Donau-Postkarte, erhalten am Nieuwe Rijn in Leiden

“Eine Postkarte.
Von oben sah die Donau inmitten von all dem grauen Schutt wie ein toter oder demnächst toter Regenwurm aus. An einer Stelle führte eine verlockend breite weiße Brücke hinüber. An beiden Ufern gab es kleine schwimmende Häuschen, außerdem, umgeben von viel Grün, eine Art Festung oder Kastell. Kalemegdan stand unten rechts auf dem Bild. Abgestempelt war das ganze in Belgrad.”

(aus Eduardo Halfon: Der polnische Boxer, München 2014)

Globalisierungsfänomene: Halfon, ein guatemaltekisch-amerikanischer Autor mit Wurzeln im Libanon, in Ägypten, Polen und Syrien schreibt über den Schwesterfluß des Rheins, die serbische Donau und wir lesen seine Zeilen einer imaginären Postkarte am Bruderfluß der Donau, am niederländischen Rhein, in Leiden, in einem Café, das auf und unter dem Wasser und in den verregneten Himmeln zugleich sich zu befinden scheint und gleichen also die Regenwurm-Donau mit dem plakettenartigen Firmenemblem ab, das sich, von oben betrachtet, aus den Linien der Rheine und sonstigen Leidener Wasserwege ergibt, ein Abzeichen, den Umrissen zufolge, wie es als Wappen zu einem britischen Traditions-Fußballclub paßte oder vielleicht der Grundriß eines etwas verqueren Karnevalsordens oder eines minimal aus der Zeit gefallenen Biosiegels, Assoziationen, aus denen sich Bedeutungen herleiten ließen, die in einer Welt, die sämtliche Querverbindungen akzeptiert, für bare Münze genommen werden dürften. Wen mag interessieren, inwiefern das Belgrader Schuttgrau mit dem Leidener Himmelsgrau korrespondiert und warum die eine Flußstadt mit der anderen so wenig offensichtliche und soviele nicht offensichtliche Gemeinsamkeiten teilt?


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