man kann nicht alles auf einmal haben

Die beiden standen auf und gingen zur Tür, wo sie stehnblieben und einander zum Lebewohl ansahen. Einen Augenblick entstand eine gespannte, verlegne Stille zwischen ihnen, ganz so, als warte immer die eine darauf, daß die andre spräche. Miß Turner war es, die das Schweigen brach.
“Nun”, sagte sie, “jetzt werden wir uns wohl lange nicht sehn.”
“Ei wieso denn?” fragte Miß Blake. “Sie kommen doch erst noch hierher zurück, eh Sie zur Bahn fahren.”
“Nein, glaube ich nicht”, erklärte Miß Turner. “Unser Gepäck ist schon zum Bahnhof gebracht worden, und ich denke mir, daß wir dort auf der Rückfahrt gleich aussteigen werden … versteht sich, nur die Mädchen aus meiner Gruppe.”
“Ja, dann freilich nicht, dann werden wir uns erst in Wien wiedersehen”, sagte Miß Blake auf ihre merkwürdig trockne, tonlose Art.
“Ja”, sagte Miß Turner. “Und dann müssen Sie mir erzählen wie alles war. Ich möchte beinah lieber mit Ihrer Gruppe fahren, ich hab’ mir immer gewünscht, nach Italien zu reisen, fast noch mehr als an den Rhein; aber man kann nicht alles auf einmal haben, nicht wahr?”
“Ja”, pflichtete Miß Blake bei. “Bestimmt nicht.”
“Immerhin, wunderbar viel kriegt man schon zu sehn”, fuhr Miß Turner ziemlich begeistert fort. “Ich meine, wenn man bedenkt, daß die ganze Europafahrt einschließlich der Seereise nur sechs Wochen dauert, ist es wirklich wunderbar viel, was einem geboten wird.”
“Ja”, sagte Miß Blake. Da haben Sie recht.

(aus Thomas Wolfe: Das Geweb aus Erde; deutsch von Hans Schiebelhuth; postum aus Manuskripten)


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