Jahresarchiv für 2016

 
 

Presserückschau (Dezember 2016)

1
Schifferkirche
“Das weiß gestrichene Boot hat eine lange Reise hinter sich. Und wenn es sprechen könnte, hätte es viel zu erzählen: von den Neugierigen in der Halle des Nordturms des Kölner Doms, als es zwischendurch als Altar beim Gottesdienst an Fronleichnam auf der Domplatte diente, als es vor der Küste Maltas strandete, als es an der Küste Nordafrikas Menschen aufnahm, viel zu viele für das kleine Boot, als das Erzbistum das Boot kaufte und nach Europa, nach Deutschland transportierte.” (Aachener Zeitung)

“Eines der Kunstwerke in Kölns kleinster romanischer Innenstadtkirche ist eine spätgotische Marienfigur, die früher in einer Nische an der Außenfassade stand, wo sie von den Rheinschiffern gesehen und verehrt werden konnte. Nach dieser „Schiffermadonna“ wird das Gotteshaus in der Altstadt auch Schifferkirche genannt. Umso passender ist es, dass dort das Flüchtlingsboot aus Malta Platz gefunden hat, das seit dem 31. Mai im Dom gestanden hatte. (…) Für Kardinal Woelki steht das Boot nicht nur für die Not der Flüchtlinge, sondern soll darüber hinaus Anstoß dazu geben, über die Auswirkungen der Globalisierung und soziale Gerechtigkeit nachzudenken.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

2
Neue Rheinbrücke
“Der Vorderrhein ist um ein Bauwerk reicher. Zwischen Schluein und Castrisch ist (…) eine neue Brücke für den Langsamverkehr eröffnet worden. (…) Mit dem Brückensteg wird zwischen Ilanz und Reichenau bereits die fünfte Langsamverkehrs-Überquerung des Vorderrheins realisiert. (…) Bei der Brücke handle es sich um eine knapp 100 Meter lange und zwei Meter breite Schrägseilbrücke, deren Pylone leicht nach vorne geneigt seien (…). Es wurden unter anderem 95 Tonnen Stahl und 130 Kubikmeter Beton verwendet. (…) Die Brücke wurde heute zwar bereits dem Langsamverkehr übergeben, die letzten Arbeiten werden aber im Verlauf des Frühlings 2017 fertiggestellt. So auch der Rückbau der alten Rohrbrücke. Die offizielle Einweihung ist dann für Mai 2017 geplant.” (Südostschweiz)

3
Störmanöver
“Naturschützer hoffen bei Stören als einzige noch nicht in den Rhein zurückgekehrte Fischart langfristig auch hier auf Erfolge. Der «Nationale Störaktionsplan für Deutschland» nimmt zwar wegen günstigerer Voraussetzungen dafür erst die Elbe in den Blick, wie die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) mitteilte. Bei einem dortigen Erfolg solle aber in fernerer Zukunft auch im Rhein flussabwärts von Koblenz eine Wiederansiedlung dieser Fische versucht werden. In den Niederlanden gibt es bereits Versuche. «Der Europäische Stör (Acipenser sturio) ist im Rheineinzugsgebiet in den 1940er/1950er Jahren ausgestorben und gehört zu den am meisten bedrohten Arten weltweit», hieß es weiter. Nach dem massiven Ausbau der Kläranlagen an der einstigen Industriekloake Rhein sind inzwischen alle traditionellen Fischarten in den Fluss zurückgekehrt – nur nicht die sensiblen urtümlichen Störe.” (Frankfurter Rundschau)

4
Sinkende Arbeitsplattformen
“Im Rhein auf der Höhe Duisburg-Rheinhausen (…) ist ein sogenanntes Stelzenponton gesunken, eine schwimmende Arbeitsplattform mit Baggervorrichtung. Aus Sicherheitsgründen durften Schiffe hier nicht aneinander vorbei fahren, nur abwechselnd konnte der Verkehr entweder rheinauf- oder rheinabwärts fließen. (…) Fünf Tage blieb die Plattform im Rhein liegen. Aus den Niederlanden musste zunächst ein schwimmender Hebebock geordert werden, denn die Unglücksstelle lag mitten in der Fahrrinne – vom Ufer aus mit Kränen nicht zu erreichen. Auch andere Faktoren wie die Strömung verkomplizierten die Bergung.” (WDR)

“Auf dem Rhein bei Koblenz-Horchheim ist eine schwimmende Arbeitsplattform untergegangen. Der 15 Meter lange Ponton war an einem Motorschiff befestigt, das Richtung Mainz fuhr. Die Plattform riss am Morgen von dem Schiff ab, warum steht noch nicht fest. Nach Auskunft eines Sprechers der Wasserschutzpolizei in Koblenz lief auch Öl aus. Wie viel steht noch nicht fest. Verletzt wurde niemand. Der Ponton konnte bislang noch nicht gehoben werden.” (SWR)

5
Jetski-Nikoläuse
“Mit einer ungewöhnlichen Aktion hat (…) eine Gruppe von Jetski-Fans auf sich aufmerksam gemacht: Anlässlich von Nikolaus sind 15 Jetski-Fahrer in Nikolaus-Kostümen auf dem Rhein gefahren. „Der Sinn war einfach nur, den Kölnern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern“, sagt Benedikt Bereuter von der Truppe.” (WDR)

6
Barbarenschatz
“Er gilt als kostbares Überbleibsel aus der Römerzeit: Rund 1700 Jahre lang ruhten hunderte Metallobjekte in einem Arm des Altrheins. Küchengerät und Werkzeug, Tafelgeschirr und Waffen – Stücke aus Eisen, Bronze, Kupfer und Silber römischer Bürger, die von 1967 bis 1997 in der Nähe der heutigen Ortschaft Neupotz in Rheinland-Pfalz aus dem Wasser geborgen wurden. Nach langen Querelen um Zuständigkeit und Eigentum hat der “Barbarenschatz von Neupotz”, als der er inzwischen bekannt ist, jetzt eine Dauerbleibe im Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte bekommen. (…) Nicht zufällig wird ein Querschnitt der Funde im Bacchussaal des Neuen Museums gezeigt. Lange stand dort einsam der Xantener Knabe, eine römische Bronzestatue, die Fischer 1858 im Rhein bei Xanten entdeckt hatten.” (Berliner Morgenpost)

7
Rheintote
“Grausige Überraschung beim Spaziergang am Rhein. Um acht Uhr (…) alarmierte ein Passant den Basler Rettungsdienst: Er sah von der Kleinbasler Seite her, rund zehn Meter vom Ufer weg, eine Leiche im Wasser treiben. Kurz darauf barg die Berufsfeuerwehr gemeinsam mit der Polizei einen toten Mann aus dem Rhein. Laut des Instituts für Rechtsmedizin trieb die Leiche schon seit mehreren Tagen im Wasser.” (Blick)

“(In Speyer) wird auf einer Sandbank bei Rheinkilometer 400 eine Leiche entdeckt. Laut Polizeipräsidium Rheinpfalz hat man den Leichnam einer weiblichen Person gefunden, die nach bisherigen kriminalpolizeilichen Ermittlungen Suizid begangen hat. Die Kriminalpolizei ist mit der Spurensicherung vor Ort um Beweise zu sichern. Doch ist nicht klar, um wen es sich handelt. Auch, ob es sich um ein Gewaltverbrechen oder einen Unfall handelt, ist unklar.” (Heidelberg24)

Zwischenbilanz (8)

Volle acht Jahre wächst rheinsein nun im Netz. Seither bieten weit über 2000 Einträge reichlichen, gewissermaßen boulevard-enzyklopädischen Überblick (inklusive vieler ansonsten kaum bekannter Blickwinkel) über rheinische Fänomene und künstlerische, meist literarische Auseinandersetzungen mit dem Fluß, der im öffentlichen Bewußtsein als zentrale Ader Europas verankert liegt: eine elektronische Kulturgeschichte des von Dichtern aus der gesamten westlichen Welt besungenen Stroms, seiner Schöpfungen, Landschaften und Menschen im Blogformat.

Die Bündigkeit der Einträge korrespondiert mit dem Format und soll, gemeinsam mit der in der rechten Bildschirmhälfte organisierten, als Namensregister dienenden Stichwortwolke als Hilfe dienen, die rheinsein zugrunde liegenden oder weiterführenden Werke, Bücher, Kataloge, Filme, Musikstücke zu entdecken, die sich mit den unzähligen Themen des Rheins und seiner Regionen beschäftigen.

Besonders freut rheinsein die Beteiligung zeitgenössischer Dichter und Künstler, denn, wie es die große, derzeit in der Bundeskunsthalle stattfindende Flußschau abbildet, fokussiert die zeitgenössische Rheinbetrachtung in der Regel ungleich stärker auf die als kanonisiert abgehakte Vergangenheit, denn auf die durchaus interessante Gegenwart, in der geschichtliche Motive, in fortgeschrittene Umgebung versetzt, in Variationen auftauchen, die neue Sichtweisen auf Vergangenheit und Gegenwart zu öffnen vermögen, und in der neuartige Rheinmotive entstehen, die sich bisher weitgehend unterhalb des institutionellen Wahrnehmungsradars bewegen.

rheinsein als größte zusammenhängende Sammlung kultureller Zeugnisse zum Rhein im Netz wurde von den Kuratoren der Schau ignoriert. Ein Instrument, das Primärkunst mit Hinweisen zum tieferen Eindringen in die rheinischen Kulturen in einem historisch wie geografisch wie künstlerisch überaus weit gefaßten Kontext vereint, war für die Ausstellung nicht gefragt. Als mosaikartig angelegtes Netzmuseum mit einem gewissen Kuriositätencharakter bleiben diese Seiten unter Umständen länger und schneller zugreifbar als große Schauen; rheinseins Besucher kommen mit spezialisierteren Anliegen hauptsächlich über Suchmaschinen. Die Zusammenarbeit mit Museen, die sich in Sonderschauen Rheinthemen widmen, ist bisher noch sehr überschaubar: rheinsein vermag als Museum im Museum über das Museum hinausweisen und sein umfassendes Wissen in selten gesehenen Zusammenhängen präsentieren.

Die größten Lücken des rheinsein-Mosaik sehen wir in geografischer Hinsicht vor allem in den rheinland-pfälzischen, hessischen und niederländischen Abschnitten, und was Rheinbeschreibungen anbelangt vor allem in den nichtwestlichen Weltgegenden: insbesondere Werke afrikanischer, asiatischer, ozeanischer und lateinamerikanischer Autoren sind bisher nur äußerst wenige auf rheinsein vertreten. Sollte eine umgekehrte Ethnologie existieren, die den Rhein als Strom einer exotischen Ersten Welt darstellt? Alle Darstellungslücken, soviel ist gewiß, werden niemals zu schließen sein, dafür sorgt der Fluß mit einer seiner Haupteigenschaften, der Unfaßbarkeit. Tatsächlich steht rheinsein vor einer weiteren Reduzierung der Eintragsfrequenz. Die Arbeit wird sich 2017 nicht im gewohnten Maße fortführen lassen. Das liegt vor allem an ökonomischen Zwängen. An Projekten, mit denen eine Neugestaltung des Publikationsverhaltens einher ginge, arbeitet rheinsein im Hintergrund – und wird bei Spruchreife detaillierter berichten.

Unseren Leserinnen und Lesern wünschen wir ein gesundes und glückliches neues Jahr 2017!

Itter

Ein kleiner Nebenfluß des Rheins, die in Urdenbach im Düsseldorfer Süden in den Rhein mündende Itter, von unserem Niederrhein-Korrespondenten Rainer Vogel in Fotos erkundet:

itter_stauwehrIdyllisches Stauwehr auf Höhe der Heidberger Mühle zwischen Haan und Solingen

itter_begradigtBegradigte Itterpassage

ittertal_eishockeyEishockeymatch im Ittertal

itter_klärteich_grefrathWarnschild in der Nähe des Klärteichs bei Solingen-Gräfrath

itter_staustufeStaustufe: das geklärte Wasser wird zusätzlich belüftet

Nikolaus in Annenach

Andernach, 06. Dezember 2016

Wintersonnende Eiskronenbäume,
Frostäcker und Gewächshäuser,
auf der anderen Rheinseite Leutesdorf.
Den Bahnreisenden, von Norden kommend,
grüßt der Alte Krahnen.
Der verlud 350 Jahre lang, bis 1911,
Mühlstein und Wein.

Johannesplatz heißt der Kreisverkehr
in Bahnhofsnähe, nach dem
Heiligen Johannes von Nepomuk,
dessen Statue dort
in einem gittergeschützten Unterstand
durch eine Traditionsnachbarschaft betreut wird,
die auch herbstliches Döbbekooche-Essen veranstaltet.

Nach Unterqueren der Gleise
findet sich hinter der Brücke
stadteinwärts in der Bahnhofstraße
auf einer Basaltlavaplatte eine
Wegmarke der US Army aus dem Jahre 1945:
„Montana „Butte“ 7943 mls Ohio Los Angeles 7365 mls Old Liry”

Entlang Kebabhaus, Backstuben,
Apotheke und Mobilphonshops,
lokalem Modehaus und Bücherwelten
zur alten Stadtmauer samt erhaltenen Halbrundtürmen,
an deren Innenseite sich teilweise Wohnhäuser schmiegen.

Im Garten der kurkölnischen Burgruine
auf einem Betonquader ein metallenes Modell
der Anlage plus Erläuterung in Blindenschrift,
zur Stunde achtlos mit Zigarettenkippen bestückt.

Auch das Koblenzer Tor, Teil der Stadtbefestigung,
wird von einer Nachbarschaft betreut;
eine Tafel kündet von deren Fünfhundertjährigem,
anno 2013.

Gegenüber Hindenburgwall Ecke Konrad-Adenauer-Allee
am Rhein die Zollbastion Bollwerk,
ein Rundbau, in dessen Innerem
ein Denkmal an die Gefallenen
der jüngsten Weltkriege erinnert –
im Boden eingangs ein steinernes Skelett mit Sense.

Von dort fällt der Blick auf
eine Neubausiedlung stadteinwärts
(vermutlich oberhalb bekannter Hochwassergrenze)
sowie
ein Schild auf der Wiese
mit der Abbildung eines kackenden Hundes
und der Botschaft: „Ich bin unschuldig!
Herrchen / oder Frauchen/ räumt es selbstverständlich weg!!
Vernunft, Anstand und Gesetz gebieten es!“
(Tatsächlich ist das Areal haufenfrei –
mit Freundlichkeit lässt sich mehr erreichen
als durch Drohung und Verbot.)

Auf Neuwieder Seite
röhren winterliche Kettensägen
in braunkahlen Ästen,
von Oberkörpern geschwungen,
gekleidet in orange,
das mit dem anthrazitnen Funkeln des Rheins harmoniert.
Der betongestützte Hang von sinkender Nachmittagssonne beschienen.
Das Immergrün der Tannen dezent schön über nackten Laubbaumstämmen.

Kahle Baumkronen
(temperaturbedingt momentan vor allem linksrheinisch)
blickverzaubernd,
da im kühlen Schatten
eisiger Reif auf ihnen glänzt.

Ein Paar schwimmt vorbei,
Ente und Erpel.

Schiffsanlegestellen im Winterschlaf.
Die Sitzbänke an der Allee gleichwohl gepflegt,
in Höhe Flusskilometer 613.

Zug, Auto, Schiff passieren
die Andernacher Pforte,
wo sich nach Norden hin
- gegenüber rechtsrheinisch Leutesdorf –
das Flusstal aus dem
Neuwieder Becken heraus
wieder verengt.

Im Doppeltorinnenbereich des
Rheintors gurren Tauben
vielleicht zur Unterhaltung
der beiden tuffsteinernen Torwächter,
Bäckerjungen genannt.
Rheinseits weisen Hochwassermarken
über die Jahrhunderte immer wieder hohe Stände aus,
eine jüngere von 1995 –
wohl ein Grund der Entstehung der traditionellen Nachbarschaften,
wechselseitige Hilfe.
An der stadtwärtigen Innenseite des Tors
oberhalb des Durchgangs
zwei Bienenstöcke.
Durchs Tor über den Fluss blickend
das dortige Hügelpanorama,
links (nördlich) flankiert durch den weißgetünchten
Kirchturm von Leutesdorf, graubedacht,
rechts (südlich) in der Ferne Neuwied.
Drüben auf der Bundesstraße fährt ein DHL-Laster
seine charakteristischen Farben stromaufwärts.

Für den Kaltwassergeysir,
laut Infotafel eine durch CO2 ca. zweistündig bis zu 60 m hoch
schießende Fontäne auf dem Namedyer Werth,
ist es zu kalt,
selbst wenn ein Schiff nach dort führe.

Aufwärmen gelingt im
Mariendom.
Und im historischen Rathaus
vor der Glastür zum Keller
mit der Mikwe, einem mittelalterlichen
jüdischen Kultbad.
Freilich ist die Tür verschlossen,
da das Bad nur im Rahmen einer Stadtführung
betreten werden kann – was just nicht
möglich wäre, da eine Warnlampe blinkt
und hohen CO2-Gehalt signalisiert.

Das Wahrzeichen Andernachs,
der 56 m hohe Runde Turm
trägt eine trotzig-stolze Wunde,
ein Loch in der Westseite von einem
missglückten Sprengversuch französischer Truppen 1689,
dem er standhielt.
Die Narbe eindrucksvoll beschienen
durchs für heute letzte Sonnenlicht.

Schafbachstraße Ecke Am Helmwartsturm
(nach dem gleichnamigen Teil der Stadtmauer
samt nachgebildeter Wehrbrücke aus Holz)
geht’s zum Markt,
jahreszeitlich bedingt mit Adventsbuden.

Ein Nikolaus aus Fleisch und Blut
belohnt Kinder, die Weihnachtsgedichte aufsagen,
mit solchen aus Schokolade.

Eher eine Knecht-Ruprecht-Aufgabe
erfüllt ein Marktaufseher,
der Verkäufer/innen eines Straßenmagazins
mehr oder weniger höflich „Tschüsss!“
des Marktareals verweist
(woraufhin diese außerhalb der ihnen gesetzten
Grenzen umso intensiver „Chef, Chef, eine Frage…“
um Absatzkunden werben müssen).

In der Tourist Information
beantwortet eine Dame
die Frage nach
dem Geburtshaus des Dichters Charles Bukowski
einerseits mittels eines ausgehändigten Stadtplans
und andererseits, indem sie ungefragt von sich aus
zusätzlich noch Information zum Schriftsteller ausdruckt.
Sehr freundlich dies.

Es findet sich fußläufig
etwas oberhalb des Kreisverkehrs Johannesplatz
in einem Eckgebäude an der Aktienstraße 12.
Dort ist eine Gedenktafel angebracht,
unterzeichnet von der
Charles-Bukowski-Gesellschaft und der Stadt Andernach.
Das Haus beherbergt heute ein Geschäft für Karnevalsbedarf.
Just von einem aufmerksamen Mond wach beschienen.

(GrIngo Lahr streift für rheinsein durch Andernach, verpaßt den Ausbruch des Kaltwassergeysirs und findet das Geburtshaus von Charles Bukowski.)

Landscape, beefsteak

Von einer Rheinfahrtsbeschreibung, dessen Autorschaft trotz intensiver Recherchen nicht ausfindig zu machen gewesen sei, berichtet einer unserer Korrespondenten:

“Irgendwann erzählt der Text von einem Engländer, der gute zwei Wochen am Stück die Fahrt Köln-Mainz-Köln wiederholte. Der Kapitän habe angenommen, die landschaftliche Schönheit sei der Anlaß für die außergewöhnliche Beharrlichkeit des Mannes, doch bemerkte er zugleich, wie wenig der Engländer die Landschaft beachtete. Eines Tages gab der Kapitän seiner Neugier nach und fragte den Reisenden, ob der an der Gegend besonderen Gefallen finden würde, woraufhin der Engländer antwortete: so oft habe er die Landschaft bereits gesehen, daß sie ihn mittlerweile anekele. Aber die Beefsteaks, die man an Bord serviere, seien überaus schmackhaft und das gestalte den Aufenthalt an Bord angenehm. Am folgenden Tag sei der Engländer verschwunden gewesen und nie wieder an Bord erblickt worden. “Se non è vero, è ben trovato”, hat dieser Text mit einer italienischen Spruchweisheit im Original geendet, was auf einen italienischen Verfasser deuten könnte, von denen, was Rheinfahrtsbeschreibungen anbelangt, wie wir wissen, nicht allzuviele bekannte existieren.”

sic fulgent littora rheni (2)

sic fulgent_zons_claudiaRheinwiesen bei Zons, aufgenommen von Claudia

Der Rhein als Handwerker

artefakteMögliche Steinzeitfunde und prähistorische Werkzeuge aus dem Rhein, sprich: “Steinmesser, Steinbeile, Pfeilspitzen, einen versteinerten Wirbel und einen Reißzahn, einen kleinen Kiesel aus Flintstein mit Blautönen, vielleicht Kupfer in mineralischer Form”, präsentiert unser Korrespondent Rainer Vogel.

Wie sollten die Werkzeuge in den Rhein gelangt sein, oder anders gefragt: ist der Rhein selber als Werkzeugmacher tätig?

Unser Korrespondent beschreibt die Fundstücke ausführlich: “Unterschiedlich abgerundet durch Gebrauch oder das Wasser, verschiedene Gesteinsarten, sich häufend an bestimmten Stellen, auch unfertige Rohlinge von Beilen oder Klingen. Ein Stück aus einer Kristall-Druse, das man hätte als Reibe für Wurzeln, Knollen, Getreide oder auch färbendes Gestein nutzen können. Nebenher hat man Kalkstein in den Rhein aufgeschüttet als Wellenbrecher, vielleicht von den Kalksteinwerken aus Mettmann. Also entweder daher oder von hier am und im Rhein wie eine Art Kiesgrube der Steinzeit. Längliche versteinerte Schulpe von Tintenfischen hart wie Granit bilden ein gutes Ausgangsmaterial für Steinbeile. (Lang, schmal, liegt gut in der Hand, unten wird die Schneidkante nur von zwei bis drei Seiten an der Schmalseite geschliffen, man kann damit mit Wucht zuschlagen, mit Kraftwirkung.) Sie sind oben an der gleichen Stelle gekerbt, da hat man vielleicht mit Bast oder Lederriemen einen Stock darum gebunden, Messer und Faustkeile aus Stein liegen ergonomisch in der Hand. Basaltstücke, bearbeitet und poliert, rotes und graues Gestein, Quarze, Feuerstein, spröder Kalk, Koralle oder Knochen, frisch aufgeschlagen, jedoch scharfkantig.”

artefakte_2

Einer später eingeholten Expertise des Neandertal-Museums halten die Vermutungen unseres Korrespondenten nicht stand: “Die Steinsammlung bestand wohl überwiegend aus Flussgeröllen. Nur wenn die Steine direkt in einer von Steinzeitmenschen bewohnten Höhle sich aufgefunden hätten, wären es Artefakte gewesen.”

Doch offenbar nehmen sich Stenzeitmensch und Rhein als Werkzeugmacher nicht sonderlich viel. Daß der Rhein mit seinen schöpferischen Fähigkeiten u.a. als Kartograf (seiner selbst) und Künstler fungiert, haben wir zuvor bereits in unserer hauptsächlich am Alpenrhein angesiedelten Kiesel-Serie (hier ein Beispiel unter vielen) gezeigt.

Rheinzander

Während unseres Aufenthalts in Istanbul ließen sich auf der Galatabrücke Tag für Tag mehr Angler erblicken, als wir, die letzten 30 Jahren zusammengenommen, am Rhein je ausmachen konnten. Vielleicht täuschte das Erscheinungsbild ein wenig – bei einem Verhältnis von einem halben Brückenkilometer über das Goldene Horn zu rund 1230 Flußkilometern herrscht am Rhein eine ungleich stärkere Ausdünnung als in Istanbul, einer extrem bevölkerten Stadt, in der der Anblick Schulter an Schulter stehender Brückenangler zur touristisch bestaunten Folklore gehört. Gehen die Istanbuler Angler vornehmlich auf Sardinen (ihre Schnüre sind in der Regel mit acht Haken bestückt, damit sich das Auswerfen überhaupt lohnt), wird am Rhein gerne nachts und an weniger urbanen Stellen nach Zandern geangelt. Das erfuhren wir im Anschluß an eine unserer Rhein-Meditationen.

rheinzanderUnser Gewährsmann mit einem imposanten, bei Rees an Land gezogenen Zander

Die größten Exemplare werden bis zu einem Meter lang. Wegen ihres festen, wohlschmeckenden Fleisches und der wenigen Gräten zählen Zander zu den beliebtesten Speisefischen aus dem Rhein. Wikipedia gelten sie als vorsichtige Naturen. Ein Rheinangler berichtet:

“Nachts werden die Zander etwas übermutig und trauen sich auch ins flache Wasser. Da kann es vorkommen, dass sehr große Fische einen halben Meter vor meinen Füßen, direkt an der Buhne beißen. Wenn man mal den Bogen raus hat, ist es nicht so wahnsinnig schwer einen Zander zu überlisten.
Im Schnitt fange ich einen Zander pro Angelausflug. So ein Ausflug dauert sechs bis acht Stunden. Manchmal fange ich nichts, dafür ein andermal zwei oder drei an einem Tag. Ich sitze ja auch gerne nur und starre auf’s Wasser. Dann läßt sich nichts fangen, weil der Köder aktiv mit der Spinnrute geführt werden muss. Der Fisch steht bei mir gar nicht so sehr im Mittelpunkt. Ich brauche die Ruhe am Rhein.
Zander beißen meist sehr beherzt zu, es geht dann ein ordentlicher Ruck durch die Rute, weil sich die geflochtene Schnur nicht dehnt. Mit geflochtener Schnur angelt man, weil sich mit ihr der Rheingrund ertasten lässt und auch schwächere Attacken, bei denen der Fisch nicht richtig zubeißt, zu spüren sind. Fangstellen sind bevorzugt kieselig und tief. Sandbuchten eignen sich nicht so sehr. Der bebleite Gummifisch wird über den Grund gezupft und wenn man Glück hat, macht es beim zigsten Wurf „Peng“. Das ist dann immer sehr gut für den Adrenalinspiegel.
Allerdings haben Zander nicht viel Kraft, ein Hecht oder eine Barbe können stärker kämpfen. Selbst ein großer Zander kann nach drei bis vier Minuten nicht mehr. Ich drille allerdings auch immer sehr hart, um dem Fisch diese Tortur nicht lange zumuten zu müssen.
Als Fänger eines “maßigen Fisches” (bei Rheinzandern ab 40 Zentimetern) bin ich gesetzlich verpflichtet, den Fisch mitzunehmen. Angeblich rauben große Zander zuviel. Hinter der Grenze in den Niederlanden lautet die Gesetzgebung gleich wieder anders.”

sic fulgent littora rheni

Der Rhein bei Xanten

Rheinfahrt

Morgengewölk, duftend von Farben des Frühlichts,
Zwiefach trieb es dahin mit dem Zuge des Stroms.
War es der Wind, der jagte es oben im Blauen?
War es unten die Welle? Drin schwamm es wie Träume davon!
Segelboote nur standen mit blendendem Leinen
Still unterm Wind auf den purpurn und rosigen Wolken,
Und es glichen die weißen Scharen von wilden Schwänen.
Und wie ein liebender Arm zärtlich umfaßt ein Geliebtes,
Weil immerfließend die Zeit leis sie einander entzieht,
So um die Hüfte des Landes, die Schwermut der Wiesen,
Buchtete sanft sich und weithin erglänzend der Strom.
Silbriger Haine Laub durchflimert die Luft dort,
Und mit Weidenbüschen in eins verahnet die Ferne,
Wo ruhlos-uralt, nach Ländern städtevoll,
Im Wandel des Monds die See heranrollt
Und dampfet mit Salzluft herüber zu unsern Ufern.

Meerwärts! nach altem Verlangen. Es lallen die Wasser,
Fernweh entbreitet die schwarze Fahne von Rauch.
Gelehnt auf den Stab, ein Schafhirt bewacht seine Herde,
Einsam hinruhet ein Hof im Schatten des Pappelhains,
Rinder betreten die Flut und heben mit dunklen
Triefenden Mäulern gelassene Häupter herüber.
Vom Brande schwarz sind noch die Mauern der Pfalz,
Die gewaltig ein Kaiser errichtet, Gedächtnis bewahrt noch
Des jungen Königs Namen bei diesen Fluten,
Des Unglücks edlen Herrn, der da knabenwild
Vergebens floh von dem Schiff in die Tiefe des Stroms.
Was sind wir für Wesen, wir Geschichte
Liebenden! Uns ergreift das Geschick, und es rührt
Zu Tränen den Mann, hört er das Schicksalslied.
Aber es fährt ihm über die Seele,
Daß ihr Spiegel ergraut, ein Wind von Wehmut,
Wenn er das Bleibende sieht, das unerzählbar
Alterslose: Wasser, Weide, Herde.
So einig geht dies mit dem Jahr und ist wie ein Atmen,
Uns aber stärkt Eigensinn den stolzen Nacken,
Ein verliehenes Joch, das zwingt zu herrischen Wegen.
Unser daher ist das Irrsal. Wie sollte da nicht
Leicht uns ein Frohsinn erblühn aus arglosen Zeichen,
Die wir solches bedürfen von Grund aus! Der Streifen Schaum,
Den flüchtig aufwirft des Schiffes Kiel, ist genug,
Eine Freude zu bilden, die spielend gleichet ihm selber.

Immerwandelnd aber die goldene Quelle der Zeit
Löste ins Blau hoch oben die Morgenwolken,
Hob von dem Fluß silbrigen Atem herauf.
Und die riesige Kuppel beschlug sich, es schloß sich die Ebne
Unter flimmerndem Grau, und Grau hauchte ums Haupt
Am Deich den Espen und Weiden. Und trug nicht der Wind,
Wie von abgeblüheten Hügeln, dumpfen Geruch,
Als herbste es irgendwo? Und das Schrillen der Möwen,
Wenn sie, zu Fischen, die Hänge der Luft hinabfuhrn,
Klangs nicht meer-einsam und schauerte über den Wassern?
Und siehe: mit Ruß und Rauch angetan, dem finstren
Kriegermantel, traten die Städte ans Ufer,
Eisern eine zur andern in klirrem Gewappen,
Daß es Lüfte erschütternd dröhnte über dem Strom.
O ihr Stunden, da hart in das Lieder liebende Ohr
Der Vor-Lärm scholl des zukünftigen Kriegs,
Da aus Essen und Hallen des Dämons Gift-Atem schlug
Und in Hohen Öfen der Völker Schicksal schmolz
Und unter den Dampfhämmern mit Werkstücken
Die künftigen Herzen waren, auch unsere wohl,
Zu tödlichen Schlägen, oder daß sie ertrügen
Unendlichen Druck des Leids!… Ein düsterer Ruhm
Brütet über der Stätte. Auf schwarzen Halden
Wächst wohl ein armes Gras, oder aus glücklichem
Flugsamen grünte ein Bäumchen, die zitternde Erle,
Gebrechlichste jemals der Freuden über dem Abgrund.
Aber beständig in leisem Regnen wird allem
Der Trauer ältestes Zeichen verliehn: schwarze Asche,
Die legt sich wie Bußtag auf Haupt und Stirn.
Ach, und es sind doch auch dies berge des Fleißes,
Menschlicher Mühsal Terrassen, vom Schweiße gesegnet,
Und gleichen so wenig dennoch den goldenen Hügeln,
Wo Stab bei Stab voll schwerer Trauben hängt
Und über den Ufern ein südlicher Sommer glüht.
Dies schenkte ein Gott; jenes auferlegte ein Dämon.
Zwieträchtig sind wir und fruchten aus zweien Wurzeln.
So wächset im Weizenfelde die Rade blau,
Ein wildes Unkraut, das schmückt zum Brot unsre Tische.
Wo ist es gelegen, das süße Land, das uns wohltut,
Wo währet in Dauer, was immer voll Hoffnung uns lockt?
Auf rief es mich, zu erfahrn die versprechenden Tage,
Des Sommers glühende Küsse, wenn er die Felder
Versengt, die Stunde des Jahrs, die berauscht mit Vergessen.
Und atmete nun unter ganz verdunkeltem Himmel,
Wie in erzener Prüf-Zone, das ganz Unvergeßliche
Tiefer ins Blut: mit Stimmen dort schweigt es die Zukunft.
Doch wäre wohl, daß ich es fast nichts sagen kann,
So süß, die Wange an Windes Wange zu legen
Oder in zarten hohen Kuppen der Finger
Bebende Strömung zu spüren oder in Augen
Bilder eintreten zu sehn, als kehrten sie heim, -
Hätte dies Brennende wohl, diesen Stachel die Süße,
Ohne die Drohung im Herzen und über dem Haupt?
Vergiß, so reden die Dnge, das Unvergeßliche,
Vergiß es! Und keinen wundert das Wunder, das immer
Wieder geschieht. Dem Blick voraus, so ziehn wir
Hin mit Begrüßen. Wir winken den Fremden zu
Unverweilt, denn Abschiede drängen uns.
Und wendet einer sich um, weil ihm zu schnell
Eine Freude, ein Schmerz, ein Leben vorübergegangen,
Wie sieht es ihn an von fern mit tiefen Augen.

(aus Emil Barth: Xantener Hymnen, Hamburg 1948)

Rheingold (5)

rheingold_salon

Entlang der Mosel

mosel_luxembourgWohl bekanntester Nebenfluß des Rheins ist die Mosel, gebürtige Französin mit luxemburgischen Einflüssen, maßgeblich besungen von Ausonius im vierten

mosel_wasserbilligIn Wasserbillig (luxemburgisch Waasserbëlleg) fließt die Sauer in die Mosel

Jahrhundert nach Christus. Die heutige Moselstrecke der Bahn bedient Trier und führt von Koblenz nach Luxembourg und retour über Ortschaften mit irritierenden Namen wie Pommern, Bengel, Wecker, Igel oder Moselkern,

mosel_wein

ausgerufen von einer supersexy luxemburgischen Bandansagestimme mit laszivem französischen Akzent. Über den Ortschaften klangvoll benamte Steillagen, welche die aufdringliche Schönheit des Moseltals bestimmen und auf Dauer so eintönig gestalten, daß dem Bahnreisenden neue visuelle Anreize gesetzt wurden, darunter

mosel_hochmoselbrücke

mit der Hochmoselbrücke zwischen Ürzig und Zeltingen-Rachtig der derzeit umstrittenste.

Düssel

düssel_2Die Düssel, ein kleiner Fluß, der einer für Deutschland verhältnismäßig großen Stadt ihren Namen verlieh, als diese noch als Dorf an einem großen Fluß, dem Rhein, heranwuchs. “Der Name Düssel geht wahrscheinlich auf das germanische thusila zurück und bedeutet „brausen, rauschen, tosen“, althochdeutsch doson. Um 1065 wird der Bach als Tussale (die Brausende, Rauschende, Tosende) bezeichnet”, vermutet bzw. weiß Wikipedia. Die beschriebenen Eigenschaften lassen sich anhand des Fotos von Rainer Vogel, das einen Düsselabschnitt auf Höhe des Unterbacher Sees widergibt, im Ansatz vorstellen. Grundsätzlich wäre der Name Düssel, nicht zuletzt ob seines Tremas, bestens geeignet für eine überseeische Metal-Band mit Hang zu Germanismen. Der internationale Musikjournalismus könnte sich mit dem etymologischen Spannungsfeld zwischen Dussel und, sagen wir, Rüssel oder Schüssel/Schussel, auseinandersetzen, immer in Hinblick auf urdeutsche Kulte. Und würde in diesem Zusammenhang womöglich auf die in Vergessenheit geratene rheinische Lightspeed-White Noise-Band Schweinebraten stoßen. Doch so weit ist es nicht und also entwässert die Düssel bis auf diese Minute, fleißig und offiziell weitgehend unbeachtet wie vier graugesichtige Kommissionierer in den Henkel-Fabrikhallen, über ihre Düsseldorfer Deltaarme in den Rhein.