Nieselspaziergang durch Leiden

Vor dem Leidener Bahnhof steht, mit zahlreichen niederländischen Flaggen geschmückt, der mobile Fischstand von Kees Hartevelt. Er bietet Lekkerbek, Kibbeling und Garnelenkroketten, die typischen Fischschnellgerichte aus der Fritteuse, und weitere unprätentiöse Häppchen, von denen nicht immer klar ist, ob sie aus der nahen Nordsee stammen, deren Frische den Schluß jedoch nahelegt und die so in Deutschland, leider, kaum zu bekommen sind. Ein Hinweisschild an der Theke warnt vor Attacken diebischer Vögel, insbesondere Möwen, welche auf die offensichtlich hochbeliebten schnellen Pausenmahlzeiten schielen.

Fünf Fußminuten vom Bahnhof entfernt warten Rundfahrtboote auf Touristen, die sich im Novemberniesel nicht so recht blicken lassen mögen. Einer unserer Korrespondenten hatte im Vorfeld von niedrigen Brückendurchfahrten berichtet, bei denen der Kopf ziemlich tief einzuziehen sei. Einige an der Anlegestelle wartende Boote besitzen Panoramadächer, vermutlich aus Plexiglas, die tatsächlich sehr flach über den Sitzreihen aufgespannt wirken. Jahreszeitlich bedingt ist das Rundfahrtenangebot stark limitiert. Um Leiden vom Wasser aus zu betrachten, werden wir wiederkehren müssen.

Auffällig sind die vielen Gastronomiebetriebe, die Stühle und Tische an Bord gegenüber ihren Räumlichkeiten vor Anker liegender Schiffe aufgestellt haben. Auch im Regen bleibt das Mobiliar im Freien. Unter schmalen Markisen testen mehrere Cafébesucher die Angriffslust des Wetters. Wir verziehen uns ins Café van Engelen, das sich als großartige Alternative zum Gepläster vor der Tür entpuppt: hervorragende Getränke und eine zum Verlieben freundliche, aufmerksame Bedienung, perfekte Sitzgelegenheiten, auf den Punkt temperiertes Licht und entspannte Kundschaft, am liebsten hätten wir die Location nach Köln mitgenommen.

Der rote Klinker ist die Gesichtsfarbe praktisch aller niederländischen Städte. In Leidens Zentrum formen sich die Straßen zu gewachsener luftiger Harmonie, Neubauten fügen sich wie von selbst in die Ensembles, die modernen Gebäude am Stadtrand bilden die Abstufung zu einer nicht übermäßig erquicklichen, vom Straßenverkehr dominierten Landschaft mit Kühen, Schafen, Möwen, Nilgänsen und noch mehr Wasser, bis hinter Kanälen und Dünen das Meer hörbar sich selbst nachschüttet, eine vibrierende blaugraue Megaseele, an deren Rand wir stehen, über deren pulsierende, salzig-algig aromatisierte Vorgänge wir ins Nichts hinausschauen können, aus dem der Wind uns anspeit, mit seinem Gesprüh und seiner ewig herbstlichen Energie.


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