Monatsarchiv für April 2016

 
 

Presserückschau (April 2016)

1
“Kaum irgendwo sonst in Deutschland fahren so viele Menschen mit dem Fahrrad wie am Niederrhein. (…) Kein Wunder also, dass sich am Niederrhein sogar ein eigenes Verleihsystem für Fahrräder etabliert hat. (…) Diese befinden sich vor allem in Hotels, an Bahnhöfen und Radstationen. Auch im Infocenter an der Rheinpromenade Emmerich stehen zehn der insgesamt 1000 in der Fahrradflotte vorhandenen Räder zur Verfügung. Es handelt sich dabei um “apfelgrüne Gazellen”, hochwertige Unisex-Räder, die bei der niederländischen Firma “Koninklijke Gazelle” von Hand gefertigt werden. Da die Sattelhöhe per Schnellspanner ohne Werkzeug einstellbar ist, ist das Rad für alle Größen geeignet. Gel-Sattel, bedienungsfreundliche Sieben-Gang-Schaltung, eine sichere Rücktrittbremse, ein leichtläufiger Nabendynamo für Licht und eine Spezialbereifung gegen Plattfüße bieten einen großen Fahrkomfort.” (Rheinische Post)

2
In Mainz sahen Passanten in Höhe des Kaisertors eine Person “im Rhein schwimmen und untergehen”. Die Person sei “mehrfach wenige Meter in Richtung Flussmitte geschwommen und wieder zum Ufer zurückgekehrt (…). Beim letzten Versuch, das Ufer zu erreichen, sei die Person untergegangen. (…) Nach den ersten Ermittlungen der Polizei handelt es sich bei dem Vermissten um einen 23 Jahre alten Zuwanderer aus Eritrea.” (Rüsselsheimer Echo)

3
§Seit mehreren hundert Jahren ist zum ersten Mal wieder ein Biber im Rheingau gesichtet worden. Davon ist jedenfalls der Naturschutzbund Hessen überzeugt (…). Es sei aber noch rätselhaft, woher das Tier komme. Es könne vom Oberrhein hergeschwommen sein, zum Beispiel aus dem Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue vorbei an Mainz und Wiesbaden. Möglich sei aber auch, dass er aus der Nahe gekommen sei, bei Bad Kreuznach gebe es ein Bibervorkommen. Die Tiere nutzen große Ströme wie Rhein, Rhône und Elbe zur Ausbreitung.” (Wiesbadener Kurier)

4
“Zwischen Volta-Platz und Rheinufer wird (…) nicht nur die modern gestaltete Rheinufer-Promenade mit dem Namen „Elsässerrheinweg“ eingeweiht, sondern auch ein grenzüberschreitender „Dreyland-Dichterweg“, den neben dem Kanton Basel-Stadt auch die Städte Huningue und Weil am Rhein realisiert haben. (…) Das Gedicht auf einer Tafel im Weiler Rheinpark, verfasst von Werner Richer, lautet:

Wiil am Rhii

E Fluss, wo trennt,
e Bruck, wo bindet,
kei Hass, wo brennt,
e Bruck, wo findet
e Fremde heim,
e Bruck zue eim.

Es wurden 24 Tafeln realisiert, davon werden sieben auf der französischen Seite, acht auf deutscher und neun auf Schweizer Seite installiert. Die Autoren wurden so angeordnet, dass pro Land je vier Gedichte aus den Nachbarländern zu lesen sind.” (Weiler Zeitung)

5
Die Häfen Basel-Nord und Basel-Süd sollen ausgebaut werden, der Weiler Hafen ein neues Terminal erhalten: “Das Güterverkehrsaufkommen wächst laut aller Prognosen weiter. Während die Kapazität auf der Straße ausgereizt scheint, bieten Schiene und Schifffahrt noch Reserven. Vor dem Hintergrund sind die Aus-, Umbau und Modernisierungsprojekte der Schweizerischen Rheinhäfen (SRH) in Basel zu sehen, aber auch das Containerterminal, das im nördlichen Teil des Weiler Hafens angedacht ist – zumal Container als Transportgefäß der Zukunft gelten. Unter dem Strich summieren sich die Vorhaben auf Investitionen von bis zu 250 Millionen Euro.” (Badische Zeitung)

6
“Polizisten haben in Düsseldorf einen Einbrecher aus einem Wasserloch an einem alten Flussbett des Rheins gezogen. Der 25-Jährige war (…) zusammen mit einem 23 Jahre alten Komplizen in ein Wohnhaus eingestiegen und hatte Schmuck gestohlen. Dabei waren die beiden aber so laut, dass Nachbarn verdächtige Geräusche hörten und die Polizei alarmierten. Mit Hilfe eines Hubschraubers konnte die Polizei die beiden Männer schnell aufspüren. Den 23-Jährigen erwischten sie unter einem Carport. Der andere Einbrecher hatte sich in ein Sumpfgebiet geflüchtet und war in das Wasserloch gestiegen. Er ließ sich von den Beamten widerstandlos aus dem Morast ziehen (…)” (Berliner Zeitung)

7
“Seit Langem versuchen Naturschützer und Fischer am Rhein heimischen Jungfischen Lebensräume zu geben. Ob sie damit Erfolg haben, ist jedoch zweifelhaft. Denn statt der erhofften Barben oder Maifische ziehen sie Grundeln aus dem Strom. (…) Die Süßwasserfische schnappen schneller zu als andere. Sie gelten als aggressiv und robust. Experten warnen, dass sie heimische Rheinfische wie den Gründling verdrängten. (…) Tatsächlich machen Grundeln bis zu 60 Prozent des Fangs von Rheinanglern aus, heißt es bei der Oberen Fischereibehörde in Düsseldorf. Die Schwarzmundgrundel dominiert dabei. Im Gewichtsvergleich sind es aber kleine Fische: Nur vier Prozent der gesamten Fischbiomasse im Rhein sind Grundeln.” (WAZ)

8
“Wer zurzeit am Bad Godesberger Rheinufer unterwegs ist, kann ihn nicht übersehen: den sogenannten Nassbagger, mit dem das Wasser- und Schifffahrtsamt Köln (…) rund 3500 Kubikmeter Sand und Kies aus dem Rhein schaufelt. (…) Durch die hohen Wasserstände in den vergangenen Monaten haben Kiesablagerungen dafür gesorgt, dass die Fahrrinne des Flusses schmaler und flacher geworden ist (…). Das soll sich nun ändern. Rückt der Bagger wieder ab, wird die Fahrrinne wieder 2,50 Meter tief und 150 Meter breit sein. Doch das dauert seine Zeit. Gut zwei Wochen lang wird in der Nähe des Rüngsdorfer Schwimmbades, zwischen Rheinkilometer 645,9 und 646,6, gearbeitet.” (General-Anzeiger)

9
“Le canal des Français” heißt das Grabensystem, das einst im 17. Jahrhundert angelegt wurde, um das Grundwasserniveau im Burggraben um die Festung La Citadelle zu regulieren. 6000 Soldaten lebten in der von Vauban geplanten Festung einst zwischen dem Rhein und der Stadt Straßburg. Der “Canal des Français” bildete eine Grenze und leitete das Wasser in Richtung Norden ab, bis es hinter dem heutigen Stadtviertel Robertsau durch die Felder in die Ill fließen konnte. Die heute bestehenden Hafenbecken existierten damals ebenso wenig wie der Rhein-Marne-Kanal. Gut 50 Jahre ist her, dass der “Canal des Français” aufgegeben, teilweise zugeschüttet und überbaut wurde. Für rund eine Million Euro hat die Stadt Straßburg Teile des einstigen Kanals wieder ausgegraben, so dass sie sich mit Grundwasser füllen konnten.” (Badische Zeitung)

10
“Bei dem in der Nähe von Düsseldorf im Rhein entdeckten Leiche handelt es sich um den 20-jährigen Marius B. aus Bonn.
Die rechtsmedizinische Untersuchung des Verstorbenen hat ergeben, dass es sich zweifelsfrei um den (…) vermissten 20-Jährigen aus Bonn handelt. Er war nach einer Feier in Niederkassel nicht nach Hause zurückgekehrt und spurlos verschwunden. Nach Angaben der Rechtsmediziner und dem derzeitigen Ermittlungsstand ergeben sich keine Hinweise auf ein Gewaltverbrechen. (…) Die Kripo geht inzwischen davon aus, dass Marius B. (…) nach dem Besuch des Junggesellenfestes in Niederkassel in den Rhein gefallen und dann ertrunken ist. Er muss allerdings noch einige Zeit zu Fuß unterwegs gewesen sein, da das Gebäude, in der die Jungesellenfeier stattgefunden hat, nicht unmittelbar am Rhein liegt. Die Strömung muss den Leichnam dann bis Düsseldorf getragen haben.” (WDR)

11
“Anlässlich des 30. Jahrestags der Atomkatastrophe von Tschernobyl haben tausende deutsche, französische und schweizerische Atomkraftgegner auf mehreren Brücken über den Rhein an die Opfer des Unglücks erinnert und gegen Atomenergie demonstriert. Bei den Protesten zwischen dem schweizerischen Basel und dem französischen Straßburg forderten die Demonstranten (…) insbesondere die Schließung des umstrittenen französischen Atomkraftwerks Fessenheim. Laut (…) der Initiative Stopp Fessenheim demonstrierten auf den beiden Rhein-Brücken zwischen Marckolsheim und Sasbach sowie in Chalampé jeweils 1200 Menschen. Auf der Europabrücke zwischen Kehl und Straßburg nahmen laut einem AFP-Reporter 300 Demonstranten an einer Kundgebung teil. Das an der deutschen Grenze am Rhein gelegene Fessenheim ist das älteste Atomkraftwerk Frankreichs und steht wegen zahlreicher Pannen in der Kritik.” (Donaukurier)

12
Nicht unüblich sei es, daß Rehe versuchten den Rhein zu durchschwimmen um ans andere Ufer zu gelangen und dabei verendeten, berichtet der WDR. In Duisburg haben Hafenarbeiter an zwei Tagen im April insgesamt drei Rehe aus einem Hafenbecken gerettet: “Die Tiere zittern förmlich und sind völlig erschöpft. Die Männer bringen die Rehe jedes Mal auf’s Land und wärmen sie dort mit Decken auf. Und die sind so geschwächt, dass sie nicht ein mal fliehen wollen. Innerhalb weniger Minuten sind die Tiere aber wieder fit und werden in die Freiheit entlassen. Wie die Tiere ins Wasser gekommen sind, wissen die Tierretter nicht.”

13
“„Go bananas“ heißt im Englischen: ausflippen. Das passt. Denn ein bisschen verrückt ist Les Donohue-Bromley auch, der auf seiner „Go Banana“-Tour auf einem aufblasbaren Bananen-Boot 4000 Kilometer über diverse Flüsse von Rotterdam bis ans Schwarze Meer in Bulgarien gelangen will. Per Anhalter über den Rhein kam er (…) in Emmerich an. (…) Start der Reise war ausgerechnet am 1. April, weshalb viele seine Tour schon als Aprilscherz abtaten. Bisher hat er schon allerhand erlebt: Er wurde schon zweimal von Hochschulen eingeladen (Rotterdam und Wageningen), hat eine Terror-Übung der Feuerwehr in Arnheim miterlebt, ist singend auf einer Bühne in einer Bar geendet, hat sich mit einem niederländischen Schwertkampfmeister in Ritterausrüstung duelliert (und verloren), wurde ins Kriegsmuseum eingeladen, hat als erster Gast auf einem eine Stunde jungen Schiff in Arnheim ein Fünf-Gang-Menü verspeisen dürfen, bevor dieses auf seine Jungfernfahrt nach Amsterdam startete.” (WAZ)

Rheinzitat (32)

“Werte Fahrgäste, unser Zug wird bis Koblenz linksrheinisch umgeleitet. Nicht, dass Sie denken, der Fluss ist weg. Er ist auf der anderen Seite.”
(Zugdurchsage bei der Deutschen Bahn, unbestätigte Quelle)

rhein, bosphorisch

wustmann_rhein von oben

im anflug wieder auf den grauen
rhein bosphorisch in gedanken an-
und ausgeführt / den styx: ein drama
von türmen und brücken gesäumt

die andere seite der uferwiesen
und rückkehr: wohin? woraus
schält sich diese rheinische
gewissheit geteilter städte am

grund ihrer flüsse / am abgrund?
nie will man im zwielicht bleiben
wo uferschafe grasen könnte man
katzenspuren suchen / man könnte

die tage bis zum nächsten
abflug zählen (man könnte)

(Gedicht und Bild von Gerrit Wustmann)

Nijmegen (3)

nijmegen_mauerrotNijmegen ist, eine in rheinischen Höhen und Niederungen seltene Kombination, klassisch katholisch und zugleich politisch so rot, daß es, in den Niederlanden, als La Habana der Niederlande bezeichnet wird.

nijmegen_the non beingRund ein Viertel der Einwohnerschaft Nijmegens besteht aus Studenten, der akademische Grundanstrich äußert sich u.a. im derzeitigen Trend des Heideggerrauchens: dafür werden “Onto” genannte, zu zigarrenähnlichen Gebilden gerollte Buchseiten aus “Sein und Zeit” inhaliert, um danach zur Aktion überzugehen.

nijmegen_harter winterRhein wird in Nijmegen übrigens nicht gesagt. Der Nimweger und die Nimwegerin gehen eindeutig und ausschließlich an die Waal – der Rhein fließt (als Nederrijn) in der wenig geliebten, von der Anhöhe des Valkhofs in Sichtweite gelegenen Nachbarstadt Arnhem. In Nijmegens Innenstadt ist die Waal nicht sonderlich präsent, an der Waalkade, der Flußpromenade, ist wiederum plötzlich die unmittelbar angrenzende Stadt vergessen. In einer kleinen Torbogen-Unterführung, die Stadt und Fluß verbindet, lungern zwei Jugendliche, konsumieren Ontos und unterhalten sich in unfaßbaren Schachtelsätzen, die nachhallen, dieweil wir uns im Zickzackkurs durch das allgegenwärtige Backsteinrot auf den Rückweg machen. Zum Abschied grüßt, an dieser Stelle überaschend, der zugefrorene Fluß von einer Schautafel am Bahnhof, die so ungeschickt plaziert ist, daß wir auf die Umrandung eines Hochbeets steigen müssen, um an die dargestellten Informationen zu gelangen.

Nijmegen (2)

nijmegen_wilma graat“Zij de het weten komen hier haring eten” lautet der Slogan von Wilma Graat, einem von mehreren Fischständen auf dem Samstagsmarkt, wobei sich im Niederländischen “wissen” perfekt und bedeutungsschwanger auf “essen” reimt. Die auf dem Bild zu erblickende Heringsbox steht separat neben dem großen mobilen Laden mit Meeresfischauswahl, der zugleich, wie in den Niederlanden üblich, als Fischbraterei dient. Vor dem Wagen hat Wilma Graat drei Stehtische aufgestellt, eine Plane schützt vor Aprilwetterscherzen. Der Stand ist beliebt, die Kundenschlange reißt nicht ab: gemächlich aber stet wandern Fischbrötchen und Kibbeling-Portionen über den Tresen. Den für eine Fischhändlerin passend-unpassenden Namen Graat (deutsch: Gräte) faßten wir als Lockmittel auf, das Schicksal herauszufordern, nachdem wir auf Ko Tao einst beinahe an einer Gräte erstickt wären.

nijmegen_innenstadtHäufig kam uns zu Ohren, daß Nijmegen eher unter die häßlicheren Städte des Rheinsystems zähle. Den Eindruck können wir nicht bestätigen. Zwar existieren in den Niederlanden zahlreiche zurecht als attraktiver geltende Städte, doch bietet Nijmegen, das bisweilen ein wenig künstlich und an einigen Stellen wie aus Bauklotz-Sondereditionen zusammengesetzt wirkt, genügend angenehme Ecken und Perspektiven, insbesondere im Vergleich mit vielen deutschen Städten ähnlicher Größe. Bis vor wenigen Jahren noch soll das Zentrum voller häßlicher Flecken gewesen sein. Im April 2016 wirkt es wie neugemacht und frisch geleckt. Vielleicht weil Nijmegen sich auf den Radrennzirkus Giro d’Italia vorbereitet, der Anfang Mai für zwei Tage in der Stadt gastieren und insgesamt drei Etappen lang durch die umgebende Provinz Gelderland verlaufen wird. Zur Giro-Vorbereitung sahen wir bereits allerlei Klimbim wie die goldene Säule mit den historischen Siegernamen, das Trikotrosa des Führenden in der Gesamtwertung und lautstark kommentierte Langsamfahrwettbewerbe mit dem Fahrrad in der Fußgängerzone aufblitzen.

nijmegen_babyheadDie verzweigte Fußgängerzone ist kräftig bevölkert, das Tempo ebenso gemessen wie die Freundlichkeit der Einwohner: Nijmegen präsentiert sich als wohltemperierte, an diesem Tag allerdings von untypischen Böen heftig gerüttelte Stadt. Beim Streifen durch Haupt- und Nebenstraßen werden wir unvermittelt aus einem unverhangenen Fenster beim Staunen bestaunt – innere Musik hebt an und alte Songzeilen gehen uns durch den Schädel: “Look out of your windows, watch the skies / read all the instructions with bright blue eyes” und “Old eyes in a small child’s face / watching as the shadows race / through walls and cracks and leave no trace / and daylight’s brightness shuns”.

Nijmegen

nijmegen_bombardementIn Nijmegen lassen sich, über die Stadt verteilt, aus verschiedenen Anlässen offiziell applizierte Gedichte entdecken. Nicht so viele wie in Leiden, wo über hundert muurgedichten als integraler Bestandteil des öffentlichen Raums fungieren. Aber doch eine erstaunliche Anzahl: die ersten drei fielen uns bei der Anreise mit dem Bus von Emmerich ins Auge. In einem Schaufenster bei einer Bushaltestelle war großflächig die “Route Brandhaarden Bombardement Nijmegen 22 Feb 1944″ annonciert, mit Begehungsplan und drei Gedichten, die auf das Ereignis Bezug nehmen. Die Bombardierung der Stadt, die an die 800 Menschenleben kostete, ging von amerikanischen Lufteinheiten aus, die Nijmegen mit der deutschen Nachbarstadt Kleve verwechselten.

nijmegen_maulwurfEin Gedicht von Victor Vroomkoning ist auf einer Wandtafel an der Außenmauer der Stevenskerk anzutreffen. Es stellt den heldenhaften Widerständler “tegen een onmenselijke staat” als nachtaktiven, namen- und gesichtslosen Maulwurf dar, der sich selbst keinesfalls als Held versteht, dieweil er sein Leben für die Freiheit der Stadt einsetzt.

nijmegen_marikenMit Mariken van Nieumeghen befaßt sich das Gedicht des Belgiers Louis Paul Boon, der zu den bedeutendsten Autoren niederländischer Sprache der Neuzeit gezählt wird. Mariken ist eine aus dem Mysterienspiel (hier der vollständige Text) bekannte Figur der Stadtgeschichte aus dem frühen 16. Jahrhundert. Nach einer Kränkung, die ihr zuteil wurde, verschreibt sich Mariken dem Teufel und sündigem Lebenswandel. Später findet sie auf den christlichen Weg zurück. Heute stehen gleich zwei Mariken-Skulpturen in der Nijmeger Innenstadt.

nijmegen_spielplatz“wij willen een handvol kinderen, wijn, en / een speelplaats flink door de zon afgerost” (Gedichtzeilen an einer Spielplatzmauer von Hans Lodeizen)

De Waal

nijmegen_waalWaalabbildung auf der Rampe eines Gastronomieschiffs

Waal lautet der niederländische Name des südlichen Rheinarms nach der Flußspaltung wenige Kilometer hinter der deutsch-niederländischen Grenze. Erste große Stadt an der Waal ist Nijmegen (deutsch: Nimwegen), das auf ein Römerkastell zurückgeht und mit Maastricht um den Titel “älteste Stadt der Niederlande” konkurriert. Der Fluss begrenzte die Stadt lange Zeit im Norden, mittlerweile setzt sich Nijmegen zaghaft, aber deutlich erkennbar am nördlichen Waalufer fort. Drei Brücken überspannen die Waal auf dem Stadtgebiet, die jüngste davon, De Oversteek (Die Überquerung), wurde 2013 eröffnet: ihr Name soll u.a. an die Operation Market Garden der Alliierten während des Zweiten Weltkriegs erinnern, die mit “A Bridge Too Far” von Hollywood mit großem Staraufgebot verfilmt wurde.

nijmegen_waalbrugPromenade und Waalbrücke

Das Waalufer ist in Nijmegen als Promenade angelegt, Caféterrassen, Gastronomieschiffe und ein staatliches Spielcasino bilden die Hauptattraktionen, das Verkehrsaufkommen auf dem Wasser ist erheblich, zwischen den nach Osten und nach Westen ziehenden Frachtern schippert De Pannenkoekenboot, ein Rundfahrtschiff, dessen Gäste mit dem Versprechen auf unbegrenzten Pfannkuchenverzehr gelockt werden. Vom Zentrum fällt der Blick gen Osten auf die direkt anschließende Naturlandschaft Ooijpolder, aus der wir während der Bus-Anfahrt Störche aufsteigen sahen, dieweil ein Hase sich ins Grün entlang der Straße duckte. Von Kribben getrennte Buchten reihen sich dort so weit der Blick reicht: die Natur beginnt nur drei kräftige Steinwürfe vom Zentrum der Großstadt entfernt.

nijmegen_brückenEisenbahnbrücke und De Oversteek

NIJMEGEN, GASTVRIJ und REFUGEES WELCOME steht in weißer Farbe weithin sichtbar auf die Flußpfeiler der Waalbrug gepinselt. Als sie 1936 eröffnet wurde, wies sie (wie es wohl kaum eine Rheinbrücke ohne irgendeinen Rekord gibt) die “größte Stützweite einer Bogenbrücke in Europa” auf. Vom Valkhofpark, der von der Uferpromenade über Treppen zu erreichen ist, läßt sich der Fluß noch besser überblicken. Aussichtspunkte bieten ein Münzfernglas und das Zitat “quem dabis haec possit qui dare cuncta locum” des Nijmeger Dichters Johannes Smetius (1590-1651), der beim Ersinnen des Verses ebenfalls am Geländer gelehnt haben mag wie 400 Jahre später nun wir plus gelegentlich auftauchende Touristen.

nijmegen_segwaySegway-Tourismus an der Waalkade

Zaltbommel: Schriftsteller und Gespenster

Ohne Händedruck geht’s nicht im Fußball. So läuft’s auch beim Zaltbommeler Amateurverein N.I.V.O.-Sparta, der größte der Region Bommelerwaard, der bald zu einem zeitgemäßeren Gelände wechseln wird. Ausrangierte Tore sind zur Seite gestellt, ausgemusterte Materialien, wie zum Beispiel die Korbwagen, sind käuflich zu erwerben; die Trainingsplätze hingegen werden nur von der Fläche her zurückgelassen. Der Graswuchs ist von solcher Qualität, dass man die Böden zur Grundlage der neuen Plätze abzugraben vorhat.

Solches Unterfangen wirkt schon fast, als wäre da ein einfallsreicher Schriftsteller mit im Spiel gewesen, und tatsächlich, Vorstandsvorsitzender des Vereins war über längere Zeit ein Schriftsteller – der später maßgeblich an der Errettung des Traditionsvereins FC Den Bosch (aus ’s-Hertogenbosch) beteiligt war, zu der Zeit, als sich dort ein junger Ruud van Nistelrooij im Mittelfeld versuchte.
Dieser Jan Schouten verfasste damals aber noch keine Belletristik, sondern einflussreiche Sachbücher zu Themen wie soziale Kompetenz, Management, später zum Rheinischen Kapitalismus; wirkungsvoller noch ist die von ihm mit gegründete Firma, die sich über die ganze Welt verbreitet hat, ohne dafür den Hauptsitz in der alten Kleinstadt am Waal aufzugeben.

Dieses Schouten & Nelissen bietet Trainingsprogramme zur persönlichen Entwicklung als Grundlage für erfolgreiche Unternehmen an. Erste Anregung dazu fand der Diplompsychologe Schouten bei Experimenten in englischen Kohlebergwerken, die belegten, wie sehr informelle Betriebsstrukturen das Wohlergehen der Mitarbeiter fördern. Wer seine persönlichen Möglichkeiten nicht nach Abteilungen abgeschottet sieht, entwickelt sich freier und findet sich im sozialen Umfeld bequemer zurecht. Schoutens Hauptanliegen war die psychotherapeutische Komponente; später stellte sich heraus, dass derart strukturierte Betriebsamkeit auch wirtschaftlich ertragreicher ist, eine Einsicht die mit zur Idee des Rheinischen Kapitalismus beitrug. Auch wenn dieser Begriff an die Wirtschaftsordnung der Bonner Republik gemahnt, könnte man schon fast meinen, dass er auf Zaltbommel am Waal zurückverweist – als hätten im ehemaligen Schulgebäude von Schouten & Nelissen Philips und Marx wieder zu einander gefunden.

Jan Schouten, der, wenn auch im Rentenalter, gerade wieder ein Online-Projekt mit Kursen für weniger Betuchte herausgebracht hat, wirkt bei persönlicher Begegnung als ein leidenschaftlicher, nichtsdestotrotz bescheidener Mensch. Sein öffentliches Werben fürs Training sozialer Kompetenzen als gesellschaftlich relevant ab den 1970ern rühre sogar daher, dass es ihm selber an solcher gefehlt habe. Seine auf die Außenwelt visierte, geschäftliche Laufbahn sei mit der Empfindung einer inneren Einsamkeit einhergegangen, deren Grillen im Kopf ihm nur literarisch zu bewältigen erschienen.
Da betrifft es nicht unbedingt persönliches Wirrsal. Sein 2015 erschienener zweiter Roman De aanjagers greift ein verdrängtes Kapitel der jüngeren niederländischen Geschichte auf. Die Heldin Maria hat sich in heutiger Zeit den Spätfolgen zu stellen, die ihr eine selber nicht erlebte tragische Liebesgeschichte aus den ersten Nachkriegsjahren eingebracht hat. Herbeigeführt war die von der “Operation Black Tulip”, als der niederländische Staat aus Rachegelüsten eine größtmögliche Anzahl deutscher Staatsbürger in Nijmegener und Arnhemer Transitlager zusammenzuführen und abzuschieben versuchte.
Dieses Schicksal traf nicht nur Nazis und Nazi-Mitläufer, sondern auch solche, die mehr oder weniger aktiv Widerstand geleistet hatten, von ihrem Umfeld nie als Deutsche wahrgenommen, oder gar als Juden in die Niederlande geflüchtet waren – so wie in Schoutens Roman der Fall. Insgesamt wurden 3691 Deutsche abgeschoben. Die damit einhergehenden, oftmals gravierenden Ungerechtigkeiten wurden u.a. vom Erzbischof Jan de Jong (zu Kriegszeiten führende Stimme des Widerstandes) angeprangert, was mit zur allmählichen Einstellung des Programms, sowie zum späteren Totschweigen geführt hat. Die Heldin aus Schoutens Roman, die sich betont als Frau von Welt durch die Geschichte bewegt, wirkt als Sinnbild einer Gesellschaft, die sich in Äußerlichkeiten verliert ohne sich der eigenen Schuld an Ausgrenzung von Unschuldigen stellen zu wollen – was Maria letztendlich doch noch hinkriegt, als Vorbild für viele im Hier und Jetzt.

Ein anderer Zaltbommeler Schriftsteller heiratete selber eine rumänische Jüdin mit deutschem Pass um sie vor Inhaftnahme zu schützen. Da lebte dieser Johannes van de Walle (1912-2000) aber noch nicht im Zaltbommeler Bau namens De Trippen von 1610,

sondern als Journalist in der niederländischen Kolonie Curaçao, wo 1940 deutsche Staatsangehörige vorsorglich inhaftiert wurden. Da Curaçao nie von den Deutschen besetzt wurde, dauerte ihre Haft bis zum Kriegsende, woraufhin sie in die oben erwähnten Transitlager verlegt wurden. Genauso hätte es der Frau Van de Walle ergehen können.
In den Jahren 1942-1946, als Van de Walle selber von der niederländischen Exilregierung beauftragt war, die Bewohner der damaligen Kolonie Surinam zu den Kriegsumständen in den Niederlanden aufzuklären, geriet er von der Kolonialherrschaft immer tiefer angewidert. Bei seiner Heimkehr in die Niederlande wurde ein von ihm verfasster Bericht, der fürs allgemeine Wahlrecht in den Kolonien plädierte, nicht dankend abgenommen. Mehr noch als zuvor in den Kolonien, wurde Van de Walle zum Fremden im eigenen Land.
Seine fünf, zwischen 1956 und 1963 erschienenen Romane setzen sich mit dem Kolonialismus auseinander, aus der Perspektive hellhäutiger Außenseiter heraus, die sich mit den Umständen zurechtzufinden versuchen. Mal betrifft es Missionare, mal Goldgräber oder auch Großgrundbesitzer zu Zeiten der Abschaffung der Sklaverei. Van de Walle wird nachgesagt, sein Schreiben mache auch den Leser zum Außenseiter: Dies hat ihm nur ein beschränktes Interesse der niederländischen Leserschaft eingebracht, die sich eh kaum um die Umstände in den westlichen Kolonien scherte. Dort hingegen wurde er fleißig gelesen. Eine Neuauflage seiner Werke in den 1990ern brachte ihm ein denkwürdiges Fernsehinterview ein, führte aber erneut nicht zu allgemeiner Anerkennung, auch wenn er von der Kritik als Vorläufer von Gabriel García Márquez geehrt wurde. So gilt es nach wie vor, ihn zu entdecken.

Ein dritter Schriftsteller hält sich zur Entdeckung in einer Zaltbommeler Dachrinne bereit.

Die Betonskulptur zeigt ihn voll konzentriert bei der Arbeit, der er über Jahrzehnte nachgegangen ist, bevor er sich in der Dachrinne zu Ruhe setzte. Hier ist tatsächlich keine Phantasiefigur dargestellt, sondern die reale Person des Amsterdamer Sportjournalisten Ed van Opzeeland. Als erster niederländischer Fußballreporter vertrat er der Meinung, Zeitungen sollten sich nicht mit der bloßen Wiedergabe der Ergebnisse wichtiger Spiele begnügen: So fuhr er 1956 nach Paris, als dort das erste Europapokal-Endspiel ausgetragen wurde. Keine niederländische Zeitung zeigte sich aber interessiert, dem von ihm verfassten Bericht (zu Real Madrid : Stade de Reims 4:3) in ihren Kolumnen Platz einzuräumen. 1966 war das schon anders: Da landete er seinen größten journalistischen Coup, als zum ersten Mal ein niederländischer Verein es in die zweite Runde des Europapokals schaffte. Nach dem legendären, bei dichtem Nebel ausgetragenen Spiel in Liverpool, wo Ajax Amsterdam den FC Liverpool 5:1 zu schlagen vermochte, fügte er seinem Interview mit Ajax-Coach Rinus Michels eigenständig den Satz “Fußball ist Krieg” hinzu, der dann über Jahre weltweit als der von Michels gemünzte Inbegriff der (mittlerweile ins Stocken geratenen) niederländischen Spielauffassung galt. Im Übrigen hat Van Opzeeland, Verfasser von mehreren Büchern zu Sportthemen und öfters mit dem berühmten Fotografen Ed van der Elsken unterwegs, auch den Namen “Studio Sport” ausgedacht, das niederländische Pendant des Aktuellen Sportstudios.

Sein eigenes Dachrinnenpendant ist ein Werk des Künstlers Joris Baudoin,

lange in Zaltbommel, jetzt im nahegelegenen Heerewaarden wohnhaft. Es ist auch beileibe nicht die einzige Betonskulptur, mit der Baudoin (auch gerne als Joris Beton bezeichnet) eine Zaltbommeler Dachrinne ausgestattet hat: Seit 1994 hat er so viele solcher “Rinnengespenster” (“gootspoken”) hergestellt, dass eine spezielle Wanderroute des örtlichen Fremdenverkehrsamts an ihnen entlang führt. Sogar tauchen sie mittlerweile auch außerhalb Zaltbommels auf, bis hin nach Deutschland und Frankreich.
Anregung zu seinen poetisch-skurrilen Betonüberraschungen fand Baudoin bei den üppigen Figuren, mit denen die gotische Sankt-Johannes-Kathedrale in ‘s-Hertogenbosch ausgeschmückt ist. Die eigenen werden von ihm immer nach Maß des jeweiligen Baus und Auftraggebers hergestellt, mit einer bunten Palette zufolge. So gibt es Affen, Beginen, spielende Kinder, einen Korbflechter, ein Nilpferd, einen Drachen, Cupido, Schilfgespenster, einen Zahnarzt, eine zeigende Frau, und und und – so wie auch diesen Fotografen,

der bei Instandsetzungsarbeiten etwas nach unten weggesackt sein soll. Sein Einfassen der Welt findet aber unabänderlich in der Rinne des Fotogeschäfts statt, wo Baudoin regelmäßiger Kunde war, als er täglich die Fortschritte beim Bau der Nijhoff-Brücke fotografierte: Aus insgesamt 700 Dias stellte er einen anderthalbminutigen Filmstreifen her, in dem sich die Brücke in Windeseile errichtet.
Solches Durchhalten bezeugt die präzise Vorgehensweise Baudoins. Ohne jede Menge Skizzen und genaue Überprüfung der gewünschten Stelle gibt es keine Rinnengespenster. Auch ist die Platzierung der Skulptur nicht immer ohne Gefahr:

Dieses vergoldete Ferkel zum Beispiel konnte Baudoin nur im Korb eines Mastwagens mit Todesverachtung an Ort und Stelle bringen. Das Schwein, eigentlich gedacht als Geschenk zum vierzigsten Geburtstag des Kneipeninhabers, ließe sich übrigens auch getrost als ein Prosit betrachten auf die Zeit bis 1933, als die Hauptverkehrsstraße zwischen Utrecht und ‘s-Hertogenbosch, mit Inbegriff der örtlichen Waalfähre, noch durch Zaltbommel lief. Zur Erholung der Reisenden gab es damals am Markt gute sechzig Kneipen, weit mehr als heutzutage noch der Fall.
So umrunden wir jetzt noch mal die Ecke in Richtung Waal, dort wo es die Fähre gab: Unterwegs begegnen wir einem weiteren Baudoin-Gespenst, angeregt von einer versuchten Plastiknachahmung auf dem Dach der Frittenbude “Restauratie Tigo”: ein Fußballer im Tenue des Nijmegener Eredivisionisten NEC, Lieblingsvereins des Inhabers. Auf Geheiß von dessen Ehefrau hat Baudoin dem einen NEC-Fan hinzugefügt. An Tigo-Fritten ißt der sich gerne richtig satt.

***

Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Hier zum zweiten Mal das Städtchen Zaltbommel.
(Zum Flußgeschlecht des/der Waal eine kurze Anmerkung: die deutsche Wikipedia weist die Waal als weiblich aus. In älteren Quellen hatten wir zuvor nur den männlichen Artikel gefunden. In französischer und spanischer Sprache ist der niederländische Rheinfortsatz jeweils männlich. Im Niederländischen ist de Waal weiblich, die männliche Bezeichnung zugelassen, der niederländische Artikel lautet im Maskulinum und Femininum gleich.)

Flaschenpost (7)

rv_flaschenpostBrief aus einer Rheinflaschenpost, gefunden von unserem Korrespondenten Rainer Vogel. Der gedichtartige Text, eine handschriftlich verfaßte DIN A4-Seite landete in Höhe der Düsseldorfer Messe am Rheinufer an. Sonderlich weit gereist sein dürfte die Flaschenpost nicht, denn unser Korrespondent wurde bereits wenige Stunden nach dem Aufgabedatum fündig.

Dunkel wie der Rhein, aufgebracht wie eine Wildsau

„Juvénal hérissé montre son vers ainsi
Qu’un sanglier sa hure ;
Comme tombe à la mer le Rhin sombre et tonnant ;
Tel Pindare orageux se rue en bouillonnant
D’une immense embouchure.“

(Victor Hugo, Oeuvres complètes, Océan – Tas de pierres (Posth., Paris 1942))

Die zerstörte Weseler Eisenbahnbrücke

Den Überresten der Ludendorff-Brücke in Remagen haftet seit dem Spielfilm “The Bridge at Remagen” (von 1969) über die Ereignisse in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs ein gewisser Hollywood-Glanz an – ihre dunklen Brückenköpfe, die bis heute an beiden Ufern (in Remagen und Erpel) stehen, haben schaurige Berühmtheit erlangt. Anders, als die Filmhandlung nahelegt, war die von den Alliierten eroberte Ludendorff-Brücke nicht der letzte unzerstörte Rheinübergang im Dritten Reich. Unter den unversehrten Übergängen befand sich Anfang März 1945 unter anderen die Weseler Eisenbahnbrücke: heute ebenfalls eine Ruine, allerdings von weit geringerem Ruhm, sodaß wir ob des

eindrucksvollen Trums (auf Xantener Seite) nicht übel staunten, als wir unverhofft auf der Weseler Rheinpromenade (die ein gutes Stück außerhalb Wesels liegt) auf ihren Anblick stießen.

wesel_zerstörte eisenbahnbrücke_2

Eine Schautafel am Weseler Brückenende informiert: “Von 1872 bis 1874 wurde die aus 107 Landpfeilern und drei Strompfeilern bestehende und mit 1950 Metern längste Rheinbrücke erbaut. Die Brücke, die als Teil der Eisenbahnlinie Hamburg-Venlo Norddeutschland mit Westeuropa verband, erhielt 1927/28 über dem Strom eine neue Stahlkonstruktion, am 10. März 1945 wurde die Brücke nach dem Rückzug auf das rechte Rheinufer von deutschen Soldaten gesprengt. Da ein Wiederaufbau aus Gründen der Wirtschaftlichkeit nicht in Frage kam, wurde 1958 der in der Strommitte stehende Pfeiler entfernt.”

wesel_brücke bei hochwasser_hans-rudolf kremer_2Die alte, noch vollständige Brücke bei Hochwasser: Widergabe eines Aquarells von Hans-Rudolf Kremer

Victor Hugo, Walter Benjamin und rheinsein

Eine ausführliche Reaktion auf den vorangegangenen Eintrag erschien auf acheronta movebo, dem Blog von Chris Bader. Ausgehend von Victor Hugos Zitat einer lautmalerisch niedergelegten Speisekarte zu Schaffhausen, assoziiert Bader nun auf acheronta movebo über das Flußmotiv, Sprachbrodeln und Lebensnarben und vergleicht rheinsein “in Hinblick auf die Materialfülle sowie auf Lafleurs erfrischendem Mix von Gestern und Heute, “High” and “Low”" mit dem Passagen-Werk Walter Benjamins, das von der Kritik als “Notizenfragment” und “Buch, das es nicht gibt” beschrieben wurde: “In seinem Blog zitiert Stan Lafleur den zitierenden Victor Hugo. Deshalb – weil er viel zitiert – hatte auch Walter Benjamin Victor Hugo gerne zitiert. Alle drei – Stan Lafleur, Walter Benjamin, Victor Hugo zitieren allerdings transparent: Sie zitieren in Achtung und Nennung der Quellen. Lesen also fremdes Material auf, kennzeichnen es als fremdes Material, integrieren es in ihr literarisches Mix: Damit outen sich alle Drei – Lafleur, Benjamin, Hugo (…) als Literatur-, Philosophie- und Quellen-DJs, die den alten Materialien einen neuen und jetzigen Kon-Text stiften, eine jetzige und heutige Ästhetik und damit Verdaulichkeit verleihen.” Daß rheinsein in Einzelteilen oder zur Gänze wahlweise als ausschnitthafte bis umfängliche Allegorie auf das menschliche Leben aufgefaßt werden kann, läßt sich zwischen den Zeilen und vollständig unter dem sprechenden Titel: “IN THE MIX: Schweizerisch-französische Onomato-Omelette-Poetik, gefunden von Stan Lafleur bei Victor Hugo. – Notizen zum Motiv der “Narbe” und zum Motiv “Fluss”” nachlesen.

Victor Hugo befindet sich seit ein paar Stunden in Schaffhausen und bestellt ein seltsames Abendessen

Je suis à Schaffhouse depuis quelques heures. écrivez Schaffhausen, et prononcez tout ce qu’il vous plaira. Figurez-vous un Anxur suisse, un Terracine allemand, une ville du quinzième siècle, dont les maisons tiennent le milieu entre les chalets d’Unterseen et les logis sculptés du vieux Rouen, perchée dans la montagne, coupée par le Rhin, qui se tord dans son lit de roches avec une grande clameur, dominée par des tours en ruine, pleine de rues à pic et en zigzag, livrée au vacarme assourdissant des nymphes ou des eaux, ― nymphis, lymphis, transcrivez Horace comme vous voudrez, ― et au tapage des laveuses. Après avoir passé la porte de la ville qui est une forteresse du treizième siècle, je me suis retourné, et j’ai vu au-dessus dessus de l’ogive cette inscription : SALVS EXEVNTIBVS. J’en ai conclu qu’il y avait probablement de l’autre côté : PAX INTRANTIBVS. J’aime cette façon hospitalière.

Je vous ai dit d’écrire Schaffhausen et de prononcer comme il vous plairait. Vous pouvez écrire aussi tout ce qu’il vous plaira. Rien n’est comparable, pour l’entêtement et la diversité d’avis, au troupeau des antiquaires, si ce n’est le troupeau des grammairiens. Platine écrit Schaphuse, Strumphius écrit Schapfuse, Georges Bruin écrit Shaphusia, et Miconnis écrit Probatopolis. Tirez-vous de là. Après le nom vient l’étymologie. Autre affaire. Schaffhausen signifie la ville du mouton, dit Glarean. ― Point du tout ! s’exclame Strumphius, Schaffhausen veut dire port des bateaux, de schafa, barque, et de hause, maison. ― Ville du mouton ! répond Glarean ; les armes de la ville sont d’or au bélier de sable. ― Port des bateaux ! repart Strumphius ; c’est là que les bateaux s’arrêtent, dans l’impossibilité d’aller plus loin. ― Ma foi ! que l’étymologie devienne ce qu’elle pourra. Je laisse Strumphius et Glarean se prendre aux coiffes.

Il faudrait batailler aussi à propos du vieux château Munoth, qui est près de Schaffhouse, sur l’Emmersberg, et qui a pour étymologie Munitio, disent les antiquaires, à cause d’une citadelle romaine qui était là. Aujourd’hui, il n’y a plus que quelques ruines, une grande tour et une immense voûte casematée qui peut couvrir plusieurs centaines d’hommes.

Il y a deux siècles, Schaffhouse était plus pittoresque encore. L’hôtel de ville, le couvent de la toussaint, l’église Saint-Jean, étaient dans toute leur beauté ; l’enceinte de tours était intacte et complète. Il y en avait treize, sans compter le château et sans compter les deux hautes tours sur lesquelles s’appuyait cet étrange et magnifique pont suspendu sur le Rhin que notre Oudinot fit sauter, le 13 avril 1799, avec cette ignorance et cette insouciance des chefs-d’œuvre qui n’est pardonnable qu’aux héros. Enfin, hors de la cité, au delà de la porte-donjon qui va vers la Forêt-Noire, dans la montagne, sur une éminence, à côté d’une chapelle, on distinguait au loin, dans la brume de l’horizon, un hideux petit édifice de charpente et de pierre, ― le gibet. Au moyen âge, et même il n’y a pas plus de cent ans, dans toute commune souveraine, une potence convenablement garnie était une chose élégante et magistrale. La cité ornée de son gibet, le gibet orné de son pendu, cela signifiait Ville Libre.

J’avais grand’faim, il était tard ; j’ai commencé par dîner. On m’a apporté un dîner français, servi par un garçon français, avec une carte en français. Quelques originalités, sans doute involontaires, se mêlaient, non sans grâce, à l’orthographe de cette carte. Comme mes yeux erraient parmi ces riches fantaisies du rédacteur local, cherchant à compléter mon dîner, au-dessous de ces trois lignes :

haumelette au chantpinnions,
biffeteque au craison,
hépole d’agnot au laidgume,

je suis tombé sur ceci : calaïsche à la choute, ― 10 francs.

Pardieu ! Me suis-je dit, voilà un mets du pays : calaïsche à la choute. Il faut que j’en goûte. Dix francs ! Cela doit être quelque raffinement propre à la cuisine de Schaffhouse. J’appelle le garçon.

— Monsieur, une calaïsche à la choute.

Ici le dialogue s’engage en français. Je vous ai dit que le garçon parlait français.

— Vort pien, monsir. Temain matin.
— Non, dis-je, tout de suite.
— Mais, monsir, il est pien tard.
— Qu’est-ce que cela fait ?
— Mais il sera nuit tans eine hère.
— Eh bien ?
— Mais monsir ne bourra bas foir.
— Voir ! voir quoi ? Je ne demande pas à voir.
— Che gombrends bas monsir.
— Ah çà ! C’est donc bien beau à regarder, votre calaïsche à la choute ?
— Vort peau, monsir, atmiraple, manifigue !
— Eh bien, vous m’allumerez quatre chandelles tout autour.
— Quadre jantelles ! Monsir choue. (Lisez : Monsieur joue.) Che ne gombrends bas.
— Pardieu ! Ai-je repris avec quelque impatience, je me comprends bien, moi ; j’ai faim, je veux manger.
— Mancher gouoi ?
— Manger votre calaïsche.
— Notre calaïsche ?
— Votre choute.
— Notre choute ! mancher notre choute ! Monsir choue. Mancher la choute ti Rhin !

Ici je suis parti d’un éclat de rire. Le pauvre diable de garçon ne comprenait plus, et moi, je venais de comprendre. J’avais été le jouet d’une hallucination produite sur mon cerveau par l’orthographe éblouissante de l’aubergiste. calaïsche à la choute signifiait calèche à la chute. En d’autres termes, après vous avoir offert à dîner, la carte vous offrait complaisamment une calèche pour aller voir la chute du Rhin à Laufen, moyennant dix francs.

Me voyant rire, le garçon m’a pris pour un fou, et s’en est allé en grommelant : ― Mancher la choute ! églairer la choute ti Rhin afec guadre jantelles ! Ce monsir choue.

J’ai retenu pour demain matin une calaïsche à la choute.

(aus Victor Hugo: Le Rhin. Lettres à un ami, 1842)