Monatsarchiv für Februar 2018

 
 

Welkom pierewaaiers

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Nicht nur wurde die Schelde jüngst episch von Maarten Inghels bedichtet (s. vorangegangener Eintrag), sondern es säumt auch ihr Antwerpener Ufer ein über drei Kilometer sich entlang der innerstädtischen Scheldemauer streckendes Poem. Organisiert hat es der ehemalige Stadtdichter Peter Hoelvoet-Hanssen. Über die Zeitung waren alle Antwerpener aufgerufen, Sätze zum geplanten Mauergedicht beizusteuern. Aus den Eingängen und eigenen Passagen komponierte Hoelvoet-Hanssen den Text Welkom pierewaaiers (Willkommen, Freunde des Piers), der mittels Schablonen von einem Trupp Anstreicher in zweiwöchiger Arbeit angebracht wurde. Der Scheldekaai ist aktuell eines von mehreren Antwerpener Großbauprojekten. Am innerstädtischen Ufer soll eine großzügige Promenade mit Sport- und Freizeitmöglichkeiten entstehen. Das Piergedicht, dessen voller Wortlaut auch als städtische Broschüre erhältlich ist, die außerdem über die architektonischen Pläne informiert und sämtliche Beiträger listet, verbindet den Antwerpener Norden mit dem Süden, nimmt Elemente eines vorangegangenen Ufergedichts von Herman J. Claeys auf, das 1991 an der Mauer angebracht war und kann auch als poetische Antwort auf das Gedicht mijn stad von Adriaan de Roover gesehen werden, das auf dem gegenüberliegenden Ufer zu finden ist. Wie lange das Werk Bestand haben wird, ist u.a. von Wind und Wetter abhängig. Die Stadt hat bereits beschlossen, es für eine geraume Zeit zu pflegen. Nicht nur wegen dieses monumentalen, nicht zu übersehenden Textes, sondern auch wegen weiterer und teils wechselnder literarischer Interventionen im öffentlichen Raum lässt sich Antwerpens Innenstadt mit Fug und Recht die poetischste nennen, die rheinsein bisher besucht hat.

Ik volg de rivier, ik ben de rivier

“Ich folge dem Fluss, ich bin der Fluss” lautet der Titel eines überaus lesenswerten Prosagedichts von Maarten Inghels, der als Antwerpener Stadtdichter im Jahr 2016 den Lauf der Schelde, deren Mündungssystem sich dem des Rheins vermengt, von ihrem französischen Ursprung bis Antwerpen zu Fuß verfolgte. Das zugleich als Verlag tätige Antwerpener Antiquariat Demian gab vergangenes Jahr den Text in Kombination mit geschöpftem Scheldewasser heraus. Das Dichter-Ich durchforstet entlang des Schelde-Laufs für ihn als Stadtmensch unbekannte, Staunen und Ängste freisetzende Sequenzen “in der Großstadt Natur”, konstatiert die Automatisierung und Kapitalisierung des Flusses und sieht sich mit der Fortsetzung alten Mythenzaubers in die eigene, moderne Lebenswirklichkeit konfrontiert. Auf der Website des belgischen Magazins Knack ist der gesamte Text im Original nachzulesen. Als Teaser für das deutschsprachige Publikum übersetzt rheinsein die ersten drei Strophen:

“1
In der Schule lernte ich dass Regen in einen Bach strömt der in einen Fluss mündet der in einen Strom mündet der ins Meer mündet der ins Weltgewässer mündet.
Ich folge der Schelde von der Quelle im französischen Gouy-Le-Catelet bis nach Antwerpen, eine Wanderung von 284 Kilometern in ungefähr 11 Tagen. Ich prüfe den Strom auf Unregelmäßigkeiten und Unebenheiten.

2
In meinem Rucksack trage ich: einen Block Hartkäse, Nusskuchen und Cracker, ein Taschenmesser Opinel Nr. 8, zwei braune Hefte, fünf Bücher, Unterwäsche, Wollhemden, eine zweite Hose, einen Pulli, eine Regenjacke, Turnschuhe, ein Telefon mit Ladegerät und Ersatzbatterie, eine Taschenlampe, einen Nagelknipser, Pflaster, eine Karte von Nordfrankreich, ein weißes Hemd.
Ich packe stets ein weißes Hemd ein. Du weißt nie ob du eine Einladung zum Dinner im Pariser Ritz erhältst.

3
Ich fülle eine Flasche während das Brunnenwasser eiskalt in meine Haut sticht. Der Ursprung des Flusses hat eine beschauliche Schönheit – das Wasser ist kristallklar und rein. Da kommt ein altes Pärchen an, das einen Klapptisch aufstellt, Sekt einschenkt, Wurst aufschneidet und anstößt. Das ist ein mögliches Ende einer Geschichte.
Ich suche nach dem Ende und dem Anfang der Dinge, doch gleitet die Zeit mir durch die Hände. Der Fluss ist ein Seil aus Wasser mit zwei zappelnden Enden.
Ich weiß dass die Stadt an der Mündung auf Walgebein und Mammutknochen und den Überresten von Wollnashörnern ruht und dass man deswegen lange dachte dass dort Riesen lebten. Ein Riese presste einen Fels mit seinen Händen und molk den Fluss aus dem Stein.
Ich eile durch hohes Gesträuch. Mein Trab geht auf in der Bewegung des Baches. Der Fluss ist noch nichts weiter als ein mageres Mädchen das auf brackigem Wasser lebt. Schüchtern schneidet er tiefer ins Moor, teilt für ewig und drei Tage den Backstein entzwei. Hinter der ersten Biegung liegt ein Becken mit anderthalb Meter tiefem Wasser, doch die opalblauen Flecken machen es verdächtig. Soll ich ein Bad nehmen bis meine Haut vor Kälte rot und blau wird?”

(nach Maarten Inghels: Ik volg de rivier, ik ben de rivier, Uitgeverij Demian, Antwerpen 2017)

Satellitenbilder vom Scheldeufer

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Beim selben Spaziergang entlang des rechten Scheldeufers, bei dem wir auf neo-prähistorische Zeichen stoßen (s. vorangegangener Eintrag), entdecken wir nach Jahren die Satellitenfunktion unserer Kamera. So gerät der an sich harmlose Anblick des Ufergeländers durch das Objektiv zu schwindelerregend schönen Vogelperspektiven auf eine Gegend, die wir, aufgrund der leichten Schräghaltung beim Fotografieren, außerhalb Antwerpens in der Nähe des Schelde-Maas-Rhein-Nordseeästuars vermuten.

Neo-prähistorische Zeichen am Scheldeufer

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Die Schelde gehört, obgleich ihr Wasser sich nicht direkt mit dem des Rheins mischt, zum Mündungssystem des Rhein-Maas-Deltas. Außerdem verbindet der sogenannte Eiserne Rhein, eine Güterzugstrecke, die Schelde- und Hafenstadt Antwerpen mit Nordrhein-Westfalen. Grund genug für rheinsein, Schelde und Antwerpen aufzusuchen. Am innerstädtischen rechten Flussufer stoßen wir auf Zeichen, die uns an steinzeitliche Höhlenmalerei und Höhlenritzungen erinnerten.

Schnee von gestern

land art_südbrücke“Dass der Rhein als Bildhauer tätig ist, wissen wir; dass er gerne Kieselsteine „beschriftet“, wissen wir auch; nun aber ist bewiesen, dass, stimmen die Wetterbedingungen, er auch Land Art betreiben kann. Das Bild ist wahrhaftig „Schnee von Gestern“… (von der Süd-Brücke fotografiert)”, schreibt unser Korrespondent Roland Bergère vom anderen Ende Kölns.

Kornblumenblau

Ist der Himmel am herrlichen Rheine,
Kornblumenblau
Sind die Augen der Frauen beim Weine.
Darum trinkt Rheinwein, Männer seid schlau,
Dann seid am Ende auch ihr kornblumenblau.

Es gibt kein Plätzchen auf Erden,
Wo sich’s so herrlich und fein
Lebt wie am Rhein, wo die Reben
Blühen im Sonnenschein.
Reich an Farben, so bunt und so prächtig
Erstrahlt Wald und Flur,
Von den Farben am Rhein
Eine allein tritt ganz besonders hervor.

Kornblumenblau
Ist der Himmel am herrlichen Rheine,
Kornblumenblau
Sind die Augen der Frauen beim Weine.
Darum trinkt Rheinwein, Männer seid schlau,
Dann seid am Ende auch ihr kornblumenblau.

(Text: Jupp Schlösser, erstvertont und gesungen von Willy Schneider 1937 bei Polydor)

Köln in Köln (15)

Die Kölnisierung Kölns als Autoreproduktion an den eigenen Fassaden schreitet stur, mit selbstbewusstem Schwung und unaufhörlich, fast steht zu fürchten: ins Indefinite fort. Neue Bildbeispiele der Selbstliebe einer Stadt aus dem Kwartier Latäng, Nippes, Mauenheim und vom Hauptbahnhof:

köln in köln_41_mckölnaldsMcKölnalds am Bahnhof

köln in köln_38_nippesNippeser Kranhäuser

köln in köln_38a_nippesLanggestreckte Kölnsilhouette in einem Nippeser Hinterhof

köln in köln_39_mauenheimBeliebtestes Motiv zeitgenössischer Mauenheimer Malerei und Schaufenstergestaltung

köln in köln_40_dasselstrSupermarkt-Glasfassade an der Dasselstraße

Alt München am Rhein

I go sometimes into the Bierhalle and restaurant called Old Munich. Not long ago it was a resort of interesting Bohemians, but now only artists and musicians and literary folk frequent it. But the Pilsner is yet good, and I take some diversion from the conversation of Waiter No. 18.

For many years the customers of Old Munich have accepted the place as a faithful copy from the ancient German town. The big hall with its smoky rafters, rows of imported steins, portrait of Goethe, and verses painted on the walls—translated into German from the original of the Cincinnati poets—seems atmospherically correct when viewed through the bottom of a glass.

But not long ago the proprietors added the room above, called it the Little Rheinschloss, and built in a stairway. Up there was an imitation stone parapet, ivy-covered, and the walls were painted to represent depth and distance, with the Rhine winding at the base of the vineyarded slopes, and the castle of Ehrenbreitstein looming directly opposite the entrance. Of course there were tables and chairs; and you could have beer and food brought you, as you naturally would on the top of a castle on the Rhine.

I went into Old Munich one afternoon when there were few customers, and sat at my usual table near the stairway. I was shocked and almost displeased to perceive that the glass cigar-case by the orchestra stand had been smashed to smithereens. I did not like things to happen in Old Munich. Nothing had ever happened there before.

(The Halberdier of the Little Rheinschloss in O. Henry: Roads of Destiny, 1909)

Rheinische Seher und Propheten

Eine bisher zwar auch unerklärte, aber jetzt doch schon von vielen zugegebene Erscheinung ist das sogen. „Zweite Gesicht“, d. h. das Vermögen, wirkliche Begebenheiten der Gegenwart oder Zukunft fernschauend wie mit leiblichem Auge zu erkennen. Die „Vorgesichte“ – in Westfalen und am Niederrhein „Vorgeschichten“ genannt – sind, abweichend z. B. vom somnambulen Hellsehen, stets mit Rückerinnerung verbunden und nehmen nie eine religiöse oder übersinnliche Richtung, sondern halten sich ganz in der Sphäre des gewöhnlichen bürgerlichen Lebens, meist Todesfälle und Leichenbegängnisse, aber auch Brände, Hochzeiten, Geburten, Freundschaften, das Ankommen von (dem Seher oft ganz unbekannten) Fremden und dgl. betreffend. Die Gabe findet sich weit mehr bei Männern als bei Frauen, ist aber an kein besonderes Alter und keine bestimmte Zeit gebunden. Im Augenblick des Schauens ist der Seher ganz von seinem Bilde eingenommen, sieht und denkt nichts anderes und nimmt keine Notiz von seiner Umgebung: die Augenlider oft krankhaft einwärts gekehrt, sieht er starr vor sich hin. „Es giebt wenig Städte am Rhein,“ – wird 1822 berichtet – „wo nicht solche Geschichtler anzutreffen wären, und daß man bisher so wenig davon geredet hat, liegt in der nicht bloß am Rhein bekannten Erfahrung, daß die Aufklärung der Schriftgelehrten bereits so weit fortgeschritten ist, daß man in ihrer Gegenwart schon kein Faktum mehr erwähnt, was nicht durch sie anerkannt worden“. (…)

Schon im Jahre 1668 trieb in Andernach zur Zeit einer pestartigen Krankheit der Geisterseher Cornelius Schnegell sein Unwesen, indem er gegen das Verbot des Magistrats angebliche Geistererscheinungen in Umlauf setzte und dadurch Trauer und Schrecken über manche Familie brachte. Von erster Kindheit an – erzählte er – habe ich Geister geschaut, und in der letzten Matthiasnacht sind mir plötzlich die Augen derart erleuchtet, daß ich des Nachts ebenso klar sehe, wie bei Tage. Namentlich in den Prozessionen, die zur Abwendung der Pest gehalten werden, sehe ich im voraus das Schicksal meiner Mitbürger: die ich fallen und nicht wieder aufstehen sehe, müssen sterben; solche, welche nach dem Falle sich wieder erheben, werden zwar krank, sterben aber nicht; endlich diejenigen, welche bloß straucheln, werden nur von einem leichten Anfall getroffen. Ich sehe die Geister in weißen und schwarzen Kleidern und halte dafür, daß jene selig, diese verdammt werden. Wenn sie erscheinen, verbleibe ich bisweilen im Bette, häufig aber muß ich aufstehen und sie bis zur Thür begleiten. Diese Erklärung setzte den Rat, der selbst überall Spuk und Zauberei witterte, in nicht geringe Verlegenheit, obschon bekannt war, daß der Geisterseher mitunter freilich in seinen Vorhersagungen die Wahrheit getroffen, öfter aber „schändlich sich vertretten und seiner Zungen Zoll verfahren“ hatte. Man wandte sich deshalb um Auskunft an die gelehrten Franziskaner in Köln und legte ihnen die Frage vor, ob dergleichen Erscheinungen begründet und glaubwürdig seien oder nicht. Daß es kein bloßes Spiegelgefecht und keine Narrheit ist, fügt der Rat seiner Anfrage bei, kann man daraus abnehmen, daß oft in Kirchen, adligen und anderen Häusern Gespenster gehört oder gesehen werden und bald darauf Leichen folgen. Diese Erscheinungen haben auch solche, denen man nichts Böses nachsagen kann, ja die Heiligen haben solche absonderlich oft gehabt. Es ist ferner bekannt, daß in einigen Klöstern Patres eine Zeitlang vor ihrem Tode im Chor ohne Haupt erschienen sind. Dazu ist zu beachten, daß gemeldeter Cornelius von den Geistern genötigt wird, die Visionen bekannt zu machen und daß die Offenbarungen vielen zum besten gereichen, da diejenigen, welche noch nicht sterben werden, unnötige Arzneien sparen, solche dagegen, die bald sterben müssen, desto besser auf den Tod sich vorbereiten können. (…)

In der Vaterstadt eines Rheinländers lebte zu Anfang dieses Jahrhunderts ein unbemittelter Tagelöhner, den man, weil er für die Metzger die gekauften Kälber herbeiholte, „Kälber-Gerhard“, seiner Gesichte halber aber meist „Geisterseher“ nannte. Gewöhnlich um Mitternacht, doch zuweilen auch bei Tage, erblickte er die Gestalt derjenigen Person, die binnen weniger Tage sterben sollte, an derjenigen Stelle, wo sie den Geist aufgab, bald in ihren gewöhnlichen Kleidern, bald im Leichengewand, bald sitzend, bald liegend, und es trieb ihn dann mit Gewalt in die Wohnung, wo die betreffende Person wohnte, oder auf die Straße, wo der Leichenzug vorüberkam und er alle Leidtragenden genau erkannte. Nur einigemal hat er infolge übergroßer Müdigkeit dem Triebe, dem Gesicht zu folgen, gewaltsam widerstanden und sein Bett nicht verlassen; da aber – so erzählte er – sei ihm zur Strafe seines Ungehorsams der „Geist“ reitend auf die Schultern gesprungen und habe ihn durch Straßen und Felder so peinigend umhergetrieben, daß er in kaltem Schweiße gebadet und vor Erschöpfung krank nach Hause gekommen sei. Anfangs machte er aus der leidigen Gabe, die er dem Umstande zuschrieb, daß er in der St. Andreas-Nacht genau um 12 Uhr geboren sei, kein Hehl und offenbarte arglos, wen er des Nachts gesehen; da aber die von ihm genannten Personen stets bald darauf verstarben, bemächtigte sich der Einwohner eine solche Angst, daß sie ihm möglichst aus dem Wege gingen und er ihre Häuser schließlich selbst am hellen Tage und in Geschäften nicht ohne Furcht vor Prügeln betreten durfte. (…)

Auch für das sogenannte Sichselbstsehen sind Fälle genug vorhanden. Noch aus der Mitte dieses Jahrhunderts wird in Führt bei Neuß erzählt, daß der Küster abends in die Kirche gegangen, um dort die ewige Lampe zu schüren. Während er den Sohn erwartete, welcher ihm das notwendige Oel bringen sollte, hatte der Ermüdete sich in einen Beichtstuhl gesetzt und war darin unversehens eingenickt. Plötzlich wurde er durch den Ausruf: „Hier hast du deinen Rock!“ geweckt und sah eine dunkle Gestalt, die einen Sarg vor ihm hinstellte, dann aber mit dem Sarge eben so rasch wieder verschwand. Erschüttert kehrte der Küster heim und lag wirklich wenige Tage später als Leiche im Sarge. (…)

Schneider und Näherin hören die Schere schnippeln, wenn sie bald ein Totenhemd fertigen sollen; doch kannte Florentin v. Zuccalmaglio (1803 bis 1869) in seiner Jugend auch eine Näherin, die ihm oft blaue Male an ihren Armen zeigte, die sie Geesterpetsche (Geisterkniffe) nannte und für Anzeichen hielt, durch die sich die Verstorbenen bei ihr anmeldeten. (…)

Der Stadt Koblenz droht eine alte prophetische Sage: „Wehe! Wehe! Wo Rhein und Mosel zusammenfließen, wird gegen Türken und Baschkiren eine Schlacht geschlagen werden, so blutig, daß der Rhein 25 Stunden Wegs rot gefärbt sein wird“; auch Johann Peter Knopp meint: „Es wird hart hergehen, besonders bei Koblenz.“

Das Schlimmste jedoch soll Köln bevorstehen, das außer Knopp auch Rembold, Jasper und ein anderer westfälischer Spökenkieker als Schauplatz einer großen Schlacht bezeichnet haben. Der Magister Heinrich v. Judden, Pastor an Klein St. Martin zu Köln, fand um 1460 in einem alten Buche des dortigen Karmeliterklosters folgende Prophezeiung: „O glückliches Köln, wenn du wirst gut gepflastert sein, wirst du untergehen in deinem eigenen Blute. O Köln, du wirst untergehen wie Sodom und Gomorrha; deine Straßen werden von Blute fließen und deine Reliquien dir genommen werden. Wehe dir, reiches Köln, weil deine Einwanderer an deinen Brüsten saugen und an denen deiner Armen, die gemartert und gequält werden für dich.“ (…)

Gerade in bedrängten Zeiten tauchen prophetische Stimmen am ehesten auf, und so erschienen Anfang April 1761 plötzlich auch in Köln zwei alte Männer von ehrwürdigem Aussehen, die auf eine sonderbare Art gekleidet und barfuß waren und nur Wasser und Brot genossen. Sie verkündeten auf öffentlichen Gassen den Zorn Gottes über die Menschen und weissagten, daß im Jahre 1765 sich in allen vier Weltteilen ein allgemeiner Krieg entzünden, 1766 Konstantinopel zerstört werden, 1767 England im Wasser untergehen, 1768 die ganze Welt den wahren Gott erkennen und 1769 ein großer Mann ein wichtiges Zeugnis davon ablegen, 1770 ein allgemeines Erdbeben stattfinden, 1771 Sonne und Mond samt den Sternen vom Himmel fallen, 1772 die Welt in Flammen untergehen und endlich 1773 das allgemeine Weltgericht einbrechen werde. Man verbot ihnen sogleich, ihre Mission fortzusetzen; sie aber widersetzten sich diesem Befehle und gaben sich für Propheten aus, die der Himmel abgesendet, die Menschen zu schleuniger Buße zu ermahnen. Dieserhalb gefänglich eingezogen, wurden sie von den Jesuiten einem Verhör unterworfen; sie antworteten in lateinischer, griechischer, hebräischer, chaldäischer und anderer Sprache und gaben vor, 700 Jahre alt und aus der Gegend von Damaskus gebürtig zu sein. Mit Erlaubnis der Obrigkeit von den Jesuiten gefesselt nach Rom geschickt, wollten sie dort die Richtigkeit ihrer Mission erweisen.

(Rheinische Seher und Propheten. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte von Dr. Paul Bahlmann, Münster 1901)