ins Wasser gegangen

Der genaue Ort, der Zeitpunkt und die näheren Umstände seines Todes sind mir nicht bekannt und ich habe mich nicht bemüht, ihnen nachzugehen. Er ist ins Wasser gegangen im Herbst vor jetzt 25 Jahren, das ist meine Wahrheit. Natürlich ist das eine letzte Spekulation. Ihr könnt auch an ein Verbrechen denken, dessen Hintergründe ihr euch selbst ausmalt. Noch einmal Telegramme aus Hamburg, die ihn ans Ufer trieben. Eine Verabredung mit einer Hure oder dem geheimnisvollen Unbekannten. Ich sehe ihn aufgedunsen angeschwemmt – hat lange gelegen -, entdeckt von einer Spaziergängerin mit Hund oder von Joggern am Morgen.
Der kürzeste Weg zum Fluss ist der: Die Wittelsbachstraße immer entlang, vorbei an Amtsgericht und Polizeipräsidium, Lagerhausstraße und den Arm des Luitpoldhafens überqueren, Schwanthaler Allee, dann ein Stück durch den Stadtpark, links die Insel-Bastei, ein Restaurant, wo er, als er Familie hatte, manchmal gegessen hat. Die Hannelore-Kohl-Promenade. Auf der anderen Seite des Flusses die gelben Lichter von Mannheim/Lindenhof. Ein leeres Ausflugsschiff. Im Norden der rote Schein der BASF. Der Rhein ist schwarz und träge – “und ruhig fließt der Rhein”. Als einziges Geräusch das Wasser, das an die Uferbefestigung schlägt.
Da ist nichts Lockendes.

(aus Billy Hutter: Karlheinz, Metrolit-Verlag, Berlin 2015)


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