Monatsarchiv für Oktober 2016

 
 

Presserückschau (Oktober 2016)

1
Paradies auf Erden
“Forscher wollen in einer badischen Kleinstadt das Paradies auf Erden schaffen. Acht Jahre lang soll in Gaggenau (Kreis Rastatt) ausgelotet werden, welche Lebensumstände ein besonders hohes Alter ermöglichen. Die Wissenschaftler wollen verschiedene Maßnahmen in Kitas, Schulen, Seniorenheimen und bei ansässigen Betrieben testen. Es geht beispielsweise um städtische Strukturen, mit denen Ältere vor Vereinsamung bewahrt werden können. Oder um eine für Körper und Seele möglichst optimale Arbeitswelt. Hinter dem Projekt stehen die Uni-Kliniken in Mannheim und Tübingen sowie das Mannheimer Zentrum für seelische Gesundheit.” (Spiegel)

2
Marathonrudern
“42 Kilometer über den Rhein mit seinen teils tückischen Windungen: Das 45. Düsseldorfer Marathonrudern war eine große Herausforderung, die diesmal 180 Mannschaften aus ganz Europa annahmen. Sie starteten (…) beim RTHC Bayer Leverkusen und ruderten von dort zum Gelände des RC Germania in Düsseldorf-Hamm. “Der Schmerz geht, und der Stolz kommt” lautete das Motto.”" (Rheinische Post)

3
Fahrradfriedhof
“Es sind traurige Bilder, die der Rhein da zum Vorschein bringt… Bei niedrigem Wasserstand kommt so allerlei verloren geglaubtes Hab und Gut wieder ans Licht. Aktuell kursieren unter anderem im Kölner NETT-Werk Fotos, die einen regelrechten Fahrrad-Friedhof im Rhein zeigen.” (Express)

4
Reifenfriedhof
“Mit einem Fall von Umweltkriminalität muss sich die Niederkasseler Stadtverwaltung jetzt beschäftigten. Unbekannte haben im Rhein zwischen Rheidt und Niederkassel-Ort zahlreiche alte Autoreifen entsorgt. Die Reifen, die offenbar bereits vor längerer Zeit in unmittelbarer Ufernähe in den Fluss geworfen worden waren, wurden kürzlich von Spaziergängern entdeckt. Begünstigt wurde der Fund durch das derzeitige Niedrigwasser des Rheins.” (Kölnische Rundschau)

5
Lachse und Kontrastmittel
“30 Jahre nach dem Großbrand im Schweizer Chemieunternehmen Sandoz bei Basel tummeln sich wieder viele Lachse im Rhein. 2015 seien rund 800 dieser sensiblen Wanderfische gezählt worden, teilte die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (…) mit. Der Bau vieler weiterer Kläranlagen und andere millionenschwere Investitionen hätten gezeigt, «dass es möglich ist, aus der Kloake Rhein wieder einen weitgehend sauberen Strom zu machen». Weltweit gelte dies in der Fachwelt als ein positives Beispiel der Umweltpolitik. Dennoch bleibt laut der IKSR viel zu tun. Beispielsweise gebe es neben der Verschmutzung mit Mikroplastik noch viele Mikroverunreinigungen wie Medikamente, Hormone der Antibabypille, Insektizide, Duftstoffe aus Reinigungsmitteln und Röntgenkontrastmittel.” (proplanta)

6
Mundartdichtung
“Die Sprache und der Einsatz für den Dialekt verbinden: Das zeigte sich bei der Autorenbegegnung (…) im Weiler Kesselhaus. Auf dem Podium saßen sieben Dichterinnen und Dichter aus drei Ländern, die Kostproben aus ihrer aktuellen Lyrik und Prosa vortrugen (…). Roter Faden bei dieser Mischung aus Lesung und Talkrunde war der grenzüberschreitende Dreyland-Dichterweg. Auf dieser Strecke vom Rheinpark in Friedlingen über Hüningen bis zum Voltaplatz in Basel sind 24 Bronzetafeln angebracht, auf denen ausgewählte Mundartautoren aus dem Dreiland vorgestellt werden. (…) Den Anfang machte der Elsässer Edgar Zeidler. “Was wir gemeinsam haben, ist die alemannische Sprache, die alemannische Kultur”, sagte der Mundartforscher, “diese Wurzeln sollten wir nicht verleugnen.” Zeidlers Texte sind politisch, kritisch, nachdenklich, gehen auf zeitgemäße Themen ein. So las der Autor auf den Punkt gebrachte Gedichte über offene Grenzen, offene Herzen, offene Arme, aber auch über den aufkeimenden gefährlichen Nationalismus, die globalisierte Welt und die Internetgeneration, die nicht mehr kocht, nicht mehr backt, nicht mehr strickt. Als “Grande Dame” begrüßte (Kulturamtsleiter; Anm.: rheinsein) Paßlick die Baslerin Hilda Jauslin, die in Allschwil lebt. Ihre Inspirationen holt sie aus dem Alltag, aus Beobachtungen in der Natur. Hilda Jauslin las sensible Gedichte über das Dreiland: “Drei Länder, drei Dialekte, drei Belchen”, über Grenzen, Schlagbäume, Stacheldraht, Überwachung und den Rhein, der unaufhörlich weiter fließt. Beim Blick auf den “Ryy” werden die Gedanken leicht und weit, heißt es in einem Gedicht der Baslerin, die auch eine anspielungsreiche Geschichte über einen alten Mann und den Dreiländerblick las.” (Badische Zeitung)

7
Neozoon
“Sie sieht aus wie eine Tarantel, ist aber keine. Die haarige Kräuseljagdspinne breitet sich derzeit im Süden von Deutschland aus. Wissenschaftler der Zoologischen Staatssammlung München haben den genetischen Code der Spinne entschlüsselt, die kürzlich erstmals in München entdeckt wurde (…). Eigentlich ist die haarige Spinne, die bis zu fünf Zentimeter groß werden kann, im Mittelmeer-Raum zu Hause, soll aber inzwischen das gesamte Oberrheintal besiedelt haben. Seit etwa zehn Jahren ist sie angeblich in Deutschland auf dem Vormarsch. Forscher vermuten, dass das Tier von Menschen eingeschleppt wurde, weil die ersten Funde an Nord-Süd-Hauptverkehrsachsen belegt sind.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

8
Grenzfunktionen
“Als die Alemannen den zugefrorenen Rhein um das 5. Jahrhundert herum überquerten und sich auf der anderen Seite des Flusses niederließen, schufen sie einen gemeinsamen linguistischen Raum, in dem man alemannische Dialekte spricht. Paradoxerweise wurde der Rhein noch nie so leicht überquert wie heute, die badischen und elsässischen Dialektsprechenden scheinen jedoch ihre sprachliche Nähe nicht wahrzunehmen. Noch erstaunlicher: Die Dialekte des Elsass’ und Baden-Württembergs folgen verschiedenen Entwicklungen. Das zeigt jedenfalls eine erste deutsch-französische Studie, an der Pascale Erhart, Dozentin an der Unistra und Leiterin des Département de dialectologie alsacienne et mosellane, beteiligt ist. „Thema des Forschungsprojekts“, erklärt sie, „ist es, zu verstehen, wie der Rhein als Landesgrenze diesen gemeinsamen Raum trennt. Tatsächlich verschwinden die lokalen Dialektcharakteristika gerade unter dem Druck nationaler Standards. (…) Es verhält sich tatsächlich so, als würde eine sprachliche Grenze die politische ablösen.“” (Unistra)

9
Rheintote
“Rettungskräfte haben (…) in Wesel eine Leiche aus dem Rhein geholt. (…) Wie die Polizei (…) mitteilte, meldete eine Anruferin (…) eine im Rhein treibende Person. Polizei, Feuerwehr und Notarzt rückten zum Rhein bei Wesel aus. Mit einem Hubschrauber wurde nach der Person gesucht. Gegen 13.10 Uhr fand man einen leblosen und unbekleideten Mann. Die Polizei geht davon aus, dass der Mann Ende 40 oder Anfang 50 Jahre alt ist. Die Ermittlungen der Polizei laufen. Es gilt herauszufinden, wer der Mann ist und woran er gestorben ist.” (Rheinische Post)

“Mindestens zwei Tote, mehrere Verletzte und ein hoher, noch nicht absehbarer Sachschaden – das ist die vorläufige Bilanz einer gewaltigen Explosion und mehrerer Brände auf dem Gelände des Chemieriesen BASF in Ludwigshafen. Bei den Getöteten handelt es sich dem Unternehmen zufolge um zwei Mitarbeiter. Außerdem würden noch zwei Menschen vermisst, teilte BASF am Abend mit. Zunächst war von sechs Vermissten die Rede gewesen. (…) Es gebe auch noch keine näheren Erkenntnisse, welcher chemische Stoff in Brand geraten sei. In dem Hafen würden Flüssiggase, aber auch brennbare Flüssigkeiten verladen. (…) Nach der Explosion wurden demnach Wassersperren zwischen dem Landeshafen Nord und dem Rhein errichtet.” (SHZ)

Die Brücke von Remagen (3)

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“Am 7. März 1945 konnten Soldaten der 9. US-Panzer-Division die Ludendorffbrücke völlig unerwartet einnehmen. Auf deutscher Seite war die vorbereitete Sprengung fehlgeschlagen. Dieses “Wunder von Remagen” soll General Eisenhower mit dem Ausruf “Die Brücke ist ihr Gewicht in Gold wert” kommentiert haben.
Wegen des Verlusts der Brücke entsandte Hitler ein “Fliegendes Standgericht”, das fünf Offiziere zum Tode verurteilte und vier von ihnen sofort erschießen ließ.” (Aus dem Faltblatt des Friedensmuseums Brücke von Remagen)

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die Freude eines ausgebrochenen Sommers

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Rote Baskenmütze

Wir erreichten Düsseldorf und wurden am Planetarium in der Nähe der zerstörten Rheinbrücke, die im Wasser lag, abgeladen. Wir Landser umarmten uns, und jeder ging seiner eigenen Wege. Ich stand da, überglücklich in der Heimat zu sein, an meinem so geliebten Rheinstrom, der nichts von seiner gewaltigen Schönheit verloren hatte. Trotz vollgeschissener Hose und kahlgeschorenem Kopf war ich dem Weinen nahe und doch überglücklich. Ich ging zurück in Richtung Altstadt und sah sie in Trümmern liegen. Der Kunstakademie fehlte zum größten Teil das Dach und sie hatte auch äußerliche Schäden. Das war kein schöner Anblick, unsere Heimatstadt so zerstört zu sehen. Die Amerikaner hatten die Stadt von der Oberkasseler Seite aus beschossen und viele Altstadthäuser waren Ruinen.
Durch Zufall traf ich Kaplan Dr. Merzbach, der zum Ende der Naziära die Reste der Düsseldorfer Sturmschar betreut hatte. Es war ein freudiges Wiedersehen, hörte von ihm aber, daß viele aus der früheren Schar leider gefallen seien, was mich sehr traurig stimmte. Er sah meinen kahlgeschorenen Kopf, griff spontan in seine Aktentasche und holte eine rote Baskenmütze heraus, die er irgendwo gefunden hatte. Er schenkte sie mir, und ich hatte meine erste Kopfbedeckung, als käme ich aus einer unbekannten Einheit. Er meinte, sie stünde mir gut. Dr. Merzbach war einer von den Leuten, die die Stadt an die Amerikaner übergeben und dadurch noch weiteres Unheil verhindert hatten. (…)
Ich überlegte, wo ich zuerst hingehen sollte. Unser Elternhaus am Wehrhahn, mein Zuhause, war in der Bombennacht auf Pfingsten 1943 vollkommen zerstört worden und nur noch eine trostlose Ruine. (…) Die Sonne schien, der Rhein floß in seinem alten Bett. Die Gebäude der alten Gesolei, der so genannte Ehrenhof, waren ohne große Schäden davongekommen, der Straßenbahnverkehr zum größten Teil zusammengebrochen. Geld hatte ich keins, woher auch sollte ich solches haben. Der Hunger war etwas gestillt, da Dr. Merzbach mir eines seiner Butterbrote gegeben hatte.
Auf nach Golzheim zur Künstlersiedlung. Also machte ich mich auf den Weg. Unterwegs, hinter einem Gebüsch, zog ich meine voll geschissene Hose aus und versuchte recht und schlecht, mich davon zu befreien. Ein Büschel Gras, eine alte Zeitung waren brauchbare Putzmittel. Ich war ein wenig erleichtert und ging auf Golzheim zu. Groß war das Wiedersehen, wir umarmten uns und waren alle glücklich. (…) Was war das für ein Vergnügen, unter einer Brause zu duschen, mal wieder ein Stück Seife in der Hand zu haben. Es war ein Geschenk, das mit Geld nicht zu bezahlen war. Eine Tasse Muckefuck, eine Scheibe Brot mit etwas Tomatenmark, welch Köstlichkeit. Nachbarn kamen herüber und freuten sich mit uns. Jeder hatte zu berichten, alle hatten Schlimmes erlebt.

(aus Hannes Esser: Heute hier und morgen gestern, Düsseldorf 2002)

Keun am Rhing

Sie haust im souterrain
Eupener Str elternhaus
darüber alles in trümmer
aber das gras wächst sich aus
Es gibt kein glanz mehr
glanz war sie sowieso
ab 15 Doornkaat
wird ihr der arsch erst froh
Dat war dat Irmgard
(Für Sie Frau Keun
für Dich nur hinfahrt
und den ersten um 9)

Sie war ein weib
so hoch wie breit wie tief
Sie war der panthersprung
aus kaisermief
Der kamm liegt bei die butter
mim pelzärmel weggewischt
die weltkriegzwoerprobten
ameröllcher aufgetischt

Wenn sie wieder schriebe
mit zobel Chanel und hut
wie sie erzählt vor dem sechsten glas
alles würde gut
Sie kotzt den heinis die gülp voll
wie es mim Roth Jupp begann
Ihre späte tochter
wächst trotz nonnen heran
Dat war dat Irmjard
(Für Sie Madame und nicht Die Keun
für Dich die Kevelaer-rinfahrt
und den ersten am büdchen um 9)

(Hel Toussaint)

Vis-à-vis

Ich wußte nichts von Deinen Ufern!
Nina Hagen

Seinen Hut setzte er noch im Haus auf und zog ihn tief ins Gesicht. Ach wie oft er sich nicht schon gemahnt hatte, diese Geste offensichtlichen Verstecken-Wollens zu unterlassen, es gelang ihm auch diesmal nicht. Zu groß war die Übereinstimmung von körperlichem Ausdruck und innerem Befinden. “Eine Tarnkappe wäre das Ideale”, dachte er darum und ließ den Hut, wo ihn seine Beschützerhände so vorsorglich platziert hatten um, ja um, aus dem Haus getreten, direkt in die Arme seiner Gemeindereferentin zu laufen.

“Ach, wo wollen Sie denn so schnell hin?” fragte diese. Aber Gott sei Dank war er darauf vorbereitet und hatte die Antwort bereits mehrfach erfolgreich angewendet. So zögerte er kaum einen Moment, (und vielleicht war das gerade das Auffällige daran, denn hätte er sich nicht, unter normalen Umständen, zunächst einmal nach dem Befinden der Angerempelten erkundigen müssen?) ihr die bewährte Geschichte von dem alten Schulfreund aufzubinden mit dem er sich noch ab und an – Man-muß-ja-auch-mal-was-And’res-machen – zum Schachspielen traf. Er sei auch schon spät d’ran, die Fähre ginge jede Minute, denn jener wohne ja op de schäl sick, sie entschuldige dann wohl, morgen sei er wieder zu sprechen, vielleicht könne ihr ja inzwischen schon Frau Gerbig weiterhelfen…?

Sprach’s und strebte der Via Veneto zu, der Straße, die ihn zum Ufer des großen Stroms führen würde, wo tatsächlich die Fähre auf ihn wartete. Er war zivil gekleidet, wie immer zu diesem Anlass und zunehmend auch sonst. So satt war er es, ständig als Instanz unterwegs zu sein, von allen erkannt, angesprochen oder doch zumindest angestarrt zu werden. Es war mal wieder Zeit war für die monatliche Reinigung der Sinne von all dem seelischen Dreck mit dem abzugeben er sich verpflichtet hatte.

Jesus, wenn er damals gewußt hätte, wie lang ein Leben alleine werden kann. Über die 33 war er schon ein Drittel drüber und erfreute sich noch immer bester Gesundheit, sah man mal von dem empfindlichen Magen ab, der ihn hier und dort für einige Tage aus dem Verkehr zog. In Anbetracht seiner Reise Ziel über den doppelten Wortsinn grinsend, trat er gerade von der Brücke aufs schwankende Schiff, dem Fährmann auf seine Frage: “Wie, iss att widde ne Mons eröm?” ein munteres “Ja und der Bursche will geschlagen sein!” zurückgebend.

Auch hier hatte er sein perfekt erfundenes Alibi zum Einsatz gebracht. Und war er erst auf der anderen Seite, so kannte ihn niemand mehr, denn der Strom trennte an dieser Stelle eine endemische Welt von der anderen. Nur wenige Berufspendler, Ausflügler oder Durchreisende kreuzten den Fluss mit den hochsubventionierten Fähren, die auf diesen 60 Stromkilometern ohne Brücke nur eine Illusion von Verbindung schafften. In Wirklichkeit blieb jeder auf seiner Seite und wenn man doch mal ausflugsweise rüber fuhr, so verblüffte einen die Fremdartigkeit dieser so nah und doch so fernen Welt.

Statt sich aber der Entdeckung jenes unbekannten anderen Ufers zu widmen, wird die Aufmerksamkeit nahezu jeden Uferwechslers von einer besonderen Eigenart des Szenarios gebannt. Der Entdeckung nämlich, dass wir am nun anderen Ufer ins Unbekannte verrückt die alte Heimat ausmachen, die uns sonst nie so gegenüber stand. Und schon suchen unsere Augen nach Orientierungspunkten, da der Italiener, da drüben das Rondell, dazwischen die Via Veneto. Alles klar, wir sind wieder daheim.

Er würde erst danach, aufgewühlt und erleichtert zugleich, auf der Überfahrt wie eine Schlange in seine Haut fahren, das wildere Ufer wieder in den Anblick zurück verwandelnd, der es für Gewöhnlich war – bis zum nächsten Mal.

(Ein Gastbeitrag von ZaZa Blitz)

The ample Rhine within a closet

Exhilaration—is within—
There can no Outer Wine
So royally intoxicate
As that diviner Brand

The Soul achieves—Herself—
To drink—or set away
For Visitor—Or Sacrament—
’Tis not of Holiday

To stimulate a Man
Who hath the Ample Rhine
Within his Closet—Best you can
Exhale in offering.

(Emily Dickinson)

Rhein vs. Mississippi

The Mississippi is the American Rhine, Weser, Elbe, and Oder all combined. It furnishes the best American comparison with the Rhine and perhaps an occasion for applying the lessons in waterway transportation which the Rhine has to teach. Both Rhine and Mississippi flow through the heart of a rich continent; each represents nature’s route of communication between its own fertile valley and the outside world. In their history the streams present a striking parallel up to the period 1860-70; then transportation on the Rhine is modernized and the river takes its place as the greatest waterway in the world, while the Mississippi retains its ancient form of transportation and goes down under the competition of the American railroads.
We saw that the early railroads in Germany were built perpendicular to the Rhine and were considered as feeders to it. When the short railroad lines had begun to be connected up, and the through routes began to compete with, the Rhine, the change in the nature of the traffic between the Rhine Valley and foreign parts was already one that signified a preponderance of bulk goods: coal, iron ore, lumber, wheat, petroleum. Not only did these goods clamor for lower rates than the railroads could give, the cost of loading these goods into the huge river barges at Rotterdam and of unloading them at the river port was also far smaller than the corresponding operation in the case of the little standard 10-ton Dutch and German cars. The spill and scoop principle at the basis of this handling of bulk goods is one whose advantage obviously increases with the size of the transporting unit. (…)

Up to 1860 the history of traffic on the Mississippi is similar to the history of the Rhine, excepting that the American river was not burdened by river tolls which it took half a century to remove. During the first half of the nineteenth century the exports of most of the country west of the Allegheny Mountains were drained off to New Orleans by means of the magnificent system of waterways at the disposal of that port. Staples of commerce were corn, lard, bacon, whiskey, apples, potatoes, hay, etc. — lumped under the name of “western produce,” which supplied the southern plantations and were exported from New Orleans. The southern states added cotton, tobacco, and molasses to the downstream trade. Planters in northern Alabama sent their cotton down the Tennessee River to the Ohio, down the Ohio and Mississippi to New Orleans. In 1860 New Orleans saw 3500 river steamers arrive, bringing cargo to the value of 185 million dollars.’New Orleans was accounted the fourth seaport in the world — after London, Liverpool, and New York — and handled in 1860 27 per cent of our exports. In 1907 her percentage was 9 per cent.
In the Mississippi region, as along the Rhine, railroads at first served primarily as short lines connecting inland communities with waterways; for example, the Madison and Indianapolis, the Evansville and Crawfordsville, the Louisville and Frankfort. The Pennsylvania Railroad for some time after reaching Pittsburg was dependent on the Ohio packets for westward connection. But the railway lines did not long regard themselves as feeders to the waterways. In 1858 there were two through rail connections between Chicago and the eastern seaboard. These, in conjunction with the water route formed by the Great Lakes and the Erie Canal, were already drawing off to the Atlantic coast our exports of western produce.
The Civil War suspended navigation on the lower Mississippi. In the meantime the transcontinental railroads, north of the line of operations, extended their connections and services and got the exports of the West once for all in their grasp. When the war was over the channel of the Mississippi had gone wild, after five years of neglect. At the end of the war New Orleans found her channel to the sea too narrow for large steamers to enter. This evil has been remedied and the Mississippi has been given a lowwater depth of 9 feet for 840 miles (up to Cairo), a depth of 8 feet for 1000 miles (to St. Louis). We need not look to find the inferiority of the American river in the insufficiency of its channel. The Rhine has a channel of only 6 1/2 feet at low water and that for only 350 miles upstream from Rotterdam.

(aus Edwin J. Clapp: The Navigable Rhine, Boston/New York 1911)

Bingen.

Es ist so viel vergangen,
Wie wandernd, leichter Wind,
Das Prangen, das Verlangen
Vorbeigezogen sind.

Vorbei wie das Getöne,
Das uns so hoch entzückt;
Es ward vom Lebensföhne
Versengt, gebleicht, erdrückt.

Doch raget hoch, gewaltig
Erinnerung empor,
Hellglänzend, vielgestaltig,
Und führt den Geisterchor.

Es zieht in neuen Wellen
Der ew’ge Strom vorbei, -
Geknechtete Rebellen
Im Herzen macht er frei.

(aus Carmen Sylva: Mein Rhein!, Leipzig 1884)

Zwei Türken im Rhein

Ein Zeitungsausschnitt vom 6. Dezember 1968 („Mannheimer Morgen“) befasst sich mit den Gehirnkrankheiten des Alters, was an Papa denken lässt, während auf der Rückseite über den tragischen Tod zweier türkischer Gastarbeiter berichtet wird, die mit ihrem Opel Rekord (…) in den Mannheimer Rheinau-Hafen gestürzt waren.
“Ein übereifriger Maulwurf führte rein zufällig auf die Spur der Türken. Am Mittwochmittag ärgerte sich der Prokurist der Firma Peiner Stahlhandel, Hans Schwarz, über einen rasch wachsenden Erdhaufen auf der grünen Rasenrabatte nahe zum Hafenbecken IV. Schwarz gab Anweisung den Maulwurf zu fangen und besah sich dabei den Rasen näher. Plötzlich fielen ihm die Spuren auf, die schnurgerade über die Kaimauer ins Leere führten.“

(Mit freundlicher Genehmigung des Autors aus Billy Hutter: Karlheinz, Metrolit-Verlag, Berlin 2015, 224 Seiten, 14,6 x 22 cm, gebunden, 25 Euro)

Im Tal der Loreley

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Das Bild stammt von unserem litblogs-Kollegen Guido Rohm, sein Kommentar: “Auf dem Weg nach Ochsenfurt. Stau, dafür seit 1 Stunde eine tolle Aussicht.”

Marcel Crépon vom Rheinfall (3)

Den Bodensee stellte ich mir als ein riesiges Waschbecken vor, dessen Stöpsel eine mächtige Hand gezogen hätte. Das Wasser warf sich rücksichtslos in die Tiefe. Weiß sah es aus, wie von einen Mixer geschlagen, schaumige, reine Milch. Meine Begleiterin, trunken von Bier, Sonnenstrahlen, Wasserspiegelungen und Litaneien, nickte stumpfsinnig, schaute jedoch in die entgegengesetzte Richtung. Unter großen weißen Sonnenschirmen hechelten Wanderer. Müde kommentierten sie zahlreiche Reisen, mit dem Fahrrad bezwungene Bergketten, im Eiltempo verschlungene Wälder, durchkreuzte Seen, sehnten sich nach hoch verdienten Getränken und Speisen. Abwesend blickte die Frau auf eine andere Gruppe hinter dem Heldenrund. Der Hitze mit erstaunlicher Lebhaftigkeit trotzend, fotografierten sich gegenseitig neben einer naturgetreu reproduzierten Alpenkuh, die dort ausgestellt war, Inder: Kinder Eltern und Eltern Kinder. Zart gestreichelt wurden die Flanken, liebevoll gehalten die Ohren der Kuh, man mimte ernst das Melken.

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So muss es sich wohl beim Mahashivarati-Fest abspielen, nur mit hunderttausenden Anbetern mehr. Wie hypnotisiert näherte sich die Frau langsam der Skulptur und wurde von den Indern quasi einverleibt. Sie verschwand, tauchte wieder auf. (Wie lange blieb sie dort? Was war unterdessen geschehen?) Unwiderruflich der Schaden: sie sah verstrahlt aus, ihre Augen glänzten wie die Oberfläche eines gomphide glutineux (2). Sie hätte, so erzählte sie, den Eimer unter den Schwanz der Kuh gestellt, wie ihr befohlen worden war. Ida und Aditi hätten ihr das Geheimnis des Emmericher Wappeneimers zugeflüstert: Kuhfladen wurden mit dem Eimer gesammelt, die getrocknet als Brennstoff Verwendung fanden. Die Theorie wäre gewagt, aber nicht uninteressant, kommentierte ich, um etwas zu sagen, dabei höflich zu bleiben, nicht sofort in Lachen auszubrechen. Von reinigendem Urin und Dung, von befreiten kosmischen Kühen lallte die Frau weiter, in höchster ekstatischer Erregung: sie wolle sich nun mit den muhenden Gewässern vereinigen, denn wer im Yama-Reich den Ahnen einen Besuch abstatten möchte, dem würde die Kuh bei der Überquerung helfen. Dass sie ernst machte, merkte ich, als sie ein paar Selfisten liebevoll, doch entschlossen beiseite schob und über das Geländer zu klettern begann. Der Wissenschaft zu Liebe hätte ich sie machen lassen müssen, doch griff ich nach ihrer Bluse und hielt sie ab, zeigte auf das Wasserrad. Dessen gleichmäßige Drehungen, die von Moosen bedeckten, immer wieder ein- und auftauchenden Schaufeln funktionierten fabelhaft als Ablenkung. Sie pflanzte sich davor, ich entfernte mich geschickt Richtung Schlössli Wörth.

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Im Becken am Fuß der Felsen, die stichsägengleich das Wasser zu zerteilen schienen, taumelten und schaukelten gelbe, blaue, rote Schiffe, beladen mit mutigen und aufgeregten Naturfreunden. Auf der Uferpromenade abseits der menschlichen Ströme saß ein Mann auf einer Bank. Einer, der mehr in seinen Kleidern zu geistern schien als von ihnen bekleidet zu werden. Neben ihm waren drei mit Wasser gefüllte Fläschchen aufgestellt. Am Boden der mittleren lagen Sandkörner und Steinchen. “Die erste Flasche ist gefüllt mit Rheinwasser vor dem Fall, die zweite mit Wasser nach dem Fall, die dritte beinhaltet eine Mischung aus beiden”, erklärte der Mann.

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Verkaufte er Rheinwasser an Touristen? Versprach er ihnen Wunder? Zeit böte er an, nichts als Zeit, flüssige Zeit. Konnte er damit Kunden gewinnen? Viele wäre übertrieben gewesen, aber es waren erheblich mehr als damals, als er versuchte hatte mit Rheinwassereis Geld zu machen. Die Kügelchen, die wie Schneebälle aussahen, hatte er eigenhändig hergestellt, ehe sie schmolzen, was recht schnell geschah. Mit genügend Mitteln hätte er in einen Kleinwagen investiert gehabt. Sorbets, Speiseeis vorbereitet, richtige Kugeln, wie aus dem Schnee der Bergeshöhen. “Und was kostet sie, diese Zeit?” – “10 CHF die Flasche, Euros nehme ich auch an.” – “Nicht alle drei zusammen?” Der Mann beugte sich beiseite, nahm aus seinem Rucksack eine leere Mineralwasserflasche, füllte sie mit dem Wasser der Fläschchen. “Das ist Zeit, 10 CHF…”

Erst zurück am Rad fühlte ich mich beruhigt: Kein Eklat, keine aufgeregte Menschenansammlung, weder Polizei noch Rettungsdienst. Die Inder waren weg. Die Frau ebenso, deren Name ich nicht in Erfahrung bringen konnte. Nur das Braunvieh stand da, blickte verträumt in Richtung Fluß, wohin ich ebenfalls zurückkehrte. An der Oberfläche schrieb Gischt in stetigem Schlängeln Texte, die nur von Forellen zu entschlüsseln sind.

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Fast hätte ich vergessen die “Baum-Hieroglyphen” (3) von Mr. Pyeux zu erwähnen. Erinnern Sie sich?

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Andere gesehene und gehörte Dinge verschweige ich hier zunächst.

Im Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,

Ihr Marcel Crépon

***

(2) Dt.: Großer Schmierling
(3) Fußnoten und Hyperlinks stammen von der Redaktion

Marcel Crépon vom Rheinfall (2)

Mein Begleiter kannte das Panorama auswendig und legte sich im Schatten der Station zum Schlafen nieder; was also tun, außer die 360°-Einladung anzunehmen? Herrlich war es! Wenn nicht gerade von Wolken retuschiert. Berge, überall Berge, ein Meer von Bergen… graue, blaue, grüne Gesteinswellen, aufgestapelte Sedimente, geschrumpfte Gletscher, in nördlicher nebeliger Ferne kreisten Zeppeline und ich sah: den Bodensee. Ahnte zu sehen, wäre richtiger. Denn soweit sehen meinen Augen längst nicht mehr. Immerhin stimmte die Richtung! Nun, ich besuche oft genug Ihre Seiten, um zu wissen, dass der Rhein in den Bodensee fließt, und aus dem See heraus. Was dazwischen mit ihm geschieht, wissen Sie besser als ich. Doch vielleicht auch nicht ganz genau? Ich entschied mich, der Sache auf den Grund zu gehen, obwohl ich weder des Schwimmens noch Tauchens mächtig bin. Ob das eine Rolle spielen würde? Velle parum est; cupias, ut re potiaris, oportet. (1) Mein Begleiter schlief, ich träumte weiter, und ging. Kam irgendwann auch an, bereit für den nächsten Anschluss. Auf den Gleisen fiel mir eine Frau auf. In der rechten Hand hielt sie einen Eimer, in der linken nichts. Beide, Eimer und Nichts, mussten sehr schwer gewogen haben, denn sie schien erschöpft, schleppte sich gebeugt und seufzend dem Wagen zu. Sie war wie die Uhr am Bahnhof: zeigerlos.

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Auf “Visionssuche” war sie in den Bergen gewesen, hatte nichts gefunden und sogar ihre Begleitung aus den Augen verloren. Mit unauffälliger, doch fester Dialektik lenkte ich die Unterhaltung auf etwas mir Vertrauteres: den Eimer, den sie auf ihrem Schoß festhielt, während der Zug um den Bodensee baumelte.
Von weit her hatte sie ihn herbeigetragen: von Emmerich. Schaffhausen war ihre nächste Etappe. Auf dem Berg war das visionäre Versprechen fehlgeschlagen, doch vermochte sie dort etwas wahrzunehmen wie: “Schaffhausen, Schaffhausen, schaff es nach Hause, Schaffhausen, wo alles sich offenbaren wird”. Ich verstand kein einziges Wort, außer Schaffhausen, also Rheinfall. Die Frau stotterte etwas über die nur vermutete Herkunft des Eimers auf dem niederrheinischen Stadtwappen, und wie sie in der Turbulenz der Fälle genaueres erfahren sollte. Ich erwiderte nichts, doch war natürlich sofort dabei, und schon marschierten wir den Fluß entlang. Die Hitze. Das brueghelgrüne Wasser. Die Frau. Sie psalmodierte vor sich hin, als ob sie die Wand der Wirklichkeit durchbrechen wollte, sich in Trance versetzen… Warum? Bald kamen wir auf die Höhe eines Holzbaus… “Was ist das?”, fragte sie. Ich: “Da drin werden die todessüchtigen Romantiker aufgesammelt, damit sie nicht am Wasserfall als aufgedunsene Leichen auftauchen und den Anblick zerstören…” Das bis jetzt recht langsam fließende Wasser schien auf einmal in Eile zu geraten, die Oberfläche bewegte sich auf und ab in kleinen sich multiplizierenden Wellen. Sterne funkelten. Darunter ondulierten Algen (wenn Ihnen der Film Die Nacht des Jägers in Erinnerung geblieben ist, können Sie das Bild vervollständigen – schon hallte die Stimme Robert Mitchums über uns hinweg: leaning… leaning…), vielleicht war es das Haar der erwähnten Romantiker? Oder Süßwasserjungfrauen? Meine Fragen ließ die Frau unbeantwortet, sie erhöhte das Tempo ihrer Mantras und Schritte unter nicht zu übersehendem Schweißverlust, den sie mit dem Leeren von Falkenbier-Dosen auszugleichen wusste. Abgesehen von tanzenden Wellen war nichts zu sehen, doch kündigten sich die baldigen Fälle an.

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Plötzlich schien das Wasser vor sich selbst zu fliehen, oder von unsichtbaren Kräften angezogen zu werden. Der Weg, den wir bis jetzt allein gegangen waren, wurde lebendiger, einzeln oder in Gruppen vermehrten sich die Spaziergänger in sich steigernder Polyphonie. Manche folgten hoch gehaltenenen Wimpeln, manchen bevölkerten die Bahnbrücke. Das Getöse wurde lauter, mit zunehmender Nervosität klatschte das Wasser gegen die Pfeiler, dann die Felsen und man bekam den Eindruck, es höre einfach auf. Wo es hätte weiterfließen müssen, war nichts außer einer breiten Öffnung, dann entdeckte man es wieder, seinen Lauf fortsetzend. Da waren wir also. Besucher selfierten, mit Stab, ohne, als hormonell gedopte junge Paare oder halb mumifizierte Greise und alles, was noch dazwischen lebte. (Fortsetzung folgt)

***

(1) Dt.: Wollen reicht nicht. Man muß begehren, damit eine Sache gelingt.