Zwischenbilanz (8)

Volle acht Jahre wächst rheinsein nun im Netz. Seither bieten weit über 2000 Einträge reichlichen, gewissermaßen boulevard-enzyklopädischen Überblick (inklusive vieler ansonsten kaum bekannter Blickwinkel) über rheinische Fänomene und künstlerische, meist literarische Auseinandersetzungen mit dem Fluß, der im öffentlichen Bewußtsein als zentrale Ader Europas verankert liegt: eine elektronische Kulturgeschichte des von Dichtern aus der gesamten westlichen Welt besungenen Stroms, seiner Schöpfungen, Landschaften und Menschen im Blogformat.

Die Bündigkeit der Einträge korrespondiert mit dem Format und soll, gemeinsam mit der in der rechten Bildschirmhälfte organisierten, als Namensregister dienenden Stichwortwolke als Hilfe dienen, die rheinsein zugrunde liegenden oder weiterführenden Werke, Bücher, Kataloge, Filme, Musikstücke zu entdecken, die sich mit den unzähligen Themen des Rheins und seiner Regionen beschäftigen.

Besonders freut rheinsein die Beteiligung zeitgenössischer Dichter und Künstler, denn, wie es die große, derzeit in der Bundeskunsthalle stattfindende Flußschau abbildet, fokussiert die zeitgenössische Rheinbetrachtung in der Regel ungleich stärker auf die als kanonisiert abgehakte Vergangenheit, denn auf die durchaus interessante Gegenwart, in der geschichtliche Motive, in fortgeschrittene Umgebung versetzt, in Variationen auftauchen, die neue Sichtweisen auf Vergangenheit und Gegenwart zu öffnen vermögen, und in der neuartige Rheinmotive entstehen, die sich bisher weitgehend unterhalb des institutionellen Wahrnehmungsradars bewegen.

rheinsein als größte zusammenhängende Sammlung kultureller Zeugnisse zum Rhein im Netz wurde von den Kuratoren der Schau ignoriert. Ein Instrument, das Primärkunst mit Hinweisen zum tieferen Eindringen in die rheinischen Kulturen in einem historisch wie geografisch wie künstlerisch überaus weit gefaßten Kontext vereint, war für die Ausstellung nicht gefragt. Als mosaikartig angelegtes Netzmuseum mit einem gewissen Kuriositätencharakter bleiben diese Seiten unter Umständen länger und schneller zugreifbar als große Schauen; rheinseins Besucher kommen mit spezialisierteren Anliegen hauptsächlich über Suchmaschinen. Die Zusammenarbeit mit Museen, die sich in Sonderschauen Rheinthemen widmen, ist bisher noch sehr überschaubar: rheinsein vermag als Museum im Museum über das Museum hinausweisen und sein umfassendes Wissen in selten gesehenen Zusammenhängen präsentieren.

Die größten Lücken des rheinsein-Mosaik sehen wir in geografischer Hinsicht vor allem in den rheinland-pfälzischen, hessischen und niederländischen Abschnitten, und was Rheinbeschreibungen anbelangt vor allem in den nichtwestlichen Weltgegenden: insbesondere Werke afrikanischer, asiatischer, ozeanischer und lateinamerikanischer Autoren sind bisher nur äußerst wenige auf rheinsein vertreten. Sollte eine umgekehrte Ethnologie existieren, die den Rhein als Strom einer exotischen Ersten Welt darstellt? Alle Darstellungslücken, soviel ist gewiß, werden niemals zu schließen sein, dafür sorgt der Fluß mit einer seiner Haupteigenschaften, der Unfaßbarkeit. Tatsächlich steht rheinsein vor einer weiteren Reduzierung der Eintragsfrequenz. Die Arbeit wird sich 2017 nicht im gewohnten Maße fortführen lassen. Das liegt vor allem an ökonomischen Zwängen. An Projekten, mit denen eine Neugestaltung des Publikationsverhaltens einher ginge, arbeitet rheinsein im Hintergrund – und wird bei Spruchreife detaillierter berichten.

Unseren Leserinnen und Lesern wünschen wir ein gesundes und glückliches neues Jahr 2017!


Stichworte:
 
 
 

Kommentar abgeben: