Freiburger Notizen (14)

Waghalsige Münstertiere kippen in selbstbläuende Himmel, die über die Stadt in Richtung der badischen Serengeti mit ihren Rippchenwolken, Baummedusen und nahfernen Nebelbergen ziehen. Unterhalb des Münsters umlungern träge Spätwespen mit gezückten Stacheln vegane Marktwaren und Bratwürste in einem postmodernen Südwestern. Bündel roter Bete leuchten, sandige Meerrettichprügel, die gut in der Hand liegen, brutalisieren die Auslagen, Blumen, die wie angesprayt wirken, Bioäpfel und literweise Topinambur, von ihren Händlern bis ins Detail erklärt: der Münstermarktbesuch kulminiert zum Gipfel badischer Lebenskunscht.

fr_ziegenmensch

Der Mittag wird zusammengehalten von Gerüchen nach Fleischkäs. Der strömt aus Bäckereien und Metzgereien in die 20 Grad warme Novemberluft. In der Fußgängerzone spielen von zuviel Swing eingedellte Kontrabaß-Beatles ihr Ticket to Ride, unweit des altehrwürdigen Martinstors mit dem McDonalds-Schriftzug hockt und meckert ein Ziegenmensch und klappert mit den Zähnen. Plakate künden vom Besuch Reinhard Stengels, des Rainbowman, welcher gegen Vortragsobolus mitten in Freiburg die Sprache der Seele spricht. Häufiger als Ziegen- und Regenbogenmenschen erblicken wir in Trekkingkleidung gewandete Wolfshautmenschen, die gedrungene Hunde an der Leine führen, deren gen Himmel gezüchtete Ruten ihre Arschlöcher exponieren. Es herrscht friedliches urbanes Gewimmel, man ist “gerade auf dem Weg zum Asiaten”, der in der sprichwörtlichen Freiburger Enge an kaum einem Standort weiter als hundert Meter entfernt liegen dürfte, hin und wieder erhebt sich in der Menge ein Zeigefinger, erlauschen wir zufällig einen mediokren, harmlosen Spruch, der auf die ökologische Taufe seines Urhebers verweist. Zur Schau gestellte Gedankentiefe ist Konvention: anstatt den Sonnenschein hinzunehmen, wird er behutsamer Exegese unterzogen.


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