Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo (2)

Grinsend erzählte der Buchhändler von einem Mann, auf dessen Hirn meine Spekulationen zutreffen würden, und der, im Gegensatz zu mir, bestens mit Hugo vertraut sei. Seine Frau war eines Tages in den Laden gekommen. Sie hatte nach einer Schallplatte für ihren Mann gesucht. “So was verkaufe ich leider nicht”, hatte der “Ägypter” klargestellt. “La chanson de Maglia (5), Sie wissen schon, der Text ist von Hugo.” – “Mag sein, dennoch führe ich sowas nicht; ich bin Buchhändler und kein Plattenverkäufer. Wenn Ihr Mann ein Bewunderer Hugos ist, kann ich mit Einzelstücken bis hin zum Gesamtwerk in 45 Bänden dienlich sein, je nach Geschmack. Die Edition Nationale (6) war der Dame leider zu extravagant (sic!), sie entschied sich für eine Sonderedition von Le Rhin in einem Band. Einige Wochen später tauchte der Mann auf und teilte mir gestikulierend mit, Le Rhin könnte nur als Reise seines Verfassers durch das Totenreich interpretiert werden, wäre damit so eine Art Totenbuch gewesen… Wie auch immer… So lang er nicht die Zurückerstattung des Geldes verlangte, hätte er behaupten können, es sei eine Reise auf den Mond gewesen.”

Konnte ich, liebes rheinsein, anders, als diesem Mann meinen Besuch abzustatten?

Ich gönnte mir einen Spaziergang. Nach 20 Minuten stand ich vor seiner Tür, staunte nicht wenig, und verstand einiges. Gegenüber dem “Pavillon des Paares” kündigte ein Ladenschild an: “Blumen-Komposition. Geburt – Hochzeit – Beerdigung”. Ich klopfte. Nach langen, stillen, ereignislosen Minuten öffnete eine Frau die Tür, so als ob sie sie sofort wieder schließen wollte. Sie trug eine Brille mit derartig dicken Gläsern, daß sie geeignet schienen, den Kugeln der Realität perfekten Widerstand zu bieten. Von Nahem betrachtet fiel mir ihr Blick auf, geprägt von einem außergewöhnlichen Strabismus, der sich nicht wirklich entscheiden konnte, ob er convergens oder divergens wirken sollte. Ich erklärte, wer ich sei, wer mich schickte und was ich wünschte. Sie bat mich ihr zu folgen, wir liefen über einen Flur und traten in einen Garten, dicht an der Hauswand parkte ein Wohnwagen.

hugo_04 wohnwagen

Im überhitzem Raum saß ein übergewichtiger Mann. Er trug ein T-Shirt mit goldenem, zerblätterten Logo, eine Bermuda aus verwaschenem Drill und schneeweiße Handschuhe aus Baumwolle. Sein Blick war auf ein zum Aquarium umgewandeltes Fernsehgehäuse gerichtet. Im trübe-uringelben Wasser (Rheinwasser, wie ich später erfuhr) schwamm eine Kaulquappe. Mich über Larven zu unterhalten fiel mir schwer, also schwieg ich. Ein Fehler. Jules Bois hatte recht: „L’âme humaine est plus profonde que ne l’imaginent les incrédules et les croyants”. (7) Es verging eine halbe Stunde, der Mann starrte weiter auf die Kaulquappe. Warum?
Die Frau brach schließlich den Bann, indem sie von meinem Anliegen erzählte. Auf das Stichwort “Buch” hin lächelte er, wandte sich uns zu, stand langsam auf, drehte sich. Aus einen kleinen Wandschrank über seinem Kopf holte er ein Buch, um es behutsam auf dem Tisch zu legen, und lud mich zugleich ein, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Er klappte den grauen Deckel langsam auf, drehte vorsichtig eine, zwei, drei Seiten. Ich fürchtete schon, den Inhalt falsch herum bewundern zu müssen, als er es endlich umdrehte. Ein Unterschied war kaum wahrnehmbar: so oder so ließen Farbflecken, epileptisches Gekritzel, abenteuerliche Linien und nach dem Zufallsprinzip verteilte Striche kaum etwas erkennen. Doch bei konzentrierter Betrachtung wurde einiges präziser, Landschaften nahmen Konturen an, Figuren erschienen, einzelne Wörter, ganze Sätze wurden ablesbar. Das also war Hugos Rhein, bzw. was Mr. Prason darin gelesen und gesehen hatte. Hatte er aber nicht. Denn, wie er mir ausführlich erklärte, nachdem ich meine ersten Eindrücke bescheiden geäußert hatte: als er das Geschenk seiner Frau in die Hände genommen hatte, hatte er außergewöhnliches gespürt, so als ob die Haut seiner Finger und das Leder der Buchdeckel eines gewesen wären, oder ähnliches. Er fragte mich, ob ich von Psychometrie gehört hätte. Ich verneinte. Er schilderte, wovon Psychometrie handelte, was wiederum Zeit in Anspruch nahm, auch wegen eines leichten Stotterns, welches die Silben wie Steinchen auf seiner Zunge chaotisch hüpfen und die Sätze unruhig aus seinem Mund heraussprudeln ließ. Als er zur Hellseherei mit angezündeten Kerzen, Nadel- oder Wasser-Orakeln überging, sank meine Aufmerksamkeit, und tiefer noch, als er beschrieb wie er das Fluidum, welches aus dem Buch eindeutig hervorging, zu fotografieren versuchte. Es folgte ein endloses Referat, von Skizzen begleitet, über die zahlreichen und erstaunlichen Experimente, welche er nach Dr. Baraduc vollbracht hatte.

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hugo_07 emanationFluidische Emanationen, erzeugt von Victor Hugos Le Rhin, nachdem das Buch 15 Minuten lang in Dunkelheit vor eine voreingestellte Kamera plaziert wurde.

(Fortsetzung folgt)

***

(5) In: L’étonnant Serge Gainsbourg, 1961.
(6) V. Hugo, Oeuvres, Ed. Nat., Émile Testard éditeur (Paris, 1885-1895)
(7) “Die menschliche Seele ist tiefgründiger als die Ungläubigen und Gläubigen es sich vorstellen.” J. Bois, Le miracle moderne (Paris, 1907)


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