Gorinchem: eine Route voller Gefahren

Jetzt rüste dich, Leser: Der Waal beheimatet auch Verbrecher und Gefangene, wenn auch beide Kategorien sich nicht unbedingt decken, und die Haft nicht notwendigerweise in den Niederlanden vollzogen wurde.

Zwei Fälle entgegengesetzter Schicksalsrichtung haben mit Fähren zu tun, die es beide so nicht mehr gibt. Der eher fröhliche liegt schon fast vier Jahrhunderte zurück, der finstere ist bloß dreißig Jahre her, und immer noch von Geheimnissen umwoben.gorinchem_1Dem widmen wir uns hier mal zuerst. Am linken Waal-Ufer beim Dorf Brakel sieht die heutige Fähre noch recht unschuldig aus; an der anderen Seite aber, bei Herwijnen, verlässt zwar wohlgemut eine junge Frau bei dreckigem Wetter das treuherzig Tag ein Tag aus hin und zurück fahrende Gefährt, aber genau dort gorinchem_2rollte 1985 ein Benzinfass in den Fluss, um dann an einem hervorstechenden Stein stecken zu bleiben. Bald kam man zu der Entdeckung, dass kein Benzin drin war, sondern wenig fachgerecht gemischter, somit noch körniger Beton um eine Leiche herum. Bis auf den heutigen Tag sind die genauen Umstände den Justiz-Sachkundigen entschlüpft, der Tote aber war leicht zu ermitteln, wo er doch kurz zuvor Weltmeister im Kickboxen geworden war.

Damit aber nicht genug: Auch war dieser André Brilleman zu Lebzeiten als Leibwächter des Amsterdamer Drogenbarons Klaas Bruinsma tätig. Dieser aufgrund seiner Pedanterie auch unter dem Spitznamen “Der Vikar” bekannte Herr wird allgemein als der Vater des betriebsmäßig organisierten niederländischen Drogenhandels betrachtet: Seine Bande lieferte ihren Stoff weit über die Landesgrenzen hinaus, darunter natürlich auch nach Deutschland. 1991 erlag der Vikar einer Schießerei, deren Motive bis auf den heutigen Tag unaufgeklärt geblieben sind, wäre es nur weil der Hauptverdächtige selber einige Jahre später einem weiteren Mordanschlag zu Opfer fiel. Somit wird wohl auch auf ewig im Dunkeln bleiben, wer denn genau Brilleman einzubetonieren versucht hat. Nach allgemeiner Annahme soll Bruinsma selber dahintergesteckt haben, nur bezüglich der genauen Beweggründe gehen die Meinungen aus einander. Im Netz findet sich aber ein ausführlicher Leserkommentar aus 2011, der erschreckend genau die Umstände des Mordes beschreibt, fast als wäre der Autor selber dabei gewesen. Dem zufolge soll die Tat von angehenden Drogenbaronen aus Gelderland verübt worden sein, die sich mit Bruinsma zu assoziieren vorhatten, sich von Brilleman beim unangefochtenen König des Milieus einführen ließen, von dem aber zutiefst erniedrigt und misshandelt worden sein sollen, wofür dann Brilleman den Kopf hinhalten musste. Auch sollen sie mit den zuständigen Ermittlungsbehörden verstrickt gewesen sein, die sich von ihnen gerne hätten beschenken lassen. Im Kommentar werden sie nur mit Spitznamen angedeutet: “Der Alleswisser”, “Der Zwiespaltmacher”, “Der Kommissar”, “Der Vierte Blödmeier”. Aber wenn denn die Geschichte stimmt, wird allmählich schon fraglich, ob der Autor des Kommentars selber noch unter uns weilt. Vielleicht hat man für ihn doch noch irgendwo sachkundige Betonmischer aufgetrieben.

gorinchem_3Einige Kilometer flussabwärts errichteten Ende des 14. Jahrhunderts Bauarbeiter eine Burg für den Ritter Dirk Loef van Horne. Dieses daher Loevestein genannte Schloss wird heutzutage als Schauplatz für Events zur Wiederbelebung des Mittelalters touristisch vermarktet, nur wird wohl keiner auf die Idee kommen, die blutrünstigen Vorzüge des ursprünglichen Bauherren wahrheitsgetreu nachzuempfinden. Und auch die weitere Geschichte des Baus ist nicht halbwegs so romantisch wie man sie erscheinen lässt: Ab Ende des 16. Jahrhunderts bis hin zu 1831 diente das erweiterte Schloss als niederländisches Staatsgefängnis. Der unfreundliche Steinklotz zwischen den Weihern der Munnikenland genannten idyllischen Landzunge, die aufs Zusammenfließen von Waal und Maas hinausläuft, lag, zu jener Zeit als er als Gefängnis eingerichtet wurde, noch direkt an der niederländischen Grenze, und zwar: an der Maas, von deren Seite her er hier aufgenommen worden ist. Im niederländischen Geschichtsunterricht ist Slot Loevestein aber nicht ganz umsonst ein Klassiker: Ihm vermochte ein um sein Befürworten der Religionsfreiheit Inhaftierter 1621 in einer Bücherkiste auf der damaligen Fähre zum nahegelegenen Gorinchem seiner Gefangenschaft zu entschlüpfen. Das war kein geringerer als Hugo de Groot, Urvater des modernen Völkerrechts. Weniger Aufmerksamkeit aber genießt die Tatsache, dass hier 1650 kurzweilig die Deputiertenfraktion von Johan de Witt inhaftiert wurde, die sich – wahrhaftig republikanisch – gegen die politische Vorherrschaft der adligen Oranje-Familie zu Wehr stellte. Somit ist Loevestein schon fast als Symbol niederländischer Zwiespältigkeit jeglichem demokratischen Begehren gegenüber geltend zu machen: Nur unter der Ägide der Oranjes waltet hier die politische Freiheit.
gorinchem_4Aber immerhin, De Witt und seine Männer fuhren nun mal nicht in einer Bücherkiste am Punkt des Zusammenfließens der beiden Flüsse, am Anfangspunkt der Merwede vorbei, wo gute 360 Jahre später der Kahn “Ventjager” wieder sein Bestes gab, den Fluss vor Versandung zu bewahren, bevor er sich dann, wie vom vorigen Bild bezeugt, zum Dorf Lith an der Maas auf den Weg machte, um den Sand, mit dem er erschreckend schwerbeladen ist, abzulagern, als Rohstoff mehr oder weniger sachgerechter Betonherstellung etwa. (Fortsetzung folgt.)

Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal stößt er in einem Zweiteiler bei Gorinchem auf Verbrechen (Teil 1) und Koreanisches (Teil 2).


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