Monatsarchiv für Juni 2016

 
 

Presserückschau (Juni 2016)

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Rhine Guards: “Wenn (…) im Rahmen des Schützenfestes in Eller (…) die Showparade auf dem Getrudisplatz startet, schlägt die Stunde der Rhine Guards. Das umtriebige Brass & Drums Corps hebt sich von anderen Musikkapellen ab, sind die 25 Mitglieder (davon zwölf Jugendliche) doch am amerikanischen Original des Drums & Bugel Corps des US Marines Corps angelehnt. Auch bei der Rangbezeichnung: Der 1. Vorsitzende (…) ist der Colonel, der musikalische Leiter (…) der First Sergeant. Das Repertoire reicht von dem St. Louis Blues Marsch über die Marines Hymn bis hin zum herzerweichenden Amazing Grace (mit Dudelsack!). Disziplin und Kleiderordnung werden großgeschrieben, von der Schirmmütze bis zu den Schnürriemen muss alles stimmig sein.” (Rheinische Post)

2
“Zwischen Etzgen und Laufenburg können sich Möchtegern-Piraten und andere Wasserratten zwei Stunden lang treiben lassen. Das Gefährt besteht aus zusammengezurrten Baumstämmen, ist dreissig Quadratmeter gross, sechs Tonnen schwer, mit einem Schwimmkörper versehen, aber optisch – ein Floss. Herr des Flosses ist Captain J-C alias J-C Weiersmüller. Seit mittlerweile drei Jahren bietet er Flossfahrten auf dem Rhein an. (…) Noch liegt das Floss auf seiner Trockenstelle in Bad Zurzach. (…) Bis zu sechs Fahrgäste kann er mit seinem Floss transportieren. Sie dürfen sich unterwegs durchaus auch einmal als Flösser versuchen und mit dem Riemen das Gefährt steuern. So kriegen die Passagiere einen Einblick in das Leben von einst. Die Flösserei war bis ins 19. Jahrhundert und zum Ausbau der Eisenbahn ein bedeutendes Gewerbe entlang der Flüsse.” (Aargauer Zeitung)

3
“Die Handballer der Rhein-Neckar Löwen sind erstmals in ihrer Vereinsgeschichte Deutscher Meister. Der frischgebackene Titelträger gewann am letzten Spieltag hoch bei Absteiger TuS N-Lübbecke und hielt damit Verfolger SG Flensburg-Handewitt auf Distanz. Das Gastspiel in Ostwestfalen war von Beginn an eine klare Sache. Nach acht Minuten stand es 6:2 für die Löwen, nach 24 Minuten 15:7 und zur Pause 17:10. Die Löwen waren dabei in allen Belangen überlegen, zeigten sich in der Defensive stark und in der Offensive treffsicher. (…) Am Ende hatten die Rhein-Neckar Löwen mit 35:23 gewonnen. Insgesamt gewannen die Löwen 28 von 32 Bundesliga-Spielen. Für die Löwen geht mit dem Titelgewinn eine Art Trauma zu Ende. Denn in den vergangenen zwei Jahren belegte das Team jeweils den zweiten Platz hinter dem THW Kiel – 2014 fehlten dabei nur zwei Tore zur Meisterschaft.” (sportschau.de)

4
Der General-Anzeiger resümiert 1050 Jahre Dollendorf: “”Oberdollendorf liegt am Rhein, Niederdollendorf im Rhein”, lästern die Oberdollendorfer gerne über das benachbarte Niederdollendorf – und haben damit gar nicht mal so unrecht. Alle Jahre wieder nämlich setzt Vater Rhein die Uferpromenade und die anliegenden Straßen unter Wasser. (…) 1895 hatten die beiden Schiffer Hoitz und Käufer mit Motorbooten den Fährverkehr von Niederdollendorf über den Rhein aufgenommen, alte Quellen verraten jedoch, dass schon über die Jahrtausende hinweg Boote Personen und Güter von einem zum anderen Ufer transportierten. Besonders stolz ist man in Niederdollendorf darauf, dass vor der eigenen Haustür einst sogar die erste elektrische Fähre in Deutschland verkehrte. Am 11. Juli 1908 hatte das damals hochmoderne Fährschiff den Betrieb aufgenommen, am 7. März 1945 setzt die Fähre das letzte Mal von Godesberg nach Niederdollendorf über. (…) Sieht man einmal von den Jahren ab, in denen Väterchen Frost den Rhein bei Bonn hat völlig zufrieren lassen, was zuletzt 1929 der Fall war, hatten die Dollendorfer zweimal in der Geschichte die Gelegenheit, zu Fuß den Fluss zu überqueren: 1918 gab es eine Pontonbrücke, die während des Ersten Weltkrieges den deutschen Fußtruppen einen schnellen Rückzug ermöglichen sollte. 27 Jahre später bauten US-Pioniere die „Hodges-Bridge“ zwischen Bad Godesberg und Niederdollendorf, die als einer der wichtigsten Nachschubwege der Alliierten fungierte. “Da durften auch Personen drüber, aber man musste sich vorher entlausen lassen”.”

5
“Bei einem Ausritt mit ihrem Pferd ist eine Frau in Chur (…) auf einer Insel mitten im reissenden Rhein gestrandet. Das Pferd entschied sich selbstständig zum Gang ins Wasser und war nicht zum Umkehren zu bewegen. (…) Ursprünglich wollte die Frau das Pferd am Rheinufer in der Nähe von Felsberg lediglich tränken. Doch das Tier begab sich gleich in den Rhein und war nicht dazu zu bewegen, umzudrehen. Stattdessen schritt es unbeirrt weiter, bis es die künstlich geschaffene Insel erreichte. Fürs Zurückkehren war dann die Strömung zu stark.” (Blick)

6
“Im Revolutionsjahr 1848 kommt es auf dem Rhein zu einem bedenkenswerten Zwischenfall. “Gegen Mittag passierte ein Schlepp-Dampfschiff der Düsseldorfer Gesellschaft bei Kaiserwerth vorbei, als dort plötzlich sieben Gewehrschüsse nach demselben gerichtet abgefeuert wurden”, heißt es im entsprechenden Polizeibericht. Ein Schuss pfeift haarscharf am Kopf eines Knechtes vorbei. Bei den Verbrechern handelt es sich weniger um Revolutionäre als vielmehr um konservative Kreise: Vermutlich sind es Vertreter des Berufs der Treidler, die die Schiffe mit ihren Pferden vom Ufer aus durch die Gewässer ziehen. Die Erfindung der Dampfschifffahrt macht dieser seit römischen Zeiten auf dem Rhein praktizierten Tradition den Garaus. 1809 meldet der Amerikaner Robert Fulton sein Dampfschiff zum Patent an. Auf dem Rheim als der meistbefahrenen Wasserstraße Europas macht der schottische Kapitän William Wagner den Anfang. Am 8. Juni 1816 legt er mit seinem Schaufelraddampfer “Defiance” vom Ufer ab und fährt den Rhein hinauf über Köln. Es ist ein nie dagewesenes Spektakel, das auch den niederländischen König aufs Schiff lockt. Und Wilhelm I. reist extra mit der Kutsche nach Rotterdam, um das Schiff zumindest im Hafen zu bewundern. Längs der Strecke aber sollen sich die Bauern ob des Schiffs, das treidlerlos wie von Geisterhand bewegt wird, bekreuzigt haben.” (WDR)

7
“Auftakt für das grenzüberschreitende Projekt „Veiligheid zonder Grenzen – Sicherheit ohne Grenzen“ des Löschzuges Rindern der Freiwilligen Feuerwehr Kleve und der Brandweer Millingen aan de Rijn: (…) Die Feuerwehren sind aus ihrer Sicht auf die gegenseitige Unterstützung angewiesen, denn die Probleme sind bei beiden Gruppen ähnlich. Aktuell ist durch eine staatsvertragliche Vereinbarung gewährleistet, dass die Feuerwehr aus Rindern den Kameraden aus Millingen aan de Rijn zur Unterstützung dienen kann. Es fehlt jedoch eine staatsvertragliche Regelung, damit die Brandweer Millingen aan de Rijn in der Bundesrepublik Deutschland ebenfalls ihre Fertigkeiten und Kenntnisse einbringen kann. Diese Regelung zu erreichen ist eines der Ziele des dreijährigen, grenzüberschreitenden Projektes, welches durch die europäische Union unterstützt wird.” (WAZ)

8
“Unter Palmen liegen mit einem gekühlten Getränk in der Hand und bei Sonne satt entspannen – bis es so weit ist, müssen sich die Bad Säckinger noch ein wenig gedulden. Eigentlich sollte die Strandbar am Rheinuferweg schon Anfang dieses Monats zum Genießen und Entspannen einladen, doch bedingt durch den regnerischen Juni, herrscht auf dem schmalen Grünstreifen zwischen Diebsturm und den WC-Anlagen immer noch gähnende Leere.” (Badische Zeitung)

9
“Nach schweren Unwettern in Rheinland-Pfalz sind bei einem Bahnunglück am Rhein (…) zehn Menschen verletzt worden. Ein Regionalexpress entgleiste (…) zwischen Oberwesel und Bacharach wegen eines Erdrutsches. (…) Bei dem Bahnunglück am Rhein wurden nach Angaben der Bundespolizei der Lokführer und neun Reisende verletzt. Der Regionalexpress RE 4251 war zwischen Koblenz und Frankfurt am Main unterwegs, als der vordere Zugteil um 05.35 Uhr entgleiste. In der Region hatten die schweren Unwetter zu einer Reihe von Erdrutschen geführt und Gleise unterspült. Der Streckenabschnitt zwischen Oberwesel und Bacharach wurde komplett gesperrt.” (Welt)

10
“Es ist ein gigantisches Städtebauprojekt für Straßburg und setzt die nach der deutschen Annektierung der Elsassmetropole 1871 begonnene Öffnung zum Rhein fort. Mit der »ZAC des deux Rives« (Zone d’aménagement concerté) wird unmittelbar an der Grenze am Rhein gegenüber von Kehl in den nächsten 15 Jahren ein neuer Stadtteil entstehen. Früher hatte das Viertel »Port du Rhin« einen schlechten Ruf. Seit einigen Jahren macht die Straßburger Stadtführung aber enorme Anstrengungen, um das einstige Problemviertel zu einem lebenswerten Stadtteil zu entwickeln. Das zeigen der neue »Place de l’Hippodrome« mit den beiden Kirchen, die deutsch-französische Kinderkrippe und die Neubauten neben dem Straßburger Teil des Zwei-Ufer-Gartens.” (Baden Online)

Straßburg (5)

strasbourg_fasanebrueckelWas uns in Straßburg faszinierte, vermutlich vor allem deswegen, weil es uns im Regen aufhielt und Faszination die beste zur Verfügung stehende Reaktion auf das Warten mitten im Schauer darstellte, war die Pont du Faisan (elsässisch: Fasanebrueckel, deutsch: Fasanenbrücke), über die wir auf dem Hinweg noch ohne sie sonderlich zu beachten geschritten waren, was sich auf dem Rückweg wenige Minuten später änderte, da sie sozusagen verschwunden war. Verschwunden war
strasbourg_fasanebrueckel_2 sie natürlich nicht, sondern vorübergehend in Fließrichtung der Ill ausgelegt, um ein Rundfahrtschiff passieren zu lassen, denn es handelt sich bei der Pont du Faisan um eine personenbetriebene Drehbrücke und so schauten wir dem Brückendreher im Regen beim Brückendrehen zu, bevor wir mit einer Gruppe Wartender diesseits und jenseits der Ill, wenig fasananhaft (der Brückenname blieb ein Rätsel), dafür unter fußgängerisch anspruchsvollen Ausweichmanövern,strasbourg_fasanebrueckel_3 denn die angestaute Menge auf unserer Seite drohte, erst einmal losgelassen, sich mit der auf uns zueilenden Menge zu verkeilen, wieder ans andere Ufer marschieren konnten.

Straßburg (4)

strasbourg_störcheDesweiteren auffällig im Straßenbild: das enorme Storchenaufkommen,

strasbourg_jeannalaetseppalaein halsnasenohren- und augenbefreites Ehepaar aus Hoplasheim mit regionaltypischem Haustier,

strasbourg_d choucrouteriedie massive Präsenz der Surkrutstub (Restaurants mit Schwerpunkt auf Sauerkrautgerichten),

strasbourg_copilotder zusätzlich auf den Fahrersitz geschnallte Kopilot

strasbourg_notausgangsmännchenund das lokale Design des Notausgangsmännchens.

Straßburg (3)

strasbourg_leuchtdaumenWährend die Viertel vom Rhein Richtung Innenstadt von imposanten Neubaufassaden flankiert wurden, deren Ausgestelltheit uns an die Dörfer Potjomkins erinnerte, dominierten Fleischfarben das von der Ill umringte Kernstück der Stadt. Innerhalb all des Lachsrosas fanden sich geschmackvoll bunte Tupfer wie etwa dieser Leuchtfingerautomat auf dem Münstervorplatz.

strasbourg_nik westAnkunft der außerirdischen Funk-Bassistin Nik West in ihrem Rolltorraumschiff für einen Auftritt im Espace culturel Django Reinhardt.

strasbourg_museum für moderne kunstHauptumschlagsplatz für Farbigkeit war definitiv das Musée d’Art Moderne et Contemporain – selbst der Himmel läßt sich dort permanent nachkolorieren.

strasbourg_narreschiffBunt auf dem Wasser: S’ Narreschiff, benannt nach dem berühmten Verswerk des Straßburger Autors Sebastian Brant, fungiert mit weiteren Gastronomieschiffen in unmittelbarer Nachbarschaft als kombiniertes Café auf und nächst der Ill. Klar, daß wir dort unseren Kaffee einnahmen. Deutsch und französisch ließen sich zu gleichen Anteilen vernehmen. Auf dem Fluß beobachteten wir eine unermüdliche Fontäne, die identisch gestalteten, von Regenschlieren überzogenen Glasdach-Rundfahrtschiffe und vor allem die wütenden Attacken eines kriegslüsternen Schwans auf vorüberziehende Kajakfahrer und Enten: marinen Angriffswellen mit reichlich Gefauche und Drohgebärden folgten Luftschläge: Tiefflüge auf Kollisionskurs, die letztlich von geschickt geführten Paddelschlägen gegen den Schwanenschädel zunichte gemacht wurden.

Straßburg (2)

strasbourg_archives departementalesForm und Struktur: Fassade der Archives départementales du Bas-Rhin

strasbourg_fachwerkFachwerk auf gestückeltem Fenstervorhang im Gerberviertel La Petite France

strasbourg_fleischfarbene schollenBeliebt sind Wandanstriche, die mit dem rosa Vogesensandstein des Liebfrauenmünsters korrespondieren: Hämatom- und Hausschweinfarben

strasbourg_illDie schlammbraune Ill wirft wilde Muster

Straßburg

strasbourg_centre-villePanoramablick auf die Innenstadt von der Dachpromenade des Barrage Vauban mitten in der in und um Straßburg reich verzweigten Ill. Bei der Anlage handelt es sich um einen sogenannten pont-écluse, der zugleich als Brücke, Stauwehr und Verteidigungsanlage dient – mit möglicher Flutung als Militärstrategie. In den Gitterkammern des überdachten Brückengangs findet derzeit die Ausstellung “Âmes blessées” (“Verletzte Seelen”) des mit Erde, Sand und Ackerboden malenden deutschen Künstlers Bernd Gerstner statt.

strasbourg_wasserspeierDauerhaft im Brückengang zu sehen sind zum Münster gehörige Skulpturen und Gipsabdrücke wie diese an Wolpertinger erinnernden Wasserspeier.

strasbourg_henkersturmDer Henkersturm, Teil der alten Stadtbefestigung, betrachtet sich stirnrunzelnd in der Ill.

strasbourg_münsterTouristische Hauptattraktion Straßburgs ist nach wie vor das Münster – geblieben sind seit unserem letzten Besuch vor mehr als dreißig Jahren auch die Sonnenbrillen- und Ledergürtelverkäufer im Schatten der Kathedrale, die ihr Sortiment lediglich um Selfie-Stangen erweitert haben.

Rom am Rhein

Als wir die Dokumentation Der Rhein – Strom der Geschichte schauten, fehlte uns die Vertiefung der angerissenen Themen. Die rund fünfhundert Jahre währende römische Herrschaftsperiode am Rhein war innerhalb weniger Minuten abgewickelt worden: erstaunlicherweise mit Bildern und Szenen aus einer anderen Produktion: Rom am Rhein (von Christian Twente aus dem Jahr 2015, ein Dreiteiler à 45 Minuten).

Rom am Rhein ist eine Mischung aus wissenschaftlich-dokumentarischen und erzählerischen Elementen, Computeranimationen und Schauspielszenen. Sie gibt einen guten Überblick eher über kulturelle Auswirkungen der römisch-germanischen Ära denn über Kriege und Herrscher, die von anderen Produktionen (etwa über die Varusschlacht) bereits abgedeckt wurden.

Der erste Teil fokussiert auf Köln, behandelt Konflikte zwischen Römern und Germanen, thematisiert das so wacklige wie effiziente römische Befriedungsprogramm, die Ansiedlung römischer Bevölkerung am Rhein (“ubi patria ibi bebe”) und die Widerstände einzelner Gruppen bzw. des Stammes der Bataver gegen das neue System.
Der zweite Teil zeigt die Etablierung römischer Errungenschaften (Steinbauten unter Einsatz von Zement, befestigte Straßen, fließend Wasser, Thermen, Kanalisation, Glasarbeiten, Weinbau, Amfitheater etc), die mit dem Rückzug der Römer teilweise für weit mehr als 1000 Jahre aus dem deutschen Kulturgut wieder verschwinden würden.
Durch den dritten Teil, der die Herrschaft Konstantins des Großen und das Aufkommen des Christentums behandelt, führt der Dichter Ausonius, der das germanische Mädchen Bissula liebte.

Aufs Detail blickend, ohne sich darin zu verlieren, forscht der Dreiteiler möglichst vielen Aspekten des römisch-germanischen Lebens nach, Unterhaltungselemente verhindern den Anschein trockenen Geschichtsunterrichts. Ein perfekter Einstieg für Interessenten an römischer Geschichte entlang des Rheins, und insbesondere auch für (Latein)Schüler.

Alle drei Teile sind Stand dieses Eintrags bei Youtube verfügbar.

Der Rhein – Strom der Geschichte

lautet der Titel der neuesten Rheindoku (von Florian Breier und Christian Stiefenhofer), die dieser Tage bei anlief, bis 11. Juli 2016 in der Arte-Mediathek verfügbar ist und sicher noch einige Wiederholungen erleben wird. Der knapp 90-minütige Film switcht in abgegrenzten, letztlich zusammenhanglosen Szenen zwischen Quellen und Mündungen – Leitfaden ist einmal nicht (wie bei Rheindokumentationen gängig) die Geografie, sondern die Zeitleiste, die chronologisch von der Prähistorie bis in die Gegenwart verhandelt wird.
So beginnt der Film mit Krokodilen, Tapiren und Dinotherien, die sich vor 15 Millionen Jahren am tropischen Urrhein im heutigen Rheinland-Pfalz aufgehalten haben – bevor der Fluß seinen Weg änderte, um das Mittelrheintal auszuschwemmen. Ein jüngst mit moderner Methode ausgewertetes Hirschgeweih verweise auf das lange umstrittene Stromalter, das vermutlich erst mithilfe einer nächsten, noch moderneren Methode korrigiert bzw. ganz neu ermittelt werden wird. (Vor gut einem Jahr hatten wir auf solche Überlegungen zum Flußalter auf rheinsein verwiesen.) Der Urrhein wird dargestellt als Überbleibsel eines Teile Europas bedeckenden Meeres, das von der Alpenauffaltung zurückgedrängt wurde. Die Rede ist von einem “Wachstum nach Süden” und Verschmelzen mit der Uraare, die Flußrichtung müßte mithin gegenläufig zur heutigen verlaufen sein. Der Uralpenrhein dieweil sei bis vor fünf Millionen Jahren noch in die Urdonau geflossen. Erst in einer Eiszeit vor 450.000 Jahren hätten Gletscher den Urrhein von der Urdonau abgeschnitten und nach Westen gedrängt, wo er auf die Rhein-Aareverschmelzung getroffen sei.
Es folgt ein Sprung in die Eiszeit vor rund 14.000 Jahren. In der Gegend des heutigen Bonn jagen von Schauspielern dargestellte Frühmenschen an den Ufern des amazonisch verzweigten, mehrere Kilometer breiten Rheins. Die Pfeile bei der Elchjagd sind mit Feuersteinspitzen versehen. Aus Geweih schnitzten die “Oberkasseler Menschen” wie sie nach Skelettfunden bezeichnet werden, Elchfiguren in fließenden Formen.
Vom Ausbruch eines Eifelvulkans und seinen Folgen für den Rhein erfahren wir in Computeranimationen, von der Ruinaulta, vom Verhältnis zwischen Römern und Germanen, von Deutschen und Franzosen und nicht zu knapp von Tullas Rheinbegradigung, doch gehen sämtliche Abschnitte kaum je über den Teasermodus hinaus: interessante Ansätze, die im Allgemeinen steckenbleiben und Fragen aufwerfen, die wir als Zuschauer lieber geklärt gesehen hätten: eine Dokumentation wie ein Hinweis auf zahlreiche noch zu drehende Dokumentationen!

Kehl

kehlDer lange Trudpert: das 70 Meter hohe Haus am Fuß der Europabrücke, fertiggestellt im Jahr 1973, ist das markanteste Gebäude Kehls – einer Stadt, die prädestiniert ist durchfahren zu werden: mittlerweile vier Brücken nach Straßburg (neben der Europabrücke für den Kraftverkehr jeweils noch eine für Züge, die Tram und Fußgänger/Radfahrer) bieten die Lesart als auf Straßburg weisende Interpunktion an der deutsch-französischen Grenze: zumindest dürfte der Satz “Ich war in Straßburg” historisch wie zeitgenössisch um ein vielfaches häufiger gefallen sein und fallen als der Satz “Ich war in Kehl”.

kehl_swSeit 2012 hat das Hochhaus in puncto Markanz von der Kehler Moschee (Kehl Camii) bekommen: von ihren beiden 31 Meter hohen Minaretten ist nur eines im Bild, das wir aus dem Autofenster schossen – anzuhalten und auszusteigen bietet Kehl außer dem Hochhaus, der Moschee und einer McDonalds-Filiale kaum Reize, weswegen wir eine nähere Erkundung der Stadt bis auf weiteres verschoben.

Straßburger Tanzwut

“An einem Julitag im Jahr 1518 begann eine Frau durch Strassburgs Strassen zu tanzen. Sie tanzte tagelang. Bald schlossen sich ihr weitere Personen an; bis Ende August hatte das Tanzfieber mehrere hundert Personen erfasst. Als alle Anstrengungen versagten, die Epidemie einzudämmen, und als die von der Anstrengung geschwächten Opfer der Tanzwut reihenweise zu sterben begannen, wiesen die Behörden sie aus der Stadt. Sie führten sie in die Vogesen zu einem Schrein des heiligen Vitus, dessen Altar die Tanzwütigen in roten Schuhen umschreiten mussten. Laut Überlieferung gebot erst dieses Ritual dem unheimlichen Geschehen Einhalt.” (NZZ)

An einem Junitag im Jahr 2016 begann eine Frau in Straßburg ganz alleine auf einem der Gastronomieschiffe am Quai des Pêcheurs zu tanzen. Bis auf die Tänzerin war niemand an Deck zu erblicken. Nachdem wir eine Weile erstaunt dem einsamen Tanz auf der Ill zugesehen hatten, hörten wir vom Ende eines benachbarten Quais Housebeats erschallen und sahen aus der Ferne mit selbstgeschneiderten abstrakten Applikationen verkleidete Menschen einem Umzugswagen folgen, auf dem zwei halbnackte Männer sich ekstatisch zuckend und offenbar tanzend bewegten. Der Wagen verschwand samt Tross und Polizeibegleitung im Straßengewirr der Stadt, das auch uns aufnahm. Auf unbekannte Weise verschlug es uns in die Rue des Orphelins, wo auf einer Bühne junge Frauen zu afrikanischen Rhythmen Formation tanzten. Bevor wir selbst der an zahlreichen Ecken willkürlich aufflammenden Tanzwut, für die keinerlei offizielle Erklärung vorlag, erliegen würden, machten wir uns auf, die Stadt zu verlassen. Allein, ein Gewitter gewaltigen Ausmaßes hielt uns für eine knappe Stunde in Hauseingängen und unter Garagenvorsprüngen zurück, zumal das Parkhaus Petite France, in dem unser Vehikel untergebracht war, vom niedergehenden Starkregen teilweise unter Wasser gesetzt wurde. Mochten die allenthalben zu beobachtenden Tänze dem Regenmachen gegolten haben, so ließe sich ihre Wirkung als schnell einsetzend und überaus effizient bezeichnen.

Zurückgekehrt, suchten wir nach Erklärungen für die Straßburger Spontantänze und stießen auf Historisches – bzw. neuzeitliche Berichte über die Chroniken des Jahres 1518 (wie oben zitiert). Die Menschen hätten seinerzeit in Straßburg “nicht aus Freude, sondern aus Angst und Verzweiflung” getanzt. Zeitgenössische Ärzte hätten auf Gehirnüberhitzung infolge “heißen Bluts” als Tanzursache geschlossen. Aktuelle Interpretationen hingegen ziehen Mutterkorn-Vergiftungen bzw spätmittelalterlich-heidnisches Kultverhalten als tanzeingebend in Betracht. Wikipedia behandelt das Fänomen Tanzwut mit einem Artikel, der den Straßburger Fall von 1518 in eine Reihe ähnlicher Fälle einordnet: “Der Frankfurter Historiker Gregor Rohmann hat 2012 eine neue Interpretation der Hintergründe der Tanzwut des 14. bis 17. Jahrhunderts vorgelegt. Demnach handelt es sich nicht um eine Form von „Hysterie“ oder der durch Halluzinogene induzierten Ekstase, sondern um ein auf religiösen Vorstellungen beruhendes Krankheitskonzept: Wer unfreiwillig tanzte, agierte so das Gefühl aus, von Gott verlassen zu sein. (…) Die wichtigsten Tanzwut-Ausbrüche fanden (…) 1374, 1463 und 1518 statt. Alle drei Fälle erfassten nicht etwa ganz Europa oder auch nur größere Gebiete, sondern jeweils relativ gut eingrenzbare Verbreitungsräume im Rhein-Mosel-Maas-Raum: 1374 vom Oberrhein bis nach Belgien, 1463 im Eifelgebiet, 1518 in Straßburg.” Ein rheinisches Fänomen!
Hinweise auf Starkregen und Gewitter wie jüngst in Straßburg ließen sich im Zusammenhang mit den historischen Ausbrüchen – ob nicht vorhanden oder nicht beachtet – nicht entdecken: für die Forschung möglicherweise ein Hinweis, dem nachzugehen sich lohnen könnte.

Rhingold

Es hucke drej herre ám Rhin
un speele Ruhr uf fránzeesch un uf ditsch
metme zaichebrätt dr aant
met millioneschecks de zwait
met gummiknéttel de drétt.

Es hucke drej herre ám Rhin
un wérfle e bumbischs schicksál erüs
vive Fessenême! roeft der aant
pfui Márckelse! breelt de zwait
panzer nach Whyl! bellt de drétt.

Es brunze drej herre ám Rhin
em námme vun technik mácht un finánz
e phenoolrischel dr aant
quäcksélwerlách de zwait
sálzige sudd de drétt.

Es spalte drej herre ám Rhin
goldiche áxe kärne atom
hauklotz esch mín land.
Es hucke drej herre ám Rhin
ánn kejje mr se nin?

(Als “Volksdichter ohne Volk” und “Schriftsteller seiner Zeit” wurde André Weckmann bezeichnet, der besonders in den 1970ern in Erscheinung trat und dessen Themenschwerpunkte die Nuklearanlagen im Elsaß sowie die elsässische Identität darstellten.
Der Text, der auch als Lied vertont wurde, stammt aus dem Band „Schang d’sunn schint schun lang“; Association Jean-Baptiste Weckerlin, Strasbourg 1975)

Gewitter-Idiot

gewitteridiot
Beim allsonntäglich-gemütlichen Scrollen durch die unter der Woche angefallenen Rheinmeldungen schreckte uns heute mit einmal die drastische Schlagzeilensprache der Boulevardpresse auf. Im zugehörigen Artikel, der kaum mehr Zeichen als die Überschrift besitzt, bleibt dann allerdings ungeklärt, ob der offenbar nicht gänzlich nackte, sondern mit Shorts bekleidete Mann von der Brücke gesprungen war (was die Wortwahl “Stunt” nahelegt) oder in Höhe der Brücke  ein Bad genommen hatte. Wie auch immer: “Gewitter-Idiot” könnte als Wortneuschöpfung in den Mythenschatz eingehen, eine Verbindungslinie zur germanischen Gottheit Thor läßt sich ebenso denken wie zur griechisch-römischen Linie (Zeus und Jupiter), worauf letztere der Idiotenbegriff (ἰδιώτης) besonders gut passen würde, der im antiken Griechenland den Menschen schlechthin bezeichnete (wie unser Lateinlehrer zu sagen pflegte), bzw. etwas spezifischer: der in der altgriechischen Polis Personen bezeichnete “die sich aus öffentlichen-politischen Angelegenheiten heraushielten und keine Ämter wahrnahmen, auch wenn ihnen das möglich war” (wie Wikipedia ausführt), mithin ein schöner Kontrast zur Götterwelt: der dauerbreite Donner-Depp in Gummistiefeln, der Bikini-Blitzbaddel in der Hochwasser-Pfütze, der sockentragende Starkregen-Schwachkopf auf dem Schiffsanleger wären denkbare Brudergestalten des Gewitter-Idioten, den kölschen Mythos fortzuschreiben.

Rheinbow

claudia_rheinbow (Ein Bild von Claudia. rheinsein dankt!)