Dodewaard

Auf einer Rheinkreuzfahrt war ich noch nie.
dodewaardDaher kann ich unmöglich sagen, was unterwegs so alles verkündet wird, wenn das Schiff an jenen gestreiften Betonbauten vorbeifährt, gegenüber vom Dorf Deest. Vielleicht wird auf Nostalgie erpichten Fahrgästen sogar vorgemacht, es würden dort Schilfrohrprodukte gelagert. Denn der Rohdachdeckerbetrieb ist ein traditioneller Geschäftszweig in der Region, heutzutage besonders gefragt unter solchen, die es sich leisten können. Wenn dort etwas zum Trocknen gelagert ist, dann wohl eher das Gebäude selber, nichts Geringeres als ein monumentales Auslaufmodell: In dreiβig Jahren soll es abgerissen werden, zugunsten freier Naturentwicklung. Fürs abgeschaltete Atomkraftwerk Dodewaard sieht es trüb aus.
dodewaard_2Aktiv seit 1969, war es nie an vorderster Stelle Stromversorgungsanlage, sondern diente vor allem Forschungszwecken. Auch wenn es dem Stromnetz angeschlossen war, stellten sich die Betriebskosten als weit zu hoch heraus, um die erzeugte Elektrizität wettbewerbsfähig zu machen. Das recht kleinformatige Werk war ein Exemplar des relativ seltenen Siedewasserreaktortyps. Das zum Turbinenantrieb benötigte Wasser wurde über den betriebseigenen Hafen, dessen Benutzung Privatpersonen immer noch verwehrt ist, dem Waal entnommen, und floβ dann über diesen Weg auch wieder in den Fluβ zurück. Die dazugehörigen Anlagen sind beide noch da.
dodewaard_3Der ursprüngliche Luftschacht des Werkes ist hingegen abgerissen worden. So sieht es jetzt um einiges schlichter aus, als wofür die vereinten niederländischen Nuklearforschungsinstitute den Entwurf auf ihrer Webseite immer noch anpreisen. Schlicht wie er ist, stelle er ein leuchtendes Vorbild für eine ganz neue Atomkraftwerkegeneration dar. Blöd nur, dass es diesen einen Zwischenfall namens Siedewasserreaktor Fukushima gegeben hat.

Da hatte Dodewaard aber schon lange ausgedient, nachdem es eine entscheidende Rolle im niederländischen Verhältnis zur Atomkraft gespielt hatte. Die niederländische Anti-AKW-Bewegung der 1970 fokussierte sich zuerst auf den schnellen Brüter in Kalkar und die Urananreicherungsanlage in Almelo. Enttäuscht über die Wirkungskraft des Protestes entschlossen sich dann Gruppen aus Arnhem und Nijmegen, sich auf die Anlage in Dodewaard zu konzentrieren und weit aggressiver vorzugehen.
dodewaard_4Oktober 1980 kam es zu einer Blockade. Wenngleich sich 15.000 Menschen daran beteiligten: Die übergroβe Mehrheit hielt die barsche Wetterlage und die weite Entfernung zwischen eigenem Zeltlager und dem von der Polizei hermetisch abgeriegelten Kraftwerk nicht allzu lange aus. Der Protest versickerte. Das lief im September 1981 ganz anders. Es versammelte sich eine ungefähr gleich groβe Menge: Jetzt aber hatte man das Zeltlager weit näher ans Kraftwerk gerückt, und auch das Wetter zeigte sich wesentlich freundlicher. Das Ganze schien eine Zeitlang friedlich abzulaufen. Dann versprühte die Polizei aus nie geklärtem Grund Tränengas in die Menge. So kam es zu einer wahrhaften Schlacht, woran sich auch vom Bürgermeister Dodewaards herbeigerufene rechte Schlägertrupps beteiligten. Nach drei Tagen entschloss sich die Anti-AKW-Bewegung zum Abbau der Blockade. An der kurz darauf in Arnhem folgenden Demo gegen Atomkraft und Polizeigewalt nahmen 45.000 Menschen teil: Sie stellte sich als entscheidender Wendepunkt heraus.

Nach einer breiten, von der Regierung ausgeschriebenen, gesellschaftlichen Kernenergiediskussion, wurde 1986, kurz vor der Tschernobyl-Katastrophe, das endgültige Aus für Dodewaard beschlossen. 1997 abgestellt, sogar sieben Jahre eher als geplant, wurde das Werk bis 2003 inwendig gereinigt, geräumt und verriegelt. Wenn alles nach Plan läuft, soll es 2045 am Bau keine Spur von Radioaktivität mehr geben, damit er zum Abriss freigegeben, das Grundstück der Natur überlassen werden kann.
dodewaard_5Ob es dazu kommen wird, ist mittlerweile allerdings fraglich. Die Verwaltungsfirma (an der u.a. E.On partizipiert) hat, so wie es aussieht, die gesetzlichen Vorlagen missachtet und für die Demontage finanziell nicht ausreichend vorgesorgt. Ein älterer Dorfbewohner, der mir auf dem Parkplatz vor dem Werk begegnet, erzählt, vor kurzem sei die Überwachungsanlage vollends umgestaltet und ausgeweitet worden. Beim geringsten Verdachtsmoment, auch wenn nur Kinder herumspielen, seien Wachleute innerhalb dreiβig Minuten zur Stelle: Ihn würde nicht wundern, falls doch darauf abgezielt würde, einer Demontage zu entgehen.
Ob er sich dann auch wieder von Kernenergiegegnern bedroht fühlen wird, so wie von denen, die, seiner Erinnerung nach, damals die Häuser ringsherum stürmten, an Türen und Fenstern herumpolterten? Dass man vielleicht Zuflucht vor Polizeigewalt suchte, dürfte er, klarer Atomkraft-Befürworter, weggesteckt haben. Die neue Generation scheint sich ohnehin weniger um solche Szenarien zu scheren.
dodewaard_6In nächster Nähe zur geschichtsträchtigen Industrieruine hat sich ein Baby zur Welt gemeldet. Vorangeschoben wird es von der älteren Schwester, begleitet von Vati und Mutti: Es wird gelacht. War da was? Mit den Nachbarn unterhält man sich zur Flüchtlingsproblematik.

(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: diesmal zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft des stillgelegten niederländischen Kernreaktors Dodewaard. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)


Stichworte:
 
 
 

Kommentar abgeben: