Emmerich (4)

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Wie viele andere kleine Grenzstädte verlegt sich auch Emmerich auf den Einkaufstourismus. Die Schaufenster bieten teils bizarre Kunststoffprodukte und Emmerich-Devotionalien (Uhren, Tassen, Poster, Aquarien), die ausgestellte Provinzmalerei erfüllt mit Stolz ihre Quote, eine auffällige Überproportionalität erreicht die Zahl der auf Hörgeräte spezialisierten Läden (der augenscheinlich ambitionierteste zeigt die vier Hörrohre Beethovens als Frontrelief in Ziegelrot). Ladenschilder sind häufig zweisprachig (deutsch/niederländisch) verfaßt, manche Läden richten sich in ihren Aushängen sogar ausschließlich an die Kundschaft aus dem Nachbarland. In der mäßig bevölkerten Fußgängerzone Christoffelstraße scherzten drei niederländische Bohèmiens über zum Verkauf stehende Ölgemälde von bescheidener Qualität. Beinahe hätten wir für künftige rheinsein-Notizen neue

emmerich_kugelschreiber Kugelschreiber erstanden – wäre nicht der Laden wegen Urlaubs geschlossen gewesen. In der Fußgängerzone stießen wir auf den sprechenden Straßennamen Hinter dem Schinken, dessen Bedeutung (wie zuvor schon die Bedeutung des Emmericher Wappeneimers) jedoch verschlossen blieb: in der näheren Umgebung ließ sich weder ein realer Schinken, noch ein etwaiges Schinkenmonument aufspüren. Der Buntheit der Plastikprodukte, dem Anblick der in knalliger Optik beschrifteten Schnellimbisse und Nagelstudios überdrüssig wandten wir uns den Sakralgebäuden, markanten Eckpfeilern des Emmericher Stadtbilds zu. Den Turm

emmerich_st aldegundisvon St. Aldegundis erblickten wir in Fensterscheiben gespiegelt und hinter Wohngebäuden verschanzt an verschiedenen Stellen der Stadt – allein: einen Zugang zu finden gelang uns nicht, weswegen wir geneigt sind, die Kirche als überaus gelungene optische Täuschung zu betrachten. Sehr wohl zugänglich gab sich hingegen die direkt am Rhein gelegene Pfarrkirche St. Martini. Der Kirchenschatz weist Splitter vom Kreuz und der Lanze Jesu auf, die auf wundersame Weise die weite Strecke an den Rhein überwanden, um in Emmerich steckenzubleiben. Im Schiff stießen wir auf verwirrende visuelle Eklektik,
emmerich_st martini darunter byzantinisch anmutende Mosaiken, zu Mauerwerk gestapelte Gesangbücher (“wall of written sound”), einen körperlosen Jesus und seltsame Schnitztiere im Chorgestühl, die jeweils auf eigene Winkel des Gebäudes verteilt das Gefühl erzeugten, durch mehrere katholische wie mindestens eine protestantische Kirche zugleich uns zu bewegen, eine zurückhaltend gemischte Heiligkeit mit Wirkung, die sich noch verstärkte, als wir durchs Portal ins Freie schritten, wo das Leuchtband des Rheins aufwartete, als wolle es uns ins grandiose, wenngleich winterlicher Depression nicht ganz enthobene, Zentrum von Licht und Wasser katapultieren.


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