wortwahl nicht behagt) anzustellen, die sich aus verstreuten Indizien zusammen puzzeln lassen.

Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon (4)

Manchmal bin ich überrascht, sehr verschneite Gedanken zu formulieren. Die Meteorologie des Geistes ist das Wetter wert.

Andere Male höre ich Texte, ohne den Inhalt zu erfassen, weil sie in einem anderen Raum zum Ausdruck kommen. Manchmal sind es Steine, die einer nach dem anderen fallen, manchmal ein ganzes Stück Mauer, das abstürzt. Es ist dann möglich, den Zustand des Verfalls zu messen, an dem die Beziehung zwischen zwei Wesen angekommen ist.

Es gibt nichts. Die Wellen versuchen, durch unendliches Gähnen für Abwechslung zu sorgen, mit etwas schmutzig-gelbem Schaum auf den Lippen, der für eine Weile auf dem Sand haften bleibt.

Der leere Horizont, die flüssige Ausdehnung zwischen mir und ihm, die hektische Oberfläche, sogar aufgewühlt, aber leer, ein verlassener, aber nicht öder Raum, leer, aber weder so groß, wie wir ihn sehen, noch so voll, wie wir es gern gehabt hätten, vorausgesetzt wir hätten ihn füllen wollen. Zu viel des Nichtgenug, des Nichtgenügens zu viel, nicht viel, aber genug um wegzugehen. Zu gehen heißt, woanders hinzugehen, weit ins Leere, das man eigentlich in der Reichweite seiner Hand hat. Zu gehen bedeutet sich zwingend vorzustellen, dass die Leere dort erträglicher sein wird als die Leere hier. Das Aberwitzige der Exotik, das ist es.

Nun, abgesehen vom Meer gibt es am Meer nicht viel zu sehen.

Das Meer ist also wüstenartig, bis zum Horizont, dieses “dort”, das die Menschen anzieht, sie dazu bringt, es sich anzusehen, oder zum Jenseits dieser Linie zu streben, die sie zu ihren Füßen haben, vor ihren Augen: die Leere. Manche gingen, oder gaben vor, ohnehin zu gehen, ich weiß nicht wohin, blieben aber zu Hause. Sie dachten wohl, in dem sie nicht gingen, wohin sie vorgaben zu wollen, sie würden die Unsterblichkeit erlangen. Man stirbt auch wenn man nirgends hin geht, das ist ein Vorteil, vielleicht (24).

Von diesem Meer, aus dem wir kommen, in das wir gehen. Wer weiß, ob nicht doch irgendwas dabei herauskommt, wenn wir es imitieren? Auch wenn es im Grunde bleibt, wo es ist. Sich bewegt? Das ist das Kunststück des Meeres: Sich zu bewegen, ohne abzuhauen. Deshalb ahmen wir es nach. Das Ergebnis lässt zu wünschen übrig, weil wir doch ständig die Segel setzen.
Man fragt sich, warum diejenigen, die am Meer leben, über den Horizont hinaus fahren, um die Leere zu entdecken, die an ihren Fingerspitzen klebt. Sie gehen nicht, sie navigieren. Und wenn sie nicht navigieren, navigieren sie auf eine andere Weise. Sie gehen zum Beispiel. Beine, schließlich sind sie auch dafür gut. Das sollte man nicht vergessen. Wir vergessen viele Dinge, seien wir ehrlich, und wir erinnern uns nicht sehr an das, woran wir uns erinnern.

Wir können genauso wenig das sein, was wir waren, wie das sein, was wir sein werden. Es ist notwendig, die Zeit oder die Zeiten zu respektieren. Niemand benutzt den Indikativ für das Imperfekt, noch dieses für die einfache Zukunft. Es gibt Regeln, die Konkordanz zwischen den Zeiten: In der Schule war es leichter etwas zu sagen als zu schreiben, aber mit etwas Fleiß ging es. Vielleicht gehen wir deshalb so bereitwillig. Denn wenn wir gehen, haben wir den Eindruck, dass wir mit der Zeit übereinstimmen. Und wir sehen das Land, zusätzlich zu dem oder jenem, den wir im Kopf haben, und das sind auch oft diejenigen, die wir mehr als bei allem anderen beim Gehen sehen, was das Gehen umso erfreulicher macht und die Freude am Gehen steigert. Wenn wir in Länder gingen, die wir nicht im Sinn haben, würden wir uns dort nicht zurecht finden, wir würden uns verirren. Sehen, Beobachten, was wir nicht kennen, durch das, was wir kennen, ist eine ausgezeichnete Art sich zu orientieren.

Im Louvre, grafische Abteilung: Courbet, Frau liest in einem Boot (Rhein) – während des Aufenthaltes in F.?

Auf die Bilder von Eimern zeigend, sagte er, sie würden ihn an Türme erinnern. Kurz, ich baute nichts weniger als eine Stadt. Er hatte Architektur studiert, also musste er Ahnung haben. Und dann fügte er hinzu, dass mehr an als Türme, die Eimer ihn an Pyramiden denken ließen, aber umgekehrte. Menschen haben Fantasie. Hätte er sie mit Kathedralen, mit der Atlantikmauer oder mit dem Bahnhof von Luçay-le-Mâle verglichen, hätte mich das nicht weiter gestört.

Die Zeit war nie vor der Theorie verlegen, sie ging sofort zur Praxis über.

Eimer spielen nicht. Ich spiele nicht Eimer, wenn ich sie fotografiere. Ich bin die Eimer.

Das Kommen und Gehen der Welt, ihr Läuten, ihr Atem und ihre Asche finden sich vielleicht einen Augenblick in den Eimern wieder, bis zum Moment, in dem auf die Kamera-Auslöser gedrückt wird. Sie enthalten dann nichts. Sie sind so leer wie der endlich erreichte maritime Horizont, oder sie enthalten nur Zeit, innerhalb derer das Kommen und Gehen der Welt köchelt. Die Zeit der Eimer, die Zeit der Türme. Die Zeit bin ich, wenn ich sie fotografiere. Vielleicht könnte sie eines Tages zu einer Stadt werden, wie mein Freund sagte. Eine Stadt aus leeren Türmen.

Das Land, das wir im Kopf haben beim Gehen und dasjenige, das wir tatsächlich durchqueren.

Die französische Sprache ist so magisch wie schwierig. Sie spricht das Wort “Eimer” (seau) aus, das genauso “Sprung” (saut) oder “Siegel” (sceau) oder “dumm” (sot) sein kann, wobei letzteres derjenige ist, der nicht zu unterscheiden vermag, was was war. Einen Sprung in den Eimer machen zu wollen, ist das Siegel des Narren (25), wiederholte die Lehrerin, ein Axiom, das uns sehr verwirrt erschien und uns von der gepriesenen Klarheit unserer Sprache entfernte. Um diese für sie ziemlich relative Dunkelheit auszugleichen, nutzte die Lehrerin ein Lineal aus Buchsbaumholz, dessen Kontakt mit der Epidermis unserer Finger einen kurzen, aber intensiven Schmerz verursachte, der in den meisten Fällen von beispielhafter Effizienz war. Die Klarheit der Sprache zeigte sich dann: Die Strenge der Schreibweise war weit weniger schmerzhaft als die von Holz.

Eines Tages traf ich einen Mann, der einmal mit einem Wassereimer gefoltert worden war. Nachdem sie ihn im Schneidersitz an den Stamm eines Sapotillbaums gebunden hatten, fixierten seine Wachen über seinem bereits rasierten Kopf einen mit Wasser gefüllten Eimer, dessen Boden sie durchbohrt hatten. Dann … ich erzähle es später, anderswo …

Auf dem Tisch liegen Objekte. Gegenstände in ununterbrochener oder flüchtiger Gegenwart. Runde und Rollen, offensichtlich eher ein Basar als bewiesene Unordnung. Dessen Schwankungen erinnern, wage ich zu behaupten, an die der Welt, oder sogar des Universums: alles aus Erscheinungen, Aufenthalt, Verschwinden.

Die Straßen und Bürgersteige als Tische betrachten, auf denen die abgelegten Gegenstände nicht an Ort und Stelle bleiben, um so weniger, da man selbst in Bewegung ist. Eine gesunde Aktivität ist es, zu gehen, die zudem den Vorteil hat, die Ausübung einer Aufzählung noch schwieriger, wenn nicht unmöglich zu gestalten. Wie lange können wir tatsächlich, ehrlich, die Daten aufsammeln, die wir brauchen, um eine Liste der Dinge zu erstellen, die links und rechts zu sehen sind, ohne dass letztere die ersten löschen? Wie wird man die mnemonische Bewahrung von einigen garantieren können, wenn man andere notiert? Zu sagen, dass es genügen würde, alles in einem Heft zu notieren, wäre optimistisch. Wie schaut man sich, während man schreibt, um? Wie schreibt man über das, was man sieht, wenn man sorgfältig darüber schreibt, und dabei nichts sehen kann? Der Schock des Zusammenpralls mit einem Laternenpfahl oder einem anderen Element der Stadtmöblierung würde eine klare Antwort ohne Anklage geben: man schafft es nicht. Ein Handy zu benutzen, um die Daten in Form von SMS zu erhalten, würde mich wahrscheinlich nicht viel weiter bringen.

Wir können sagen, nachdem man ihn [Heinrich Heine] gelesen hat: Es gibt keinen Rhein mehr (26)…

Und wenn der Blick ein paar Fenster streift, läßt sich der Geist von ihren Inhalten nicht aufhalten, noch besorgt das der Anblick dieses megalodon-ähnlichen Mannes, der wie gefangen in einem wahren Flechtwerk von Gegenwinden aufkreuzte, der mehr auf der Stelle trat als zu gehen, mehr brüllte als nachsang, was in seinen stereofonischen Kopfhörern gespielt wurde: eine Sonic-Farce, die ihn dazu brachte, mit desorganisierten Gebärden die Luft durcheinander zu bringen und in voller Ekstase die bombadierte Festungsmauer seiner Zähne zur Schau zu stellen, einem zum Amokläufer mutierten batteriebetriebenen Kaninchen gleich, das eine Trommel zu Tode schlägt…, dachte ich und kam am Bahnhof an.

Wir gingen an einem Wald entlang auf eine Reihe von Bäumen zu (Reste eines größeren Waldes?), die den Horizont unterzeichneten, welcher langsam vom Nebel wegradiert wurde. Wir hielten an. Wir gingen zurück zu der Baumreihe, hinter der der Fluss fließen sollte, den wir nicht erreichten, so dick der Nebel nun war, und dichter und dichter wurde, löschte er jegliche Idee eines Ziels. Was wir vor uns hatten, könnte ebenso leicht hinter uns liegen, dachten wir. So dicht war der Nebel.

***

(24) Es könnte sein, dass diesen Gedanken das Gedicht “Rondel de l‘adieu” von Edmond Haraucourt zu Grunde lag.
(25) Vouloir effectuer un saut dans le seau est le sceau du sot.
(26) Paul Foucher, Les coulisses du passé (Paris, 1873)

Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon (3)

Nichts mit dem Morgengrauen anfangen können, mit dem Tag, der ausbricht zwar, jedoch hinter den Vorhängen.

Sie rief eines Abends aus dem Süden an, wo sie lebte, da sie nicht mehr im Norden wohnte, der allerdings weder Norden, noch Süden war, sondern ein ungenaues Dazwischen, keineswegs geografisch. Der Raum zwischen dem Griff und dem Eimer, einen Kreisbogen ziehend, sich im Wasser reflektierend, oder auch nicht, wenn der Eimer nämlich leer ist.

Er ist so voller Geschichte, dass er dribbelt.

Und wenn wir, diesem im inneren England verlaufenen Seehund gleich, uns außerhalb unseres Lebensraums verirrt haben, wissen wir, dass es Züge gibt, die uns, auch wenn nur für einen kurzen Moment, in unsere Welt (hohe See) zurückbringen können.

Früh losgefahren, um die Dunkelheit so lange wie möglich zu genießen, bis das Skelett der Hochspannungsmasten präziser würde, während am Horizont erste Hügel sich trauten, durch den Nebel zu scheinen. Das Ziel war noch nicht voll erreicht, da wurde es bereits durch das Abfliegen der Langstreckenmaschinen angekündigt. Der von den Bahngleisen sichtbare Flughafen verschwand schnell hinter den Böschungen und kam dann kurz in Sichtweite zurück. Der Zug fuhr nicht mehr mit Höchstgeschwindigkeit, verlangsamte aber auch nicht wirklich. Und dann war der Bahnhof da. Und noch ein anderer. Den Parkplatz überqueren, die Brücke über den Gleisen betreten. Licht in einem strategischen Winkel: die Zusammenfassung eines Lebens, dessen drei Phasen die Einheit erfüllen, die der Tragödie eigentümlich ist, und für welche Blumenkompositionen vorgeschlagen werden, illustriert durch eine Blume, deren Grimasse einen ebenso zum Theater zurückbringt wie die berühmte Regel, die die Fortsetzung des Spaziergangs missbraucht und zur Explosion bringt. Bevor man tiefer in die Zeit eintauchen, in das Alphabet durchdringen wird (20), bis mindestens auf dieses Stumme (21). Zwischenhalt in einem Celtic, warum so viele Bar-Tabacs so genannt werden?

Ein Café: Au Carrefour. Es befindet sich an einer Kreuzung wie die Bar du Coin an der Ecke zweier Straßen, und das Café de la Place auf dem Platz zu finden sind. Alles ist in Ordnung. Die Kellnerin fegt den Boden mit ihrer Müdigkeit, verkündet, dass im Laden der Kaffee 2 Euro kostet, an einem Tisch in der Mitte des Raumes 1,50 Euro – “Und 1 Euro am Tresen?”, fragte ich. Wie ein Gummiband, das zu große Spannung nicht aushält, verkleinerte sich ihr Lächeln, nicht durch schlechte Laune, sondern durch eine Müdigkeit.

In einem der Ausstellungsräume (22) fand ich mich vor dieser Maxime bzw. diesem Sprichwort wieder: “Eines Tages oder an einem anderen muss man seinen Mut im Grabe nehmen.” Vorausgesetzt, man hat einen zur Hand oder besser immer noch unter dem Fuß, was nicht immer der Fall ist, was nicht der Fall war, in diesem präzisen Fall, viel präziser als diese Notizen, dieses Tagebuch, ich selbst… Welche “Präzision” gäbe es zu erwähnen, die mich betrifft? Sollte die Anzahl der Knochen, welche zur guten Leistung meines Skeletts beitragen, die Anzahl der Kilometer meiner Nerven und verschiedenen Gefäße, die Spannung meiner Hirnimpulse sie repräsentieren? Bleiben wir ernst.

Ein Tagebuch sollte nur beschreiben, was man tut, aber was nützt es, es zu schreiben, wenn man es doch tut? Und wieso es tun, wenn es genauso gut geschrieben werden könnte?

Stunden abschälen, öffnen, zerteilen, um die Minuten in einer Soße von Sekunden zu genießen.

Zwischen dem Eimer aus Plastik und dem aus verzinktem oder nicht verzinktem Weißblech gilt meine Vorliebe instinktiv dem zweiten. Der erste provoziert bei mir dasgleiche wie die Veröffentlichung der wahren Identität Godots in einer Zeitung.

Worte abnutzen, wie man das Geschirr spült: darauf achten, die Knochen von den Gräten, das Fett vom Mageren, die Samen vom Kern zu trennen, und alles im Waschbecken abzuspülen, um es sauberer zu vermischen.

Wieder dieser verstopfte graue Himmel, oder stummes Grau, das besonders die dunkle Kugel eines unbesetzten Nestes betont, auf der Birke, auf der linken Seite vor dem Balkon.

Im Halbschlaf dieser Satz, angeblich von Chateaubriand, welcher aber weder in seinen Memoiren, noch – na ja, nehme ich an – in einem anderen seiner Bücher zu finden ist: diese Franzosen mit dem Blick auf die Seiten konzentriert, wo sie hoffen zurückzukehren, um endlich an der Reihe zu sein und nach… [unlesbar]

Als ich ihm von meiner Absicht, eine kurze Reise zu machen, mitgeteilt hatte, antwortete er, ohne Fröhlichkeit oder Traurigkeit, dass das Alter ihm einen entscheidenden Vorteil verschafft habe: er verspürte nicht mehr die Notwendigkeit des Reisens. Warum Ruinen von verlorenen Zivilisationen sehen oder wiedersehen wollen, wenn man seine eigenen auf der Hand hält?

Alles wird nach und nach verwirklicht und auf ähnliche Weise verworfen, aber viel schneller.

Der Mann ging langsam, wie jemand, der sich nicht bewegen wollte, auch wenn er keine Wahl hatte. Den Kopf nach unten, schien er nicht der Bewegung seiner Füße zu folgen, sondern dem Bitumen, das unter seinen Sohlen hinweg rollte. In der einen Hand hielt er eine Plastiktüte, in der Glas und Metall fröhlich aneinander stießen, das zweite, um das erste zu brechen, und dieses verteidigte sich, so gut es konnte. In der anderen Hand verzehrte sich zwischen zwei Fingern eine Zigarette. Die ganze Zeit des Marsches (ich ging hinter ihm her), sah ich ihn nicht einen einzigen Zug nehmen. Vielleicht sollte sie dazu dienen, würde die Glut die Epidermis erreichen, den Mann zu wecken?

Und plötzlich, wenn du ihn am wenigsten erwartest, steigt er an die Oberfläche: der üble Beigeschmack der Jugend.

Wenn sie noch zusammen leben, ist die Gemeinschaft zwischen Mensch und Tier nicht mehr das, was sie gewesen sein mag. So wurde Kerion Celsi bei einem Lumpensammler diagnostiziert, der das Wasser aus dem Eimer seiner mit Trichophyta befallenen Pferde für seine tägliche Wäsche zu benutzen pflegte.

Theodor Eimer.

Der Ausdruck “to kick the bucket” bedeutet: sterben. Den Eimer schlagen oder den Eimer wegschießen … Abtreten, den Eimer treten, auf den Eimer schießen … oder einfach nur: ihn nach unten lassen, oder besser noch, ihn kräftig mit den Armen hochziehen, um ihn zu leeren, für den Fall, dass er irgendetwas enthalten würde – ein Leben?

Sie füllen einen Eimer mit Eis oder Eiswasser, stellen sich in einen Hof oder Wintergarten, der eine vor eine Videokamera, der andere vor sein iPhone, seine Webcam, sie befinden sich in einem Badezimmer oder auf freiem Feld, auf einem Platz oder in einem Garten, sie halten den Eimer in die Höhe und gießen den Inhalt über sich aus. In einigen Fällen ist eine zweite Person für die Entleerung des Eimers verantwortlich.

Es gibt sicherlich weniger Menschen, die bereit sind, für eine Idee zu sterben, als Menschen, die bereit sind, für eine andere Idee zu töten, so dass die Zahl der ersten paradoxerweise höher ist als die der letzteren.

C’est en plongeant la tête dans un seau que l’on saisit le ridicule de la politique autruchienne (23).
Indem man den Kopf in einen Eimer taucht, begreift man die Lächerlichkeit der Straußenpolitik.

Wäsche zum Trocknen auf Balkonen, in Fenstern oder Gärten. Das Knattern der Tischdecken, Bettwäsche, Handtücher und Geschirrtücher. Gestikulierende Hosen, semaphorenartige Hemden oder Pullover. So viele Gebete. Von wem? Für wen?

Vielleicht sind es nicht Gebete, sondern Beschwerden, die aus all diesen Wäschestücken entkommen? Das würde das Verbot für Stadtbewohner erklären, ihre Wäsche an Fenstern oder zwischen zwei Gebäuden hängen zu lassen. Als ob wir versuchen würden, sie zu ersticken, diese Beschwerden. Das ist absurd, der Lärm der Straße und der Mieter übertönt sie ziemlich schnell.

Ich erinnere mich an einen Mann, der verärgert über den Anblick von Bettwäsche war, die täglich von einem Mieter des gegenüberliegenden Gebäudes gelüftet wurde. Er sammelte “Beweismaterial”, um die Anzeige zu stützen, die zu erstatten er beschlossen hatte, indem er das Verbrechen monatelang fotografierte und mehrere Alben füllte, die während des Verfahrens konsultiert wurden. Bei vier Schnappschüssen pro Seite ergab das ungefähr 200 “Beweise” pro Album. Immer aus dem gleichen Blickwinkel betrachtet, zeigten diese Schnappschüsse das immer gleiche Fenster, aus dem das Bettzeug in geometrischen oder figürlichen Motiven überfloß und an jene Bilderserien des Fujiyama erinnerte, die mit derselben Konstanz fotografiert wurden. Der Mann gewann den Fall, die Jury stützte ihr Urteil auf die Tatsache, dass die Stadt X. weder in Italien noch auf dem Balkan lag.

Sitzend, um genau zu sein, zwischen dem Tick der Uhr und dem Tack des Weckers. Ab und zu das Geräusch von Fahrzeugen, unsichtbar, weil die Jalousien herunter gelassen sind. Der Klang des Tacks scheint manchmal schwächer zu werden, um dann wieder anzusteigen, als ob zuweilen die Intensität der Zeit abnehmen oder einen Trick anwenden würde, als ob sie sich kurz versteckte, um dann mit ihrer Anwesenheit zu überraschen.

Ein kleiner Bahnhof, menschenleer, nur durch das Licht existent, das ihn übrigens kaum definiert. Und dann fällt plötzlich die Anzeige des Zuges, welcher eintreffen sollte, aus. Es ist dann möglich, nirgendwo hin zu fahren.

***

(20) “In das Alphabet durchdringen”. s. Virginia Woolf, La Promenade au phare, (To the lighthouse, 1927).
(21) Von der Cité de la Muette im Pariser Vorort Drancy ist die Rede, deren Wohnblöcke ein U zeichnen. Der Name “Muette” wird jedoch von “Meute” abgeleitet.
(22) “Oulipo, la littérature en jeu(x)”, Bibliothèque de l’Arsenal, Paris.
(23) Wortspiel mit Autruche (Strauß) und Autriche (Österreich).

Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon (2)

Die holzige Erscheinung einiger alter Menschen erinnert uns – wenn nötig – daran, mit welchem Holz der Tod sich wärmt.

Staunen, ohne überrascht zu sein. Immer bereit sein, zu staunen, ohne lächerliche Schreie auszustoßen, ohne die Arme zu schwenken, die Augen zu weiten und zu verdrehen; einfach Staunen. Ein Foto schießen und weiter. Oder weiter, und sich dabei versprechen, ein Foto zu machen.

Tage gibt es, und auch Nächte.

Diese Landschaften, die früher als pittoresk qualifiziert wurden und es heute noch werden, sind meistens ausgestopfte Landschaften, so sehr nutzt der Tourist ab und tötet, was er besucht.

“Spiritueller” Tourismus. Viel Tourismus und die vermutete, um jeden Preis begehrte Spiritualität, Zeichen einer verzweifelten Suche, die nur anderswo verwirklicht werden kann… Alles in allem eine Anti-Pascal-Haltung. Von einer solchen Erwartung heimgesucht, würde ich gerne in meinem Treppenhaus niedergeschmettert werden.

Nichts gleicht dem, sein Tagebuch bei Sonnenaufgang zu schreiben, noch bevor die erste Tasse Kaffee geschluckt, die erste Zigarette geraucht, und ein erster Blick durch das Fenster riskiert wurde.

Poröse Prosa schwimmt.

“An Allerheiligen gehen die Toten des Jahres, die von glockenschwingenden Chorjungen begleitet werden, dreimal um den Friedhof herum und singen die Totenmesse. Der letzte Verstorbene trägt einen Eimer mit den Tränen, die im Laufe des Jahres in Erinnerung an den Verstorbenen vergossen wurden.” (8)

Heute ist etwas anders. Der Blick kommt der Tasse zuvor und entdeckt die graue Oberfläche des Himmels ohne die geringste Abstufung. Man muss ein wenig nach unten schauen, um das kühle Gelb einer Lampe zu erahnen, die in einem Raum im zweiten Stock des gegenüberliegenden Gebäudes leuchtet. Es regnet. Wassertropfen bleiben am Geländer des Balkons zurück. Sie zittern, halten sich fest, doch verfallen die Gesetze der Schwerkraft, die Tropfen strecken sich aus und verschwinden dann nacheinander, um sofort ausgetauscht zu werden. Sie landen auf dem Holzboden. Sie spielen nicht, um die Zeit zu markieren, geben genau wieder, wozu wir neigen (Zurückhaltung) und wie wir enden. Auf dieser Seite der Straße, sowie auf der anderen geben allein die Zweige die Vorstellung von einer Bewegung, unbewegter Bewegung, da sie nicht von der Stelle kommen. Zwischen all diesen Elementen scheinen der einfarbige Himmel, das Licht der Lampe, die Tropfen und die Zweige mit vollkommener Gleichgültigkeit zu herrschen.

Ich treffe manchmal den Käufer meiner alten Fotoausrüstung. Natürlich weiß er nicht, dass ich der ehemalige Besitzer all dieser Utensilien bin. Er scheint ein wenig verloren zu sein, auf der Suche nach dem Motiv vielleicht, verwirrt, desorientiert, wie ein Jagdhund, der einem Weg folgt, der nur Finten und List ist. Ich, vor dem Eimer.

“Theaterkulisse. Ist nicht malen: Es reicht einen Eimer voller Farben einfach auf die Leinwand zu werfen; das ganze dann mit einem Besen zu verteilen; Entfernung und Licht machen die Illusion.” (9)

An einem bestimmt Punkt angekommen, befindet man sich ohne Alter, wie man ohne Heimat sein kann.

X erzählte mir, dass es eine Straße mit meinem Namen gäbe. Anfangs sehr überrascht, war es mir dann peinlich, am Ende freute ich mich rechtschaffen. Nur Tote können in Anspruch nehmen, dass eine Straße nach ihnen benannt wird, auch wenn sie nicht darum ersuchen. Und ist dieses Straßenschild nicht die Garantie meiner Anonymität? Wer, der meinen Namen hören würde, könnte mich für einen anderen halten? Ich weiß nichts über die geehrte Person, genauso wenig wie ich über das Kaff weiß, wo diese Straße, meine Straße sich befindet.

Ich gehöre vielleicht zu dieser Kategorie von “irgendjemand”, dem der Dichter (10) das Recht zugestanden hat, ein Tagebuch zu schreiben, vorausgesetzt, er sei lustig. Ich denke, ich bin es. In der Schule hatten viele Schüler ihren Spaß mit meinem Namen, dessen Etymologie sie höchstwahrscheinlich nicht kannten (sowie ich selbst damals). Von einem Lehrer, einer Lehrerin oder mir selbst ausgesprochen, rief dieser Name bei ihnen dämliches Gekicher hervor, das auf ähnliche Weise von Wörtern wie “Titten”, “Schwanz” oder “Hure” verursacht wurde. Sie lachten, also war ich komisch. Sie entdeckten schnell Assoziationen, Variationen. Auf “Crépon la galette (11)”, folgte “je vais te crépon le chignon (12)” oder “Crépon le crépu (13)”, “Sacré-pon de nom (14)” oder “tout ça c’est crapaud Crépon (15)”, “tiens voilà Crépon la crépinette (16)”, und so weiter. Ich fühlte keine Feindseligkeit für sie. Im Gegenteil, diese Beziehung zwischen Spaßmacher und Bespaßten hatte für mich einen gewissen Vorteil: Die Zeit, die gebraucht wurde, um neue Kombinationen zu entdecken, hinderte sie daran, sich um mich zu kümmern. Männer, von Kindheit an, sind gewöhnlich auf einfache Freuden versessen, um eine schnelle Befriedigung zu erlangen. Solange sie lachen, wenn auch dämlich, sind sie erträglich. Wenn sie nichts zu lachen haben, werden sie schrecklich.

Ich habe oft gedacht, dass der Name (17), den man trägt, einem früheren Zustand entspricht, was impliziert, dass man sich eher so nennt als so. Ich muss damals, dachte ich, sehr früh getrauert haben: um einen Toten, den ich niemals verdächtigt hätte, auf irgend eine Weise lebendig gewesen zu sein.

Diskrepanz – Dis-crépon …

Wenn Worte sprechen könnten!

Ja, wenn nur Worte sprechen könnten, was für ein großartiges Werkzeug würden wir zur Verfügung haben, um zu schweigen.

Chateaubriand, der seine Berühmtheit hasste, schrieb seine Memoiren, um sie zu konsolidieren.

Es war dann nicht mehr der Sekundenzeiger, sondern eine Seuche, die sie (die Sekunden) schlug, um die Kapsel zu sprengen, ohne dass sie irgendeinen Keim versprühte, außer die nächsten Sekunden, ebenso menschenleer.

Diese Fotos, gesehen in einem dieser Alben, die, wenn die dazu gehörende Familie verschwunden ist, in Kartons auf Flohmärkten wiederzufinden sind; diese Fotos, den gleichen Moment am gleichen Ort darstellend, mit einem Teich, Dickicht, Bäumen und diesen herum planschenden Menschen; diese Fotos des gleichen Moments, vom Fotografen vervielfacht, ohne sich die Mühe gemacht zu haben, den Blickwinkel zu ändern, als hätte er durch diese Multiplikation des gleichen Augenblicks versucht, sich die Zeit zu krallen.

Wie ein Traum, in dem man von nichts träumen würde.

Nachhaltigkeit beruhigt nicht unbedingt, bezüglich der Vorstellung, die man von Fortschritt hat.

Heute das Aussehen eines schlecht erhaltenen Amateurfilms.

Ich weiß nicht wo gelesen: “erlöschte Sammelwut”. Gelesen auch, aber anderswo: “Brunnen, unerschöpflicher, in den kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Güte gefüllt heraufzukommen (18)”.

Das Erlöschen der Lichter signalisiert ebenso das Ende eines Kampfes, wie es dem folgenden als Präambel dient.

Es war im Gespräch mit einem Antiquitätenhändler, dass Herr Grians von der Existenz eines Flusses erfuhr, der nicht mehr existierte, oder fast nicht mehr (19). “Daher”, erzählte er mir, “vielleicht die Idee des Atlas der Wasserstraßen…” Er sah sie als flüssige Falten… oder vielmehr Nerven, oder noch besser: Blutgefäße. Und schließlich: “Die Wasserwege bilden eine Art Spalier, das sich zwischen den Ozeanen erstreckt, um das Festland zusammenzuhalten.”

Der Atlas von Herrn Grians: Zuerst die Wasserstraßen, dann die Namen, am Ende…

Und wo “Blick in die Wiege junger Sterne” stand, las ich “Blut in der Waage junger Sterne”.

Wir werden uns die Eimer anschauen, und dann werden wir sagen können, dass… Und wir werden schweigen.

Es ist ja nicht schlimm eine Katze “Katze” zu nennen, es hätte schlimmer ausgehen können.

Wer hat gesagt: “Wasser gibt das Wasser dem Wasser zurück”?

Die Eimer erklären nichts, ich erkläre die Eimer nicht.

Wir hatten im Zug Platz genommen. Die Landschaft ließ uns gleichgültig, wir ignorierten die anderen Reisenden. Wir sprachen über Kimonos. Sie erklärte die Verfeinerung ihrer Verzierungen durch die Tatsache, dass es gut war, und auch notwendig, wenn ein Samurai eine Art Delikatesse behielt, die die Härte seiner Existenz ergänzte und ihren Zweck: für seinen Arbeitgeber zu sterben.

Der Kapitän eines Schiffes ist umgeben von einer großen Anzahl von Naturphänomenen, die ihm zur Verfügung stehen, um ihm zu helfen, sein Logbuch zu füllen, ihre Abwesenheit selbst ist etwas, das er in aller Muße aufzeichnen kann. Hinzu kommt die Tatsache, dass das Schiff sich bewegt. Nicht jeder hat so viel Glück, ich noch weniger als die anderen.

Geschwindigkeit: keine, da ich an meinem Tisch sitze und nur meine Arme sich bewegen. Sichtbarkeit: exzellent, bis zu den Häusern auf der anderen Straßenseite. Himmel: Weiß, Wolken so hell, so fein an bestimmten Stellen, dass wir das Blau dahinter erraten. Ein Flugzeug fliegt, das von Südwesten kommt, nach Südosten geht, von wo aus die Sonne zu scheinen strebt, unsichtbar von meiner Position. Regelmäßiges Vorbeifahren von Fahrzeugen, die Straße hinauf oder hinunter, unsichtbar, von da aus wo ich mich befinde. Ein Hund bellt, Vögel singen. Leicht schwanken die höchsten Zweige der Bäume. Außer dem Rauch, der aus einem Schornstein aufsteigt, keine sichtbare Aktivität auf den Balkonen oder sogar in den Zimmern des Hauses welche die Sicht behindern. Ein Vogel fliegt vorbei: eine Möwe. Ein zweites Flugzeug. Gleiche Quelle, ähnliches Ziel. Blätter von verschiedener Größe, jedoch ähnlichem Farbton (Rost) wirbeln herum. Ein Zug fährt von Osten nach Süden.

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(8) Henry Carnoy, Littérature orale de la Picardie : Les revenants.
(9) Gustave Flaubert, Wörterbuch der Gemeinplätze / T.
(10) Charles Baudelaire.
(11) Anderer Name für crêpe, Pfannkuchen.
(12) Richtig wäre: “je vais te crêper le chignon” (ich werde dir an den Haaren reißen).
(13) Der gekräuselte Crépon.
(14) Richtig ist : sacré nom (de Dieu) wörtlich : heiliger Name Gottes / Sakrament!
(15) Bezieht sich auf die Redewendug: “Blanc bonnet, bonnet blanc” Es ist alles gleich.
(16) Hier kommt Crépon die Bratwurst.
(17) Crépon leitet sich eindeutig von crêpe (Trauerflor) ab.
(18) Friedrich Nietzsche, Ecce Homo.
(19) Die Briève.