Monatsarchiv für März 2016

 
 

Presserückschau (März 2016)

1
“Eine Panne im umstrittenen Atomkraftwerk Fessenheim im Elsass vor knapp zwei Jahren soll wesentlich dramatischer verlaufen sein als bisher bekannt. Einem Bericht der “Süddeutschen Zeitung” (…) zufolge waren am 9. April 2014 nach einer Überflutung wegen eines Lecks in Block 1 die Steuerstäbe zum Abschalten des Reaktors nicht mehr manövrierfähig. (…) Der Block wurde laut “SZ” erst durch Einleitung von Bor ins Kühlsystem abgeschaltet – ein äußert seltenes Vorgehen. Der Betreiber des Akw, der staatliche französische Stromkonzern EDF, hatte zwar von dem Leck berichtet, ohne jedoch Einzelheiten zu nennen. Auf der achtstufigen internationalen Störfallskala Ines wurde der Vorfall lediglich auf Niveau 1 eingestuft. Die Überschwemmung habe damals eine “Abfolge von technischem Versagen und Chaos” nach sich gezogen (…). So sei eines der beiden parallelen Sicherheitssysteme ausgefallen, weil Wasser in Schaltschränke gelaufen sei.” (Donaukurier)

2
“Es gibt Szenarien, da muss man zweimal hingucken, um zu verstehen, dass man nicht völlig verrückt geworden ist. So ging es wohl einigen Duisburgern (…), als ein offensichtlich toter Pottwal auf der Ladefläche eines Transporters durch die Innenstadt rollte. Wenig später lag das fast 20 Meter lange Tier am Ufer des Rheinpreußenhafens in Homberg. Eine Schulklasse begutachtete es neugierig, die Kinder konnten kaum fassen, was sie da sahen. Wenig später kamen Forscher, um den Wal zu untersuchen. Auch das Duisburger Ordnungsamt kam zur Unfallstelle. Hatte sich der Wal vielleicht verirrt, ist er etwa über die Nordsee in den Rhein geschwommen und dann gestorben? Fehlanzeige: Der Pottwal am Duisburger Rheinufer hat nie gelebt. Es handelt sich um eine lebensgroße Attrappe, die zu den Aktionen des Kulturfestival Duisburger Akzente gehört.” (Rheinische Post)

3
“Die Ansicht ist wenig spektakulär: ein abgesperrtes Loch in der Erde, dessen Boden leicht mit Wasser bedeckt ist und auf dem ein Bagger und ein Container stehen. Trotzdem bedeutete der 16 Meter tiefe Schacht gestern Anlass zur Freude auf dem Chempark-Gelände Wiesdorf. Denn er ist der Anfang eines neuen Tunnels unter dem Rhein zwischen Leverkusen und Köln-Merkenich. Und so feierte Chempark-Betreiber Currenta mit mehreren Dutzend Gästen aus Unternehmen und der Politik die Taufe der Rheinunterquerung. Sie trägt nun den Namen “Martina”. Patin und Namensgeberin ist Currenta-Mitarbeiterin Martina Jacobs-Wellenberg, die das Projekt seit Beginn begleitet.” (Rheinische Post)

4
Loreena McKennitt feiert ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum, berichtet die Fachzeitschrift Powermetal im Stil einer Werbeanzeige: “Nun schiebt ihr Label Quinlan Road noch die Livescheibe “Troubadours On The Rhine” nach, wiederum strikt limitiert auf 5000 Kopien und in hochwertigem 180g-Vinyl. Doch neben der hochwertigen Aufmachung ist das Schöne daran natürlich in erster Linie das Schöne darin. Loreena spielte dieses Konzert auf Einladung des Radiosenders SWR1 (…) am 24. März 2011, in Mainz. (…) Insgesamt (…) eine (große, schwarze) runde Sache, die ein Muss für alle Folkfans darstellt. Und die Tatsache, dass die Aufnahmen vom schönen Mainz am Rhein stammen, sollte insbesondere die Rheinländer auf den Plan rufen. Da dürften die 5000 Exemplare schnell vergriffen sein.”

5
“Im Rahmen der 37. Duisburger Akzente “Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen” läuft im Ruhrorter Museum der Deutschen Binnenschifffahrt noch bis zum 9. April die Sonderausstellung “Neue Horizonte – Dynamik im Fluss” über den Erfinder Paul Schatz (1898-1979), der als deutsch-jüdischer Emigrant in der Schweiz lebte (…). Dazu spielte (…) das “Ensemble Neue Horizonte Bern” (…) sein Programm “Im Fluss”. (…) Sämtliche Kompositionen von “Im Fluss” beschäftigen sich mit den Themenkomplexen Fluss, Wasser und Hafen, aber auch Strömung, Schleuse, Handelsumschlagplatz, Schwäne, Rhein, Donau und Moldau sowie weiterem Nahen oder Fernen. Der formale Rahmen leitet sich von Paul Schatz und seinem umstülpbaren Würfel ab (den übrigens der Westdeutsche Rundfunk vor 50 Jahren zum Logo seines Dritten Fernsehprogramms machte). Der taumelnden Bewegung des Oloids passt sich auch die in jedem Konzert andere Reihenfolge der Stücke an. Genauer gesagt, bleibt die Abfolge gleich, nur Anfang und Ende verschieben sich.” (Rheinische Post)

6
Rettung aus Rheinnot: mehrere Schafe hatten sich laut Anrufen von Spaziergängern bei der Krefelder Feuerwehr im Fluß befunden: “Ein freilaufender Hund hat (…) eine Schafsherde in Panik versetzt. Ein Tier wurde in den Hals gebissen. Es wusste sich nicht anders zu retten, als in den Rhein zu springen. Ein Passant und ein Polizist in zivil, retteten das verletzte Tier in Ufernähe aus dem Wasser. Vom Hund keine Spur.” (Rheinische Post) Der Verbleib der restlichen Schafe, die sich ebenfalls in den Fluß gestürzt haben sollen, ist ungeklärt.

7
“Ein ausgebüxtes Rind hat (…) einen Polizeieinsatz der Stadtpolizei Chur verursacht. Das Tier war zuerst stadtauswärts auf den Zuggeleisen unterwegs. Danach stapfte es zum Rheinufer. (…) Als eine Polizeipatrouille vor Ort eintraf, waren bereits mehrere Personen dabei, das entwichene Rind von den Geleisen wegzutreiben. (…) Nach einiger Zeit ging das Rind zum Rheinufer und überquerte den Fluss schwimmend. Es strandete völlig erschöpft am gegenüberliegenden Ufer von Haldenstein. Dort konnte das Tier schliesslich von Bauern mit einem Seil hochgezogen werden.” (Schweizer Bauer)

8
“In Baden-Württemberg hat ein 22-Jähriger sein Auto versehentlich in den Rhein gelenkt. Er und sein Beifahrer kamen glimpflich davon. Ein Passant hatte (…) den Zwischenfall in Breisach am Rhein beobachtet und den Notruf gewählt. (…) Kurz darauf meldete sich (…) der Fahrer des Wagens. Er und sein ebenfalls 22 Jahre alter Beifahrer hatten sich alleine befreit und waren durchs eiskalte Wasser zum Ufer geschwommen. Danach gingen beide nach Hause, um die nassen Kleider zu wechseln. Der Polizei zufolge ist der Unfallverlauf inzwischen geklärt: Der Fahrer war (…) beim Rückwärtsfahren auf einen Grünstreifen geraten und hatte die Kontrolle über das Auto verloren. Der Wagen rollte daraufhin die Böschung zum Rhein hinunter und stürzte in den Fluss. Das Fahrzeug ging unter und soll nun geborgen werden.” (Spiegel)

9
“Erneut haben Unbekannte zwei große Bäume an der Rheinallee (in Königswinter; Anm.: rheinsein) vergiftet. (…) Eine stolze Platane und ein Ahorn mussten deshalb (…) in Höhe der Hubertusstraße am Rheinufer gefällt werden. Ebenfalls (…) wurden zwei weitere Bäume gefällt, die bereits im vergangenen Jahr Opfer von Giftanschlägen geworden waren, und eine Pappel, die unmittelbar am Rheinufer stand und angesägt worden war. Die Stadt hat innerhalb von nur neun Monaten insgesamt fünf Strafanzeigen gegen Unbekannt bei der Polizei erstattet.” (General-Anzeiger)

10
“Jubel bei den Rhine River Rhinos: Die Rollstuhl-Basketballer aus Wiesbaden haben den Aufstieg in die Erste Bundesliga perfekt gemacht. Die Mannschaft von Cheftrainer Cliff Fisher setzte sich am letzten Spieltag bei den SKG Rolling Choclate in Heidelberg mit 89:53 durch und sicherte sich die Meisterschaft in der Zweiten Liga.” (Wiesbadener Tagblatt)

11
“Die Programmiersprache rhine aus der Feder von Ramkumar Ramachandra ist eine typisierte, von Elixir inspirierte Sprache, die die LLVM-Just-in-time-Kompilierung nutzt und einen vollständigen abstrakten Syntaxbaum, sowie N-D-Tensoren, First-Class-Funktionen und Typinferenz bietet. Die von Ramachandra im GitHub-Repositorium des Projekts vorgestellten Sprachfeatures umfassen beispielsweise die Typannotation ~Int (In rhine werden nur Argumenttypen kommentiert; Rückgabetypen werden inferiert) sowie die Funktion ~Function(Int -> Int -> Int. Letztere nimmt zwei Integer auf und gibt einen zurück, wobei etwas Haskell-Syntax eingestreut wird. (…) Eine Besonderheit von rhine ist der AST. Dieser nimmt starke Anleihen bei der LLVM-Zwischenschicht (IR), umfasst jedoch auch einige höher angesiedelte Konzepte, wie beispielsweise Tensoren. Er ist Ramachandra zufolge als SSA zu betrachten und verfügt über einen eingebetteten UseDef-Graph, weshalb Analysen und Transformationen sich besonders leicht gestalten sollen.” (Jaxenter)

12
“Einsatzkräfte der Polizei und der Rheinhausener Feuerwehr haben in Duisburg-Friemersheim die Reste einer Leiche aus dem Rhein geborgen. Ausgerückt waren auch ein Boot der Wasserschutzpolizei sowie Taucher. Da der Torso relativ ufernah im Rhein trieb, kamen letztere nicht zum Einsatz. Zur Identität der toten Person ist noch nichts bekannt. (…) Fingerabdrücke der aufgefundenen linken Hand werden derzeit ausgewertet. “Die Leiche ist auch nicht mehr ganz frisch”, sagt Feuerwehr-Einsatzleiter Thorsten Stolz. Sie sei vermutlich schon eine Weile stromabwärts getrieben und auch in Kontakt mit Schiffschrauben gekommen.” (WAZ) “In Duisburg hat eine Passantin am Rheinufer Leichenteile gefunden. Der menschliche Unterkörper war im Bereich Alsumer Steigs angeschwemmt worden (…). Erst vergangene Woche war rheinaufwärts beim Duisburger Ortsteil Friemersheim ein lebloser Oberkörper geborgen worden. Taucher der Feuerwehr zogen die Leiche aus dem Wasser. Eine DNA-Analyse soll nun klären, ob die Leichteile von der selben Person stammen. (…)” (Welt)

13
“Die Quecksilber-Belastung deutscher Flüsse liegt (…) vielerorts weit über dem zulässigen Grenzwert. Die Umweltqualitätsnorm von 20 Mikrogramm Quecksilber je Kilogramm Fisch werde in den großen Flussgebieten Rhein, Elbe und Donau dauerhaft und flächendeckend um das fünf- bis 15-fache überschritten (…). Quelle dafür sei eine Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine Parlamentsanfrage. Zwar stoßen Dutzende deutsche Braun- und Steinkohlekraftwerke in geringen Dosen Quecksilber aus, Umweltschützer machen aber vor allem giftige Dämpfe aus Braunkohlekraftwerken für die Umweltbelastung mit dem Schwermetall verantwortlich.” (n-tv)

Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo (5)

Die Session war zu Ende. Meine Doppelfrage, weshalb Mr. Prason vermittels seiner Reise davon überzeugt werden konnte, daß er mit seinen Thesen richtig lag, weswegen ich jedoch nichts Ungewöhnliches zu sehen bekommen hatte, beantwortete Mme Sénèth dergestalt, daß ich ja schließlich nicht danach gefragt bzw. dafür bezahlt hätte. Was ich gesehen hatte war lediglich der Standardablauf. Während ihrer Unterredung mit Mr. Prason hatte sie ein Zeichen, das er ihr gezeigt hatte, so interpretiert, daß es sich um einen Zirkel handeln und auf das gleichnamige Sternbild (Circinus) verweisen müsse, welches nah bei einem alten Sternbild namens Schiff Argo stünde, womit feststand, daß Victor Hugo mit seiner Rhein-Reise in Wirklichkeit auf der Suche nach dem Goldenen Vlies gewesen war, was nicht weiter verwunderlich sei, denn laut Isaac Newton (24) ist eine große Zahl der Konstellationen eben von der Argonautensage abgeleitet.

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Le Rhin, manuscript – BnF [NAF 13387]

Mr. Prason widersprach dieser Interpretation natürlich vehement: Le Rhin beschreibe die Reise Hugos im Totenreich, und zwar vor dem Tod bzw. vor seinem Tode. Denn gestorben war Hugo zweimal (25), und seine Reise als Mensch und als Dichter folgte einem Motto: Vom Gestern zum Morgen: “On n’a qu’à ouvrir sa fenêtre sur le Rhin, on voit le passé; pour voir l’avenir, il faut [...] ouvrir une fenêtre en soi.” (26)

Mme Sénèth machte Mr. Prason darauf aufmerksam, daß das ägyptische Totenbuch 190 Kapitel zählte, Le Rhin jedoch nur 39 Briefe und den Schlußteil beinhaltete. Wo war der Rest geblieben?
“Auf dem Tisch liegt es, wie immer. Es liegt auf dem Tisch und spricht mit ihm” (27), war die Antwort Mr. Prasons.
- Aber die Fotos, die ich im Buch gesehen habe?
- Der technische Fortschritt wird zum Teil vom Irrationalen erzeugt. Es ist nur logisch, das Irrationale mit Hilfe von technischen Mitteln faßbar zu machen…
- Wieso aber tauchten die ägyptischen Intuitionen Mr. Prasons nicht auf den Fotos auf?

Es war nicht schwer gewesen, ihn zu überzeugen, daß die Geisterwelt in Hugos Wohnung wertvoller war als die pharaonischen, fluchenden Mumien. Jede (von uns suggerierte) Wunschäußerung läßt sich problemlos auf Papier ausdrucken. Unsere Software ist einfach, aber effektiv, die Kunden stets zufrieden. Schauen Sie:

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Das in ein Grafito verwandelte Reiterstandbild

- Das erinnert mich an den Fall Buguet (28): der Gutgläubige porträtierte samt gespenstischer Erscheinungen seine geliebten Toten, wobei er zunächst eine vorgefertigte Puppe mit kurzer Belichtungszeit fotografierte. Von Polizeibeamten auf frischer Tat ertappt, wurde er zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Ob nun als Artikel 405 im alten oder als Artikel 313-1 im neuen Gesetzbuch: Betrug bleibt Betrug.
- Was, erwiderte Mme Sénèth, auf meine Dienstleistung nicht zutrifft. Ich verspreche weder dies noch das gegen Geld, sondern komme den Wünschen meiner Kunden entgegen.
Ich überließ Mme Sénèth ihren Spielchen und ging.

Meiner Natur mehr als nur fern sind übertriebene Jubelarien; die nüchtern betrachtet jedoch ausnahmslos positiven Bemerkungen (ich vermied es geschickt, vom Hugoschen Rhein-Syndrom (29) zu sprechen), die ich Mr. und Mme Prason über mein Erlebnis bei Mme Sénèth berichtete, wurden belohnt: ich dürfte das Buch abfotografieren (30). Sie werden es durchblättern und vielleicht darin finden, was sich finden läßt oder eben nicht. Das überlasse ich Ihnen.

Beim Verlassen des Wohnwagens blickte ich mich ein letztes Mal um. Das Aquarium war leer. Was war mit der Kaulquappe geschehen? Mr. Prason zwinkerte verschwörisch und murmelte : “Nguyệt Tâm (31) ist nun sein Name; mit schwarzem Bart ist er in Saigon, in Tây Ninh mit weißem; sein Geist formuliert die Gebete: Taufgebet, Gebet im letzten Augenblick des irdischen Lebens, Gebet nach dem Tod, Gebet des Eingesargten (32)…, die vom Gläubigen in Weiß, in Rot, in Blau und Gelb gewandet beim passenden Anlass psalmodiert werden. Verstehen Sie? Der Rhein war der Eingang des Tunnels, welcher via Jersey in Vietnam wiederauftauchte…”

Die Gebetstitel erinnerten (wenngleich noch radikaler) an das oben erwähnte Ladenschild. Alles verwandelte sich, blieb dennoch irgendwie gleich. Außer das Buch-Antiquariat. Als ich dorthin zurückkehrte, sah ich den “Ägypter” ruhig vor einem Schutthaufen stehen. Wegen Einsturzgefahr hatte die Stadtverwaltung das Haus prophylaktisch abgerissen. Für den Buchhändler war der Grund für die marode gewordene Mauer einfach zu erklären: der Fäulnisprozeß der MILP hatte die Bausubstanz attackiert, unwiderruflich zersetzt. Er nahm es gelassen und vermied es, Zukunftspläne zu fantasieren, lieber beabsichtigte er, sich der Eudiobiotik zu widmen, was immer das auch sein mochte.

Das war auch alles. Und das genügt.

Im Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,

Ihr Marcel Crépon

***

(24) s. I. Newton : The Chronology of Ancient Kingdoms Amended (1728).
(25) s. E. Launet, Hugo es-tu là? (Libération, 11 décembre 2008).
(26) “Öffnet man nur sein Fenster auf den Rhein, sieht man die Vergangenheit; um die Zukunft zu erblicken […] muß man ein Fenster in sich öffnen“. ibid., Einführung.
(27) in V. Hugo, Le livre des tables (Paris, 2014), sind 161 Sitzungen (datiert und nicht datiert) protokolliert.
(28) s. G. de la Tourette, L’hypnotisme et les états analogues au point de vue médical (Paris, 1889).
(29) Welches man an das Jerusalem- oder Stendhal-Syndrom problemlos angliedern könnte.
(30) s. Le Rhin d‘Hugo
(31) “Cœur de Lune” [Mondherz]. Der vollständige Name lautet : Nguyet Tâm Chon Nhon. Im Caodai-Pantheon hat V. Hugo die Stellung eines Heiligen. Er ist auch der Dao-Gouverneur der caodaistischen Auslandsmission in Phnom Penh (s.: Anthologie des saintes paroles caodaïstes, T. II (Quach-Hiep Long, Alfortville, 2011).

Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo (4)

“Und?” Die Spinne war auf beiden Bildern zu sehen und diente dem Fischfang, nahm ich an. Auf dem Manuskript bedeckte tatsächlich eine weiße Form den Baum. “Erkennen Sie was?” drängte Mr. Prason. Tat ich nicht. “Ein L ist das, nichts anderes.” So betrachtet konnte es ebenso gut ein V sein; ein L gab es, auch wenn darüber spekuliert wurde (18), soweit ich wußte, im hieroglyphischen Alphabet nicht. “Ja, ein L”, fuhr Mr. Prason fort, “und für was steht es?” – “Der zwölfte Buchstabe des Alphabets, und der neunte Konsonant.” – “Nicht nur; als römische Zahl steht L für 50.” Ich ahnte, daß es ein passendes Kapitel hierzu geben mußte, und die entsprechende Erklärung, von der ich mir sicher war, daß ich sie umgehend erhalten würde, kam schneller, als mein Gedanke ausgesprochen werden konnte. “Der Titel des Kapitels L des ägyptischen Totenbuchs lautet: Um der Strafe zu entgehen. (19) Das Kapitel beginnt mit: Meines Halses Wirbel / Hab ich im Himmel sowie auf Erden zusammengefügt (20) und endet mit: Wo bin ich jetzt? Vor den Götterordnungen steh ich. Verstehen Sie jetzt?” – “Nicht wirklich.” Mr. Prason blickte mitleidig auf mich herab, während er einen Zettel bekritzelte.

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“Die Wohnung Hugos, Place des Vosges, wo er Le Rhin niederschrieb und seinen ersten Tod fand.” – “Seinen ersten Tod?” – “Fällt ihnen nun was ein?” Die Grundrißform war leicht zu erkennen. “Wieder L, Anfangsbuchstabe des Vornamens seiner in der Seine verstorbenen Tochter. Le Rhin erschien 1842, sie starb 1843, 1845 kam schon die zweite Auflage, obwohl die Reaktionen auf die erste trotz geschickter Werbung recht negativ ausgefallen waren (21). Warum dieses zweite Auflage?” Für Mr. Prason bestand kein Zweifel: was zusammen gehörte, passte auch zusammen, jedes Element seiner Überlegungen fügte sich perfekt in eine Art Mosaik, dessen Einzelteile wie Glimmer in der Sonne reflektierten und mich erblinden ließen; ganz zu schweigen von den Kanten, die meinen Verstand in dünne durchsichtige Scheiben schnitten. Was davon übrig blieb, rieselte wie Schneeflocken gemächlich zu Boden. Mme Prason legte schließlich eine Visitenkarte auf den Tisch: “Haben wir beim “Ägypter” gefunden. Alles wurde von dieser Dame bestätigt: die Reise, die Zeichnungen. Schauen sie sich die Fotos an.” Letztere hatte ich noch nicht erwähnt. Am Ende des Buchs waren sie eingeklebt. Verwackelte, unscharfe Aufnahmen, die alles bedeuten und beweisen konnten – ebenso gut wie das Gegenteil. So kam ich auf Mme Sénèth.

Es ist schon viel geschrieben worden, liebes rheinsein, doch wissen wir beide, daß ein vollkommenes Bild nur zu schaffen ist, indem alle Faktoren methodisch, ohne Vorurteil betrachtet und sachlich zusammengefaßt werden. Ich klopfte also auch bei dieser Mme Sénèth – und staunte nicht wenig. Statt einer geheimnisvollen Person (ich hatte an Maria Casarès in ihrer Rolle als Mary Tudor gedacht), hieß mich eine hellhaarige Frau im Chanel-Ensemble willkommen. Wo war die Zigeunerin mit Kopftuch und schwerem Schmuck abgeblieben? Wo die Kristallkugel, die Tarotkarten? Wo Kaffeesatz, ausgestopfter Uhu, blanke Schädel? Wo die Brokatgardinen? Der Raum ähnelte einem Verwaltungsbüro mit Leere erzeugender Innenarchitektur. An der Wand hinter ihrem Rücken hing zwar ein Horoskop, das jedoch wie ein Excel-Tabelle aussah. Eine Kristallkugel entdeckte ich ebenfalls. Sie diente als Briefbeschwerer und die einzige Zukunft, die darin abzulesen war, gehörte der Fratze eines grinsenden Alfred Hitchcock. Ich erklärte wer ich war, wer mich schickte und worüber ich sprechen wollte. Mr. Prason hatte in der Tat bei ihr eine spirituelle Rhein-Reise unternommen, bzw. an der Place Royale (22), wo Victor Hugo sein Werk niedergeschrieben hatte. Diese Reise könnte ich auch machen, und sehen. “Jedermann kann das heute”, sagte sie und setzte mir eine Art Nachtsichtgerät auf den Kopf. “Kommen Sie, gehen Sie…”, flüsterte Madame Sénèth. Schon schritt ich über einen Platz, stieß leicht gegen das Gitter, welches ein Reiterstandbild umrundete, ging unter Arkaden bis an ein großes Tor, das ich aufschob. Rechts im Hauseingang befand sich ein kleiner Flur, möbliert mit einer Theke, auf der Broschüren, Prospekte, Bücher, usw. lagen. Am Ende des Flurs eine zweite Theke, eine leere Garderobe zwischen beiden Theken, Postkarten. Wünschte man zwei davon, kostete es zwei Euro, kaufte man zwei, durfte man zehn Stück mitnehmen – reine Magie. Ich kehrte zum Hauseingang zurück, ging an mit Glasmalerei versehenen Fenstern vorüber braungelblich beleuchtete Treppen hinauf, ein Relief, aus welchem Pegasus entflog, besaß stark dreidimensionale Wirkung. Im zweiten Stock angekommen trat ich in eine Wohnung ein und sah nichts als unstabile Konturen von Möbeln, sfumatöse Gemälde, flüchtige Objekte, Skulpturen, erkannte mit orientalischen Motiven bemalte Holzwanddekorationen, Tellersammlungen, einen Tisch mit vier Tintenbehältern. So ging es weiter, bis ich in einen Raum eintrat und eine Stimme hörte : “Hier wurde es geschrieben.” – “Was?” – “Der Fluß.” – “Ist es möglich einen Fluß zu schreiben?” – “Und wie…”. Ob ich nun im nächsten Zimmer oder noch im gleichen mich befand, kann ich heute nicht mehr sagen. Die Dunkelheit hellte ein wenig auf, ich nahm eine Silhouette wahr, welche über einen hochgebauten Tisch gebeugt war und zu schreiben schien. “Wer sind Sie?” fragte ich vorsichtig. – “Der Größte.”

- Muhammad Ali?
- …
- De Gaulle? Sesostris? Goethe? Bonaparte?
- …
- Der Mount Everest?
- Berge sind Götter, nicht bloße Geister!
- Manitu?
- Warum nicht der letzte Mohikaner? Ich helfe dir: die Kaulquappe eines Erzengels bin ich…
- Sag nichts – Voltaire?
- Dieser teuflische Affe? (23) Sie armer Kretin… Ich bin der, der nachkommt und aufgeht, wenn die anderen in namenlose Konstellationen verschwinden. Ich bin der Gesprächspartner der Weißen Dame und die Rutschbahn der Schwarzen Dame. Ich bin das Eins in Vier, ich bin das Wort und die Tat, der Sonnenstrahl und seine Schatten.
- Hunahpú?
- Ich bin der Fluß und seine vier Ufer.
- Vier Ufer? Wie geht das?
- Zwei habe ich, wenn ich dem Ursprung entgegen blicke, zwei Richtung Mündung.
- Hätte ich mir denken können. Aber wer sind Sie tatsächlich?
- Der, der durch die Luft fließt und schäumt, durchs Wasser weht…
Ich spare Ihnen den Rest des Spielchens und komme direkt auf das Ende. Zermürbt von den Wortfällen fragte ich:
- Wer sind Sie wirklich?
- Das große Krokodil.
- Na also. Kennen Sie Mr. Prason?
- Uirjgrj…

Ich drehte mich um und befand mich erneut bei dem Reiterstandbild, welches sich prompt in ein ausdrucksstarkes Grafito verwandelte. (Fortsetzung folgt)

***

(18) V. Loret, La lettre L dans l’alphabet hiéroglyphique. In : Compte rendus des séances de l’Académie des inscriptions et Belles-Lettres (n°2, 1945)
(19) Auf frz.: “Pour ne pas subir le châtiment.” 1853 publizierte Hugo den Gedichtzyklus “Les Châtiments”, welcher mit der Interpretation Mr. Prasons kaum etwas zu tun hat, worauf mich der “Ägypter” später hinwies.
(20) Davon konnte der kopflose Ritter von Reichenstein nur träumen.
(21) L. Veuillot. Etudes sur Victor Hugo, Le Rhin (février 1842).
(22) Die heutige Place des Vosges.
(23) s. V. Hugo, Regard jeté dans une mansarde (Les rayons et les ombres, 1840).

Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo (3)

Stets nach der Kaulquappe schielend, welche sorglos durchs Wasser zu fliegen schien, merkte der Mann nicht wie ich ab und an diskret meine Augen schloss. Und so hörte ich im Halbschlaf wie er das Geheimnis des hugoschen Rheins entschlüsselt hatte. “… kurz nach der Reise.” – “Die Reise? Welche Reise?” Er und Henriette (seine Frau) waren die Strecke der Schriftsteller nachgefahren. Sie am Steuer, er hinten im Wohnwagen. Sie erinnern sich wie es um die Augen der Gemahlin bestellt war und werden mir zustimmen, wenn ich behaupte, daß diese Reise das reinste Kamikaze-Unternehmen gewesen sein muß. Doch hatten sie es überlebt. Während sie mit dem Verkehr kämpfte, saß er bei heruntergelassenen Gardinen im Wohnbereich. So konnte er sich ungestört über Kopfhörer Hugos Prosa als mp3-Aufnahme ins Gehör träufeln lassen, sich vom Text (von Henriette gelesen) mitreißen lassen, sich in hugoeske Emphase steigern, sehen was der berühmte Reisende damals sah, schilderte, beschrieb, träumte, witzelte. Was hätte er auch sonst anfangen können? Fotografieren? War denn noch etwas zu fotografieren übrig? Vorbei die Zeiten, in denen August Sander leere Rheinlandschaften festhalten konnte (8). Wie wahr die Bemerkung: “Fest steht, daß, als sie den Rhein schuf, die Natur eine Wüste geplant hatte; daraus machte der Mensch eine Straße.” (9) Wer nicht auf einem Kreuzfahrtschiff tanzte, tüftelte auf einem Tanker, joggte den Fluß entlang, raste zwei- oder vierrädrig über die Straße, leckte auf Wasserskiern an der Gefahr, prahlte mit Bikini und Motorboot, kämpfte sich im Kanu voran… Er aber wollte anderes, erhabeneres. Nur von der Stimme seiner Frau inspiriert hatte er das Buch gefühlt; diese Stimme und die geistige Energie Hugos waren die Kräfte gewesen, die seine Hände übers Papier geführt hatten. Um diese etwas diffuse Darstellung in die reale Welt zurück zu verfrachten, fragte ich, ob während der Fahrt nicht vielleicht etwas besonderes geschehen wäre. Beide blickten mich verständnislos an. “Nichts war geschehen.” Dann die Frau: “Außer vielleicht dieser Mann in Reichenstein?” Abends hatten sie auf dem Campingplatz gesessen und Mr. Prason darüber gegrübelt, ob die drei Mädchen aus Brief XX die Rheintöchter (10) symbolisieren könnten. Trotz widriger linguistischer Umstände hatten sie den Besitzer des Campings darüber befragt. Der hatte von Richard Wagner nichts weiter gehört, doch wußte er einen Mann, der Rheintöchter bastelte. Es wäre für ihn kein Umstand, sie zu ihm zu führen. Auf einem Regal standen sie in Reih und Glied gestellt: Flugabwehrraketenmodelle…, aus Kunststoff, Holz, Metall, aus Pappkarton sogar. Alle schön bunt bemalt, nicht wirklich vorschriftsmäßig, eher psychedelisch, sodaß sie wie Totems aussahen. “Rheinboote habe ich auch!” kündete der Mann fröhlich-höhnisch, mit eindrucksvollen Gebärden und Mundgeräuschen, die wohl auf die Testabschüsse und deren bescheidene, wenn nicht lächerliche Ergebnisse hinweisen sollten. (11) Mein vorsichtiger Versuch, die drei Mädchen vielleicht als eine Reminiszenz an Macbeths weird sisters zu interpretieren, wurde kommentarlos ignoriert und man gelangte zum Hauptgericht, welches zuvor dem Antiquar in großer Aufregung, wie Sie wissen, offenbart worden war. Von Konkordanzen war die Rede, von Schmetterlingen, Skarabäen, Spinnen, verschlüsselten Buchstaben, Analogien, verschleierten Inhalten, Visionen, Zahlenkombinationen; verborgene Botschaften lauerten zwischen den Zeilen, die ungeduldig darauf warteten ans Licht zu sprühen. Kurz: Mr. Prason hatte ein Gestell zusammengeschraubt und das passende Gebäude dazu kam schnell zum Vorschein. Als Eckstein diente das Zitat “Quo versu dicere non est / Signis perfacile est” (12), aus dem erwähnten Brief XX. Zeichen gab es schließlich zur Genüge, man mußte sie nur aufspüren und adäquat befragen. Der mit ägyptischen Hieroglyphen verglichene geflügelte Drache (13); die Suche des Autors im Wallraf-Richartz-Museum nach einer “ägyptischen Mumie”; die Erwähnung der Isis; das humoreske Auftauchen von Ptah, Osiris, Memnon, Merenptah, Ramses II. und die Beschreibung – mit Skizzen – des Grabes Ramses V.; weiterhin das Antlitz des Sarkophags im Mainzer Dom, das einen mumienartigen Blick aufwies, usw., usw. Meinen Zustand nach diesem karussellartigen Diskurs als Schwindelanfall zu bezeichnen wäre weit untertrieben, ich taumelte buchstäblich zwischen Faszination und Übelkeit, schaute auf Mr. Prason, der von seinen Entdeckungen und deren Deutungen ins Schwitzen geraten war. Ich fragte ihn, ob Le Rhin nicht als politisches Buch konzipiert und angekündigt worden war. “Die Politik Hugos habe ich in zwei Pinselstrichen erfaßt: preußisches und Pariser Blau mischen sich im Rhein, das ist alles. Le Rhin, Monsieur, hat genauso viel mit Politik zu tun wie ich mit der Vermessung von Böschungswinkeln. Hugo ist ein Bote, ein Visionär gewesen, kein Politiker.” – “Und sein Engagement gegen die Todesstrafe?” – “Wo kein Kopf ist, kann das so wichtige Mundöffnungsritual nicht vollgezogen werden, darum geht es.” Mr. Prason witterte meine Skepsis; den Gnadenschuß erhielt ich, bevor ich seiner Behauptung zustimmen oder sie widerlegen konnte. Aufgestanden war er, und setzte seinen Monolog weiter fort: “Und die Schmetterlinge auf dem Friedhof?! (14) Wenn die moderne Forschung weiterhin über die Symbolik der auf Särge gemalten Lepidopteren rätselt, so wußte Kant eines: “Das Sinnbild der alten Ägypter für die Seele war ein Papillon, und die griechische Benennung bedeutete eben dasselbe. Man sieht leicht, daß die Hoffnung, welche aus dem Tod nur eine Verwandlung macht, eine solche Idee samt ihren Zeichen veranlaßt habe.” (15) Bei Hugo sind Elsaß bzw. Schwarzwald Flügelhauben eines “großen schwarzen Schmetterlings” (16), eindeutige Vorboten.” Über den Inhalt der Botschaft erkundigte ich mich lieber nicht, bekam aber dennoch eine Antwort: “Sie gibt uns erneut Bescheid über die visionäre Gabe Hugos. Und so geht es das gesamte Buch über, die ganze Zeit, vom Gestern zum Morgen.” – “Hugo reiste aber flußaufwärts, also eigentlich umgekehrt.” – “Was wissen Sie schon?” Wenig, fürchtete ich, und ließ Mr. Prason sein “großes Finale” weiter erzählen. Er beschrieb die Ekstase Hugos am Rheinfall, wie das gewaltige Getöse sein Hirn zu füllen schien, wie er aus der Zeit trat, wie die Stunden durch seinen Geist, dem Wasser im Abgrund gleich, ohne Spuren oder Erinnerungen hinterlassend vorüberzogen. Da war der Dichter, meinte Mr. Prason, ins Licht hineingetreten und hatte alles verstanden, einfach alles. Denn wie sagte Paracelsus: “La vraie philosophie est aussi facile à distinguer que le bruit du Rhin ou que celui des tempêtes. Car enfin ce que les yeux voient, ce que nos mains touchent, notre tête le perçoit et le comprend.” (17) Er aber, Mr. Prason, hatte weitergeforscht und auf einer Abbildung des Rhein-Manuskripts den endgültigen, alles erklärenden Schlüssel des Ganzen entdeckt. Eine Passage des Briefs XVII war von einer Zeichnung begleitet. Zwei lange, flexible, sich kreuzende Stangen erinnerten an eine riesige Spinne, deren Beine in den Rhein tauchten. Die im Buch gedruckte Zeichnung unterscheidet sich vom Original. Wo in ersterem ein Baum zu erkennen ist, zeigte sich auf dem Manuskript eine in weißer Farbe aufgetragene Korrektur. Mr. Prason zog einen Briefumschlag aus seinem Buch, und zeigte mir beide Illustrationen.

hugo_08 spinnenLe Rhin, manuscript – BnF [NAF 13387] – Le Rhin (Paris, 1906)

(Fortsetzung folgt)

***

(8) s. August Sander, Rheinlandschaften 1929-1946 (München, 1975).
(9) “Il est évident qu’en faisant le Rhin la nature avait prémédité un désert ; l’homme en a fait une rue.” V. Hugo, Le Rhin, lettre XXV (Paris, 1842).
(10) Die Rheingold-Premiere fand erst 1869 statt!
(11) s. W. Dornberger, Peenemünde (Esslingen/München, 1984).
(12) Horaz, Satiren.
(13) ibid. Lettres VII, XII, XIV, XX, XXIII.
(14) ibid. Lettre XVIII.
(15) Vorkritische Schriften, B. I.: Träume eines Geistersehers, erläutert duch Träume der Metaphysik.
(16) ibid. Lettre XXXI.
(17) in: J.-A. Bordes-Pagès, Paracelse : vie, travaux et doctrines (Foix, 1878).

Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo (2)

Grinsend erzählte der Buchhändler von einem Mann, auf dessen Hirn meine Spekulationen zutreffen würden, und der, im Gegensatz zu mir, bestens mit Hugo vertraut sei. Seine Frau war eines Tages in den Laden gekommen. Sie hatte nach einer Schallplatte für ihren Mann gesucht. “So was verkaufe ich leider nicht”, hatte der “Ägypter” klargestellt. “La chanson de Maglia (5), Sie wissen schon, der Text ist von Hugo.” – “Mag sein, dennoch führe ich sowas nicht; ich bin Buchhändler und kein Plattenverkäufer. Wenn Ihr Mann ein Bewunderer Hugos ist, kann ich mit Einzelstücken bis hin zum Gesamtwerk in 45 Bänden dienlich sein, je nach Geschmack. Die Edition Nationale (6) war der Dame leider zu extravagant (sic!), sie entschied sich für eine Sonderedition von Le Rhin in einem Band. Einige Wochen später tauchte der Mann auf und teilte mir gestikulierend mit, Le Rhin könnte nur als Reise seines Verfassers durch das Totenreich interpretiert werden, wäre damit so eine Art Totenbuch gewesen… Wie auch immer… So lang er nicht die Zurückerstattung des Geldes verlangte, hätte er behaupten können, es sei eine Reise auf den Mond gewesen.”

Konnte ich, liebes rheinsein, anders, als diesem Mann meinen Besuch abzustatten?

Ich gönnte mir einen Spaziergang. Nach 20 Minuten stand ich vor seiner Tür, staunte nicht wenig, und verstand einiges. Gegenüber dem “Pavillon des Paares” kündigte ein Ladenschild an: “Blumen-Komposition. Geburt – Hochzeit – Beerdigung”. Ich klopfte. Nach langen, stillen, ereignislosen Minuten öffnete eine Frau die Tür, so als ob sie sie sofort wieder schließen wollte. Sie trug eine Brille mit derartig dicken Gläsern, daß sie geeignet schienen, den Kugeln der Realität perfekten Widerstand zu bieten. Von Nahem betrachtet fiel mir ihr Blick auf, geprägt von einem außergewöhnlichen Strabismus, der sich nicht wirklich entscheiden konnte, ob er convergens oder divergens wirken sollte. Ich erklärte, wer ich sei, wer mich schickte und was ich wünschte. Sie bat mich ihr zu folgen, wir liefen über einen Flur und traten in einen Garten, dicht an der Hauswand parkte ein Wohnwagen.

hugo_04 wohnwagen

Im überhitzem Raum saß ein übergewichtiger Mann. Er trug ein T-Shirt mit goldenem, zerblätterten Logo, eine Bermuda aus verwaschenem Drill und schneeweiße Handschuhe aus Baumwolle. Sein Blick war auf ein zum Aquarium umgewandeltes Fernsehgehäuse gerichtet. Im trübe-uringelben Wasser (Rheinwasser, wie ich später erfuhr) schwamm eine Kaulquappe. Mich über Larven zu unterhalten fiel mir schwer, also schwieg ich. Ein Fehler. Jules Bois hatte recht: „L’âme humaine est plus profonde que ne l’imaginent les incrédules et les croyants”. (7) Es verging eine halbe Stunde, der Mann starrte weiter auf die Kaulquappe. Warum?
Die Frau brach schließlich den Bann, indem sie von meinem Anliegen erzählte. Auf das Stichwort “Buch” hin lächelte er, wandte sich uns zu, stand langsam auf, drehte sich. Aus einen kleinen Wandschrank über seinem Kopf holte er ein Buch, um es behutsam auf dem Tisch zu legen, und lud mich zugleich ein, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Er klappte den grauen Deckel langsam auf, drehte vorsichtig eine, zwei, drei Seiten. Ich fürchtete schon, den Inhalt falsch herum bewundern zu müssen, als er es endlich umdrehte. Ein Unterschied war kaum wahrnehmbar: so oder so ließen Farbflecken, epileptisches Gekritzel, abenteuerliche Linien und nach dem Zufallsprinzip verteilte Striche kaum etwas erkennen. Doch bei konzentrierter Betrachtung wurde einiges präziser, Landschaften nahmen Konturen an, Figuren erschienen, einzelne Wörter, ganze Sätze wurden ablesbar. Das also war Hugos Rhein, bzw. was Mr. Prason darin gelesen und gesehen hatte. Hatte er aber nicht. Denn, wie er mir ausführlich erklärte, nachdem ich meine ersten Eindrücke bescheiden geäußert hatte: als er das Geschenk seiner Frau in die Hände genommen hatte, hatte er außergewöhnliches gespürt, so als ob die Haut seiner Finger und das Leder der Buchdeckel eines gewesen wären, oder ähnliches. Er fragte mich, ob ich von Psychometrie gehört hätte. Ich verneinte. Er schilderte, wovon Psychometrie handelte, was wiederum Zeit in Anspruch nahm, auch wegen eines leichten Stotterns, welches die Silben wie Steinchen auf seiner Zunge chaotisch hüpfen und die Sätze unruhig aus seinem Mund heraussprudeln ließ. Als er zur Hellseherei mit angezündeten Kerzen, Nadel- oder Wasser-Orakeln überging, sank meine Aufmerksamkeit, und tiefer noch, als er beschrieb wie er das Fluidum, welches aus dem Buch eindeutig hervorging, zu fotografieren versuchte. Es folgte ein endloses Referat, von Skizzen begleitet, über die zahlreichen und erstaunlichen Experimente, welche er nach Dr. Baraduc vollbracht hatte.

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hugo_07 emanationFluidische Emanationen, erzeugt von Victor Hugos Le Rhin, nachdem das Buch 15 Minuten lang in Dunkelheit vor eine voreingestellte Kamera plaziert wurde.

(Fortsetzung folgt)

***

(5) In: L’étonnant Serge Gainsbourg, 1961.
(6) V. Hugo, Oeuvres, Ed. Nat., Émile Testard éditeur (Paris, 1885-1895)
(7) “Die menschliche Seele ist tiefgründiger als die Ungläubigen und Gläubigen es sich vorstellen.” J. Bois, Le miracle moderne (Paris, 1907)

Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo

Es sind die schweren letzten Tage des Winters, die uns melancholisch stimmen, in denen die stetig wachsende Zahl unserer Toten im Bewußtsein rumort und wir uns fragen, wo die eine oder der andere Weggefährtin/Weggefährte abgeblieben sein mag. Mit den Februarblumen, die nichts als den März im Sinn haben, brechen zugleich die Pioniere des Frühlings aus der Erde, entstehen über Nacht verletzliche Krokuskolonien in den Parks, entlang grauer Hauptstraßen prozessieren bündelweise Osterglocken und künden Jesu Passion, die Bäume bilden baumelnde Primeln, ein fragiler Aufbruch, in den hinein datenstarke Post von Marcel Crépon uns erreicht, der zuletzt im elsässischen Rhinau für rheinsein auf Spurensuche sich begeben hatte, dann undercover ging, und nun mitten aus Paris sich mit erstaunlichen Erkenntnissen zurückmeldet, die wir in fünf Teilen voller Wunder und gelüfteter Geheimnisse präsentieren dürfen:

Liebes rheinsein,

“… mein Arm war sozusagen gelähmt, und mein Wille ohnmächtig, weder ihn, noch meine Hand oder einen Finger zu bewegen; dann bekam ich den Eindruck, jemand würde meinen Arm in Bewegung setzen, und gleich mit welcher Geschwindigkeit er agierte, konnte ich ihn daran nicht hindern. [...] Da diese Bewegungen denen des Schreibens ähnelten, holte meine Frau Papier und Stift [...], dann beruhigte sich meine Hand und zu unserem Erstaunen fing sie mit Schreibübungen an [...], erst waren es Striche, dann Pfosten… usw.” So in etwa schilderte einer Ihrer Landsleute (1) seine erste Erfahrung mit seiner Mediumnität, so beschrieb Mr. Prason fast mit den gleichen Worten seine Begegnung mit dem Rhein Hugos. Wie ich Mr. Prason traf, und was dann geschah, erzähle ich Ihnen nun.

Es fing beim “Ägypter” an, ein Buchantiquariat mitten in einer Betonwüste. Die Kundschaft ließe sich als “äußerst zurückhaltend” bezeichen. Wie konnte der “Ägypter” da überleben? Wie kam er, bzw. wie kamen die Einwohner auf seinen Spitznamen? Mit Edmund Purdom hatte er kaum Ähnlichkeit, eher sah er wie Georges Moustaki aus, vielleicht deshalb? Vielleicht waren es die Bücher, die die Wände tapezierten und dem Laden das Aussehen einen Grabkammer verliehen? Lange dachte ich, die Leute würden Regale mit Büchern füllen, um ihre Wohnzimmer zu isolieren, doch stellte ich beim “Ägypter” fest, daß dies nicht immer der Fall ist. Die kalorische Eigenschaft der Meisterwerke glich Null, es herrschte dort Winter wie Sommer eisige Kälte. Ein zweites Zimmer gab es im Keller, MILP (2) genannt. Dort stapelte sich in Kartons, Kisten, auf verstaubten Regalen ein Durcheinander an Gedrucktem. Das Chaos vor dem Chaos nach dem Chaos. Bloße, zusammengebundene geistige Papiertücher, wie der “Ägypter” giftete: kaum gelesen, schon weggeworfen und vergessen. Oder, betrachtete man das Hirn als Ausscheidungsorgan: reines, mehrlagiges, beschmiertes Klopapier. Nach Fäulnis leicht duftend verschwanden dort langsam die Früchte des Schreibens im Zeitalter seiner krebsartigen, endlosen Ausbreitung. In dieser Welt gab es nichts, worüber kein Wort verloren wurde, und nichts wurde niedergeschrieben, ohne ausgiebig schriftlich kommentiert zu werden.

hugo_01_milp

Vom gleichgültigen Blick des “Ägypters” verfolgt besuchte ich ab und an diesen Unort. In einer Ecke wußte ich einen Turm aus alten Ausgaben des JORF (3), den ich all zu gern durchblätterte, auf der Suche nach Perlen wie dieser:

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Die Zeiten in Rhinau sind mir unvergesslich geblieben, doch einen Ort, an dem ich schon einmal war, kann ich unmöglich ein zweites Mal besuchen. Ob es mit Instinkt oder mit mir unbekannten geomagnetischen Kräften zu tun hat? Auf jeden Fall ist es eine Art Fluch. Die Wahrscheinlichkeit, daß das Rheinwasser, welches in der Nordsee verschwindet, irgendwann erneut im Tomasee fließen wird, ist zweifellos höher als die Wahrscheinlichkeit, daß ich Rhinau je wiedersehen werde. Aber die gute Frau Graff, wie hätte sie der Forderung gerecht werden können? Sie hätte ja eine Zeitreise vollbringen müssen, um vor Gericht erscheinen zu können und somit zu beweisen, daß sie zwar verschwunden, doch nicht verstorben war. Vor allem hätte sie erst die Anzeige lesen müssen… Meine Entdeckung ließ den “Ägypter” unberührt. Aus einem Lautsprecher mit parkinsonschem Innenleben zitterte und vibrierte eine Stimme mit viel Pathos und genauso vielen Aussetzern: “… silence du soir, … noir, … pour l’oreille … l’âme … de cette ombre disant … les eaux, … plaines … pleines …, dès que tout se tait, tout commence à parler.” (4)

- Meine Lieblingssendung: 7 um 11, also 7 Gedichte um 11 Uhr. Was Sie gerade hören, auch das was von Parasiten gefressen wird, stammt von Hugo, Victor.
- Hätte ich nicht erkannt, habe ihn auch kaum praktiziert.
- Kann man, muß man nicht, wie eine Nachbarin sagt. Er ist aber schwer zu vermeiden.
- Ich kann es. Was Poesie angeht, komme ich ganz gut damit (ich ließ die JORF-Seiten flattern) aus, dazu eine kleine wissenschaftliche Abhandlung und dabei versuchen, das Vornehmste zu begreifen, das übrige respektvoll beiseite zu lassen und über das restliche wohlwollend zu lächeln. Zur Zeit befasse ich mich mit Alfred Wegener, denn mich interessiert die Frage, ob die Kontinentaldrift auf den Gedanken zu übertragen wäre. (Fortsetzung folgt)

***

(1) B. Cyriax, Wie ich ein Spiritualist geworden bin (Leipzig 1893). In: Gabriel Delanne, Le phénomène spirite (Paris, 1897).
(2) Mein Index librorum prohibitorum.
(3) Journal Officiel de la République Française.
(4) V. Hugo, Oeuvres complètes: Océan – Tas de pierres (Posth.)

Zaltbommel

zaltbommel_1Der brave Bursche marokkanischer Herkunft hat gerade Brot geholt bei der Bakker Bart-Filiale in Zaltbommel. Bakker Bart ist eine (aus Nijmegen stammende) Ladenkette, die mittlerweile das ganze Land überspannt. Sich dort als marokkanische Familie das Brot zu besorgen, darunter auch ein Brot typisch niederländischer Machart, kann man getrost als Anzeichen gelungener Integration bezeichnen.

Dies ist umso bedeutungsvoller in einem Ort wie Zaltbommel. So um 2010 herum gab es da jede Menge Wirbel und Besorgnis wegen einer Truppe junger Kerle marokkanischer Herkunft, die herumrandalierten und Frauen belästigten. Sie trieben es sogar so weit, dass sie den Bürgermeister bedrohten, der sich sehr negativ über sie geäußert hatte (er verkündete sogar die nie nachgewiesene Mär, die Kerle versuchten sich als sogenannte Loverboys Grundschülerinnen gegenüber). Natürlich war ihr Verhalten nicht in Ordnung, nur war die einseitige Fokussierung auf die marokkanische Komponente das auch weniger. Polizeiangaben zufolge gab es zu jener Zeit 276 kriminell auffällige Jugendliche in der Gemeinde, davon aber nur 38 marokkanischer Herkunft. Die übergroße Mehrheit entstammte also dem alteingesessenen Klientel des Bakker Bart. Solche Kerle aber galten zum verschmitzten Vergnügen ihres Umfelds vielleicht eher als bescheidene Fortsetzung der blutrünstigen Tradition des Maarten von Rossum, der ja hier geboren wurde, und auf den die Stadt immer noch stolz ist. Mittlerweile wohl auch auf die Teilnehmer der sogenannten “Vierteleltern”-Initiative, die seit einigen Jahren jeden Samstagabend ihre Runden läuft, um jeglicher kriminellen, jugendlichen Energie zuvorzukommen. Die wichtigste, von diesen Eltern gewonnene Erkenntnis: Die Jungs brauchen mehr Fußballplätze. Bemühungen in diese Richtung haben bislang offensichtlich gereicht: Es hat sich, auf angehender Schwerverbrecher-Ebene, in den letzten Jahren kaum noch etwas getan. Die Gerüchteküche brodelt, aber nie gibt es Ernsthaftes zu berichten.
Dass die Zaltbommeler Jungmarokkaner es nicht im Entferntesten so weit treiben wie die des Amsterdamer Bandenkrieges, wobei kürzlich einer sogar geköpft wurde, den Kopf dann aufgespießt bekam, kann man nur begrüßen. Aber wie wäre es mal mit einem Bürgervater, der nicht gleich schmutzige Sexualfantasien in die Welt hineinkatapultiert, auch nicht als ein wahrhafter Maarten van Rossum “Schlagt sie zusammen!” ruft, wenn es um Ladendiebe geht? Der Herr ist immer noch im Amt.

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Das könnte vielleicht mit der Verträglichkeit neuen Stils zu tun haben, die zu erleben man am Waalufer aufgerufen wird. Aber doch eher nur in dem Sinne, dass auch der Bürgermeister hin und wieder Gast sein dürfte bei “De verdraagzaamheid”, denn so heißt das in der Stadt führende Restaurant hier. Und auch die im Pflaster versenkte Aluminiumfigur vom Künstler Marcel Smink verweist nicht auf diese Affäre, sowie auch ihre Hand nicht grapscht: Sie zeigt die Höhe der neu errichteten Wasserschutzanlage an, geschmückt mit dem hier übersetzten Gedicht von Willem van Toorn:

Zwischen Stadt und Fluß möchte das Auge eine Grenze
gezogen sehen die klar andeutet wo
Schönheit in Gefahr hinüberfließen kann.
Wer aber das Maß überschreitet entnimmt dem Menschen

seine Sicht aufs Leben selber. Beim Verlassen
der Stadt durchs Tor möchte ein Bewohner Wasser
erleben, Schiffe, Deichvorlände
und über allem das Glänzen aus der straff

gespannten neuen Brücke. Keine Mauer
die den Anschein neuer Sicherheit verspricht
wird dem Auge dieses Strömen vorenthalten:
immer gleich und immer anders – der Fluß.

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Im Deichvorland hat der Junge im Pflaster noch einen Bruder, der genau dasselbe macht wie er, wobei er auf die Brücke Ausschau hält, von der im Gedicht von Van Toorn die Rede ist. Für literarische Bezüge hätte sie dieses Gedicht nicht mal gebraucht. Nicht von ungefähr wurde sie auf den, als es um Tiel ging, schon mal erwähnten Dichter Martinus Nijhoff getauft. Der nämlich schrieb in den 1930ern einen weiteren Lyrikklassiker, oder doch wenigstens eine der allerberühmtesten Anfangszeilen der niederländischen Literatur:

DIE MUTTER DIE FRAU

Ich ging nach Bommel um die Brücke zu sehen.
Ich sah die neue Brücke. Zwei Seiten gegenüber
die einst sich zu fliehen schienen
werden wieder zu Nachbarn. Gute zehn Minuten
wo ich da lag, im Grase, mein Tee getrunken
mein Kopf von der Landschaft weit und breit erfüllt–
Da wurde mir mitten aus der Unendlichkeit heraus
eine Stimme gewahr, dass mir die Ohren ertönten.

Es war eine Frau. Das Schiff, auf dem sie fuhr kam
gemächlich stromabwärts durch die Brücke gefahren.
Sie war alleine am Deck, sie stand am Ruder,

und was sie da sang, ich hörte es waren Psalmen.
Ach, dachte ich, ach, fuhr doch meine Mutter dort.
Lobe Gott sang sie. Bewahren wird Dich Seine Hand.

Die kleine alte Festungsstadt hat nebst Van Rossum und Nijhoff noch ein weiteres Wahrzeichen mit Bezug auf Sankt Martin, und das ist natürlich die Sint Maartenskerk. Ohne dessen stumpfen Turm ließe sich Zaltbommel kaum denken. Als ich klein war, war’s mir sogar, als gäbe es dort nur diesen einen Turm. Ich hatte ein Buch mit Aquarellen von niederländischen Kirchtürmen: Besonders der Zaltbommeler Turm war so dargestellt, als täte das menschliche Umfeld gar nicht zur Sache.
Das Verhältnis zwischen Religion und Gesellschaft ist auch in Zaltbommel entschieden gekippt; auch hier, in der ehemaligen Grenzfestung der protestantischen Republik der sieben vereinigen Niederlanden, ist die Kirche in den Hintergrund gerückt.

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Die evangelische Sint Maartenskerk wird heutzutage sogar für nicht-kirchliche Eheschließungen zur Miete angeboten. Nichtgläubigen wünschen sich anscheinend doch den Anschein irgendeiner Transzendenz beim großen Lebensschritt, während Kalvinisten (nach gut niederländischer Tradition) eben auch über die Runden kommen müssen.
Ortsgerecht ist es aber auch deswegen, weil es in der Welt ohne Zaltbommel vielleicht nicht mal jenes eine Buch geben würde, das wie kaum ein anderes die gesellschaftliche Rolle des Geldes und des Kapitals unter die Lupe genommen hat: Das Kapital von Karl Marx wurde teilweise hier geschrieben, und zwar im weißen Haus im Hintergrund des Bildes.

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Da war Marx öfters zu Gast bei seiner aus Nijmegen gebürtigen Tante Sophie Presburg, die mit dem ortsprominenten Tabakhändler und -fabrikanten Lion Philips verheiratet war. Dessen Sohn Frederik sowie die Enkel Gerard und Anton Philips standen später an der Wiege des Philips-Konzerns. Die lebensfreudige Gangart der jungen Dame, die zuvor zusammen mit ihrer Familie die Plakette am Haus studiert hatte, muss also nicht unbedingt zu Ehren von Karl Marx gemeint gewesen sein. Vielleicht ist sie schlichtweg Fan vom Fußballer Luuk de Jong, der ohne die ehemalige Philips-Betriebself der PSV Eindhoven vielleicht nie seine fehlgeschlagene Auslandskarriere hätte gutmachen können.
Vielleicht schafft auch der brave junge Brötchenkäufer es irgendwann dorthin.
Oder aber er fragt sich, wieso denn gerade in einem Ort, wo Marx tätig war, Marokkaner nur über den sportlichen Weg zum Einklang mit der Gesellschaft zu bewegen sein sollten, während doch ein großer Teil der hellhäutigen Gesellschaft sich kaum beeindruckt zeigt vom ständigen Fluss neuer Jungprofis marokkanischer Herkunft, die sich auf niederländischen Fußballplätzen zu behaupten versuchen. Man könnte, nur mal eine Idee, für sie ja auch eine Lese-, ja gar Schreibegruppe gründen. Das könnte auch mal, sogar noch umso nachhaltiger, dazu beitragen, dass sie sich weniger als gesellschaftlichen Müll ins Abseits gedrängt fühlen würden.

zaltbommel_6

***

Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den Waal, diesmal die Stadt Zaltbommel, ohne die es “Das Kapital” von Karl Marx vielleicht nicht gäbe.

Emmerich (3)

emmerich_rheinmuseumDas Rheinmuseum hatte während unseres Besuchs gerade Mittagspause. Ein Teil seiner Exponate läßt sich auf der Straße sowie von der Straße aus begutachten: auf den Fensterbrettern sind, von Gardinen leicht verhangen, Schiffsmodelle plaziert, ein Taucher samt Glocke ist im Inneren erkennbar sowie Stellwände, die den Eindruck machen, als seien sie von Pappe. Die Sammlung wirkt aus dieser Betrachterposition aus der Zeit gefallen, dünn und wenig motiviert. Zwar weckten insbesondere die angekündigten Fische unser Interesse, jedoch nicht in zureichendem Maß, um die Museums-Mittagspause abzuwarten.

emmerich_katjesOhne die am Niederrhein noch in Blüte stehende Mittagspause kommt der Katjes-Werksverkauf an der Emmericher Promenade aus. Ob es Zufall ist oder rheinischer Einfluß, daß mit Haribo (Bonn) und Katjes (Emmerich) die führenden Hersteller des Landes von Lakritz und Fruchtgummis ihren Stammsitz am Fluß haben, ist bisher kaum untersucht. Die Emmericher Lakritzproduktion soll ursprünglich aus der bereits bestehenden Fliegenfängerproduktion hervorgegangen sein, deren Absatz im Winter zu wünschen übrig ließ: verbindendes Element war der für beide Produkte benötigte Zuckersirup.

emmerich_klk oleo_3Der Emmericher Maschinenbaubetrieb und Kaffeestraßenpionier Probat ist bis heute Weltmarktführer für Anlagen zur Kaffeeveredelung, direkt am Rhein befindet sich die Ölfabrik KLK, in der “eine Reihe von Fettsäuren, gehärteten Fettsäuren und Glycerine durch die Spaltung pflanzlicher Öle” produziert werden. Auf der stadtabgewandten Fabrikmauer befinden sich einige Portraits (der Arbeiter?) von unbekannter Hand, die auf den von einem Trafohäuschen

emmerich_trafohäuschenrhein

verstellten, jedoch auf seine Verstellung mit wildem Strich als Tryptichon (hier Mittelteil und rechter Flügel) applizierten Fluß blicken.

Wesel im Haiku und auf Eselshaut

wesel_haiku_2Auf Stromerteilerkästen lassen sich in Wesel schlicht gehaltene Heimatbekenntnisse in Versen finden. Beachtenswert ist vor allem das Farbdesign der Kästen, das sich, ähnlich wie die bunten, zumeist auf Rollbrettern vor Läden und Bürgerhäusern plazierten Kunststoffesel in Lebensgröße, die zu Dutzenden Wesels Fußgängerzone dominieren, vom Backsteineinerlei der Fassaden abhebt.

wesel_esel mit rheinlandschaftDieses Exemplar ist auf den Sockel einer Toreinfahrt geklettert. Die Körperbemalung zeigt das in Goldtönen verklärte Weseler Rheinpanorama mit den Ruinen der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Eisenbahnbrücke (auf Xantener Seite), der Kopfweide und dem Wasserturm: ein Heimatesel par excellence: stets stolz und müde vom Repräsentieren bleibt das Tier zugleich bereit, den Passanten mit nach besten Kräften sublimierter Weseligkeit zu beschäftigen.

Emmerich (2)

emmerich_eimerichEmmerichs Name soll auf eine Villa Embrici zurückgehen. Das Stadtwappen ziert ein Eimer. Emmerichs Historiker rätseln bis heute über seine Bedeutung. Fünf Erklärungsansätze gebe es, hörten wir, doch keiner davon sei wissenschaftlich haltbar. Am ehesten wahrscheinlich sei die Erklärung, daß der Eimer es als Hochwasser-Schöpfgerät ins Stadtwappen gebracht habe, im Grunde liege die Verbindung zwischen Eimer und Stadt jedoch im Unklaren. Auf die Frage, wie die lokale Aussprache für Eimer laute, bekamen wir zur Antwort: “Emmer”.

emmerich_schlemmerichDementsprechend, lautet unser gänzlich unwissenschaftlicher Blitzgedanke, könnte Emmerich von Eimer abgeleitet sein, mithin eigentlich Eimerich bedeuten, das Ich und den Eimer als Wortbestandteile verknüpfend, die den existentiellen Kampf des Individuums mit seinem wasserfassenden Werkzeug gegen den übermächtigen Gottvater Rhein repräsentieren oder die Selbsterkenntnis, die auf dem Grund eines mit Wasser gefüllten Eimers liegen mag, der die weiten niederrheinischen Himmel und darin das Gesicht des Betrachters spiegelt. Solche Gedanken werden in Emmerich jedoch nicht gepflegt – vielleicht nicht zuletzt, weil gängige Claims der vom Tourismus profitierenden Branchen bei stärkerer Eimergewichtung in unerwünschte Richtungen kippen könnten.

emmerich_glück_hüschMit dem Wesen des Niederrheiners (“weiß nix, kann aber alles erklären”) hat sich wie kaum ein anderer der im Jahre 2005 verstorbene Kabarettist Hanns Dieter Hüsch befaßt. In Emmerich klebt sein Foto in mehreren Schaufenstern. Falls wir die Bildmotive richtig interpretieren, dürften sie bedeuten: “Hier kaufte Hüsch etwas ein” oder “Hier hat Hüsch sich die Auslage angeschaut”. Hüschs Gedicht “Glück ist ein Geschenk”, in dem Gottes Feriendomizil in der Gegend erwähnt wird, ist hingegen unmißverständlich in die Uferpromenade eingelassen.

Emmerich

emmerich_auf wiedersehenDie Landschaften des Niederrheins liegen bis gegen Mittag im Morgendunst, als wir sie mit der Regionalbahn queren. Das Großraumabteil, in dem zwischen Köln und Düsseldorf gerade noch so eben ein Sitzplatz zu ergattern war, hat sich kurz hinter Duisburg komplett geleert. An der Endstation in Emmerich sitzen drei pummelige Gestalten in der Kälte auf einer Bank und schauen sich mit schwer deutbarem Grinsen die wenigen Ankommenden an. Zwischen Bahnhof und Stadt liegt eine staubige Straße mit beachtenswertem Leerstand. Am Abzweig zum Zentrum weist dieses Schild auf einen lokalen Gastronomiebetrieb und entbietet dem Besucher einen leicht irritierenden Gruß.

Zwischen Bahnhof und Stadt befindet sich der Hafen, der zwar deutlich kleiner als der Duisburger ist, dessen Umschlag er jedoch an nicht wenigen Tagen übertreffen soll. Tatsächlich werden, als wir das Hafenbecken passieren, gerade fleißig Container verschoben.

emmerich_friendsDie Emmericher Rheinpromenade ist gesäumt von Restaurants, die auf Touristen ausgelegt sind. Der Fluß habe hier “seine breiteste Stelle in Deutschland”, wird uns stolz erklärt. Die Szenerie verweist bereits (ein wenig) auf die Nordsee, die Emmericher Rheinbrücke erinnert in Konstruktion und Farbe stark an die Golden Gate Bridge. Touristen verirren sich im März trotz solcher Attraktionen nur wenige in diese westliche Ausbeulung der Deutschlandkarte, an welcher der Rhein die Grenze zu den Niederlanden in sich aufnimmt und übertritt. Fehlende Touristen auf den Terrassen ihrer Promenade ersetzen die pragmatischen Emmericher durch Schaufensterpuppen wie dieses auf den Rhein blickende Paar.

Über dem Fluß dräuen holländische Himmel. Wildgänse streuen ihre Alfabete in den Westen, aus manchen Flugformationen entstehen bewegte Himmelsgedichte. “Touristen gefällt der Anblick. Aber fragen Sie mal die Bauern, was die von denen halten!” Die Gänse, die zu Zehntausenden am Niederrhein einfallen, vernichteten die Frühgerste. Ob die Bauern ausschließlich mit Groll auf die Vögel schauen? Der Fluch der schönsten Himmelserhabenheit jedenfalls lautet bei Emmerich, auf profanem Fraß zu fußen.

Duisburg-Ruhrort (2)

ruhrort_alienRuhrort, eine Art Insel zwischen den Hafenbecken, verbindet dörfliche Elemente mit denen eines heruntergekommenen, sich gerade wieder berappelnden urbanen Kiezes. Reichlich Leerstand trifft auf skurrile Schaufenstergestaltungen, Büdchen weisen halbleere Regale auf, über denen diverse Schnapsflaschen thronen. Ein Alien assimiliert, ein wenig unbeholfen, ein typisches Ruhrgebiets-Bild: den Arbeiter, der die Sinnlichkeit des Produktionshelferstandes symbolisiert, indem er mit einer Pulle Bier im Wohnzimmerfenster lehnt und auf die Straße schaut.

ruhrort_schimanskiBis heute ist Tatort-Kommissar Horst Schimanski das Gesicht, das mit Ruhrort verbunden wird. Auf einem Spucki wirbt er für solidarisches Miteinander, während aus verhangenen Fenstern lautstarkes Geschimpfe gegen Türken, die “nicht hierher” gehörten, auf die Straße dringt. Dieweil Schimanski seine Currywurst gerne teilt, behauptet das amerikanische Celebrity Blog Gawker, es sei gerade die ungenießbare Currywurst (“ein fürchterliches Gericht, so abstoßend, daß nichtmal Tiere damit gefüttert werden sollten”), welche viele Flüchtlinge zurück in die Kriegsgebiete treibe: “Death before Currywurst!”

ruhrort_lichtinstallationAm Tausendfensterhaus (eigentlich Haus Ruhrort) wird, sobald es dunkelt, die Lichtinstallation “Resonanzraum” von Sigrid Sandmann gezeigt. Sie besteht aus zu Schrift/sätzen gefügten Erinnerungen an das alte Ruhrort, persönliche Geschichten und Vorstellungen der Anwohner, die mit Schlagworten zur Entwicklung des Ortes verschnitten und teilweise in Wellenlinien auf die Fassade projiziert werden: ein Teil der Duisburger Akzente, bei denen wir mit Rhein-Meditation zu Gast waren.

Duisburg-Ruhrort

ruhrort_matroseAm Hafeneingang posiert ein Matrose, die Pullifarben korrespondieren mit denen der Pöller, der Pfeifenrauch mit dem der Industrieschornsteine. Seit die Rheinschifffahrtslogistik in den 80ern effizienter gestaltet wurde, schwanden die Übernachtungszahlen in Ruhrort, von mehr als hundert Hafenpinten sind heute ungefähr zehn übriggeblieben, die, wie wir hören, zu kämpfen haben.

ruhrort_karl lehr brückeDer Brückenbogen der Karl-Lehr-Brücke über die Ruhr von Kasslerfeld nach Ruhrort stammt von der 1945 zerstörten Kölner Hohenzollernbrücke. 2018 soll die Brücke saniert werden, der unter seinem pinkblauen Anstrich schrottreife Bogen verschwinden.

ruhrort_hafen25000 Menschen kommen und gehen täglich in den Betrieben des größten Binnenhafens Europas. Beim Überqueren der Hafenbecken erwischt uns eine seeische Schneeregenfront. Humorlose Zugwinde patrouillieren und scheuchen uns überall, wo wir fotografieren wollen, schnell vom Fleck.

ruhrort_hafenDaß der Hafen seinen 300sten Geburtstag feiert, ist ihm an diesem Tag definitiv nicht anzumerken. Die Duisburger Tristesse, die am Hauptbahnhof beginnt, sich über die Einkaufsmeile Königstraße erstreckt und auf der Ruhrorter Straße fortsetzt, deren ersten (und neben Brückenbogenanstrich und Containermosaiken einzigen) Farbtupfer der in grellem Gelb gerahmte Goldene Hähnchen-Grill abgibt, packt den Fremden in Hafenarbeiter-Manier: Entrinnen schwierig.

Kölner Dialog

“Köln’ü ilk ziyaret ettiğimde, bu son derece özel, özgürlükçü, harikulade kültür-sanat merkezindeki muazzam enerjinin dünyaca ünlü o görkemli katedralle, nehir aransındaki gerilimden kaynaklandığı gibi bir hisse kapılmıştım. “Ben varım,” diyordu Köln Katedrali. Ren Nehri yanıtlıyordu: “Şimdilik.”"

“Bei meinem Besuch in Köln befiel mich das Gefühl, dass die ungeheure Energie in diesem einmaligen Zentrum der Kunst und Kultur der Spannung zwischen dem weltberühmten prächtigen Dom und dem Fluss entspringt. “Hier bin ich”, verkündete der Kölner Dom. “Vorläufig”, erwiderte der Rhein.”

(Alper Canıgüz in seinem Vorwort zu Gerrit Wustmanns Gedichtband İstanblues, der Canıgüz zufolge aus rheinisch-bosporidischen Diskrepanzen und Überlagerungen sich nährt und soeben als zweisprachige Ausgabe bei Foo Prodüksiyon in Istanbul erschienen ist. Eine ausführliche Besprechung des Buchs läßt sich hier nachlesen.)

Frühe Rheinbeschreibung von Pomponius Mela

“Rhenus, ab Alpibus decidens, prope a capite duos lacus efficit, Venetum et Acronium: mox, diu solidus, et certo alveo lapsus, haud procul a mari huc et illuc dispergitur; sed, ad sinistram, amnis etiam tum, et donec effluat, Rhenus; ad dextram, primo angustus et sui similis, post, ripis longe ac lace recedentibus, iam non amnis, sed ingens lacus, ubi campos implevit, Flevo dicitur; eiusdem nominis insulam amplexus, fit iterum arctior, iterumque fluvius emittitur.”

(Pomponius Mela, De chorographia libri tres)