Freiburger Notizen (15)

Drei Damen im fortgeschrittenen Alter überqueren den Rotteckring. Sie gehen nebeneinander, Frisuren, Styling und Kleidung weisen auf den Typ Chefsekretärin. Offenbar sind sie gemeinsam auf Shoppingtour oder steuern ein Café an. Nichts daran ist außergewöhnlich, bis auf die Tatsache, daß die mittlere Dame barfuß geht. Das Unerhörte des Barfußwandelns kehrt sich bei ausgiebiger Betrachtung des bodennahen Freiburger Stadtgeschehens in Normalität: die Dame bleibt an einem warmen Novembernachmittag bei weitem nicht die einzige Barfußgängerin. Freiburger Ärzte berichten – in einer Stadt, in der die Unikliniken den größten Arbeitgeber stellen, gibt es Ärzte zuhauf – von steigenden Veganerzahlen, Patienten, die vor üppiger Wohlstandskulisse freiwillig in die Mangelernährung driften.

Im Zentrum verkaufen Andenkenläden Aufkleber und Buttons mit Freiburg-Skyline. In tatsächlichen Großstädten sind solche Silhouetten seit einigen Jahren in Mode. Da Freiburg, das Münster und einige uncharismatische Hochhäuser ausgenommen, keine Skyline besitzt, sind die wenigen charakteristischen Bauten der Stadt auf der Silhouette überdimensioniert und in stark willkürlicher Folge abgebildet, zudem frei gestaltet, das Münster infolge der freien Gestaltung und Dimensionsverschiebungen nicht mehr als solches auszumachen, somit die Skyline letztlich als die einer Fantasiestadt erkenntlich, über der, den lokalpatriotischen bzw touristischen Kauf anzuregen, “Freiburg” angeschrieben steht, denn die wuchtige Generalität des So-steht-es-geschrieben hat schon über vieles hinweggetäuscht und in Täuschung und Selbstbetrug liegen bekanntlich reichliche Anteile an Glaube, Heil und Erlösung.

Flüchtige Brillenträgerskizze auf einer Vierersitzgruppe in der Straßenbahnlinie 3 von Vauban nach Haid: ans Fenster gelehnt ein blasser Nerd mit schmierigem, nach hinten gesträhnten Haupthaar, starker schwarzer Brillenrahmen, trägt die Augengläser einer Schutzscheibe gleich, Lippen voll, aber leblos, registriert scheinbar teilnahmslos die vorüberziehenden Fassaden, Plakate (“die verborgene Poesie des Matriarchats”) gleich Programmcodes, die in mäßiger Geschwindigkeit und unauffällig über einen Bildschirm laufen. Neben ihm ein George Michael-Double mit aufgemalt wirkendem Dreitagebart, handwerklich perfekt gestufter, gelforcierter Igelfrisur, legerer Straßenkleidung, getönter Pilotenbrille und Chihuahua in schwarzer Damenhandtasche, ihm gegenüber eine streng dreinblickende Grauhaarige mit austauschbarer Modebrille, gewiß evangelisch, akademisch ausgebildet, evtl. lesbisch, so sehr in ihrer Umgebung einer etablierten Alternativkultur aufgehend, daß sie kaum noch wahrnehmbar ist, daneben ich, der dies aufschreibt und zum Schreiben die Brille in die Jackettbrusttasche gesteckt hat.


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Ein Kommentar zu “Freiburger Notizen (15)”

  1. Manfred
    3. November 2017 um 15:23

    Tja, aber wir Barfüßer werden alle bebrillten und unbebrillten Nerds, Drei-Tage-Bart-tragende Doubles (und “Dubel”), streng-blickende Damen und Herren jeglicher (Haar-)Coleur und schuhetragende Journalisten/-innen locker überleben.
    Sagt mein Arzt …
    :-)

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