Ik volg de rivier, ik ben de rivier

“Ich folge dem Fluss, ich bin der Fluss” lautet der Titel eines überaus lesenswerten Prosagedichts von Maarten Inghels, der als Antwerpener Stadtdichter im Jahr 2016 den Lauf der Schelde, deren Mündungssystem sich dem des Rheins vermengt, von ihrem französischen Ursprung bis Antwerpen zu Fuß verfolgte. Das zugleich als Verlag tätige Antwerpener Antiquariat Demian gab vergangenes Jahr den Text in Kombination mit geschöpftem Scheldewasser heraus. Das Dichter-Ich durchforstet entlang des Schelde-Laufs für ihn als Stadtmensch unbekannte, Staunen und Ängste freisetzende Sequenzen “in der Großstadt Natur”, konstatiert die Automatisierung und Kapitalisierung des Flusses und sieht sich mit der Fortsetzung alten Mythenzaubers in die eigene, moderne Lebenswirklichkeit konfrontiert. Auf der Website des belgischen Magazins Knack ist der gesamte Text im Original nachzulesen. Als Teaser für das deutschsprachige Publikum übersetzt rheinsein die ersten drei Strophen:

“1
In der Schule lernte ich dass Regen in einen Bach strömt der in einen Fluss mündet der in einen Strom mündet der ins Meer mündet der ins Weltgewässer mündet.
Ich folge der Schelde von der Quelle im französischen Gouy-Le-Catelet bis nach Antwerpen, eine Wanderung von 284 Kilometern in ungefähr 11 Tagen. Ich prüfe den Strom auf Unregelmäßigkeiten und Unebenheiten.

2
In meinem Rucksack trage ich: einen Block Hartkäse, Nusskuchen und Cracker, ein Taschenmesser Opinel Nr. 8, zwei braune Hefte, fünf Bücher, Unterwäsche, Wollhemden, eine zweite Hose, einen Pulli, eine Regenjacke, Turnschuhe, ein Telefon mit Ladegerät und Ersatzbatterie, eine Taschenlampe, einen Nagelknipser, Pflaster, eine Karte von Nordfrankreich, ein weißes Hemd.
Ich packe stets ein weißes Hemd ein. Du weißt nie ob du eine Einladung zum Dinner im Pariser Ritz erhältst.

3
Ich fülle eine Flasche während das Brunnenwasser eiskalt in meine Haut sticht. Der Ursprung des Flusses hat eine beschauliche Schönheit – das Wasser ist kristallklar und rein. Da kommt ein altes Pärchen an, das einen Klapptisch aufstellt, Sekt einschenkt, Wurst aufschneidet und anstößt. Das ist ein mögliches Ende einer Geschichte.
Ich suche nach dem Ende und dem Anfang der Dinge, doch gleitet die Zeit mir durch die Hände. Der Fluss ist ein Seil aus Wasser mit zwei zappelnden Enden.
Ich weiß dass die Stadt an der Mündung auf Walgebein und Mammutknochen und den Überresten von Wollnashörnern ruht und dass man deswegen lange dachte dass dort Riesen lebten. Ein Riese presste einen Fels mit seinen Händen und molk den Fluss aus dem Stein.
Ich eile durch hohes Gesträuch. Mein Trab geht auf in der Bewegung des Baches. Der Fluss ist noch nichts weiter als ein mageres Mädchen das auf brackigem Wasser lebt. Schüchtern schneidet er tiefer ins Moor, teilt für ewig und drei Tage den Backstein entzwei. Hinter der ersten Biegung liegt ein Becken mit anderthalb Meter tiefem Wasser, doch die opalblauen Flecken machen es verdächtig. Soll ich ein Bad nehmen bis meine Haut vor Kälte rot und blau wird?”

(nach Maarten Inghels: Ik volg de rivier, ik ben de rivier, Uitgeverij Demian, Antwerpen 2017)


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