Spargelaustreibung am Niederrhein

Heute am Johannistag findet am Niederrhein traditionell die große Spargelaustreibung statt. Dorfjungfern und -älteste ziehen gemeinsam mit Blotschen (Klompen) auf die verbliebenen Spargelfelder und machen die Anhäufelungen dem Erdboden gleich. Hierbei singen sie in einer bewusst zwischentonartlich gehaltenen Melodie ein Lied, dessen Ursprünge sich im Geldern des 17. Jahrhunderts verlieren:

Spaajel! Spaajel! Bäss jewääse!
Stonz mer no bes on de Nääse!
Jonz no fott, do witte Prengel:
Diss Jor nimmer enen Stengel!

Aus getrocknetem Spargelkraut wird anschließend ein symbolischer Scheiterhaufen errichtet, auf welchem der sogenannte ‘Erzspargel’, die bis zu 5 Meter lange Nachbildung einer Spargelstange, unter symbolischen Verwünschungen verbrannt wird. Spargelbauern der Orte Emmerich, Hünxe und Walbeck verbrennen in dem Feuer zugleich traditionell ein Drittel ihrer Verkaufsbelege, was für das nächste Jahr reiche Ernte und niedrige Steuern verheißen soll. Lokale Sonderformen des Brauchtums sind in fast allen spargeltreibenden Ortschaften der Region nachweisbar, etwa die Alpener Spargelhatz, bei welcher die entkleideten Burschen des Orts bei verbundenen Augen auf dem letzten Spargelfeld die letzte Spargelstange suchen, traditionell eine Veranstaltung, bei der sich Rauheit mit Frohsinn paart. Mögen sie besonders an regnerischen Tagen hinterher auch noch so verklütert (erdbesudelt) sein; zur mitternächtlichen Spargelaussegnung in der Kirche finden sie sich wie in allen übrigen Orten nahezu vollständig ein. Denn mit Glockenschlag Mitternacht zerbricht der Priester traditionell die Asparagille und teilt das Abendmahl in Gestalt von Brot und Spargelcremesüppchen aus. (Am Niederrhein werden Portionseinheiten dieses Gerichts unabhängig von der tatsächlichen Größe niemals als ‘Suppe’, sondern stets als ‘Süppchen’ bezeichnet.) Nach der abschließenden gemeinsamen Spargelbeweinung, dem ‘Stangenplanctus’, ziehen die Gläubigen in ihre Häuser, wo in dieser Nacht stets der Spargeltopf bereit steht, ein gelblichweiß lasiertes, mit Spargelmotiven verziertes Nachtgeschirr, um den sogenannten Johannisbrodem zu sammeln. Mit dem Abklingen dieses Geruchs im Laufe des folgenden Tages gilt die Spargelsaison endgültig als beendet.

(Ein Gastbeitrag von Martin Knepper)


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