Leyden (2)

Weiter sind in Leyden zu sehen ein schönes Spital für alte verlebte Leute, wie auch eines für die Fremden, imgleichen das Tollhaus, Findelhaus, Zucht= und Waisenhaus, welches letztere an Schönheit und Sauberkeit viele Fürstliche Häuser übertrift, daß also seines gleichen in den ganzen Niederlanden nicht mehr anzutreffen. Es fehlet auch dieser Stadt keinesweges an guter Anstalt für die Armen, indem schon öfters über 11000. Personen zugleich darinnen sind versorgt worden, ohne diejenigen, die sich in gedachtem Waisenhaus befunden haben. Wie denn in solchem mehrentheils bei 700. Kinder umsonst erhalten und erzogen werden. Ueber das tragen die Holländer durchgehends für die Verpflegung der Armen die herrlichste Vorsorge.

Von den weltlichen Gebäuden ist das Rathaus, als ein neues, grosses und zierliches Werk, in Augenschein zu nehmen. Ueber dem Eingang stehen schöne holländische Verse, welche auf die Belagerung, Hungersnoth und Erlösung der Stadt des Jahres 1574. verfertigt sind. In der Bürgermeister=Kammer sind sehr kostbare Gemälde, worunter das jüngste Gericht, durch Lucas von Leyden gemalt, ein so kunstreiches Stück ist, daß Kaiser Rudolph der Zweyte für solches soviel Ungarische Ducaten geboten, als zu dessen Bedeckung nöthig wäre. Auf dem Thurm dieses Rathhauses hängt ein schönes Glockenspiel, auf welchem vier Tage in der Woche unterschiedene Psalmen gespielt werden. (…) Die Glocken werden mit einem grossen eisernen Draht gezogen, welcher die Claves der Glocken mit einem hölzernen Hammer schlägt, und dieselbigen rührt, daß sie ihren ordentlichen Ton geben, und kan solches ein Knabe spielen. Die dasige sogenante Burg, oder alte Schloß, so ungefehr mitten in der Stadt neben der St. Pancratius=Kirche, am Ufer des Rheinstroms auf einem Hügel stehet, ist ein rundes und altes Gebäude, so von den Römern, oder wie andere wollen, von dem oben gedachten angelsächsischen Herzog Hengst soll seyn erbauet worden. Es begreift im Umkreis 500. Ruthen und ist mit einer sehr starken Mauer umgeben, liegt anbey so hoch, daß man davon alle umliegende Oerter deutlich übersehen kan. Es gehen bequeme Staffeln von unten bis oben hinauf, vermittelst welchen man auf einen Gang von Blumen und Laubwerk gelangt. In dessen Mitte ist ein Irrgarten und ein sehr tiefer Brunnen, der aber nun ohne Wasser ist, es sind jedoch von dieser Burg nur noch die Mauern übrig. (…)

(aus Dielhelm: Rheinischer Antiquarius)


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