Auf den Spuren Willy Brandts (8)

Kontroversen und Konflikte reichen bei Erwähnungen und Würdigungen Willy Brandts bis in die Gegenwart. Wieweit die nach ihm benannten Straßen und Plätze den verstorbenen Bundeskanzler tatsächlich “würdigen”, prüfen wir in dieser Serie, die uns diesmal zu einer Provinzposse ins niederrheinische Wesel leitet. Unter dem Titel “Nur Ärger mit der Willy-Brandt-Straße” berichtete im Oktober 2013 die Rheinische Post von den Beschwerden eines Gastronomen, den nach der Namensumstellung von “Hindenburgstraße” auf “Willy-Brandt-Straße” Post und angeblich auch Gäste nicht mehr erreichten. Der Umbenennung war ein kompliziertes Procedere vorausgegangen:

“Bis zum Frühjahr lag sein Restaurant an der Hindenburgstraße. Doch dann kam es Anfang März im Weseler Rat zu einer denkwürdigen und höchst umstrittenen Abstimmung. SPD, Grüne und Linke votierten damals für eine Umbenennung des Teilstücks der B 8 von der Lippe bis zum Wesel-Datteln-Kanal in Willy-Brandt-Straße – und setzten sich nur denkbar knapp mit 26 zu 24 gegen CDU und FDP durch. Wie berichtet, war Wesel damit einer Entscheidung des Voerder Rates gefolgt. Der hatte nämlich zuvor dafür gestimmt, die Fortführung der Straße auf Friedrichsfelder Gebiet umzubenennen. Dann allerdings wurde der Ratsbeschluss im Juli durch das eindeutige Ergebnis eines Bürgerentscheids (8966 Voerder stimmten gegen eine Umbenennung, nur 719 dafür) gekippt. Grotesk: Die B 8 heißt in Voerde also nach wie vor Hindenburgstraße, auf Weseler Gebiet Willy-Brandt-Straße.”
Die Voerder Bürger scheinen demnach Paul von Hindenburg in besserer Erinnerung behalten zu wollen als Willy Brandt. Die Entscheidung wirkte sich auch auf die moderne Navigation aus: “Wer Willy-Brandt-Straße in Wesel bei Google Maps oder in sein Navigationsgerät eingibt, wird entweder nach Dinslaken geleitet oder bekommt gar keine Route angezeigt.” (Dieses Problem hat sich, was Google Maps belangt, in der Zwischenzeit erledigt; Anm.: rheinsein) Die Weseler Bürgermeisterin Ulrike Westkamp schob der Zeitung gegenüber die Verantwortung für das Problem weit von sich: die Umbenennung sei allein Entscheidung des Stadtrates gewesen. Wie häufig entlang der Rheinschiene zu beobachten wurde dem Namenspatron Willy Brandt, in vieler Augen einer der bedeutendsten deutschen Kanzler der Geschichte, auch in Wesel nur ein nachrangiger Straßenabschnitt zugestanden – so äußert sich besagter Gastronom: “Wem hat das irgendetwas gebracht? Es geht hier um acht oder neun Häuser.”


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