Monatsarchiv für November 2015

 
 

Rhein-Meditation (6)

“Die Sohlen brennen, Möwen schreien. Aus einer alten Zeitung steigt der Morgendunst. Im Nacken spüre ich die Sonne ihre morgendlichen Dehnübungen absolvieren. Das Ende ist nah, weil alles immer wieder von vorne beginnt. Ich glaube zu verstehen. Weil ich von nirgendwoher komme. Deswegen gehe ich zu den Quellen, die am Ende des Piers liegen müssen. Weil die Analogien von Quellen und Geburt ebenso fragwürdig sind wie diejenigen von den Mündungen zum Tod. Weil auf dieser Welt alles und nichts stimmt und ich überallhin gehen kann, gerade deswegen gehe ich nirgendwo hin. Stattdessen kommt das Meer auf mich zu, mit geöffnetem Rachen. Die letzten Rheinmeter liegen im Frühdunst und ich gewinne das Gefühl, mich auf einer Verzweigungsader des Mündungssystems zu befinden, die direkt in eine der Verzweigungsadern des Quellensystems greift. Der Blick nach Norden ergibt die Sandwüste eines extrem breiten, endlosen Strandes, darüber dimmen milde lavendelfarbene Himmel, die am Horizont dem Meer sich einen. Der Blick nach Süden fällt auf Hafenkräne, -schlote und -tanks, die Silhouette eines schwarzen Industrieplaneten, gleichsam die Aufhebung des Blickes Richtung Nord. Nasreddin Hoca kommt mir in den Sinn wie er am Flußufer sitzt und sinnt, als vom gegenüberliegenden Ufer jemand ruft: „Wie komme ich denn auf die andere Seite?“ und der Hoca antwortet: „Du bist auf der anderen Seite!“ Es gibt keine andere Seite, und wenn doch, befinden wir uns bereits dort.”

Das Buch ist erschienen in der Edition 12 Farben bei rhein wörtlich, einer Reihe, die Prosatexte vornehmlich Kölner AutorInnen mit Poetologien in jeweils einem Band vereint. Die Rhein-Meditation läßt sich über das Kontaktformular bei rhein wörtlich oder über den Buchhandel bestellen.
Vorort-Buchvorstellungen finden sich in der Rubrik “Termine“.

Stan Lafleur: Rhein-Meditation, Edition 12 Farben, rhein wörtlich, Köln 2014/2015
112 Seiten, 13,5 x 20 cm, Klappenbroschur, 12 Euro
ISBN 978-3-943182-09-5

Presserückschau (November 2015)

1
“Rhein – wo bist Du? Ein Vergleich der Wasserstände am Kölner Pegel zeigt, dass der Fluss in den vergangenen Jahren kontinuierlich schmaler geworden ist. Das Wasser- und Schifffahrtsamt Duisburg hat für den Zeitraum von 1981 bis 1990 für Köln einen Durchschnittspegel von 3,55 Metern errechnet. Im Messungszeitraum von 2001 bis 2010 fiel der Wert im Schnitt auf 3,21 Meter. Differenz: 34 Zentimeter. Also schrumpft der Wasserstand des Rheins um etwa einen Zentimeter pro Jahr.” (Express)

2
Noch fließt der Rhein, doch kommen bei anhaltendem Niedrigwasser zunehmend gefährliche (Minen und Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg) und seltene Fundstücke aus der Versenkung zum Vorschein: “Düsseldorfer Feuerwehrleute haben (…) einen Tresor aus dem Rhein geborgen. Gefunden wurde der schwere Behälter im Bereich des Fähranlegers im Stadtteil Urdenbach. (…) Der Eigentümer soll nun ermittelt werden. Wie die Düsseldorfer Polizei (…) bestätigte, wurden in dem Tresor vornehmlich Papiere gefunden. Wertgegenstände seien an der Fundstelle zunächst nicht entdeckt worden. Ob der Tresor im geöffneten Zustand im Rhein versenkt wurde, blieb noch unklar.” (Rheinische Post)

3
Die Niedrigwasserfunde setzen sich fort. Bei Rüdesheim barg das Wasserschifffahrtsamt einen vor vier Jahren in Baden-Baden gestohlenen Peugeot. Ein Fundstück bei Neuss erinnert an eine alte Geschichte: “Vor 17 Jahren spielte sich unterhalb der Fleher Brücke auf Neusser Seite ein echtes Drama ab. Ein Mann war in den Rhein gesprungen, eine Mannschaft der DLRG mit dem Rettungsboot ausgerückt. Doch plötzlich brauchten die Retter selbst Hilfe: Ihr Boot sank, die DLRG-Männer kamen zum Glück alle mit dem Leben davon. Ihr Boot tauchte jedoch nie wieder auf.(…) Eine Erklärung dafür gab es nie. Jetzt ist das Rätsel gelöst: Das historische Niedrigwasser des Rheins hat das Wrack wieder freigegeben. Unweit der Zufahrt zum Neusser Sporthafen in Grimlinghausen wurde das zerfledderte Boot – ein sogenannter „Rheinadler“ – (…) gefunden. (…) Viel anfangen kann man bei der DLRG mit dem Schrott nicht. Aber zumindest ist nun ein ungeklärtes Kapitel der Rettungsgeschichte abgeschlossen.” (Express)

4
In den rheinnahen Städten des Ruhrgebiets stellt sich den Einwohnern die Identitätsfrage: Ruhrpottler oder Niederrheiner? So liegt Duisburg sowohl beidseits des Rheins, als auch der Ruhr. Welchem Fluß, somit welcher Mentalität fühlen sich die Duisburger zugehörig? Die WAZ antwortet: “Mehr als ein Viertel der von der Uni Duisburg-Essen Befragten, nämlich 27 Prozent, sehen sich als beides. Die Ruhrpottler machen eindeutig den größten Anteil aus: 39 Prozent fühlen sich eher dem Ruhrgebiet verbunden. Deutlich weniger, nämlich 23 Prozent, rechnen Duisburg eher dem Niederrhein zu. Elf Prozent der Befragten hatten dazu keine Meinung.”

5
“Ein Spaziergang am Rhein ist genauso ungesund wie einer in unmittelbarer Nähe der Autobahn. Dieselmotoren verursachen in Binnenschiffen die gleichen gesundheitsschädlichen Luftschadstoffe wie im Straßenverkehr. Betrachtet man den Fluss nach den freigegebenen Schadstoffmengen, so sei er mit einer Autobahn durchaus vergleichbar: „Die Luft am Rheinufer ist in etwa so verunreinigt wie an der stärkstbefahrensten Stelle der A 3“, stellt Andreas Brandt vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz klar. Schiffe könnten jedoch mit modernen Abgasreinigungsanlagen für einen erheblich geringeren Schadstoffausstoß sorgen. Pflicht ist eine entsprechende Umrüstung allerdings noch nicht.” (WAZ)

6
“Mit Schmackes” habe ein Autofahrer die Schranke durchbrochen und sei im Rhein gelandet, zitiert die WAZ den Fährkapitän und schreibt von “einem verhängnisvollen Fahrfehler”: “Beim Auffahren auf die Rheinfähre, die zwischen Orsoy und Walsum pendelt, ist ein Autofahrer (…) durch die geschlossene Schranke am Bug der Fähre gefahren und in den Rhein geplumpst. Nur dem beherzten Eingreifen des Kapitäns, seines Schiffsführers und eines Kunden der Fähre verdankt der ältere, gehbehinderte Autofahrer, dass er unverletzt aus dem Wagen entkommen konnte.”

Siegburg

In Köln ist einigermaßen bekannt, daß Siegburg irgendwo da draußen liegt, ein Städtchen hinter den Vorstädten, am Rheinzufluß Sieg, für die Stadtgeschichte von Bedeutung als der Ort, aus dem eines Tages ein Heilsbringer namens Wolfgang Overath in der Colonia Agrippinensium eintraf, ein Ort mit einem unauffällig totaldeutschen Namen, den wir vage mit Zeitungsmeldungen nachrangiger, aber perfider Verbrechen verbanden, bis wir seine Straßen im vorvorweihnachtlichen Dunkel erstmals betraten. Vom Bahnhof, der sich in einem Anflug von mit erkennbarem Willen zur Orientierungshilfe gepaarter Desorientiertheit Siegburg/Bonn nennt, betraten wir die cleane, beinahe sterile Fußgängerzone, deren einziges äußeres Anzeichen für Wildheit die Leuchtreklame eines Wolfstatzenabdrucks vorstellte, mithin Signet einer Marke, die ihrer Zielgruppe, biederen Angestellten, Abenteurertum in freier Natur vorgaukelt, indessen ihre Konsumenten zumeist in Pendelzügen und Fußgängerzonen wie ebenjener in Siegburg anzutreffen sind.

Das in einer deutschen Kleinstadt unvermutete, zumal korrekt mit Cedille beschriftete Straßenschild verweist nicht auf einen Personennamen, sondern auf die türkische Partnerstadt Siegburgs

Durch die Fußgängerzone wandelten einzelne, verloren, aber kaum wölfisch wirkende Gestalten. Die eine fragte uns nach dem Weihnachtsmarkt und als sie ihn erblickte, wirkte sie enttäuscht, da selbiger sich noch im Aufbau befand; die andere lief im T-Shirt durch die Straßen und fluchte auf die reichlich kühle Außentemperatur. Hinter unverhängten Glasscheiben sahen wir Jugendliche Breakdance-Übungen absolvieren, ohne daß ein Ton Musik zu hören gewesen wäre, überhaupt wirkte die gesamte Innenstadt Siegburgs schallgedämpft und wie eine Szenenreihung aus Second Life. In hellen Geschäften mit Regalen in klaren geometrischen Linien harrte eine Produktwelt, die ihren Abbildern in Prospekten nacheiferte, eine automatisch beruhigte Inszenierung penibel rein gehaltener Bedeutungslosigkeit, eine klinische Konsumumgebung, als bilde sich das Online-Shopping in den herkömmlichen Gang zum Apotheker, Supermarkt oder in die Boutique zurück.

Ein anderes Bild und bald auch einen anderen Klang fanden wir auf der rückwärtigen Seite des für eine Kleinstadt geradezu gigantischen Bahnhofs. Verkehrslärm übertönte das Rauschen der Sieg, die vibrierende Tristesse täglich zu bestehender Durchschnittlichkeit bemächtigte sich des Stadtbilds mit Noten von Althergebrachtheit und reichlich Unsagbarem, das sich aus dem Abgleich von Träumen und Realität zusammenzusetzen schien. Darüber wachte ein rundum strahlender Mond in selten zu sehender Pracht.

Dieweil die Sieg permanent mit reichlich Tempo durch Siegburg eilt, kleiden sich die Siegwiesen bei Nacht in mystische Farben.

Stetes Kommen und Gehen herrschte schließlich auf der Bühne des Pumpwerks bei der Zeitschriftenpräsentation der Köln-Ausgabe von Rhein! Unter zahlreichen Werkausschnitten der an der Zeitschrift beteiligten Künstler hörten wir einen Vortrag von Rheinkenner Kurt Roessler über die Lichtmetafysik seit ihren Anfängen bei Platon über Plotin und Pseudo-Dionysius Areopagita, mit besonderem Bezug auf das grandiose Richterfenster im Kölner Dom und dessen elektronische Komponenten und lieferten selber ein 13:24 Minuten dauerndes Stück Rhein-Meditation im Schleudergang.

Nieselspaziergang durch Leiden

Vor dem Leidener Bahnhof steht, mit zahlreichen niederländischen Flaggen geschmückt, der mobile Fischstand von Kees Hartevelt. Er bietet Lekkerbek, Kibbeling und Garnelenkroketten, die typischen Fischschnellgerichte aus der Fritteuse, und weitere unprätentiöse Häppchen, von denen nicht immer klar ist, ob sie aus der nahen Nordsee stammen, deren Frische den Schluß jedoch nahelegt und die so in Deutschland, leider, kaum zu bekommen sind. Ein Hinweisschild an der Theke warnt vor Attacken diebischer Vögel, insbesondere Möwen, welche auf die offensichtlich hochbeliebten schnellen Pausenmahlzeiten schielen.

Fünf Fußminuten vom Bahnhof entfernt warten Rundfahrtboote auf Touristen, die sich im Novemberniesel nicht so recht blicken lassen mögen. Einer unserer Korrespondenten hatte im Vorfeld von niedrigen Brückendurchfahrten berichtet, bei denen der Kopf ziemlich tief einzuziehen sei. Einige an der Anlegestelle wartende Boote besitzen Panoramadächer, vermutlich aus Plexiglas, die tatsächlich sehr flach über den Sitzreihen aufgespannt wirken. Jahreszeitlich bedingt ist das Rundfahrtenangebot stark limitiert. Um Leiden vom Wasser aus zu betrachten, werden wir wiederkehren müssen.

Auffällig sind die vielen Gastronomiebetriebe, die Stühle und Tische an Bord gegenüber ihren Räumlichkeiten vor Anker liegender Schiffe aufgestellt haben. Auch im Regen bleibt das Mobiliar im Freien. Unter schmalen Markisen testen mehrere Cafébesucher die Angriffslust des Wetters. Wir verziehen uns ins Café van Engelen, das sich als großartige Alternative zum Gepläster vor der Tür entpuppt: hervorragende Getränke und eine zum Verlieben freundliche, aufmerksame Bedienung, perfekte Sitzgelegenheiten, auf den Punkt temperiertes Licht und entspannte Kundschaft, am liebsten hätten wir die Location nach Köln mitgenommen.

Der rote Klinker ist die Gesichtsfarbe praktisch aller niederländischen Städte. In Leidens Zentrum formen sich die Straßen zu gewachsener luftiger Harmonie, Neubauten fügen sich wie von selbst in die Ensembles, die modernen Gebäude am Stadtrand bilden die Abstufung zu einer nicht übermäßig erquicklichen, vom Straßenverkehr dominierten Landschaft mit Kühen, Schafen, Möwen, Nilgänsen und noch mehr Wasser, bis hinter Kanälen und Dünen das Meer hörbar sich selbst nachschüttet, eine vibrierende blaugraue Megaseele, an deren Rand wir stehen, über deren pulsierende, salzig-algig aromatisierte Vorgänge wir ins Nichts hinausschauen können, aus dem der Wind uns anspeit, mit seinem Gesprüh und seiner ewig herbstlichen Energie.

Catwik

Von diesem Orte komt der Rhein auf die Dörfer Valkenburg, so ein altes Schloß hat, ferner auf Morsdam und Catwick op Rhin, ein schönes Dorf anderthalb Meilen von Leyden, welches von Burgern, die von ihren Renten leben, und zu mehrerer Gemüthsberuhigung aus der Stadt gezogen sind, hingegen aber das Landleben erwehlet haben, stark bewohnet wird. Es ist mit einer schönen Kirche versehen, die in allen Unruhen verschonet geblieben und niemals, wie andern geschehen, geplündert worden.

Von Catwik op Rhin vollführt unser Rhein, der aber nunmehro, wie leicht zu erachten, keinem Strom oder schifbaren Fluß mehr gleich sieht, seinen Lauf noch ein Stük Wegs fort bis Catwik op Zee, ein Dorf in den Sandhügeln oder Dünen, ohnweit dem Gestade des Meers, drey Meilen, (einige sagen nur zwey) unterhalb Leyden, allwo er sich, eh er das Dorf erreichet, in die Dünen oder sandhügel dergestalt verkrieget und verlieret, daß man nicht sehen kan, wo er hingekommen. Folglich thut es dieser Strom heutiges Tages dem gemeinen Lauf der meisten Hauptflüsse nicht nach, wenn sich dieselben bey ihrem Ausfluß wiederum in das Meer ergiessen, aus dem sie vorher ihren Ursprung genommen haben. Inzwischen ist dieses von unserm Rheinstrom nicht zu verwundern, weil er nach so vielfältiger Abzapfung seines Wassers, so ihm nach und nach zu seinem gänzlichen Untergang gereichet, in seinem schwachen Lauf endlich fast ganz ohnmächtig wird, und sich daher auch 860. oder, nach anderer Vorgeben, 1170. und, wie die gewissesten sagen, 1360. wider die damals wütende und gewaltsam tobende See nicht beschützen konte; weswegen sein Einlauf ins Meer durch die viele ausgeworfene Sandhaufen, so die Holländer Duynen nennen, damals gänzlich verstopfet wurde.

Bey oben gedachtem Dorfe Catwik op Zee, welches von dem Meer und dessen Aufschwellen oftmals ziemlich Anstoß leidet, allwo auch unterhalb der Rhein, ehe dessen Ausfluß, wie gemeldet, ganz mit Sand verstopfet worden, in die See gelauffen, sieht man annoch ohnweit von dannen dessen äussersten Canal, den man den alten Rhein nennet. Aus diesem hatten ehemals die Herrn von Leyden auf einen Musketenschuß weit von der See, einen Graben geführt, in der Meinung, den alten Ausfluß dadurch wieder zu öfnen. Es wird aber selbiger Ort Het Mallegat oder das närrische Loch genant, weil dieser Anschlag nicht angegangen ist, indem man befunden haben soll, daß der Grund der See in selbiger Gegend höher als das Land selber gelegen sey, und zwar wegen des allda überaus vielen in dem Grund befindlichen und von Zeiten zu Zeiten zusammengehäuften Sandes. Inzwischen wollen andere behaupten, man habe vielmehr deswegen von diesem Vorhaben abgelassen, weil allzugroße Unkosten darzu erfordert worden, den Graben, welchen man durch lauter Sandberge geführet habe, für Verschüttungen zu verwahren und zu erhalten. Zwar wolllen auch noch einige andere wissen, als sey solches wegen der Stadt Amsterdam verboten worden, indem man besorget, wenn dieser Fluß wieder in seinen vorigen Gang käme, so möchte solches der Handlung selbiger Stadt zum Nachtheil gereichen. Inzwischen wird doch noch auf diesem Graben aus der See zum Salzsieden Wasser zugeführet.

(aus Dielhelm: Rheinischer Antiquarius)

Leyden

Es ist aber eine schöne, feste, grosse, wohlerbaute und volkreiche Stadt in der Graffschaft Holland, wie auch die Hauptstadt im Rheinland, (*) an dem alten Rheincanal. Ihren Anfang soll sie dem tapfern Römer Druso Germ. zu danken haben, ohngeachtet einige wollen, daß sie Hengst, der Angelsachsen Herzog, im Jahr 450. erbauet habe. Anbey ist sie mehr länglicht, als ganz rund erbauet. Ihre Mauern sind ganz von Ziegelsteinen, aber nicht hoch aufgeführt, darzwischen stehen viele Thürne, hinter welchen man die von Erde aufgeworfene Wälle, imgleichen die breiten tiefen mit Wasser angefüllten Gräben erblikt, welche mit einem Damm umgeben sind, worauf zwey Reihen grosser Bäume stehen, unter welchen zwischen zweyen Canälen ein überaus langes Malliespiel zu sehen ist. Obwohl im übrigen Leyden so ziemlich verwahrt ist, so hat es doch keine regelmäßige Festungswerker.

Ueberhaupt ist dieser Ort ohnstreitig eine der saubersten Städte in Holland, weswegen man ihn auch das Auge der holländischen Städte nennen kan, man mag nun desselben lustige und bequeme Lage, oder die Reinlichkeit der dasigen Gassen und die Schönheit der Gebäude, oder aber die grosse Menge der Einwohner und allerhand daselbst üblicher Künste und Handwerker in Betrachtung ziehen. Es steht auch diese Stadt fast in der Mitten der übrigen Städte. Denn sie liegt drey Meilen von Delft, viere von Harlem, Goude und Rotterdam, sieben von Amsterdam, Dortrecht und Utrecht, nur zweye aber vom Haag. Sie wird von vielen Canälen durchschnitten, so sie in ein und dreyßig Inseln abtheilen, und worauf man an unterschiedenen Orten mit kleinen Schiffen von einer zur andern fahren kan. Es sind dieselben zum wenigsten mit hundert fünf und vierzig Brücken überlegt, worunter bey hundert und vier steinerne sind. Dahero pflegen auch allda die Gassen viel säuberer, als oftmals anderswo die Privathäuser gehalten zu werden. Sie sind anbey mehrentheils lang, und auf beyden Seiten mit grossen Lindenbäumen besezt.

Ausser dem hat Leyden viele prächtige Häuser, so meistens von gebackenen Steinen mit schönen Erkern gebaut sind. Die Sparre, so von Harlem herkomt, fliest mitten durch den Rhein, und die dasige Luft ist anmuthig und leidlich.

Ferner sind allda zu sehen: Die grosse Kirche, zu St. Petri, als eine der vornehmsten und schönsten in Holland, so wohl gewölbt und sehr hell ist. Das Chor hat auf jeder Seite drey Reihen Pfeiler. Man zeigt ein Brod darinnen, welches soll zu Stein worden seyn, und zwar auf den Wunsch einer reichen Frauen, die ihre arme Schwester mit vielen Kindern in einer grossen Theurung, welche sie um ein Brod gebeten, abgewiesen, und gesagt habe: Wenn sie Brod hätte, so wolte sie, daß es zu Stein werde, welches auch geschehen. (…)

Sonderlich aber befindet sich die dasige medicinische Facultät in nicht geringer Aufnahme. Allhier muß ich eine Begebenheit anmerken, welche sich mit dem Prinzen Wilhelm dem III. von Oranien, und einem Bauren von Cattwiek allda begeben hat. Denn als besagter Prinz in seiner Jugend auf dasiger Universität studirte, so lies er sich von gedachtem Bauren für zwey Stüber Krabben geben, und hies ihn nachgehends, als er sein Geld forderte, mit diesen Worten sich fortpaken: Ik betael niet, ik ben de Prins; Worauf dieser dem Prinzen eine Maulschelle gab, er würde ihm auch noch weiter übel begegnet haben, wenn nicht eine gute alte Frau die zwey Stüver aus ihrem Sak hervor gelangt, und sie diesem groben Bauern gegeben hätte.

(*) Das Rheinland ist ein Theil von Südholland, welcher sich ober- und unterhalb Leyden in die Weite zwischen des Rheins beyden Ufern hinstrecket, anbey schön, eben, sehr lustig, und über die Massen fruchtbar ist. In derselben Gegend wird die beste holländische Butter gemacht, sie ist voller schöner Dörfer, welche ihrer Lage und schöner Gebäude wegen manchem Städtgen nichts nachgehen. Die vornehmsten darunter sind Rhinburg, Valkenburg, Caudekerk, Catwik, Nortwik, Sevenhuysen, u.a.m. Es kan sie ein neugieriger Reisender insgesamt in einem Tage ganz gemächlich besehen.

(aus Dielhelm: Rheinischer Antiquarius)

Der niederländische Rhein

Der schweizerische Rhein spaltet wie ein Blitz das Felsgebirge. Der deutsche Rhein durchfährt den Leib des Landes magnetisch wie ein sammelndes Gefühl. Dem niederländischen Rhein gaben schon die Alten den Namen Rhenus bicornis, des Zweihörnigen. Denn ihn teilt sogleich die größte seiner Inseln, die fast ein Land für sich ist. Auf einem jener Weltbilder, mit denen Beatus, ein Mönchsgeograph des siebten Jahrhunderts, die Erde in der Form eines Eies darstellte, von der Schale des Meeres umgeben, in der die Fische und die Inseln in der gleichen körnigen Weise eingezeichnet sind, empfing der nördliche Rhein einen anderen Strom von jeder Seite, ehe er als ein doppelter Fluß durch das Land der Friesen in das Meer sank. Man kann an Maas und Lippe denken. In der Tat, die heutige Forschung liest in den Schichten von Ton und Schlammsand, die unter der Sichtbarkeit der jetzigen Rheinteilung liegen, eine verwischte ältere Schrift der Erde, deren Deutung das Bild des römischen Geographen bestätigt. Der Strom in Holland ist nun der klargeschnittene Rhein nicht mehr. Er trifft, schon ehe er das Meer berührt, die Nullhöhe; seine Auflösung, die beginnen muß, wird zu Teilen und Strecken des Wasserstaates, er durchfließt ein verwirrendes Netz von Gewässern. Von äußeren Linien her ist das amphibische Land von Wasserbändern durchflochten, zwischen den grünen und den blauen Flächen liegen die weithin gedehnten Kurven der Deiche. Kanäle, von der Seite einfallend wie der schmale Arm der Maas, der nicht tief genug ist, um auch nur den normalen Kähnen der Rheinschiffahrt einen Zutritt ins flandrische und französische Flußnetz zu geben, vergrößern den Strom, andere entziehen ihm das Wasser. Meeresarme, in das Land ausgestreckt, fügen ihn unversehens in das kosmische Gesetz der Flut und der Ebbe, die eigenkräftige Nähe des Meeres entführt ihn seitwärts in verwirrende Inselwelten. Wie durch ein Uhrwerk die Zeit rinnt, so rinnt der wasserreiche Strom durch das gewaltige und sorgsam angepaßte Uhrwerk, das geschaffen ist, das Nasse vom Trocknen auszuschließen. Ihn beherrschen die doppelten und dreifachen Deiche, die Pumpen und die Schleusen. Ein unablässiges Eintauchen der Meßinstrumente, ein ewiges und überlistendes Studium der Bewegungen von Wasser und Schlammerde, ein hartnäckiges Werk des Pfahlbaues und des Deichgrabens vollzieht sich und setzt das Arbeitserbe der Jahrhunderte ständig fort. Am oberen Rhein beschränkt sich der Strombau darauf, die Serpentinen wegzuschneiden, das Krumme zu strecken und zu kürzen; fast zu sehr beeilten sich dort die Ingenieure, den Abfluß des Wassers zu erleichtern. In den Niederlanden schufen die Baumeister seit Jahrhunderten die Molen und die langgezogenen Dämme, die den Hauptstrom erst nach Osten, dann westwärts richteten und ihn aufhalten. Mit der Waffe des Flusses führten die Holländer in der Vergangenheit gegen Römer und spanische Eroberer ihren Kampf. Kanäle wurden gegraben, um den Kriegsflotten bis ins Herz des Landes Zutritt zu geben, die Handelsflotten folgten nach. Ueberschwemmungen glänzten auf wie große Seen, Dörfer und Städte ertranken, aus einer Lache wurde der Lekstrom, dessen Breite ohne Tiefgang vor Rotterdam in den Rhein zurückfließt, und aus dem großen Bett des Stromes, der einmal zur Zuidersee hinfloß, tauchten Grasländer. Von dem Wasser, das durch den Kanal von Pannerden beiseite fließt, um sich in gekrümmten, kleinen und versickernden Rheinen bis an die See zu verlieren, bleibt der Waalstrom übrig. Zwischen flachen Ufern schaukeln gemächlich die rundlich gebauten Boote auf der milchkaffeefarbenen Flut. Die Schleppzüge, deren Kähne groß und aufgetaucht mit asphaltglänzenden, aus Eimern begossenen und mit Schrubbern bearbeiteten Rücken vorübergleiten, begegnen dem grün, weiß und rosa bemalten Raddampfer der Niederländischen Dampfschiffahrt. Durch Wolken schwarzen Rauches flattern Möwenscharen im salzigfeuchten Nordwestwind. Eine blanke Wasserfläche, von rauhen Schäumen überzogen, umgibt dann das von Kanälen und Brücken durchflochtene, von braunen Segeln besuchte Dordrecht. Vor dem breiten und dunklen Kirchturm ragt das Gehölz der Masten; bei den Seedampfern liegen die Flöße des Schwarzwaldes, die auseinandergenommen und auf die Werften, die Bauplätze und Sägemühlen des Landes verteilt werden. Eine Bucht, ein Wasserdurchbruch glänzt zur Schelde hin; die Schiffer auf der Fahrt nach Antwerpen reisen an den Inseln von Seeland vorüber, die Ebbe entblößt die ungeheueren, mit Muschelkolonien bedeckten Schlamm- und Tonbänke der Scheldemündungen, die braunsilbernen Schilfwiesen, die mit Algen bewachsenen Deiche des Archipels. Die steigende Flut hebt das Fahrzeug hoch und zeigt dem Schiffer über die Deiche hinweg die roten Dächer der Inseln, die grünen Weiden, das bunte Vieh, die bis zum Rand gefüllten Kanäle. Vor Dordrecht stellen die englischen Matrosen ihre dunkeln Segel, um über das Aermelmeer zu kreuzen. Regelmäßig nehmen die alten wohlbekannten Lastboote, die ihre Seile vom Ufer in Remagen lösten, die “Maggie” und die “Consul” mit einigen hunderttausend Apollinarisflaschen im plombierten Laderaum diesen Kurs. Die Ingenieure wollen dem alten Dordrecht eine neue kurze und offene Verbindung mit dem Meere geben. Draußen am Rand der Inseln richtet das altberühmte Vlissingen seinen Außenhafen zum Treffpunkt des großen Ozeanverkehrs mit den Schnellzügen des Festlandes, und es bietet dem atlantischen Luftweg nach den Alpen seine Ebene mit dem Flugzeugschuppen zur Landung.

(aus Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)