Monatsarchiv für Januar 2016

 
 

Presserückschau (Januar 2016)

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Das hinterste Eck Deutschlands verortet die Welt am Rhein anbetrachts eines Aufsehen erregenden Sexualdelikts: “”Ein Center zum Verlieben” – mit diesem Slogan wirbt das Rhein Center im Stadtteil Friedlingen von Weil am Rhein. Das ockergelbe Shoppingparadies schmiegt sich direkt an die Schweizer Grenze, im Westen, auf der anderen Rheinseite, beginnt dann auch gleich schon Frankreich. Es ist eine abgeschiedene Hafen- und Handelsgegend, mit viel Logistikfirmen und Industrie. 88 Prozent der Einwohner in dem sozial schwachen Stadtteil haben Migrationshintergrund, schon lange klagt Friedlingen über Probleme mit Kriminalität und Verwahrlosung. In diesem hintersten Eck von Deutschland gibt es vor allem für junge Leute nicht viel zu tun und zu erleben. Ein McDonald’s, ein kleiner Park, ein Sportplatz, ein kleines Kulturzentrum, das war’s.”

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Vage vom Fischfang inspiriert erscheint ein Bericht des Leverkusener Anzeigers über den Fund einer Rheinleiche: “Ein Angler hat (…) am Wiesdorfer Rheinufer eine Wasserleiche gefunden. Etwa bei Kilometer 702, nahe der Schiffsbrücke Wuppermündung, hatte der Mann in Ufernähe in etwa gummistiefel-tiefem Wasser einen leblosen Körper bemerkt und die Polizei alarmiert. Der Einsatzleiter der Feuerwehr sagte, der Angler habe den dümpelnden Körper im Auge behalten und den Notruf gewählt. Er soll später selbst beim Bergen des Toten geholfen haben. Die Leiche zog man an einer Buhne aus dem Strom. Der Einsatzleiter sagte, es handele sich wahrscheinlich um einen Mann, nicht mehr ganz jung, und dass es ihm schien, dass der Körper nicht nur kurze Zeit im Wasser gelegen habe.” Bei der Leiche handelte es sich schließlich um eine seit Tagen als vermißt geltende ältere Frau aus dem Ruhrgebiet.

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Rheinfluchten: zwei Kriminaltouristen aus Frankreich, schreibt die Aargauer Zeitung, haben sich in Basel auf eine halsbrecherische Flucht vor der Polizei begeben: “Sie rasten durch Quartierstrassen und missachteten ein Rotlicht. Die Polizei verzichtete auf eine Verfolgung, um nicht noch mehr andere Autos zu gefährden (…). Auch durch eine Sperre an der Grenze zu Deutschland liessen sich die beiden nicht aufhalten. Die Barriere, die Grenzwächter beim Zollamt Grenzach-Wyhlen aufstellten, durchbrachen sie und setzten ihre Flucht in Rheinfelden auf deutscher Seite mit stark übersetzter Geschwindigkeit weiter (…). Als sie in Warmbach in einer 30er-Zone ein deutsches Polizeiauto erblickten und bremsen wollten, verlor der Lenker aber die Kontrolle über sein Auto. Es kam zum Zusammenstoss mit zwei parkierten Autos und einem Gebäude. Ein letzter Versuch zu entkommen, unternahmen die Männer zu Fuss. Einer der beiden sprang gar in den kalten Rhein.” Parallel dazu sprang auch in Köln ein Mann auf der Flucht in den Fluß, wie der WDR berichtet: “In Köln ist (…) ein Mann nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei in den Rhein gesprungen. Der 28-Jährige hatte im Stadtteil Deutz versucht, ein Haus in Brand zu stecken. Ein Augenzeuge hatte die Polizei gerufen. Daraufhin war der Mann zu Fuß vor den Beamten zum Rhein geflohen und dort ins Wasser gesprungen. Die Besatzung eines Feuerwehrbootes fischte ihn aus dem Rhein.”

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Am Tag vor Silvester war ein Spaziergänger nahe der Neckarmündung auf große Blutlachen gestoßen. Die Frankfurter Rundschau berichtet, daß es sich dabei um Hinterlassenschaften eines Gewaltverbrechens handelte: “Vier Wochen nach dem Fund von Blut am Neckarufer in Mannheim hat die Polizei am Sonntag in Südhessen eine tote Frau aus dem Rhein geborgen. Eine Untersuchung habe die genetische Übereinstimmung ergeben, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwoch in Mannheim mit. Die 31 Jahre alte Frau aus Mannheim sei Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. Das ergebe sich aus dem Verletzungsmuster. Das Polizeipräsidium habe eine Sonderkommission mit 40 Beamten unter dem Namen “Basalt” gebildet.”

5
Dem Plastikanteil des Rheins wenden sich immer mehr Studien zu, die Auswirkungen der zunehmenden Plastikbelastung stehen unter Beobachtung: “Im Rhein bei Düsseldorf schwimmt jede Menge Plastik in kleinster Form. Wissenschaftler haben dort eine hohe Anzahl an Mikropartikeln gemessen. Das sind Teilchen, die bis zu fünf Millimeter im Durchmesser groß sind. (…) In Düsseldorf-Flehe wurde eine Konzentration von rund vier Partikeln pro Kubikmeter Wasser gemessen. In Bad Honnef liegen die Werte noch unter einem Partikel, an der Ruhrmündung bei Duisburg bereits bei über 160. (…) Die derzeitige Untersuchung lässt hingegen offen, wie gefährlich die Plastikpartikelchen für die Gesundheit von Mensch und Tier sind. (…) Im Rhein finden sich in vielfacher Zahl natürliche Partikel ähnlicher Größe, die von dort lebenden Tieren verschluckt werden. (…) Strategien zur Reinigung sind bislang Fehlanzeige: Die Klärwerke können die Konzentration der Teilchen im Fluss nicht verringern. (…) Am hilfreichsten sei es, Plastik wo es geht im Vorfeld zu vermeiden.” (Westdeutsche Zeitung)

Der zugefrorene Rhein Ende der Zwanziger

Daß der Rhein zufriert, ist aufgrund des Klimawandels und die Wassertemperatur erhöhender Industrieeinleitungen auf mittlere Sicht kaum vorstellbar. Historische Berichte über zugefrorene Rheinabschnitte reichen mehrere hundert Jahre zurück. Bald 90 Jahre alt sind die Fotos, die den zugefrorenen Fluß vor den Kulissen des Mittelrheintals zeigen. Sie stammen aus der Sammlung von Friedrich Paff, der sie auch mit Anmerkungen versehen hat.

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Un fleuve devrait naître en public

„Que serait la terre sans les fleuves ? Les ponts fluviaux même les plus beaux perdraient les trois quarts de leur charme. On ne saurait plus au-dessus de quoi les bâtir. Louis XIV, au moment de passer le Rhin, se trouverait en face d’un terrain vague. Où se videraient les égouts de Paris ? Ou se suiciderait le comptable infidèle ? Le manque d’eau douce multiplierait les ravages de l’alcoolisme. On ne pourrait plus espérer revoir, comme au bon temps de 1910, le facteur distribuer le courrier en périssoire dans les boîtes de la rue Jacob.
On voit par là l’importance des fleuves. Ils vont tous se jeter dans la mer. C’est pourquoi ils naissent en montagne ; pour n’avoir pas de pente à remonter. On trouve, par exemple, en Haute-Loire, une dizaine de « vraies sources de la Loire ». Une petite fille fut refusée au Puy à son certificat d’études pour avoir dit que la Loire naissait « chez son papa ». C’était pourtant la vérité. La Loire sort dans ce pays d’un robinet d’étable. Il y a là une grosse imprudence de la part du gouvernement. Il suffirait que le propriétaire eut à se venger d’un batelier, disons d’Orléans pour qu’il ferme ce robinet. Voilà un fleuve à sec, le plus important de France. Les bateaux s’échouent dans les sables ; l’eau manque sur l’évier de la cuisine. Les femmes pleurent, les hommes sont aigris. Le gouvernement ne devrait jamais permettre aux fleuves de prendre naissance chez des particuliers. Un fleuve devrait naître en public.
La Seine est un fleuve historique. Et la Providence a voulu qu’elle arrose notre capitale. Si bien que le fleuve le plus célèbre de la France passe par sa plus illustre ville (c’est ce qu’on appelle le miracle français). Elle y coule entre deux remparts de vieilles pierres, de vieux livres et de jeunes peupliers, irisées de tâches de mazout sur lesquelles flotte une épluchure de mandarine.
Sous les ponts, les clochards, à plat ventre, rampent lentement, le bras tendu, vers un litre de rouge. L’eau sent le comptable suicidé.
Le soleil brille.
Et c’est ainsi qu’Allah est grand.“

(Alexandre Viallate, Chroniques de la Montagne 1962-1971)

Köln in Köln (12)

Über die Publikumsfront des Empfangstresens eines Hotels am Mediapark läuft dieses Kölnpanorama in Endlosschlaufe. Langsam wandert der Dom (aus Betrachtersicht) von rechts nach links, umrundet die Rezeption (besser: schlüpft um ihre Ecken) und kommt erneut zum Vorschein: innerhalb ihrer selbst dreht die Stadt gemächlich ihre Runden, die Fließrichtung des Rheins wird eingehalten; der Wanderdom scheint stet Richtung Düsseldorf zu driften und bleibt Köln dennoch auf wundersame, beinahe mystische Weise erhalten.

Rhine Creek

“Rhine Creek is a stream in Preston County, West Virginia, in the United States. Rhine Creek was named after the Rhine river, in Europe.” (Wikipedia)

Zur Namensentstehung des nach dem Rhein benannten Flusses in Amerika (ein zweiter Rhine Creek existiert im US-Staat Minnesota) gibt ein Artikel im Toledo Blade vom 22. April 1971 Auskunft:

“Many streams in West Virginia (…) still carry descriptive titles of the colorful Indian language, Monongahela was known to the Delawareans as the “river of falling banks”. Pocatalico was the “river of fat doe.” Ohio means “river of many whitecaps,” and the Great Kanawha pays tribute not to the river but to the once-great tribe of Canoys.
“Lots of towns, of course, got their names from ethnic backgrounds of various settlers – Little Italy, Ireland, Polandale, Welsh Glade, and Germany Valley. But other towns got their names from environmental conditions that existed in those days. Because of the settlers’ dependence on root and herb medicines, there are towns called Ramp, Spice, Sang, and Seng Runs.
“Where things got pretty wild, the hardy folks named their hamlets Panther Fork, Copperhead Branch, and Wild Cat Knob. Where things were more civilized towns sprang up called Pigeonroost, Cow Creek, Bull Run, Goose Lick, and Turkey Wallow Branch.
“The ladies, no doubt, were responsible for the dubbing of settlements such as Cupboard Run, Kitchen Creek, Kettle Run, Pot Branch, Skillet Run, Tub Run, Tearcoat Hill, Mitten Ridge, Scissorsville Branch, Wash Hill Fork, and Suds Run.
“Along with Peddler Run and Gunbarrel Hollow, you find foods immortalized as in Apple Pie Ridge, Potato Hole Knob, and Pickles Fork. (From which the modern pickle fork no doubt was named!)
“Religion and moral character also played a role in the naming of towns, and West Virginia abounds with such places as Canaan Valley, Eden, Herods Creek, Pharao Run, Pisgah, Job Knob, Moses Creek, Christmas Ridge, Paradise, Purgatory Knob, Devil’s Tollgate, and Hell for Certain.
“Then there are more chilling towns like Desolate Branch, Shades of Death Creek, and Troublesome Valley. You also will find some very descriptive names such as Ugly Creek, Hardscrabble, Stinking Creek, and Hateful Run. (…)
“Proof that the pioneers were aware of literature lies in the naming of towns like Avoca, from Moore’s “Irish melodies,” and Ravenswood, from Sir Walter Scott. And, of course, names like Caesar Mountain, Socrates Mountain, Eureka Island, Polemic Run, and Styx River. There also are Congo, Nile, and Rhine rivers, showing that somebody, at least, had a geography book. (…)

Im zarten Schleier des Frühnebels: Hitlers Rheinbetrachtung

“Und so kam endlich der Tag, an dem wir München verließen, um anzutreten zur Erfüllung unserer Pflicht. Zum ersten Male sah ich so den Rhein, als wir an seinen stillen Wellen entlang dem Westen entgegenfuhren, um ihn, den deutschen Strom der Ströme, zu schirmen vor der Habgier des alten Feindes. Als durch den zarten Schleier des Frühnebels die milden Strahlen der ersten Sonne das Niederwalddenkmal auf uns herabschimmern ließen, da brauste aus dem endlos langen Transportzuge die alte Wacht am Rhein in den Morgenhimmel hinaus, und mir wollte die Brust zu enge werden.”

(aus Adolf Hitler: Mein Kampf, 855. Auflage 1943)

Der Rhein wird landschaftlich überschätzt

“Gar keine Wohngegend. Ne Zellstofffabrik und Raffinerien. Mehr gibts doch hier nich, oder?”
“Nein.”
“Und als Ausflugsgebiet: Sieht hier ja auch nicht gerade so aus, als wär das die schönste Rheinecke.”
“Der Rhein wird landschaftlich überschätzt. So schön ist der nirgendwo, soweit ich ihn kenne.”

(Dialog aus dem Tatort “Tödliche Wanzen” von 1974, der überwiegend an Karlsruher Schauplätzen spielt, darunter der Rheinhafen, Maxau und das Kernforschungszentrum.)

Tiel und der Tod

Vor dem Zweiten Weltkrieg besaβ Tiel eine blühende jüdische Gemeinde; in Tiel leben jetzt keine Juden mehr. Nicht, wie man meinen dürfte, weil die Gemeinde vollends von den Nazis ausgelöscht wurde: Siebzig Prozent der Tieler Juden überlebten den Schrecken sogar, bei einem landesweiten Prozentsatz von siebenundzwanzig. Diese günstige Zahl ist dem Polizeikommandanten J.S. de Jong zu verdanken, von dem die Gemeinde 1943 rechtzeitig gewarnt wurde, es stünde eine Razzia bevor. So blieb für die meisten genügend Zeit, sich Untertauchadressen zu besorgen, aber in Tiel wollte das nicht klappen: Die nichtjüdische Bevölkerung stellte sich dem bitter und geschlossen entgegen. Beladen mit solcher Erinnerung, kehrte nach dem Kriege keiner der Überlebenden in die Stadt zurück: So verlöschte nachträglich eine jüdische Gemeinde, die im 19. Jahrhundert zu den gröβten der Provinz Gelderland gezählt hatte.
Die jener Zeit auch entstammende, ehemalige Synagoge, etwas abseits von der Straβe, beherbergt jetzt eine Moschee.

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Als 1996 neben dem Eingangstor des Geländes das Holocaustmahnmal der Künstler Johan Goedhart und Willem den Ouden errichtet wurde, trat das beladene, ehemalige Verhältnis zwischen örtlichen Nichtjuden und Juden wieder ans Tageslicht. Aus den wie Tränen wirkenden Tropfen, so war vorgesehen, sollten ganz leise sämtliche Namen der Tieler Holocaustopfer ertönen. Die Tochter eines Synagoge-Vorsängers verweigerte aber der Stadt das Recht die Namen ihres Vaters und ihrer Schwester erklingen zu lassen: In Tiel hatte der Familie damals niemand Unterschlupf bieten wollen.
Damit nicht genug. Wie sich erraten lässt, wurde mein Bild in der Adventszeit aufgenommen: die gegenüberliegende Restaurantterrasse ist in vollweihnachtlicher Stimmung. Ihr Eigentümer zählt zu denjenigen, die in den letzten zehn Jahren mehrmals Beschwerden gegen das leise Ertönen der Opfer einreichten (anders übrigens als die Moschee). Schließlich geht das Alltagsleben dort vonstatten, vergnügen sich Leute, betrinken sich, sitzen abends oben auf der Balkonen, was soll da das geheimnisvolle Flüstern solcher Toten, die hier eh nicht erwünscht waren (aber nein, so hat das keiner gesagt, versteht sich). Letztendlich wurde entschlossen, dass die jüdischen Toten nur während der Bürostunden auf sich aufmerksam lassen machen durften. Ich, selber noch vor 17 Uhr da, habe nichts gehört. Früher Büroschluss wohl.

Man braucht nicht allzu lange darüber nachzudenken, was denn Menno ter Braak von der Tieler Bürgerschaft gehalten hätte, hätte er mitbekommen können, was nach seinem Tode vor sich gehen würde in der ach so liberalen Stadt, in der erstmals zu sich fand. Glücklicherweise für ihn nahm er sich das Leben nicht dort, sondern in Den Haag: Seine Grabstätte ist in Tiel also ohnehin nicht aufzufinden. Immerhin gibt es aber diese eine Reminiszenz, dass eine Frau Te Brake bestattet liegt auf dem alten Friedhof mit dem bemerkenswerten Namen “Ter navolging”, heiβt: “Zur Nachfolge”. Der sollte aber nicht als Aufruf zu einem baldigen Tode missverstanden werden, auch wenn vielleicht der Motorradfahrer, der sein Spielzeug aufs Aschestreufeld ausblicken lässt, sich da andere Vorstellungen macht.

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Der Name deutet auf etwas ganz anderes hin. Der Ort ist einer der ersten niederländischen nicht-jüdischen Friedhöfe, die auβerhalb der Stadtgrenze eingerichtet wurden, in diesem Fall 1786. Gründer J.D. van Leeuwen, örtlicher Jurist, war Sprachrohr einer landesweiten Bewegung, die sich ernstlich sorgte um die verheerenden hygienischen Auswirkungen innerstädtischer Friedhöfe: Der Name bezeugt somit die Hoffnung, daß sämtliche niederländischen Kommunen diesem Beispiel Folge leisten würden. So besagt auch der sich überm Eingangstor wölbende Zweizeiler:

De menschenliefde door ´t gezond verstand verlicht
Heeft deez begraafplaats tot een voorbeeld hier gesticht

Die Menschenliebe, vom gesunden Menschenverstand verklärt
Hat diesen Friedhof zu einem Leitbild hier gegründet

Mittlerweile ist die recht romantisch wirkende Ansammlung verwitterter und eingesackter Grabstädte wieder fest von der Stadt umschlungen worden, was wohl dazu beigetragen hat, dass seit den 1980ern kaum noch bestattet werden darf. Als ich da war, fand ich ein einziges frisches und von Blumen überladenes Grab vor, in dem ein junges Hockeytalent aus bester Familie beigesetzt war, das im zarten Alter von achtzehn Jahren einer Krebserkrankung erlegen war.
Wünschen darf man ihm, er habe Zuflucht gefunden zwischen den Bewohnern der Bienenkästen in einer entfernteren Ecke des Friedhofs.

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Die stehen da, als wären sie ein bewusster Verweis aufs klassische Gedicht von Martinus Nijhoff (1894-1953; von seinem Bezug auf den Waal wird später noch die Rede sein), “Het lied der dwaze bijen” (“Das Lied der törichten Bienen”). In diesem sehr streng organisierten Gedicht bewegt “ein Duft höheren Honigs” die Bienen dazu, das eigene sichere Heim hinter sich zu lassen und von ihrer transzendentalen Sehnsucht schicksalhaft immer weiter vorangetrieben zu werden, um dann, einmal gestorben, als Schneeflocken wieder auf Erden zurückzukehren. Man strebt und hinterlässt, hoffentlich, nahrhafte Spuren, noch nach dem Tode.

Ein zugespitzter Wettkampf zwischen Leben und Tod ertönt einmal die Woche in einem Tieler Proberaum. Mit einer ungeheuren, scharf stilisierten und geballten Energie bewegt sich seit elf Jahren die sechsköpfige Deathmetalband Nymeria in die tiefsten Schluchten des Todes hinein, unter Anführung des Textdichters und Sängers Marnix van Malsen, der noch im Proberaum eine charismatische Präsenz aufzeigt, und dessen Texte von der Band als “finstere Märchen” bezeichnet werden.

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Bislang wurden zwei Alben in Eigenvertrieb aufgelegt, ein drittes für eine Plattenfirma steht in Kürze an; nach einer langen Zeit von Entwicklung und Ausdauer, bei einer wachsenden Fangemeinde, erhofft man sich einen internationalen Durchbruch. Von der niederländischen, auf Einsparungen bedachten Kulturpolitik der letzten Jahren hat man sich nicht zermalmen lassen: Auch wenn für Jugendzentren und Musikbühnen überhaupt immer weniger Geld vorhanden ist, hat man trotzig weitergemacht, von eigenem Können überzeugt. Da ist was dran: Im Proberaum fiel mir nebst guter Stimmung und Spielfreude die handwerkliche Ernsthaftigkeit, ja Emsigkeit, auf, von denen die klangliche Wucht – sowohl stark rhythmisiert wie auch melodisch – geprägt war. Von Malsen legt dabei ein urwüchsiges Grunting auf, das durch strenges Trainieren nach mongolischen Grundsätzen (“viele meinen, man braucht nur blindlings zu grölen, aber da zerstört man die Stimme”) in schroffem Gegensatz zu seiner gepflegten Gesprächsstimme steht. Die Groβmutter der Freundin sei erschüttert gewesen, als sie zum ersten Mal hörte, welcher Art Musik der im Alltag so liebenswürdige Mensch machte. Da sieht man: Kunstvolle Hingabe an die eigene Todesangst macht einen noch nicht zum Schlägertypen.
Im Netz hatte ich noch gelesen, die Band hätte sich von der Metallindustrievergangenheit der Stadt inspirieren lassen. Dies wurde klar verneint: Tiel sei einfach die Stadt, in der zwei der Bandmitglieder wohnen und wo man einen guten Proberaum hat.

Metallisch zum jenseitigen Ufer hinüberfahren – im Dunkeln sowie bei Tageslicht – geht in Tiel aber auch ganz materiell, und sogar ohne Musik: alle zwanzig Minuten überquert die Personenfähre nach Wamel den Fluβ – also nicht den Styx, sondern schlicht und ergreifend den Waal.

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(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: hier erneut die Kleinstadt Tiel. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Rheinschleim

“Im Rheinthale findet sich zum Theil ein ziemlich schweres lehmigtes Erdreich, zum Theil aber auch, und namentlich auf den ehemaligen Riedflächen, eine schwarze leichte Torferde, die in der Nähe des Rheins mit einem leichten mergelartigen sehr fruchtbaren Schleim vermischt ist. – Auf diese Art kann der Rhein öfters, wenn er stark anschwillt oder austritt, eher nützlich als schädlich werden, indem der von ihm zurückgelassene Schleim anstatt des Düngers dient; auch legt er in Zeit von ein paar Monaten Boden an, wo vorher keiner war, nimmt aber auch wieder anderen weg, der vorhin da war, wenn man nicht sorgfältig dammt.”

(Johann Rudolf Steinmüller: Beschreibung der schweizerischen Alpen- und Landwirthschaft. Steinerische Buchhandlung Winterthur, 1804)

Mosella

Transieram celerem nebuloso flumine Navam,
addita miratus veteri nova moenia Bingo,
aequavit Latias ubi quondam Gallia Cannas
infletaeque iacent inopes super arva catervae.
5unde iter ingrediens nemorosa per avia solum
et nulla humani spectans vestigia cultus
praetereo arentem sitientibus undique terris
Dumnissum riguasque perenni fonte Tabernas
arvaque Sauromatum nuper metata colonis:
et tandem primis Belgarum conspicor oris
Noiomagum, divi castra inclita Constantini.
purior hic campis aer Phoebusque sereno
Iumine purpureum reserat iam sudus Olympum.
nec iam, consertis per mutua vincula ramis,
quaeritur exclusum viridi caligine caelum:
sed liquidum iubar et rutilam visentibus aethram
libera perspicui non invidet aura diei.
in speciem quin me patriae cultumque nitentis
Burdigalae blando pepulerunt omnia visu,
culmina villarum pendentibus edita ripis
et virides Baccho colles et amoena fluenta
subter labentis tacito rumore Mosellae.

(aus Decimus Magnus Ausonius: Mosella)

Dampfschiff auf dem Rhein

thum_rheindampferEines der letzten Dampfschiffe auf dem Rhein. (Foto: Walter Thum)

Köln in Köln (11)

Oberwelt und Unterwelt auf einem Ensemble aus Garagentor- und Fassadenmalerei an der Krefelder Straße Ecke Balthasarstraße in Köln. Die Darstellung Kölns als Stadtsilhouette hat im öffentlichen Köln in diesen Jahren Hochkonjunktur. Über die Hälfte aller Dächer wirkt in diesem Fall von den Domspitzen inspiriert, viele Gebäude sind nur schwer zuzuordnen; der berühmten Kathedrale gegenüber präsentiert sich ochsenfroschartig-trotzig die Lanxess Arena als neuzeitlicher Circus Maximus. Die Szenen der Unterwelt liegen auf Straßenniveau, die düster-niedlichen Einfälle remixen apokalyptische Motive und gehen nahtlos in den grau-verregneten Wintertag, der sich in die Neustadt-Nord breitet, über.

Rheinleichen

Im Schnitt rund zwei Dutzend im Rhein aufgefundene Leichen pro Jahr, zwei pro Monat, entnahmen wir in den vergangenen drei Jahren den Meldungen der Presse. Weil davon auszugehen ist, daß nicht jede im Rhein gefundene Leiche es in die Presse schafft und nicht jeder Presseartikel, der eine Rheinleiche enthält, bei uns einlangt, dürfte die reale Zahl der Rheintoten höher liegen. Die Tragik hinter einigen Meldungen ist erheblich und erreicht bisweilen literarische Dimension wie die Geschichte Ali Kurts, der im Jahr 2014 beim Versuch zwei kleine Mädchen aus den Fluten zu retten vom Rhein verschluckt wurde. Während der breit angelegten Suche nach seinem Leichnam wurden zunächst zwei andere Tote aus dem Fluß geborgen. Auch Prominente spült der Rhein auf ihren letzten Weg. So den Basler Schriftsteller Jürg Federspiel von dem es in einem Nachruf hieß: ”Störrisch blieb er bis zuletzt, als sein Verschwinden im kalten Januar 2007 die ganze Stadt bewegte. Nach Wochen erst kam die Gewissheit: Federspiel hatte sich vom Rhein forttragen lassen.” Ein sprechendes Beispiel für den Blick der Gesellschaft auf ihre Schriftsteller. Für den Freitod im Rhein gibt es, wie könnte es anders sein, ein literarisches Vorbild, den Bundestagsabgeordneten Felix Keetenheuve aus Wolfgang Koeppens Roman Das Treibhaus, der sich aus Verzweiflung über seine eigene Persönlichkeit ertränkt. Auch die jüngste Todesmeldung betrifft einen Prominenten, den Fußballprofi und ehemaligen Nationalspieler der Elfenbeinküste Steve Gohouri, dessen Leichnam an Silvester bei Krefeld im Rhein gefunden wurde und den bei Prominenten einsetzenden Pressereflex auslöste, Spekulationen und Gerüchte zu den Umständen ins Kraut schießen zu lassen, ein Wortgeschimmer, das für den nahtlosen Übergang des alten in das neue Jahr stehen mag.