Am Rheine

Du freundlich ernste starke Woge,
Vaterland am lieben Rheine,
Sieh’, die Tränen muß ich weinen,
Weil das alles nun verloren!
Die Felsen, so die Ritter sich erkoren,
Schweigend dunkle Klagen trauern,
Noch zerstückt die alten Mauern
Traurig aus dem Wasser ragen,
Wo in alter Vorzeit Tagen
Hohe Helden mutig lebten,
Voll von Lust nach Ruhme strebten;
Franken, Deutsche und Burgunden,
Die nun im dunkeln Strom verschwunden,
Tapfre Lanzen damals schwungen,
Noch die deutschen Lieder sungen,
Die Verderbnis weit verjugen,
Hand in Hand zum Bunde schlugen,
In edlem Rittertume,
Aus aller Tugend Eine Burg zum Ruhme
Durch alle Land’ erbauten;
Da der Mann dem Mann noch traute,
Deutsche Lust im Walde blühte,
Glaub’ in Demut liebend glühte,
Ach da keiner noch alleine,
In des Herzens tiefem Schreine,
Um sein Vaterland mußt’ klagen,
Selbst sich bittre Wunden schlagen,
Wie ich hier am heil’gen Rheine
Hohen Unmuts Tränen weine.

Dunkle Trauer zieht mich nieder,
Will in Wehmut ganz vergehen;
Wenn ich sehe, was geschehen,
Wenn ich denke, was gewesen,
Will die Brust in Schmerz sich lösen! –

So fahrt denn wohl, ihr lieben Wogen,
Wo ich Schmerz und Mut gesogen;
Denn den Mut auch fühl’ ich schlagen,
Und inmitten solcher Klagen
Springt die Quelle starker Jugend,
Und es waffnet feste Tugend
Unsre Brust mit Heldentreue.
Da entweicht denn alle Reue;
Kann ich gleich mit euch nicht leben,
So ergreift euch doch mein Streben.
Wo ich wandre, wo ich weile,
Glühen Männer, blühen Lieder
Und ich fühle wohl Vertrauen,
Auf des Herzens Fels zu bauen,
Eine neue Burg der Liebe,
Die in allem Sturme bliebe,
Mächtig durch die fernen Zeiten
Einen allvereinten Strom zu leiten,
Einen Strom von Lust und Schmerzen,
Alles aus dem eignen Herzen,
Wo die Lieder all’ verschlungen
Alle Herzen wiederklungen,
Hohe Freunde dann verbündet,
So der Freude Reich gegründet.

(Friedrich Schlegel, 1802)


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