Zwischen den Linien der Betuwe

Zwischen Kesteren und Ochten, im Landstrich die Betuwe, kreuzen sich zwei Linien, beide mit Bezug zu Deutschland, wenngleich gegensätzlich bewertbar. Die eine, die eher traurige, heiβt Betuwelinie und ist wesentlich älter als die zweite, die Betuweroute. Erstere ist der mittlere Teil des Verteidigungsgürtels, der sich einst vom IJsselmeer bis hin zur niederländisch-belgischen Grenze erstreckte. Jene Mischung aus Inundationsmöglichkeiten und Kasematten entstand gegen Ende des 18. Jahrhunderts, erlebte eine erste Höchstzeit, als die Niederlande sich in der Bismarck-Zeit von Preuβen bedroht sahen.
In den 1930ern wurde sie bei der erneuten Gefahr aus dem Osten weiter ausgebaut. Auch wenn diese Arbeit beim deutschen Überfall Mai 1940 noch nicht vollendet war, trug sie doch zu einer (wenn auch hauchdünnen) Verzögerung des Aufmarsches bei. 1944 wurde sie dann wieder bei der Abwehr gegen den Alliierten ins Spiel gebracht. In der heutigen Landschaft lässt sich die alte Trasse kaum noch erkennen; vor allem stehen hie und da noch Betonbunker, wie dieser eine aus den 1930ern in der Nähe von Kesteren.

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Dahinter zeigt sich einer der vielen Baumzuchtbetriebe der Region, die es dort nicht von ungefähr gibt. Die Betuwe ist von jeher das führende Obstanbaugebiet der Niederlande, auch wenn sich dessen Anblick seit den 1980ern erheblich geändert hat: Die althergebrachten Hochstammbäume wurden allmählich von gezüchteten Niedrigstammbäumen ersetzt, die bei der Ernte weniger Arbeitseinsatz erforderten und sich daher mehr rentierten. Leider wurde somit der Fortbestand mindestens einer Vogelart gefährdet: Der Pirol hält sich gerne in traditionellen Obstbaumplantagen auf, wo er es sich echt ungestört gut schmecken lassen kann. Seine Zahlen sind mittlerweile rückläufig. Seit ich 2012 im rumänischen Donaudelta einen Pirol habe erleben dürfen, liegen mir diese Hochstammobstbäume am Herzen: Zu Ehren seines melismatischen Gesangs und des knallgelben Blitzes seiner machtvollen Erscheinung habe ich ein ganzes Jahr lang einen solchen alten Baumgarten in der Nähe der eigenen Wohnung fotografiert. Aber auch in der Betuwe gibt es noch (und erneut) solche Baumgärten, sogar unmittelbar neben Baumgärten der neueren Sorte. Vielleicht fühlt sich der Pirol in der Betuwe auf Dauer dann doch wieder ungefähr so gut aufgehoben wie hier Stute und Fohlen.

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Am südlichen Ende der einstigen Betuwelinie genieβen Menschen die umfassende Sicherheit ihres Autos: Da, bei Ochten (das beim alliierten Aufmarsch so gut wie vollends zerstört wurde; dann später, 1995, kurz Weltruhm erlangte, als es, von Hochwasser und Deichdurchbruchsgefahr bedroht, evakuiert werden musste), dient eine breite Buhne der Waalbühne zur Tribüne. In besinnlicher Ruhe wird Ausblick gehalten übers unaufhörliche Bewegen der Schifffahrt. Dabei geht es wohl nicht immer so ruhig zu, wie ich es erleben durfte.

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Am Anfang des Abstiegs vom Deich her verkündet ein Schild, dass die Besucher selber ihre Abfälle mitnehmen sollen, da die Mülleimer aufgrund ständiger Verwüstung entfernt wurden. Irgendwas, so lässt sich denken, muss die Jugend in einem streng protestantischen und auch von der Nachkriegsarchitektur her erschreckend langweilig daherkommenden Ort wie Ochten doch unternehmen, um ihr Alter überhaupt zu spüren.
Einst konnte man wenigstens auf dem Rad oder zu Fuβ mit der Fähre in die Kneipen vom katholischen Ort Druten am anderen Ufer. Das ging auf dem Heimweg sogar nachts. 1975 war Schluss damit: Da wurde einige Kilometer westlich die Willem Alexanderbrücke eröffnet, die Fähre trotz groβem Ochtener Widerstand aus der Fahrt genommen, und nach Krimpen aan de IJssel verkauft, wo sie immer noch fährt. Am Kopfende des ehemaligen Ochtener Fährhafens befindet sich jetzt eine Cafeteria:

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Sie brüstet sich damit, nur vom Feinsten zu liefern, und wenn die Qualität der von mir verzehrten Fritten mit Erdnusssauce maβgeblich ist, kann ich sie nur herzlich empfehlen, umso mehr wo sie sich gegen die McDonald’s-Filiale gegenüber zu behaupten hat, am anderen Ortsende nahe der anderen kreuzenden Linie.
Zuerst aber fahren wir noch eine kurze Strecke westwärts. Nicht ganz zur Brücke hin, sondern zu einem Übernachtungsort: Kein Hotel, sondern ein Hafen. Entlang des Waal gibt es seit 2008 drei Übernachtungshäfen, da es beim zunehmenden Verkehrsaufgebot immer gefährlicher wurde, bei geworfenem Anker im Fluβ zu übernachten.

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So wurde auch eine ehemalige Sandabgrabung zwischen Ochten und dem Dorf IJzendoorn zu einem Hafen umfunktioniert. Als ich da bin, an einem Wochentag gegen vier am Nachmittag – allmählich tritt die Dunkelheit ein – , haben drei Schiffe festgemacht. Reichlich wenig, so scheint es, von der zuständigen Behörde erfahre ich später aber, es gäbe Nächte, besonders am Wochenende, wo gute fünfzig Schiffe anlegen. Der Hafen droht damit schon an seine Grenzen zu reichen.
Die Vögel sehen das ganz anders. Nicht nur beschreiben sie ihre wunderbaren Runden überm Hafenzugang,

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später sehe ich auch, wie sich Hunderte von ihnen auf den Landungsstegen tummeln. Im Hintergrund zeigen sich die Windturbinen, denen man sich nähert, sobald man sich auf der Brücke über jener anderen Linie in westöstlicher Richtung befindet: Das heiβt, es sind eigentlich zwei. Zur einen Seite die Autobahn A15, zur anderen die Bahntrasse namens Betuweroute. Sie führt nach Deutschland, um u.a. den Autobahn-Nachbarn beim erheblich zugenommenen Transportaufkommen ab Rotterdam zu entlasten. Aus mehreren Gründen war die Linie schon von Anfang der Planung an höchst umstritten, hat dann beim Bau den ursprünglichen Etat weit überschritten, hinkt jetzt in vollendeter Form auf mehreren Ebenen den technischen Erfordernissen hinterher, und immer noch ist der Anschluss ans deutsche Bahnnetz nicht so wie er eigentlich gedacht worden war.

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Es drohte allenthalben ein gleiches Debakel wie bei der Köln-Mindener Bahntrasse, die einst Hamburg und Paris über Wesel und Venlo zu verbinden hatte, jenem Anspruch aber nie gerecht wurde. So schlimm wird es aber nicht kommen: Seit 2011 ist das Gebrauchsvolumen endlich dabei auf den geplanten Stand zu geraten. Und an dem Tag, an dem ich dort war, habe ich tatsächlich einen Zug darüber hinweg fahren sehen. Da war ich zwar noch zu weit entfernt vom Viadukt zwischen Kesteren und Ochten, zwischen McDonald’s und Windturbinen, aber, so sieht man, es geht also doch.

(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: diesmal den Landstrich Betuwe, dessen Name sich von den alten Batavern ableiten soll. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)


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