Außerdem war es für uns Deutsche verboten, den Rhein zu befahren

Mit Carl Maassen, meinem Freund, traf ich mich im Düsseldorfer Jachthafen, der nicht weit von unserem Atelier entfernt lag. Sein Vater hatte hier ein großes Hausboot, das er zu einer Buchhandlung auf dem Wasser ausgebaut hatte. Die meisten Schiffe und Segeljachten aber waren durch die Bombenangriffe gesunken. Wir gingen daran, soweit wir das mit unseren Mitteln konnten, die verschiedensten Boote zu heben. Das erste nannten wir Bügeleisen, da der Rumpf dieser Form glich. Einen eisernen Nachen holten wir von einem gesunkenen Raddampfer, der draußen an der Kaimauer lag. An der ganzen Düsseldorfer Rheinfront lagen gesunkene Dampfer und Schleppkähne, die zum Teil aus dem Wasser ragten, besonders im Hochsommer, wenn der Rhein wenig Wasser hatte. Zu dem Hausboot gehörte ein großes eisernes Boot mit schwerem Motor, das wir aus dem Wasser holten und wieder in Betrieb brachten. So hatten wir ein gutes Bergungsschiff.
Carl hatte ein Motorrad, mit dem wir nach Bonn und nach Königswinter fuhren, wo er auf einer kleinen Werft den Rumpf einer Segeljacht, einer Ketsch, liegen hatte. Es war ein schönes Schiff. Leider aber hatten Bombensplitter ein großes Loch in den Rumpf geschlagen und niemand auf der Werft konnte das Schiff wieder in Stand setzen. Außerdem war es für uns Deutsche verboten, den Rhein zu befahren. Auch gab es Sperrstunden und Strafen, wenn man erwischt wurde.
Die Engländer hatten eine Pontonbrücke von Niederkassel mit Anschluß an die Uerdinger Straße gebaut, da wo heute die Nordbrücke über den Rhein führt. Unter der Brücke auf den Pontons und im Wasser lagen und schwammen schöne große Holzbalken. Davon konnte ich einige gebrauchen. In einer dunklen Nacht ruderten wir mit unserem Nachen – um die Ruderblätter hatten wir wegen der Geräusche Lappen gewickelt – vorsichtig an die Brücke heran. Oben patrouillierten Soldaten, wir mußten höllisch aufpassen, um nicht entdeckt zu werden. Vorsichtig holten wir Balken um Balken, banden sie mit Stricken zusammen, und ließen uns mit gestohlener Fracht stromabwärts treiben. Trude und Anneliese standen am Ufer. Wir hatten uns eine Karre besorgt, wuchteten die schweren Balken nach oben und schnell ging es zur Franz-Jürgens-Straße, wo wir sie in unser Atelier brachten. So konnten wir eine Zwischendecke einziehen, da wir Nachwuchs erwarteten und für vier Personen zu wenig Platz war. Bei einem weiteren Seeräuberunternehmen holten wir noch die nötigen Bretter. Alles lief glimpflich ab, und wir konnten mit Hilfe eines Schreiners den Zwischenboden bauen.

Jede freie Minute war ich auf dem Rhein. In der Abenddämmerung ging es hinüber auf die Löricker Seite, wo wir Rhabarber, Kappes oder Möhren klauten. Wir störten uns nicht an der Sperrstunde, es ging ums nackte Überleben. Ich bekam von einem Bekannten ein kleines Radio geschenkt und dankte ihm mit einem Bild. Später wollte er das Gerät zurück haben und schenkte mir eine Segeljolle. Weiß der Himmel, wo er die her hatte, aber es war ein hilfreiches Geschenk. Jetzt konnte ich meine Hamsterfahrten erweitern. Bei günstigem Wind segelte ich rheinabwärts an den Niederrhein, einmal bis nach Xanten. Egal wie das Wetter war, bei Regen und Schneetreiben, machte irgendwo das Boot fest, ging an Land und bettelte oder tauschte bei den großen Bauernhöfen. Aber nicht jeder gab etwas. Oft war ich mit einem Butterbrot und einer Tasse Kaffee zufrieden. Zurück hing ich mich an ein Schleppboot und ließ mich rheinaufwärts bis nach Düsseldorf ziehen. Ich hatte mir eine Zeltbahn über den Großbaum gelegt, ein Zeltdach gebaut und schlief die Hälfte der Fahrt. Wenn mir das Segeln allerdings zu riskant war, unternahm ich meine Hamstertouren per Autostop. Das klappte eigentlich immer recht gut. Die Autofahrer hatten Mitleid, wußten sie doch selbst wie schwer die Zeiten waren und daß der Hunger uns dazu veranlaßte. Es ging ums Überleben. Heute verschwendet man keine Gedanken mehr an diese Zeit.

(aus Hannes Esser: Heute hier und morgen gestern, Düsseldorf 2002)


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