Monatsarchiv für März 2018

 
 

Presserückschau (März 2018)

1
Rheinöl
“Die Firma Rhein Petroleum will (…) im Herbst im Oberrheingraben an neuer Stelle nach Öl suchen. Wie ein Unternehmenssprecher (…) sagte, soll im nordbadischen Weingarten (Kreis Karlsruhe) 750 Meter tief gebohrt werden. Mit der Genehmigung von den Bergbehörden werde in diesen Tagen gerechnet. Bei Riedstadt in Südhessen fördert Rhein Petroleum seit Januar pro Woche etwa 66 000 Liter Öl. Die zwei Tank-Lkw fassende Menge werde in der Karlsruher Raffinerie verarbeitet. (…) 2016 hatte Rhein Petroleum nördlich von Karlsruhe bei Graben-Neudorf zur Probe gebohrt. Dort wurde allerdings nicht ausreichend Öl gefunden.” (Welt)

2
China am Rhein
“Der Einstieg des chinesischen Autobauers Geely als größter Aktionär bei Daimler sorgte für Aufruhr in der ersten Hälfte der Woche. Am Rhein dagegen ist China schon viel länger angekommen – und wächst weiter rasant. Düsseldorf ist der dynamischste Chinastandort in Deutschland. 520 chinesische Firmen, Global Player genauso wie innovative mittelständische Unternehmen, haben sich mittlerweile für die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt entschieden.” (Rheinische Post)

3
Schiersteiner Brücke
“Der Abriss der alten Schiersteiner Brücke ist in vollem Gange. (…) Ein 120 langes und 1100 Tonnen schweres Teilstück des alten Bauwerks wird derzeit regelrecht herausgesägt und die Fahrbahn durchtrennt. Von unten wird das Teilstück von vier Säulen auf einem Ponton getragen und später ans Ufer gebracht – „Ausschwimmen“ lautet der Fachausdruck dafür. (…) Bei 1,3 Kilometern Gesamtlänge der Brücke wird damit fast ein Zehntel des gesamten Bauwerks auf einmal demontiert. Eine ähnliche Aktion soll es später auch noch für den Mombacher Teil der Brücke geben. Im November war mit dem Abriss begonnen worden. Bis zum Herbst (…) soll die Demontage abgeschlossen sein und mit dem Neubau begonnen werden. Derzeit fließt der Verkehr über die bereits fertige südliche Brückenhälfte.” (Allgemeine Zeitung)

4
Festgefrorener Hund
“Ein Zeuge hat am (…) die Polizei alarmiert, weil auf einem im Rheinhafen Niehl liegendem Schiff (…) ein verwahrloster Golden Retriever bei Minusgraden in seiner Hundehütte lag. Die eingesetzten Wasserschutzpolizisten konnten an Bord niemanden außer dem Vierbeiner antreffen. Der Hund war mit seinem Fell am Deck angefroren und konnte sich nicht mehr bewegen. Zur Rettung des Vierbeiners rückte die Feuerwehr an. Sie befreiten ihn aus seiner Hütte, legten ihn mit einer Decke in eine Transportbox und zogen ihn mit einem Kran hoch an Land. Jetzt hat der Golden Retriever eine warme Unterkunft im Tierheim bezogen.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

5
Rhein-Reisespiel
“Die Vorstellung, die Rheinspiele hätten ihren Ursprung in Deutschland, hat etwas für sich. Zumal es in Mainz mit der Firma Jos. Scholz schon Mitte des 19. Jahrhunderts einen qualitätsvollen Spieleverlag gab. Doch weit gefehlt: Die Anfänge der Rhein-Reisespiele liegen auf der britischen Insel. In London nämlich erschien bereits im Jahre 1815 „Wallis’s Game of the Panorama of Europe“. Dieses frühe Reise-Brettspiel zeichnet die klassische Bildungsreise des Adels und des Bürgertums nach, die die Touristen im 18. und 19. Jahrhundert fast immer entlang des Rheins zumeist in die Schweiz oder nach Italien führte. In dem Spiel verläuft die Route quer durch Europa in 36 Städte von Oporto (Porto) über Amsterdam, Wien, Konstantinopel, St. Petersburg und Stockholm bis nach London, wobei die Einzelfelder mit kleinen Veduten der Reisestationen und Sehenswürdigkeiten ausgefüllt sind. Unter den Städten des Deutschen Bundes, in denen laut Spielplan Halt gemacht werden kann, findet tatsächlich auch immerhin ein rheinischer Ort Berücksichtigung: Die Stadt Bonn („… a beautiful town, the streets are wide…“) wurde – platziert zwischen Osnabrück und Leipzig – damit zum ersten Repräsentanten des Rheinlands in der europäischen Kulturgeschichte des Spiels.” (Allgemeine Zeitung)

6
Punk-Rock
“Auf dem Rhein wird es (…) laut und rockig. Das Sojus 7 veranstaltet erstmalig eine Punk-Rock-Bootstour mit der MS Beethoven vom Monheimer Schiffsanleger den Rhein hinauf bis Bonn und zurück. (…) Während der etwa sechsstündigen Fahrt sorgen insgesamt acht Punk-Rock Bands für eine ausgelassene Festival-Stimmung. Mit an Bord sind Singer-Songwriter TV Smith, die Band Diva Kollektiv aus Berlin, die Johnny Reggae Rub Foundation, die Düsseldorfer Joseph Boys, die Band Kwirl, die Monheimer Punkrocker von Johnny Eklat & das Rebell Kartell und die Monheimer Liedermacher Flaschenkindær.” (Lokalkompass)

7
Wolf
“In Duisburg ist ein Wolf gesichtet worden. Eine Wildkamera hat das Tier (…) in der Rheinaue in Walsum gefilmt. “Mit hoher Wahrscheinlichkeit”, so das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv), handelt es sich um dasselbe Tier, das am 24. Februar in Hünxe und zuvor in Rees gesichtet worden war. Damit gibt es in Nordrhein-Westfalen seit Jahresbeginn vier amtlich bestätigte Wolfssichtungen.” (WAZ)

8
Trinkwasser-Düker
“Die Rhein-Energie verlegt (…) voraussichtlich bis zum Oktober 2019 eine neue Trinkwasser-Transportleitung in Poll und Westhoven. Die Arbeiten sind Teil des Vorhabens, das links- und rechtsrheinische Trinkwassernetz miteinander zu verbinden. Geografisch und historisch bedingt sind beide Versorgungsgebiete bislang voneinander getrennt. Nun baut die Rhein-Energie einen Leitungstunnel unter dem Rhein zwischen Marienburg und Poll. Das Unternehmen teilt mit, die Investition diene einer qualitativ hochwertigen Trinkwasserversorgung für die nächsten Jahrzehnte. Die Verbindung der beiden Wassernetze ermögliche in Zukunft eine gleichmäßige Auslastung des gesamten Versorgungssystems. Dies werde sich für die Kunden vor allem im Linksrheinischen besonders an heißen Tagen mit hohem Wasserbedarf auszahlen.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

9
Minerva am Rhein und Main
“Das Interesse an den Idealen und Ritualen der Freimaurer scheint in Alzey und Umgebung recht groß zu sein. Zu den Gästeabenden der Loge „Minerva am Rhein und Main“ kommen jedenfalls immer so viele Besucher, dass der Saal im Schafhäuser Gemeindehaus (…) gut gefüllt ist. (…) „Minerva am Rhein und Main“ (…) gehört der Großloge „Humanitas“ an, die seit 1959 Männern und Frauen gleichermaßen ein Zuhause bietet. Die erste Vereinigung mit dem Namen „Minerva“ wurde 1967 gegründet und 1990 aus personellen Gründen „schlafen gelegt“. (…) 2013 fanden sich die notwendigen sieben Meister zusammen, um die Loge wiederzubeleben. Ihr gehören jetzt 13 „Meister“, zwei „Gesellen“ und zwei „Lehrlinge“ an, die sich monatlich einmal in Schafhausen zur Tempelarbeit treffen. Die Bezeichnungen aus dem Berufsfeld der Handwerker erinnern an die Geschichte der Freimaurer, die ihren Ursprung in den sogenannten Bauhütten der Steinmetze und Dombauer des Mittelalters haben. Aus diesen Anfängen stammen auch die Symbole und Werkzeuge, die bei den Ritualen eine Rolle spielen. (…) So symbolisiere der 24-zöllige Maßstab die Stunden eines Tages; der Proband könne mit diesem Werkzeug lernen, seine Zeit mit Weisheit einzuteilen. Wie er das tue, sei ihm selbst überlassen, oder um es mit einem Ausdruck aus dem Vokabular der Freimaurer zu beschreiben: „Jeder bearbeitet seinen eigenen Stein“.” (Allgemeine Zeitung)

10
Lorely
“Das Versteigerungsunternehmen Veiling Rhein-Maas in Herongen hat seine erste Tulpentaufe begangen. Der Anlieferer Litjens Tulpen hat gemeinsam mit seinem Kunden Mat Dings und Lisa Smit, dem niederländischen Tulpenmädchen des Jahres, sowie Veiling Rhein-Maas die neue Tulpensorte “Lorely” im Foyer der Versteigerung offiziell getauft. Auch für Lisa Smit war es die erste offizielle Tulpentaufe. “Die insbesondere für den deutschen Markt produzierte Tulpe ,Lorely’ begeistert mit großen und eindrucksvollen Blüten mit einer auffälligen Färbung Rosa-Weiß und einer langen Haltbarkeit”.” (Rheinische Post)

11
Rhein als Delaware
“Felicitas Hoppe weiß einfach ziemlich viel. Mit Blick auf den Rhein fragt sie ihr Publikum, ob es ihm bekannt sei, wo das (zumindest in den USA) berühmte Gemälde „Washington überquert den Delaware“ entstanden sei? Kunstpause. Dann das: Hier am Rhein – gut, nicht in Köln, aber immerhin nah dran. Emanuel Leutze habe diese Szene aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg im Düsseldorfer Atelier gemalt. „Wenn man sich diese rheinischen Jungs vorstellt, die ihm da Modell gesessen haben“, sagt Hoppe und lässt den Satz verklingen. Und dann ist der Delaware in Wahrheit der Rhein. Muss man nicht wissen. Aber schön ist, das zu wissen.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

12
Rheintote
“Ein 17-jähriger Radfahrer ist in der Mannheimer Innenstadt in den Rhein gestürzt und gestorben. Nach ersten Ermittlungen soll der junge Matrose aus Holland mit seinem Fahrrad (…) im Handelshafen auf dem Weg zum Einkaufen gewesen sein (…). Dabei streifte er vermutlich das Gleis eines Hafenkrans, verlor die Kontrolle über sein Rad und stürzte über die etwa fünf Meter hohe Kaimauer in den Rhein. Möglicherweise prallte er gegen die Mauer oder ein dort befestigtes Boot, hieß es. Eine Schiffsbesatzung entdeckte den leblosen Körper und alarmierte die Rettungskräfte. Die Feuerwehr konnte den 17-Jährigen nur noch tot bergen.” (Rhein-Neckar-Zeitung)

“Rettungskräfte haben im Süden von Düsseldorf eine weibliche Leiche aus dem Rhein gezogen. (…) Die Frau ist noch nicht zweifelsfrei identifiziert.” (Rheinische Post)

“Eine Wasserleiche ist (…) von der Feuerwehr aus einem Rhein-Seitenarm bei Ottenheim, südlich der dortigen Kiesgrube, geborgen worden. Ein Kanufahrer war auf den Fund aufmerksam geworden und hatte (…) die Polizei verständigt (…). Die Bergungsaktion mit einem Schlauchboot, an der 16 Einsatzkräfte der Feuerwehr Schwanau beteiligt waren, dauerte etwa eine Stunde. Im Anschluss nahm die Kriminalpolizei die Ermittlungen auf. Die Polizei bestätigt, dass es sich um eine männliche Leiche handelt.” (Lahrer Zeitung)

Passion

J’adore un Christ de bois qui pâtit sur la route
Une chèvre attachée à la croix noire broute
A la ronde les bourgs souffrent la passion
Du Christ dont ma latrie aime la fiction
La chèvre a regardé les hameaux qui défaillent
A l’heure où fatigués les hommes qui travaillent
Au verger pâle au bois plaintif ou dans le champ
En rentrant tourneront leurs faces au couchant
Embaumé par les foins d’occidental cinname
Au couchant où sanglant et rond comme mon âme
Le grand soleil païen fait mourir en mourant
Avec les bourgs lointains le Christ indifférent

(Guillaume Apollinaire: Le guetteur mélancolique, poèmes inédits, Gallimard 1952)

wo Vater Rhein in sein Bett pinkelt

Man fährt in Deutschland an genau drei Städten vorbei, nämlich Uffeln-Salz-Badfurt, St. Umbeln mit seiner Pilzzucht, und Kaiser Lippenbär. Reisende mit Durchhaltevermögen kommen an der Pezzelentischen Höhe vorbei, wo Vater Rhein in sein Bett pinkelt und man betrachtet aus den Weinbaugebieten die Bierbäuche, die Camping machen … Auf den Autobahnen gibt es kleine Gaststätten und große Gaststätten. Hier speist man Krautrockkartoffeln mit Rockin Roll-Würstchen und für eine Mark mehr gibt es Bandsalat dazu, wenn man es mag. Ist nicht jedermanns Sache. Viele Menschen sitzen dann gerne da und haben auch lange Haare und rocken in den Autobahnraststätten ab. So ist der gesamte Rockin Roll-Sound entstanden, der auf der Autobahn sehr viel Krach macht und eine Drogengefahr provoziert. Es gibt Haschisch- und Bierfahrer, die sich das Duell liefern, wer ganz breit ist. Sie blinken mit ihren Zusatzscheinwerfern, die sie mitgebracht haben und täuschen Welten und Illusionen vor …

(aus Ulrich Bogislav: Wo ich bin ist hinten, Geschichten, Ritterverlag, Klagenfurt 2002)

La Vierge à la fleur de haricot à Cologne

La Vierge au brin fleuri est une Vierge blonde
Et son petit Jésus est blond comme elle l’est
Ses yeux sont bleus et purs comme le ciel ou l’onde
Et l’on conçoit qu’elle ait conçu du Paraclet

Deux Saintes veillant dans les volets du triptyque
Pensent béatement aux martyres passés
Et s’extasient d’ouïr le plain-chant des cantiques
Des petits anges blancs dans le ciel entassés

Les trois dames et l’enfant vivaient à Cologne
Le haricot poussait dans un jardin rhénan
Et le peintre ayant vu de hauts vols de cigognes
Peignit les séraphins qui chantent maintenant

Et c’est la Vierge la plus douce du royaume
Elle vécut au bord du Rhin pieusement
Priant devant son portrait que maître Guillaume
Peignit par piété de chrétien ou d’amant

(Guillaume Apollinaire: Le guetteur mélancolique, poèmes inédits, Gallimard 1952)

Un soir d’été

Le Rhin
Qui coule
Un train
Qui roule

Des nixes blanches
Sont en prière
Dans la bruyère

Toutes les filles
A la fontaine
J’ai tant de peine

J’ai tant d’amour
Dit la plus belle
Qu’il soit fidèle

Et moi je l’aime
Dit sa marraine
J’ai la migraine

A la fontaine
J’ai tant de haine

***

In Guillaume Apollinaires 1913 erschienenem, epochalen Gedichtband Alcools ist ein Zyklus mit neun Rheingedichten (Rhénanes) enthalten. Drei davon, Nuit rhénane, Mai und Schinderhannes sind bisher als Kacheln dem rheinsein-Mosaik eingepflegt. Entstanden waren sie um die Jahrhundertwende, Jahre vor ihrer Veröffentlichung. Noch einmal neun Rheingedichte schafften nicht die Aufnahme in Alcools. Diese Texte, zu denen auch der hier vorgestellte Sommerabend (Un soir d’été) gehört, erschienen erst lange nach Apollinaires Tod (1918) im Nachlassband Le guetteur mélancolique bei Gallimard (1952). Die Analogie des fließenden Rheins mit einem rollenden Zug lässt sich lautlich im Deutschen nicht so leicht ohne Bedeutungsverschiebungen widergeben. In seinen schlichten, existentiellen Reimen erinnert der Text an spätere Art brut-, sowie an Kindergedichte. Die alten Rheinthemen (Nixen, Brünnlein, Liebe, Treue, Hass) ergeben aufgemischt mit moderneren Begriffen (Zug, Kopfschmerz, Patentante) ein erwartungsgeladenes Rheinstill, das kurz vor der Explosion oder Implosion zu stehen scheint.

O Bumbelo

Am Sonntag Lätare ziehen in Gernsheim a. Rh. Scharen von Kindern von Haus zu Haus und singen auf der Straße folgende Verse:

O Bumbelo, der Summertag is do,
Mer höre die Jungfrau klingele,
Sie soll uns ebbes bringe,
Eier oder Speck.
Mer gehn net ehnda weg
Bis mer ebbes hett.

Drowe in de Ferschte (Firste)
Do hänge Brotwerschte.
Die große losse mer hange,
Die klane wolle mer fange.
Fuchs geh ins Hinkelhaus,
Hol all die Eier raus.

Meist erhalten die Kinder nach diesem Gesänge kleine Geschenke (Backwerk, Pfennige), die unter sie geworfen werden und eine große Balgerei veranlassen. Erhalten sie nichts, dann singen sie mit laut erhobener Stimme:

De Geizhals guckt zum Fenster eraus,
Werft uns noch ka Hutzel eraus.

(Albert Dieterich: Kleine Schriften, Leipzig 1905)

Den Sommer singen

Als ich am ersten Sonntage, den ich als Einwohner Heidelbergs erlebte, durch die Straßen ging, begegneten mir immer häufiger Kinder, ganz kleine und ganz große, die einen merkwürdigen Stecken trugen: auf einen geschälten, oben zugespitzten Stab war oben eine Bretzel fast immer gleicher Form gesteckt, zwischen die Bretzel ausgeblasene Eier oder Apfel, und um den ganzen Stecken herum buntes Papier und bunte Bänder. Ich wurde alle Augenblicke von Buben angelaufen, die in Blechbüchsen Geld schüttelten und dazu immer dieselben Verse sangen:

Strieh Strah Stroh, der Summerdag is do,
Der Sommer und der Winter
Das sinn Geschwisterkinder,
Summerdag Staab aus
Blost em Winter die Aage aus,
Strieh Strah Stroh, der Summerdag is do.

Ich hör’ die Schüssel klinge,
Was were se uns denn bringe,
Rote Wein un Bretzl drein,
Was noch dazu? Paar neue Schuh,
Strieh Strah Stroh, der Summerdag is do,
Heut übers Johr do sinn mer widr do.

Wer nichts bekam, sang:

O du alter Stockfisch,
Wenn mer kommt, do hoscht nix,
Gibscht uns alle Johr nix,
Strieh Strah Stroh, der Summerdag is do.

Weiterhin sah ich dann den großen „Sommertagszug”, in dem hundert und aber hundert Kinder mit Stecken, wie ich sie beschrieb, das Lied singend, das ich angab, durch Hauptstraße und Anlage zogen. Dieser Zug am Sonntag Lätare, denn der war es, ist erst im Jahre 1893 wieder neu eingerichtet worden, aber die Hauptzüge des Brauches sind alt; nachweislich z. B. auch am Ende des 17. Jahrhunderts aus den Briefen der Liselotte, die ihn mehrfach erwähnt, oder z. B. aus einem Eintrag in einem Ausgabenbuch des Pfalzgrafen Karl Ludwig: „Zwei Jungen, welche den Sommer gesungen, 1 Gulden 30 Kreuzer.“ In dem Zuge gingen denn auch in einer ganzen Reihe von Exemplaren der „Sommer“ und der „Winter”: Jungen, die, darunter versteckt bis auf die Füße, pyramidenartige Gestelle trugen, mit Stroh umwickelt, wenn sie den Winter, mit allerlei Tannengrün, wenn sie den Sommer darstellen sollten. Bis vor kurzem, so erfuhr ich, haben außerdem noch Kämpferpaare mit hölzernen Schwertern fechtend den Kampf des Sommers und Winters dargestellt. Das alte Motiv des Kampfes ist auch dann noch deutlicher zum Ausdruck gebracht, wenn die Knaben einen hölzernen Degen in der rechten Hand, die Bretzel in der Linken trugen und nun mit dem Degen den Winter austreiben halfen. So ist es an anderen Orten der Pfalz noch heute Brauch. Dort wird auch (in der Hinterpfalz) der Sommer mit Efeu umzogen, den erwachsene Burschen morgens in Körben aus dem Walde geholt haben. Mit Sommer und Winter ziehen wohl auch einher die „Rußebutzen”, die ihrem Namen entsprechend Gesicht und Hände stark überrußt haben. An manchen Orten — auch an Orten des Odenwaldes und Neckartales — gehen die Mädchen von 6—12 Jahren, mit Kränzen von Buchsbaum oder Efeu, mit Blumen und Bändern geziert, im Dorfe von Haus zu Haus und kündigen durch ihren Gesang den Frühling an. Das Lied, das dabei vielfach gesungen wird, will ich nur in einigen Wendungen hier wiederholen:

Heut ist Mitten Fasten,
Da leeren die Bauern den Kasten,
Tun sie die Kasten schon leeren,
Gott will was Neues bescheren…
Im Sommer da deihen die Früchte wohl,
Da kriegen sie Scheuern und Kasten voll…
Da schaut ein Herr zum Fenster heraus,
Er schaut hinaus und wieder hinein,
Er schenkt uns was ins Beutelein nein;
Wir wünschen dem Herrn ein goldenen Tisch,
Auf jedem Eck ein backenen Fisch,
Und mitten drein ‘nein
Eine Kanne voll Wein,
Da kann der Herr recht lustig sein.

(Albert Dieterich: Kleine Schriften, Leipzig 1905)

the rest we knew by books

“Nil ego praetulerim jucundo sanus amico.”
—Horace.

On the night of the 1st of August 1898, two cloaked horsemen might have been seen on the platform of the Parkeston Quay Station, speaking in commanding tones to the knaves and varlets who pressed obsequiously round them, and exhorting these rapscallions, under peril of their ears, to see the iron steeds safe on board the boat for Rotterdam. The taller of the two, who twists half a dozen links from the heavy gold chain round his neck, and casts them among the rabble — forgive me, dear reader ; this strain is above me : I took them out of my righthand pocket, and they were only coppers ; but the porters, if not slavishly deferential, were at least civil and handy, and our machines were soon on board. Let me introduce you now to my travelling companion and old college friend.

Henry Schultz has nothing German about him but his name (and on this occasion, I must add, his straw hat). An accomplished mathematician, he is also familiar with the noblest poets, orators, and historians of antiquity, and more especially with such portions of them as are commonly set for a Pass Degree at either university. French he will talk you classically, if not fluently ; but he never could bend his tongue to the rough Teutonic idiom, any more than Mrs Battle could condescend to the ignoble phraseology of cribbage. A cricketer of fame (was not I myself present some ten years ago, when a public-school boy at the Cologne table d’hôte asked him whether he was the Schultz, and quite forgot the rest of his ice pudding on receiving an affirmative answer !) ; a golfer of almost equal proficiency ; a painfully energetic cyclist, as in due time you shall see— these are but a few of his superficial accomplishments, for I make no attempt here to catalogue his genuine virtues. You will understand now why I chose this motto for my first chapter ; for you doubtless remember, dear reader, that it is with reference to his own little tour with Virgil and Maecenas that Horace tells us he knows nothing like an old friend — a sentiment which will be heartily echoed by all who have tried travelling in the same way—unconditionally by the single, and by the married with all proper marital reservations.

Our plan this time is ambitious—no less than to trace and retrace the whole course of the Rhine within the only eighteen clear days we have at our disposal. We knew it must needs be a great rush, but the idea had fascinated us ; we felt that even this dizzy succession of changing scenes would have a charm of its own, and that thus, in some ways, we should learn more of the characteristics and contrasts of land and people by a plan which enabled us to see it all, as it were, at one sweeping glance. Nearly all of the route we had already seen in detail at other times ; the rest we knew by books ; and in these eighteen days we hoped rapidly to skim the cream of it all. That in this we succeeded to our own complete satisfaction, is my best excuse for publishing an account of our tour as a guide for future tourists. We ourselves spent eighteen days of bliss, only so far alloyed as to give it the necessary human consistency. Yet, among one’s later memories of even the happiest holiday, few things stand out in brighter colours than those first moments of anticipation ; and few men ever started with more confident hopes of enjoyment than we, as the ship ploughed her way through the tranquil starlit sea ; and we sat recalling memories of former holidays until prudence warned us to go below and snatch that somewhat unquiet sleep, which is the most that mortals dare hope for, even on the most unruffled passage.

(George Gordon Coulton: Father Rhine, Chapter I, Edinburgh 1898)

Schwarze Fluten

Die Uhr am Rudolfplatz zeigt halb fünf. Ihr Blick streift die Platanen auf dem großen Boulevard, reglose Wächter einer unbekannten Ordnung; die erleuchteten bunten Schaufenster wirken verlassen. Sie folgt dem Rhythmus ihrer Schritte, biegt in eine kleinere Straße ein, um eine Ecke, in eine andere Straße. Die Stadt ist still um diese Zeit. Dann ist sie schon am Dom, läuft an der schwarz aufragenden Fassade vorbei bis zur Brücke, und dort, über den Fluss und im Schutz der großen Kathedrale, kann sie endlich stehen bleiben. Sie atmet in Stößen. Das Geländer ist kalt. Der Fluss wälzt schwarze Fluten unter ihr entlang, die Kämme der Wellen werfen die Lichter am Ufer zurück. Sie ist gleichzeitig müde und wach; so müde, dass sie fürchtet, sie könnte nicht weitergehen, und so wach, als könnte sie nie mehr schlafen.
Sie erinnert sich nicht mehr an den Rückweg. Sie weiß nur, dass sie so lange auf der Brücke gestanden hat, bis es hell war. Irgendwie ist sie wohl zurückgelaufen. Sie hat sich wieder ins Bett gelegt und ist das ganze Wochenende nicht mehr aufgestanden. Lars hat Youna zu seiner Mutter gebracht, weil Feline mal eine Pause brauchte, das hörte sie ihn am Telefon erklären: Feline braucht mal eine Pause.
Als er wiederkam, lief er ratlos in der Wohnung umher, blieb auf einem seiner Wege in der Schlafzimmertür stehen und sagte: Bei allen geht mal eine Stunde daneben. Später: Das nächste Mal läuft es sicher besser. Er berichtete von katastrophalen Referendariatserfahrungen, die dann doch nur Vorstufen zu glücklichen Lehrerkarrieren waren und von denen auf einmal alle ihm erzählten, nun, wo Feline nicht zu sprechen war. Aber das war es nicht. In ihr breitete sich ein Verdacht aus wie Gift, das nach und nach ihre Glieder lähmte. Sie gab ihm keinen Namen, lag nur da und bewegte sich nicht, als könnte sie noch hoffen, nicht gefunden zu werden. Ihr Vater hatte mal gesagt: Manchmal habe ich Angst, dass einer von euch ist wie Egon. Da war sie vielleicht fünf. Sie verstand nicht, was das bedeutete, alles, was sie wusste, war, dass Egon ihr Onkel gewesen wäre, wenn er noch gelebt hätte; aber von ihm gab es nicht mehr als das Foto auf dem Schreibtisch des Vaters und ein Grab, das niemand besuchte. Sie nahm die Hand ihres Vaters, sie war fest und warm. Wir sind nicht wie Egon, sagte sie, ganz sicher nicht. Später, als ihr Vater seine Tage damit zubrachte, stundenlang reglos auf dem Sofa zu sitzen und in den Garten zu starren, sagte er es noch mal. Fast gemurmelt, als wäre es verboten. Mittlerweile wusste sie, dass Egon krank war, sein Geist, nicht sein Körper, hatte die Mutter ihnen erklärt, und als er das nicht mehr ausgehalten hat, ist er auf eine der Rheinbrücken gestiegen und hinuntergesprungen. Sie saßen auf ihrem Schoß, sie und Stella, jede auf einem Bein, die Mutter hatte die Arme um sie gelegt.
Konnte er denn nicht schwimmen?, fragte Stella. Feline stellte sich den Egon von dem Foto vor, der ein bisschen aussah wie ihr Vater, nur in jünger, obwohl er eigentlich älter war, aber nun hatte ihr Vater ihn überholt. So als wäre sie irgendwann älter als Stella, weil es Stella nur noch auf einem Foto gäbe, und Fotos können nicht altern. Er ging in Königsmanier die Stufen zu dieser Brücke hoch, entschlossen und einsam.
Doch mein Schatz. Aber er hatte auch Gift genommen. Das war es ja.

***

Sibylle Luithlens Debutroman “Wir müssen reden”, der dieser Tage erscheint, spielt in Köln, Bonn, Norditalien und Schwaben. Er handelt unter anderem von Positionierungen innerhalb der Gesellschaft, den Schwierigkeiten des Familienprinzips, der Begrenztheit frei schwebender Liebe und dem kurzen Leben einer jungen Frau, die als Kind einen Vogel verschluckte. Die in Köln situierte Passage mit fatalem Brückenabschluss zitiert rheinsein mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Mehr zum Buch und Bestellmöglichkeiten unter:

Sibylle Luithlen: Wir müssen reden. Deutsche Verlagsanstalt, München 2018

Der Rhein in Antwerpen

antw_waterpoortDas Waterpoort (Wassertor) war ursprünglich ein Stadttor an der Schelde. Im 17. Jahrhundert wurde es zunächst auf dem Vlasmarkt nach einem Entwurf von Peter Paul Rubens errichtet. Aufgrund zweier Standortverlegungen wird es auch “das wandernde Tor” genannt. Seit 1936 steht das triumfbogenähnliche Gebilde im Stadtteil Zuid auf dem Gillisplaats. Weiterhin zur Schelde ausgerichtet ist der an Vater Rhein erinnernde Flussgott mit Füllhorn und Wasserkrug. Auch die Inschrift erwähnt den Rhein:

“Cui Tagus et Ganges, Rhenus cui servit Indus
Huic famulas gaudet volvere scaldis aquas
Quasque olim proavo vexit sub Caesare puppes
Has vehet auspiciis, Magne Philipp, tuis.
S. P. Q. Antuerp. hanc molem dedic.
XVII. Kalend. Maii
MDCXXIV.”

***

antw_rijnkaai_friendship buildingAm Südende der Antwerpener Hafenanlagen befindet sich, als Teilabschnitt der Straße entlang des von Docks gesäumten Scheldeufers, der Rijnkaai. Markantestes Gebäude des Abschnitts ist das Friendship Building, ein zweiflügeliges Bürohochhaus mit Verspiegelungen in Kupfer und Himmelblau. Im Volksmund wird es Chiquita genannt, seitdem der gleichnamige Bananenexporteur dort ansässig war.

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antw_rijnmuseumDirekt unterhalb des zehn Ebenen aufweisenden, an einen kubistischen Clownsfisch erinnernden Museum aan de Stroom (MAS), das mehrere Ausstellungen gleichzeitig zeigt und dessen Terrassendach Panoramablicke über ganz Antwerpen erlaubt, befindet sich das Rhein- und Binnenfahrtmuseum, das aus drei alten Binnenschiffen besteht und selten geöffnet ist.

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antw_schelde_hafenkräneDer Rhein, läßt sich konstatieren, zeigt für eine Stadt, die nur indirekt mit ihm verknüpft ist, in Antwerpen überraschende Präsenz. Die Schelde erinnert stark an den zur Maas umbenannten Rhein Rotterdams. Während unserer Uferspaziergänge überlagern sich diese Eindrücke von in Hafenbecken sich ausbreitenden Flussenden und industriellen Übergängen vom Kontinent zum Meer, das aus den Plastikmassen, mit dem Schifffahrt und Flüsse es kontaminieren, neue Kontinente heranbildet. Vom Dach des MAS allerdings ist das Meer nicht zu erblicken. Die Schelde mündet in graublauweißem Dunst, in einer Kälteschicht hinter geometrischen Hafenbecken, Kränen, Windrädern, sakralen und industriellen Turmbauten, während sie die Innenstadt mit sanftem Schwung zum Anschmiegen verleitet.